Mittwoch, 6. Juli 2022

Rezension: Art Spiegelman - Maus

 

Rezension: Art Spiegelman - Maus

Es ist nicht das erste Mal, das ich "Maus" lese, und auch nicht das zweite. Aber ich habe mich zu dem Graphic Novel hingezogen gefühlt, nachdem ich in Krakau im "Galicia Jewish Museum" die dortige Ausstellung "Sweet Home Sweet" gesehen habe. Diese befasste sich mit der Geschichte eines Holocaust-Überlebenden, aber mit dem ungewöhnlichen Zugang, seine Nachkommen in Oral History zu Wort kommen zu lassen. Was mir dabei besonders auffiel war das intergenerationelle Trauma, das in all den Zeugnissen zum Ausdruck kam. Der Holocaust hatte seine Spuren auch noch in der zweiten und dritten Generation hinterlassen, etwa wenn die Kinder nicht verstehen konnten, wie egal ihrem Vater ihre Probleme oftmals waren, weil sie neben der Vernichtung des Rests der Familie in den Gaskammern nie Signifikanz erzielen konnten. Neben der Haupthandlung des Überlebens in Auschwitz, die bisher bei "Maus" mein Hauptaugenmerk eingenommen hatte, thematisiert die Geschichte ja aber auch genau dieses intergenerationelle Trauma, das der nach dem Krieg geborene Art Spiegelman von seinem Vater Vladek indirekt mitbekam. Unter dem Eindruck des Jüdischen Museums, des Schindler-Museums und natürlich der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau selbst, die ich vergangene Woche mit Schüler*innen besucht habe, fühlte ich mich stark zu einer neuen Lektüre des Graphic Novel hingezogen.

Dienstag, 5. Juli 2022

Rezension: Alexander Thiele - Der konstituierte Staat: Eine Verfassungsgeschichte der Neuzeit

 

Alexander Thiele - Der konstituierte Staat: Eine Verfassungsgeschichte der Neuzeit

Eines der positiven Produkte der Corona-Pandemie war eine Flut von Podcasts, die von Leuten gemacht wurden, die viel zu sagen hatten, aber bis dato das Medium nicht für sich entdeckt hatten. Eine dieser Personen war Alexander Thiele, Verfassungshistoriker an der Universität Göttingen, der angesichts des Lockdowns für seine Studierenden und das interessierte Publikum einen Podcast zur Verfassungsgeschichte der Neuzeit produzierte. Dieser war - völlig zu Recht - sehr erfolgreich, und Thiele tat das, was Wissenschaftler*innen in solchen Fällen immer zu tun pflegen: er machte ein Buch daraus, indem er seine (ohnehin schon druckreifen) Skripte überarbeitete und um einen Fußnotenapparat ergänzte. Das Ergebnis ist ein sehr lesbares Buch zu einem (zumindest aus meiner nerdigen Perspektive) sehr spannenden Thema, das unbedingt empfehlenswert ist.

Mittwoch, 8. Juni 2022

Rezension: Brendan Simms/Charlie Laderman - Hitler's American Gamble: Pearl Harbor and Germany’s March to Global War

 

Brendan Simms/Charlie Laderman - Hitler's American Gamble: Pearl Harbor and Germany’s March to Global War (Hörbuch)

Wenn man sich mit der Geschichte des Dritten Reichs beschäftigt, bleibt eine Entscheidung Hitlers die unerklärbarste. Es ist nicht der Holocaust; der erklärt sich problemlos aus seiner Ideologie einerseits und der institutionellen Logik der Behörden und der Dynamik der Krieges. Nicht einmal der Überfall auf die Sowjetunion 1941, der eine solche Eskalation und seismische Veränderung der Geopolitik hervorbringen würde, qualifiziert sich. Nein, erklärungsbedürftig ist die deutsche Kriegserklärung an die USA fünf Tage nach dem japanischen Überfall auf Pearl Harbor im Dezember 1941, als der deutsche Angriff vor Moskau im Schnee stecken blieb. Was hat Hitler geritten, dem mächtigsten Staat der Welt den Krieg zu erklären? War er einfach nur verrückt? Befriedigende Erklärungen sind schwer zu finden, aber es ist besser anzunehmen, dass eine Rationalität dahintersteckte. Brendan Simms und Charlie Laderman versuchen im vorliegenden Buch, mittels einer minutiösen Rekonstruktion der fünf Tage zwischen Pearl Harbor und der Kriegserklärung eben diese offenzulegen.

Freitag, 3. Juni 2022

Eine Einordnung des Ukrainekriegs – Vortrag von Prof. Klaus Gestwa (Teil 2: Fragen)

 


Die folgenden Fragen kamen von den Zuhörenden und sind, genauso wie Gestwas Antworten, paraphrasiert. Es handelt sich also nicht um wörtliche Mitschriebe, sondern sinngemäße Notizen dessen, was gesagt wurde. Deswegen ist die Reihenfolge mitunter nicht so kohärent wie im eigentlichen Vortrag. Ich habe auf ein Lektorat verzichtet, um die Integrität nicht zu zerstören.

Eine Einordnung des Ukrainekriegs – Vortrag von Prof. Klaus Gestwa (Teil 1: Vortrag)

 

Im Rahmen einer Fortbildung des Fachtags Geschichte-Gemeinschaftskunde, die am 02.06.2022 in Waiblingen stattfand, hielt der Tübinger Osteuropa-Zeithistoriker einen Vortrag zur Einordnung des Ukrainekrieges. Dieser sowie die folgenden Fragen sollen im Folgenden dokumentiert werden.

Mittwoch, 1. Juni 2022

Rezension: Thomas Brechenmacher - Im Sog der Säkularisierung

 

Thomas Brechenmacher - Im Sog der Säkularisierung

Als 1949 zwei deutsche Staaten auf den Trümmern der Kriegsniederlage gegründet wurden, standen auch die beiden christlichen Kirchen vor einem Scherbenhaufen. Die neue Staatsgrenze lief mitten durch Bistumsgrenzen und 12 Jahre nationalsozialistischer Diktatur hatten die Bevölkerung entfremdet und die Kirche moralisch kompromittiert. Im östlichen Teil des Landes trat zudem eine dezidiert atheistische, totalitäre Regierung mit dem expliziten Wunsch an, die Kirchen wenn nicht zu zerstören, so doch zu marginalisieren. Auf der anderen Seite schien gerade für die katholische Kirche mit dem Amtsantritt des Christdemokraten Adenauer eine goldene Zeit kirchlichen Einflusses in die Politik zumindest im westlichen Landesteil anzubrechen. Bald aber zeigte sich, dass der Trend zur Säkularisierung, in dessen Sog die Kirchen gerieten, in beiden Landesteilen nicht aufzuhalten war. Diesen Trend zeichnet Thomas Brechenmacher im vorliegenden Buch nach.

Seine Betrachtung beginnt mit der Niederlage 1945. Für die Kirchen stand diese Zeit ganz unter der Fragestellung "Restauration oder Neuanfang": sollte versucht werden, den Status vor der Diktatur wiederherzustellen und damit eine möglichst vom Staat unbeeinflusste Kirchenstruktur zu bekommen, die sich um die Staatsform wenig scherte, oder sich als eine demokratisch Kirche neu zu verfassen. Bekanntlich hatten sich beide Kirchen mit der Demokratie bislang schwergetan; das Beste, wozu sie sich hatten durchringen können, war eine neutrale Äquidistanz gewesen.

Auch die Schuldfrage stand auf dem Tablett. Zwar äußerten sich sowohl die evangelische als auch die katholische Kirche recht schnell selbstkritisch, blieben aber weit hinter dem zurück, was wünschenswert gewesen wäre. Vor allem erklärte man, nicht hart genug gebetet zu haben - also quasi den Verlockungen des Materialismus erlegen zu sein -, die eigene Rolle in der Diktatur reflektierte man aber kaum. Dies sollte erst später folgen.

Die deutsche Teilung stellte die Kirchen auch vor eine Herausforderung, weil ihre Organisationsstrukturen aufgespalten wurden. Bei den Protestanten, die sich schon immer an Landesgrenzen ausgerichtet hatten, führte dies zu weniger inhärenten Konflikten als bei den Katholiken, deren Bistumsgrenzen nun mitten durch die Zonengrenze verliefen. Bis zum Fall der Mauer (ironischerweise aber direkt danach) reformierte die Kirche diese Grenzen nicht, sondern weigerte sich, die Spaltung für sich anzuerkennen, egal wie real sie im Alltag auch war.

Der nächte Themenbereich ist die Integration der Kirche ins jeweilige Staatswesen. Im Geltungsbereich des Grundgesetzes hatten die Kirchen die luxuriöse Situation, dass sie beziehungsweise ihr Glaube die legitimatorische Grundlage des Staates darstellten, der sich explizit als christlich konstitutierte. Brechenmacher weist  aber darauf hin, dass diese christliche Basis ist bei weitem nicht so stark war, wie dies gerade die Unionsparteien gerne betonen. Die Hoffnungen der Kirchen auf eine stärkere Klerikalisierung des Staates zerschlugen sich bald; auch der bundesdeutsche Staat war vergleichsweise säkular und würde dies im Folgenden noch viel mehr werden. Immerhin gelang es den Kirchen, sich mit der Kirchensteuer und den weitgehenden Privilegien im Schulsystem - vor allem der Verankerung des Religionsunterrichts in den Landesverfassungen und der Garantie für freie Bekenntnisschulen - einige Nischen zu sichern. Wesentlich prekärer war die Lage der Kirchen in der DDR: zwar war die grundsätzliche Religionsausübung gewährleistet, aber von ihnen wurde eine klare Unterordnung unter den sozialistischen Staat erwartet. Die späteren DDR-Verfassungen waren demgegebüber wesentlich harscher und drängten die Kirchen mehr und mehr aus dem öffentlichen Leben heraus.

Im folgenden Segment, das sich mit Schule und Jugend beschäftigt, geht Brechenmacher stärker auf die Rolle der der Bekenntnisschulen ein, mit denen vor allem die katholische Kirche ihren Einfluss auf die Jugend zu wahren hofften und die Verankerung des Religionsunterrichts, der massiv dazu beitrug, wenigstens die formellen Konfessionszahlen hochzuhalten. Beides allerdings half dabei, die Säkularisierung aufzuhalten. Die DDR dagegen schuf den Kirchen, vor allem der protestantischen, mit der Jugendweihe massive Konkurrenz. Durch die Diskriminierung der Jugendlichen, die die Jugendweihe nicht wahrnahmen, und der Unvereinbarkeit mit der Konfirmation sorgte dies für einen massiven Rückgang der konfessionell gebundenen Jugendlichen, was mit der Zeit dazu führte, dass zwei konfessionell effektiv atheistische Konfessionen heranwuchsen.

Das Verhältnis zwischen Kirche und Staat beschäftigt Brechenmacher ebenfalls. In beiden Konfessionen und beiden Landesteilen galt, dass die Kirchen sich sehr für die deutsche Einheit einsetzten, vor allem die Protestanten. Der Protestantismus als Staatsreligion des (preußischen) Nationalstaats konnte nie von der Einheitsidee lassen. In der BRD war die Abendland-Idee besonders stark; man fühlte sich als Frontstaat gegen den Kommunismus und fand so problemlos Anschluss an den neuen Staat. Das wurde durch die nun erfolgende Integration in die Demokratie und die Aufgabe der vorherigen Äquidistanz erleichtert, die beide Kirchen entschieden in den demokratischen Konsens integrierte. In der DDR dagegen waren die Kirchen zu einem schwierigen Lavieren zwischen Unterwürfigkeit und Selbstbehauptung gezwungen. Um überhaupt bestehen zu können war eine weitgehende Kollaboration mit dem Regime notwendig, was einen sehr schwierigen Tanz darstellte. Sehr zum Unwillen der Christdemokraten entspannte sich das Verhältnis zum Ostblock mit dem Amtsantritt Johannes XIII. sehr. Für die Zeit nach der Wende konstituierte dies gleich noch eine Schulddebatte, der sich die Kirchen aber bis heute weitgehend entziehen.

Mindestens so schwierig wie das Verhältnis zum (geteilten) Staat war für die Kirchen das Thema gesellschaftlicher Wandel. In beiden deutschen Staaten taten sie sich schwer damit, die Modernisierung konstruktiv zu begleiten und relevant zu bleiben. Sie spürten ihren schleichenden Bedeutungsverlust, waren aber nicht in der Lage, etwa Harvey Cox und seiner These der "secular city" zu folgen, nach der die Kirchen ihren Frieden mit dieser Säkularisierung machen mussten. Zwar gab es eine innerkirchliche Modernisierung, aber diese betraf vor allem interne Organisationsstrukturen (es spricht nicht eben für die Kirchen, dass ihre Strukturen derart verkrustet waren, dass selbst diese harmlosen Schritte massiv umkämpft waren). Der offensichtlichste Wandel kam bei der Einstellung zum Judentum: anstatt es weiterhin als Feind zu betrachten, erfolgte hier eine nachhaltige Aussöhnung.

Wesentlich stärkere Autorität konnten die Kirchen, vor allem die protestantische, auf dem Feld von Krieg und Frieden entfalten: Beide Kirchen waren stark in die Friedensbewegungen eingebunden. Besonders die evangelische Kirche engagierte sich in den 1950er Jahren stark gegen die Wiederbewaffnung und war später bei der Friedensbewegung der 1980er Jahre vorne dabei. Dies war in der DDR problematischer als im Westen, weil das SED-Regime dieses Friedensengagement gegen alle Staaten (nicht nur das imperialistische Ausland) als staatskritisch wahrnahm. Das berühmte Logo "Schwerter zu Pflugscharen" etwa wurde nur von einem einzigen Bischof getragen, und er verstand das dezidiert als Widerstandssymbol. Die restlichen Kirchenautoritäten versuchten stets, den SED-Sensibilitäten entgegenzukommen.

Die Kirchen im Osten hätten jedoch ohne Transfers und Kontakte aus dem Westen nicht bestehen können. Die westlichen Kirchen finanzierten auf diskrete Art ihre östlichen Pendnants. Priester gingen Patenschaften mit ihren Kollegen im Osten ein und sandten ihnen Teile ihrer Bezüge oder Sachgeschenke, während die Kirchen selbst Subventionen zahlten. Dies half dabei, die Kirchenstrukturen über die gesamte Teilungszeit gesamtdeutsch zu halten und nach der Wende recht problemlos wieder zu fusionieren.

Das letzte Thema ist dann die deutsche Einheit. Entgegen der landläufigen Narrative lief diese nach Brechenmacher weitgehend ohne die Kirchen ab; die Rolle der protestantischen Kirche sieht er als überschätzt. Das macht Sinn, denn die Funktion als Konzentrationspunkt des Widerstands hatten die Kirchen ja gerade bewusst NICHT eingenommen, um im SED-Regime überlebensfähig zu sein. Sie konnten diesen daher auch in den kurzen Monaten 1989 nicht plötzlich übernehmen. Zwar begrüßten sie die Einheit und boten teilweise einen Schutzraum, aber sie waren keine treibenden Kräfte. Ein ironisches Informationsnugget war für mich, dass die Einheit für einen weiteren massiven Rückgang der Konfessionalisierten sorgte, weil in der DDR nun die Kirchensteuer durch den Staat eingetrieben wurde und nicht mehr freiwillig war, weswegen eine wahre Austrittswelle in den neuen Bundesländern erfolgte.

Zum Abschluss gibt Brechenmacher einen kurzen Ausblick auf die Zukunft. Er hat wenig Hoffnung auf einen neuen Bedeutungsgewinn der Kirchen und eine Umkehr der Säkularisierung. Zwar versucht er einige Lichtblicke für die Kirchen zu finden, aber das Rückzugsgefecht, das diese "im Sog der Säkularisierung" seit 1945 führen macht keine Anstalten, sich in eine neue Offensive zu verwandeln.

Montag, 30. Mai 2022

Rezension: Stephen Wertheim - Tomorrow, the world. The birth of US supremacy

 

Stephen Wertheim - Tomorrow, the world. The birth of US supremacy

Seit der sakralisierten Warnung George Washingtons am Ende seiner Amtszeit, Amerika solle sich aus "entangling alliances" und Europa heraushalten, betrieb das Land eine isolationistische Außenpolitik. Am Ersten Weltkrieg nahm es gezwungenermaßen teil, und als die Vision des Völkerbunds scheiterte, zog sich die Nation auf sich selbst zurück. Erst der Angriff von Pearl Harbor zwang die USA in den Zweiten Weltkrieg und legte den Grundstein für die folgende Dominanz als Supermacht. Dieses Narrativ ist hinreichend bekannt - und falsch, wenn man Stephen Wertheim Glauben schenken darf. Er argumentiert in "Tomorrow, the world" viel mehr, dass die USA Anfang der 1940er Jahre auf einem bewussten Kurs waren, die Weltherrschaft anzustreben. Das klingt nach einem Buch, das im Compact-Magazin empfohlen wird, aber dieser Eindruck täuscht. Wertheim zeichnet keine Verschwörungstheorie auf; vielmehr zeichnet er nach, wie sich die strategischen Debatten in den USA in diesen entscheidenden Monaten änderten und auf welchen Prämissen sie basierten. Das Resultat ist sehr erhellend.