Samstag, 23. März 2013

Filmbesprechung: Unsere Mütter, unsere Väter, Teil 1/2

Von Stefan Sasse

Es ist das Fernsehereignis des Jahres, wenn man der Eigenwerbung von ZDF glauben darf: der monumentale Dreiteiler "Unsere Mütter, Unsere Väter", 14 Millionen Euro schwer und ein Triumph des gebührenfinanzierten Fernsehens. Für deutsche Verhältnisse ist die Miniserie tatsächlich monumental, und für deutsche Verhältnisse ist sie sehr gut gelungen. So sehr einige Exponenten der Öffentlichkeit die Serie in den Himmel loben - etwa Frank Schirrmacher, der in ihr gar die letzte Gelegenheit für einen generationenübergreifenden Dialog erblickt, oder Christian Buß, der ins selbe vom ZDF bereitwillig hingehaltene Horn stößt - so sehr kritisieren andere, ob in taz, beim Kölner Stadtanzeiger oder im Cargo-Blog, für seine überzeichneten Klischees und die völlig anachronistischen Hauptfiguren, die von ihrer Mentalität her so gar nicht nach 1941 passen wollen. Um den Film aber bewerten zu können, muss ich eigentlich in zwei Rollen schlüpfen: die des Historikers, der versucht, die historische Faktentreue und Intepretation einzuordnen, und die des Filmkritikers, der die Serie aufgrund ihrer dramaturgischen Kriterien durchleuchtet. Denn eines wird beim Ansehen bewusst: das Projekt ist ambitioniert, wesentlich ambitionierter, als man es vom deutschen Geschichtsfernsehen gewohnt ist (siehe dazu auch mein Beitrag "Zum Elend des deutschen Geschichtsfernsehens"), und muss fast zwangsläufig an äußerst widerstreitenden Erwartungen und Zielrichtungen scheitern. Aber ein Ereignis ist es, eines, das man gesehen haben muss und das eine Zeitenwende im deutschen Geschichtsfernsehen einläuten könnte. Warum, wird im Folgenden zu zeigen sein. Bevor ich beginne, nur eine kurze Spoiler-Warnung: wer den Film noch nicht gesehen hat, sollte das nun nachholen, denn ich werde Details aus der Geschichte verraten. Er ist etwa bei Amazon auf DVD und Blueray erhältlich. 

Sezieren wir zu Beginn erst einmal, welches Ziel sich der Film eigentlich setzt, der ähnlich wie "Das Boot" ein Gesamt-Oevre ist und nur aus Gründen der Sendezeit-Ökonomie in drei Teile gespalten wurde. Zum Einen hat er ein klares pädagogisches Ziel, das das ZDF in seiner Werbung auch besonders hervorstreicht. Er soll Generationen ins Gespräch bringen, soll zeigen, wie es damals war und gleichzeitig Fragen stellen. Zum anderen ist es ein historisches Werk, das einen Authenzitätsanspruch aufstellt und diesen mit aufwändigen Produktionswerten und penibler Recherche unterstreicht. Und zum dritten soll es auch dramaturgisch überzeugen; beständig wird der Vergleich zu HBOs "Band of Brothers" (erhältlich als DVD oder Blueray) bemüht, einer amerikanischen Miniserie zum Schicksal einer Fallschirmjägereinheit im Zweiten Weltkrieg, die zehn Folgen hat und als absoluter Klassenprimus gilt. Dummerweise lassen sich von diesen Zielen nur zwei gleichzeitig erreichen, obwohl alle drei angestrebt werden, und die Sequenzen, in denen dieser Widerspruch offensichtlich wird, gehören zu den schwächsten des Films. Aber beginnen wir bei der historischen Authenzität. 

Die fünf Freunde feiern, Frühsommer 1941
Es ist beeindruckend, dass die Filmemacher endlich eine wichtige Lektion bei der Umsetzung historischer Stoffe begriffen haben: penible Faktentreue ist kein Wert an sich. Über dieses Problem sind Großproduktionen wie "Der Untergang" gestolpert und gescheitert. Stattdessen gibt der Film uns fünf fiktive Charaktere, Freunde allesamt und keine überzeugten Nazis, die in den Krieg hineingezogen werden, der - ein beherrschendes Motiv des Films - das schlechteste im Menschen hervorbringt. Das erlaubt eine gewisse Freiheit im Handeln der Figuren, anstatt ihnen schwerfällige verschriftlichte Worte in den Mund zu legen (die aber historisch verbürgt sind).

Auch fällt eine weise Selbstbegrenzung der Autoren auf (die ihnen von den Kritikern überwiegend negativ ausgelegt wird, aber dazu gleich mehr): die Geschichte spannt über die Jahre 1941-1945 und spielt sich praktisch ausschließlich an der Ostfront ab. Diese Entscheidung ist mehr als klug, denn die Ostfront ist für das kollektive Gedächtnis des Zweiten Weltkriegs prägend und für Deutschland wesentlich wichtiger gewesen als die Westfront, die wir in den amerikanischen Produktionen sehen. Bereits dieses grundsätzliche Setting wird massiv kritisiert, weil es sowohl die Sozialisation der früheren Hitler-Jahre sowie die ersten beiden Kriegsjahre ausspart, was es wirken lässt, als sei der Krieg eine von außen aufgezwungene Katastrophe, die die Protagonisten in sich hineinziehe. Hier ist klar der volkspädagogische Aspekt am Wirken: so was darf man nicht zeigen! Es ist eine Variation der irren Diskussion anlässlich "Der Untergang" 2004, ob man denn Hitler als Menschen zeigen dürfe. Heilige Einfalt! Der Kern ist, dass der Krieg für die Menschen dieser Generation als eine von außen hereindräuende Katastrophe kam. Sie konnten nichts dagegen tun, sofern sie nicht den Mut zum individuellen Widerstand hatten (der überwiegend tödlich war), und den haben die Protagonisten klar nicht. Stattdessen sind die Frauen eher positiv gestimmt, einer pflichtbewusst, nur einer negativ (und eher aus persönlichen Gründen, weil er klarer als die anderen sieht, was Krieg eigentlich ist), und einer wäre gerne positiv gestimmt, darf es aber nicht sein (weil er Jude ist). Die Vorstellung, dass der Zuschauer hier die Moralkeule übergezogen braucht, die ihm noch einmal sagt, dass die Nazis böse waren und den Krieg angefangen haben, ist so typisch deutsch dass es wehtut. Man darf mittlerweile erwarten, und vom Publikum dieses Films sowieso, dass so grundlegende Fakten bekannt sind. Es ist nicht nötig, ständig die didaktische Keule übers Haupt des Publikums zu schwingen, dem ohnehin viel zu wenig eigene Denkleistung abverlangt wird - aber auch dazu später mehr.

Tom Schilling als Friedhelm Winter
Der Krieg im Osten beginnt mit dem schnellen Vormarsch Richtung Moskau ("es ist eine Lust, vorzustoßen") und findet eine erste Ernüchterung durch den Tod erster Kameraden im Feuergefecht und die Notwendigkeit, den Kommissarbefehl auszuführen. Leutnant Wilhelm Winter, der pflichterfüllte Berufssoldat, wird über die mögliche Sauberkeit des Krieges ernüchtert und muss sein schmerzendes Gewissen bekämpfen, während sein pazifistischer Bruder Friedhelm versucht, sich durch Dienst nach Vorschrift so weit als möglich zu entziehen. Beide Versuche, dem Grauen beizukommen - ob durch Rückzug auf den Befehlsnotstand oder die möglichst hohe Nichtbeteiligung - sind zum Scheitern verurteilt, was in der späteren Desertion Wilhelms und der zunehmenden Verrohung Friedhelms ihren Ausdruck findet: Eiskalt pragmatisch passt er sich jeder Situation an, entgeht immer wieder dem Tod, weil das Leben ihm nichts mehr bedeutet (Sophie Albers)

Die vielfach geäußerte Kritik an dem Ensemble, das keinen einzigen überzeugten Nazi enthält, läuft vor diesem Hintergrund ins Leere. Zum Einen zeigt sie eine merkwürdige Vorliebe für Schwarzweiß-Zeichnung: als ob ausnahmslos alle Deutschen der Alterskohorte der frühen 1920er Jahre von der Nazi-Sozialisation restlos überzeugt gewesen wären! Und wie sollte ein echter Nazi in diesen Freundeskreis kommen, wo man Swing tanzt und pazifistische Gedichte schreibt? Dramaturgisch wäre dies nicht zu vermitteln, und es kann überhaupt nur einmal mehr mit der didaktischen Keule begründet werden, die einzusetzen es so viele in den Fingern juckt. Dabei ist doch gerade das Leitmotiv des Films, dass der Krieg nur das schlechteste im Menschen hervorbringe, mit diesen Charakteren, die ihm eher distanziert gegenüber stehen, so viel wirkmächtiger! Wie viel besser funktioniert doch "Im Westen nichts Neues" mit Paul Bäumer als mit Ernst Jünger!

Viktor Goldstein und der Anführer der polnischen Partisanen
Berechtigte Kritik hingegen müssen sich die Filmemacher für ihre Figur des Viktor Goldstein gefallen lassen, des Juden im Freundeskreis, mit der schillernden Greta zusammen, die so gerne ein Star wäre. Seine offene Existenz im Jahr 1941 ist tatsächlich sehr unwahrscheinlich, und es drängt sich der Verdacht auf, dass er vor allem eingefügt wurde, um eventuelle Kritik an der Täterperspektive abzublocken, indem man auch ein Opfer mit einführt. Das Ergebnis ist allerdings ambivalent. Da Goldstein keine realistischen Berührungspunkte mit den anderen Charakteren mehr hat, ist sein Handlungsstrang von den anderen abgetrennt. Er flüchtet aus dem Zug nach Auschwitz, schließt sich notgedrungen polnischen Partisanen an, die genauso antisemitisch sind wie die Deutschen, und flüchtet schließlich zurück nach Deutschland. Obwohl unzweifelhaft hochspannend scheint seine Geschichte etwas losgelöst vom Rest, nicht nur örtlich, sondern auch in der Tonart. Hier vergreifen sich die Filmemacher auch am häufigsten im Ton, etwa wenn der Partisanenführer mitten im Gespräch wie vom Erdboden verschwindet, als ob er Batman wäre. Viktors Odyssee fühlt sich bisweilen wie eine jüdische Variante von "So weit die Füße tragen" an. 

Gleichzeitig aber muss man den Filmemachern Lob dafür aussprechen, wie die Geschichte um die polnischen Partisanen uns einen doppelten Blick auf die Einsatzgruppen-Verbrechen hinter der Front in der Partisanenbekämpfung öffnet. Massenexekutionen zur "Vergeltung" von Partisanenangriffen und deren folgende Zweifel an ihrem eigenen Tun, der viel zitierte radikale Antisemitismus der Partisanen, die die Juden im Zug ins KZ eingesperrt lassen damit sie krepieren und die Beteiligung der Wehrmacht an all diesen Verbrechen (personifiziert ausgerechnet vom ehemaligen Feingeist und Pazifisten Friedhelm, der jetzt ohne mit der Wimper zu zucken unschuldige Bauern hinrichtet) - solche Szenen wurden noch nie gezeigt. Wilhelm Winter exekutiert einen Politkommissar (unwillig, aber er tut es), Friedhelm schickt Bauern ins Minenfeld, um die eigenen Leute zu schützen - niemand kann sich dem Grauen entziehen, ob er es will oder nicht. 

Friedhelms Einheit richtet "Partisanen" hin
Warum so viele Kritiker dies nicht erkennen wollen und darin ein Reinwaschen der deutschen Schuld erkennen wollen, erschließt sich mir nicht. Die Darstellung der mordenden Soldaten als entfesselte stramm nationalsozialistische Soldateska wäre eine reine Karikatur. Stattdessen nehmen Menschen an diesen Verbrechen teil und führen sie aus, die dem Regime bestenfalls neutral gegenüberstanden. Diese Botschaft ist um ein Vielfaches wirkmächtiger als die teils zu Abziehbilder degenerierten strammen Nazis aus "Der Untergang", die gemeinsam mit Hitler an den Endsieg glauben. Als Greta sich endlich traut, den versammelten Soldaten ins Gesicht zu sagen, dass "der Endsieg leider ausfällt", ist auf deren Gesichtern der Schock einer Erkenntnis zu sehen, der sie sich lange verschlossen haben. Szenen wie diese, und strukturelle Anlagen wie diese, heben "Unsere Mütter, unsere Väter" weit über den bisherigen Nazi-Kitsch hinweg, den dieselben Kritiker wohl sogar vorziehen würden. Guido-Knopp-Betroffenheitsrhetorik scheint immer noch so vorzuherrschen, dass man die echte, viel tiefgreifendere Kritik nicht einmal mehr erkennt, wenn man direkt vor ihr steht, sie vielleicht nicht einmal erkennen will. 

Weiter geht's im zweiten Teil.

Kommentare:

  1. "Ich werde Details aus der Geschichte verraten" - für dich also eine Art Krimi, bei dem die Spannung das Wesentliche ist und die realistische Darstellung von Grausamkeiten?

    Ich verweigere mich dem Film. Um zu verstehen, was Krieg heißt, reichen mir die mündlichen Berichte und die Schwarz-Weiß-Fotos der Wehrmachts-Ausstellung - und die empörten ehemaligen Soldaten, die von allem nichts gewusst haben wollen.

    Interessant wird sein, ob Schirrmachers Erwartungen eintreffen.

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    1. Ich habe nichts dagegen, beim Fernsehen unterhalten zu werden. Und wenn ich von Anfang an weiß, was passiert, geht Spannung flöten. Was soll denn das für eine Frage sein?

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  2. Der Film ist gegen das Vergessen, was unseren Großeltern wiederfahren ist, gegen das Vergessen, was der Krieg aus den Menschen gemacht hat und gegen das Vergessen, warum es zu diesem Krieg kam. Der Film ist einer der Wenigen, der den Krieg so zeigt wie er wirklich stattgefunden hat. Er regt auch zum Nachdenken an und lässt Fragen aufkommen, wie: Was hätte ich an dieser Stelle gemacht? Was hätte der Krieg aus mir gemacht? Oder: Wozu war der Krieg überhaupt notwendig?
    Als Fazit meiner eigenen Gedankengänge bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass der Krieg nichts außer Leichen und Trümmerfelder hinterlassen hat und dies sollte niemals vergessen werden.

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