Freitag, 18. September 2026

Rezension: Martin Sabrow - Gewalt gegen Weimar. Zerreißproben der frühen Republik 1918-1923

 Martin Sabrow - Gewalt gegen Weimar. Zerreißproben der frühen Republik 1918-1923

Die Frühphase der Weimarer Republik war von Gewalt gekennzeichnet. Deutschland schlitterte am Rand des Bürgerkriegs entlang und überschritt die Grenze lokal und temporär immer wieder. In der Wahrnehmung jedenfalls wird sie, wie das Vorwort des Herausgebers Martin Sabrow, "Die Republik der Gewalt", in diesem Sammelband darlegt, als eine gewalttätig-chaotische Epoche gesehen. Wie immer, wenn man genauer hinsieht, ergibt der Tiefenblick aber ein überraschend differenziertes Bild. Dieses wird durch die Autorinnen und Autoren des Bandes in ihren Aufsätzen kaleidoskopartig ausgebreitet.

Das erste Kapitel, Benjamin Ziemanns "Gewalt in der deutschen Revolution 1918–1919", stellt einige grundsätzliche Fragen zur Gewalt in der Frühphase Weimars. Ein entscheidender Punkt für Ziemann ist das verbreitete Narrativ, die Gewalt sei auf die Kriegserfahrungen einer Generation junger Männer zurückzuführen, die zu einer Verrohung und Gewaltbereitschaft geführt hätten. Diese These weist er entschieden zurück, weil zahlreiche Veteranen gerade in die andere Richtung tendiert hätten und nur eine kleine Minderheit an der Gewalt teilnahm. Er sieht hier keinen direkt feststellbaren Zusammenhang.

Das zweite Kapitel von Christian Faludi widmet sich dem wohl auffälligsten Gewaltmoment der Gegenrevolution: "Der Kapp-Lüttwitz-Putsch 1920. Fiasko der monarchistischen Gegenrevolution". Das Scheitern des Putsches setzte einen wichtigen Punkt für die junge Republik, weil der Versuch eines gewaltsamen Sturz des neuen Gemeinwesens scheiterte. Zwar wetterleuchten hier bereits viele künftige Probleme am Horizont, doch konnte die enthemmte Gewalt der Rechtsextremisten ihr Ziel nicht erreichen.

Auch wenn es keine generelle gewaltfördernde Wirkung durch den Weltkrieg gab, so zeigt Sebastian Elsbach im dritten Kapitel, "Die östlichen Grenzkämpfe 1918–1922 (Posen und Oberschlesien)", doch, dass die Abwehrkämpfe gegen die Rote Armee und zunehmend die Bevölkerung der Region auf die dort eingesetzten Freikorps einen prägenden Effekt hatte. Nicht nur war der Kampf gegen die Kommunisten gnadenlos und blutig, zunehmend wurde auch die Zivilbevölkerung in die Kämpfe hineingezogen und in den Augen der Freikorps zu Feinden und auszulöschenden Gegnern.

Diese Erfahrungen führten, wie Marc Bartuschka und Sebastian Elsbach im vierten Kapitel, "Die Baltikumer. Zur Genese eines rechtsradikalen Freikorpsmythos" darlegen, zur Schaffung einer Art Gründungsmythos der Neuen Rechten, deren Vorstellungen von der gewaltsamen Landnahme im Osten durch die Weimarer Republik und ihre (durch Versailles erzwungene) Beendigung des "Freiheitskampfs" im Baltikum enttäuscht wurden und so die Grundlage für die Attraktivität der Blut-und-Boden-Ideologie der Nationalsozialisten legten.

Das fünfte Kapitel von Mike Schmeitzner, "Mit »eiserner Faust« und der »Waffe der Revolution«. Kommunisten im Kampf 1918–1923", befasst sich mit der anderen Seite. Auch die Kommunisten hatten wenig Probleme mit der Anwendung von Gewalt, die in ihrer Ideologie geradezu angelegt war und von der sie sich ähnlich wie ihre rechtsextremen Gegenstücke eine revolutionäre, die alte Ordnung hinwegfegende Wirkung erhoffte. Das komplette Scheitern dieser Strategie in München, Berlin und Ruhr stand der Attraktivität der "reinigenden" Gewalt dabei nicht im Weg. Das sechste Kapitel von Tilmann Siebeneichner, "Bandenführer und Bürgerschreck. Linksradikale Sozialrebellen in den Weimarer Gründungsjahren", skizziert einige Biografien dieser Gewaltunternehmer.

Die politische Gewalt manifestierte sich nach dem gescheiterten Kapp-Putsch weitgehend als politischer Terror. Carola Dietze skizziert im siebten Kapitel, "Politischer Terror. Das Beispiel Hans Paasche", anhand des pazifistischen Weltkriegsveteranen Hans Paasche, wie das demokratische Engagement durch die Gewalt litt: Menschen wie Paasche, die aus der alten Elite stammten und dem neuen Staatswesen konstruktiv gegenüberstanden, wurden Opfer eines Staates, dessen Sicherheitsorgane sich als Soldaten im Kampf gegen genau diese Träger verstanden: Paasche wurde von Polizisten ermordet, deren rechtsextreme Gesinnung die Republik so schwächte.

Solche Akte eher individueller Gewalt wurden von rechtsextremer Seite durch konkrete Verschwörungen flankiert, wie Martin Sabrow im achten Kapitel, "Politische Attentate als gegenrevolutionäre Strategie. Die Organisation Consul und ihr Putschplan", darlegt. Hier war eine rechtsextreme Organisation treibende Kraft, demokratische Politiker gezielt zu ermorden und den Staat so zu destabilisieren. Rathenau und Erzberger waren nur zwei prominente Opfer dieser Verschwörung, deren Existenz von den Sicherheitsbehörden und der Justiz hartnäckig geleugnet wurde, während die Sozialdemokraten versuchten, sie zu beweisen und am Licht der Öffentlichkeit zu halten - was schließlich auch gelang.

Die heute wohl berühmteste Figur jener Tage, Adolf Hitler, und seinen Putsch 1923 sieht Wolfgang Niess im gleichnamigen neunten Kapitel als "Nur die Spitze des Eisbergs". Hitlers Putschversuch beschreibt er als einen Kurzschluss eines wesentlich besser geplanten Putschplans der bayrischen Rechtsextremisten, die durch Hitler zum Handeln gezwungen wurden - allerdings anders, als der spätere Diktator es sich ausgemalt hatte. Bayern nabelte sich durch die Geschehnisse vollständig vom Reich ab und wurde zu einer Keimzelle des Rechtsextremismus, die Hitler auch weiterhin ein Biotop bilden würde; den geplanten Aufstand gegen die Republik aber konnten die Triumvirn aus München dank Hitler nicht mehr ausführen, der so die Republik eher stabilisierte als gefährdete.

Einen wichtigen Kontrapunkt zur Gewaltgeschichte Weimars setzt Martin Plöß im zehnten Kapitel, "Am Anfang war keine Gewalt. Hilfe und Revolution im November 1918". Obwohl vor allem das Bürgertum von den sozialistischen Revolutionären eine Gewaltorgie erwartete, blieb genau diese fast zwei Monate aus. Stattdessen organisierten sich die Räte in der Anfangsphase der Revolution wenngleich chaotisch so doch wohlmeinend. Erst die Eskalation an Weihnachten 1918 um die Volksmarinedivision begann die Gewaltspirale, ein Ereignis, das nicht vorherbestimmt und Folge von fatalen Entscheidungen auf beiden Seiten (wenngleich wesentlich mehr der Regierung und Gustav Noskes) war.

Die Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs auf die Sozialstruktur der Republik wird in den Kapiteln 11 und 12 untersucht: Marcel Jaus befasst sich in "Die Gesichter der Sieger. Die Weimarer Republik und das lange Ende des Ersten Weltkriegs" mit den Folgen der langen Demobilisierung und anhaltenden Kämpfe, während Nadine Rossol in "Soziale Militarisierung und kultureller Bellizismus" die Nachwirkungen auf die Kulturszene betrachtet, wo Kriegs- und Gewaltrhetorik ihren Einzug hielten. Auch die Beliebtheit von Veteranenvereinigungen kommt zur Sprache.

In der Publizistik war die Gewalt rhetorisch. Alexander Gallus zeigt  im 13. Kapitel, "Wenn Werte zu Waffen werden. Karl Helfferich und die Gewalt der Sprache", wie Karl Helfferich mit seinen Hetzschriften demokratischen Politikern zusetzte. Wenn es ein Plädoyer dafür braucht, den Extremisten nicht im Namen der Meinungsfreiheit jegliche verbale Gewalt zu gestatten, dann ist die Darstellung von Helfferichs Wirken sicherlich eines, das man sich zu Herzen nehmen sollte. Niemand vergiftete die Demokratie in jenen Tagen verbal mehr als er.

Allein war Helfferich damit freilich nicht. Silke Fehlemann weitet im 14. Kapitel, "Hassen lernen. Hetze und Beleidigung in der politischen Kultur der Weimarer Republik", den Blick auf die Enthemmung von Sprache und Denken in den frühen Jahren der Republik. Beide Extreme des politischen Spektrums eskalierten schnell die verbale Gewalt. Hetze und Beleidigung wurden zunehmend normalisiert, die Justiz ging viel zu lasch dagegen vor. Auch hier zeigt sich deutlich, dass Hetze und Beleidigung gegen demokratische Amtsträger eben nichts sind, das einfach hingenommen werden kann, weil sie schnell ein Maß erreichen können, das nicht nur die Personen selbst, sondern das ganze demokratische System zerstören.

Gewaltrhetorik beschränkte sich dabei wahrlich nicht auf den politischen Raum. Sandra Maß untersucht im 15. Kapitel rassistische Attacken auf koloniale Besatzungssoldaten. In "Rhetoriken der Gewalt. Rassismus und Geschlecht in der »Schwarze Schmach«-Kampagne 1920–1923" zeigt sie, wie die Franzosen einerseits diese Soldaten aktiv als Beleidigung der Deutschen einsetzten und damit ihre eigenen aufgeklärten Ideale als heuchlerisch entlarvten, während andererseits die Rechten in Deutschland eine völlig unverhältnismäßige Hasskampagne führten, die massiv auf rassistischen Stereotypen von einer angeblichen gefährdeten "deutschen Frau" beruhte, die von unkontrollierten schwarzen Lüstlingen bedroht waren und durch echte deutsche Männer gewaltsam zu beschützen waren, was gleichzeitig eine traditionelle Geschlechterordnung reproduzierte.

Wenngleich "Im Westen nichts Neues" das bekannteste Kriegsbuch der Weimarer Zeit war, so zeigt Helmuth Kiesel im 16. Kapitel, "Kriegsgewalt in der Literatur der Weimarer Republik", dass es eine wahre Flut an Kriegsliteratur von literarisch eher von zweifelhaftem Wert gab, in der Stereotype der Heroisierung von Gewalt reproduziert wurden.

Der Band schließt mit einer Art Janusköpfigkeit der Epoche wie des Bandes. Andreas Braune hebt im 17. Kapitel, "Die prekäre Sicherung und Demokratisierung des staatlichen Gewaltmonopols", die positiven Entwicklungen jener Zeit hervor: schließlich versank Deutschland nicht, wie man hätte annehmen können und wie es von vielen Zeitgenoss*innen erwartet worden war, in einem Strudel der Gewalt, und auch die Putschversuche der Rechten scheiterten letztendlich (die der Linken, chancenlos von Beginn an, ohnehin). Dem Staat gelang es, sich das Gewaltmonopol zurückzuholen, und in Preußen schufen die Sozialdemokraten sogar eine demokratische Polizei. Zwar blieben diese Erfolge prekär; Erfolge blieben es dennoch, auf denen aufzubauen gewesen wäre.

Den Abschluss bildet Andreas Wirsching im 18. Kapitel, "Die Last der Weimarer Gewaltgeschichte". Schließlich blieb all das nicht folgenlos. Die Demokratie Weimars schleppte die Gewalterfahrungen ihrer Gründerjahre lange Zeit mit sich. Auch wenn es müßig ist, ihren Anteil an ihrem schlussendlichen Untergang genau bestimmen zu wollen, so kann man ihnen doch sicher einen Effekt zubilligen.

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Ich habe den Sammelband mit großem Genuss gelesen. Die einzelnen Aufsätze sind lesbar geschrieben und von überschaubarer Länge, genauso wie das Buch selbst, doch ist das nur ein Seitenaspekt: viel wichtiger ist für mich die Bandbreite der Gesichtspunkte, die die Gewalterfahrungen in Weimar zu einem differenzierten Bild verdichten, das das Verständnis der Epoche wesentlich befeuert. Ich spreche deswegen eine unbedingte Kauf- und Leseempfehlung aus.

Unangenehmer ist die aktuelle Relevanz vieler der in den Aufsätzen verhandelten Themen. Dies gilt glücklicherweise noch nicht für die Frage des staatlichen Gewaltmonopols: sowohl Polizei als auch Armee in Deutschland sind, ungeachtet aller rechten Sympathien, klar demokratische Institutionen. Ein Putsch steht genauso wenig aus wie dass politischer Terror relevante Dimensionen annehmen würde. Viel präsenter sollte uns die verbale Rhetorik sein: in den letzten Jahren ist der Diskurs stärker von Hetze und Beleidigung geprägt als je zuvor, und die in Kapitel 13 und 14 dargelegten Dynamiken sollten uns allen eine Warnung sein.

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