Mittwoch, 22. Mai 2013

Irische Geschichte, Teil 2: Die irische Frage

Von Stefan Sasse

Teil 1 findet sich hier. In ihm wurde beschrieben, wie Irland seit der Personalunion mit der englischen Krone eine wechselhafte Beziehung mit England unterhielt und vor allem durch seine inneren Konflikte gespalten war, die entlang der Konfessionsgrenzen und Besitzverhältnisse verliefen.

Opfer der Great Famine
Die irische Wirtschaft war größtenteils eine agrarische Subsistenzwirtschaft. Da das irische Erbrecht keine Primogenitur kannte, wurde das Land unter allen Söhnen aufgeteilt, was mit der Zeit zu immer kleineren Parzellen führte, die von den Familien bewirtschaftet wurden. Die Möglichkeiten des Anbaus auf solch kleinen Gebieten waren beschränkt, da die wenigsten Feldfrüchte ein gutes Verhältnis von Nährwert zu Anbaufläche besaßen. Für die meisten Bauern bestand die einzige Wahl daher darin, Kartoffeln anzubauen. Man kann sich die einseitige Ernährung der irischen Bevölkerung nur zu gut vorstellen. Zu diesen erbrechtlichen Problemen kam, dass die meisten dieser Parzellen von den (nominell freien) Bauern gepachtet waren, deren Pächter, der Adel, die Güter aber sehr schlecht bewirtschaftete und daher immer häufiger verkaufen musste. Die Käufer, die im 19. Jahrhundert neu aufstrebende bürgerliche Elite, legten die Güter zusammen und nutzten sie zur Viehzucht. Das schränkte den zum Anbau verfügbaren Boden noch weiter ein.

Als 1845 eine Epidemie der Kartoffelfäule ausbrach, war dies in Europa kein einzigartiges Phänomen; die Parasiten befielen auf dem ganzen Kontinent die Kartoffelernten. Die europaweit jedoch einzigartige Monokultur in Irland und die geringe Größe der Parzellen sorgte für einen verheerenden Effekt: tausende von Familien verloren über Nacht jegliche Lebensgrundlage, als ihre einzige mögliche Ernte auf dem Feld verschimmelte. Bis zu diesem Zeitpunkt hätte die Krise noch eingedämmt werden können, denn Irland produzierte noch immer mehr Lebensmittel als es verbrauchte und exportierte diese nach Großbritannien. Wenn die Regierung eingeschritten wäre und eine effektive Verteilung gewährleistet hätte, wäre die Hungersnot niemals ausgebrochen. Doch war gerade 1846 eine neue Regierung der Whig-Partei an die Macht gekommen, deren Ideologie die eines völlig unregulierten Laissez-Faire-Kapitalismus war (ein anderes Produkt des Aufstiegs des Bürgertums im 19. Jahrhundert), dem die Whigs die beste Wirkungsmacht gegenüber allen Verteilungsproblemen zusprachen. Die Whigs gingen außerdem davon aus, dass Regierungsprogramme - etwa die Verteilung von Nahrungsmitteln an die hungernden Farmer - deren Arbeitsmoral zerstören und sie zu abhängigen Empfängern staatlicher Hilfsleistungen machen würde. 

Charles E. Trevelyan, zu der Zeit Finanzminister
Diese Ideologie hatte verheerende Folgen. Während Irland weiterhin billige Lebensmittel an England verkaufte, starben auf den Feldern die Bauern an Unterernährung. Schätzungen zufolge starben von acht Millionen Einwohnern Irlands während der Great Famine rund eine Million; eine weitere Million suchte ihr Heil in der Flucht und wanderte aus, vor allem in die USA, nach Kanada und nach Australien. Die Untätigkeit der britischen Regierung entfachte jedoch erstaunlich wenig Ressentiments gegenüber der englischen Krone als Herrscherin des Landes: obgleich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine republikanische Bewegung entstand, blieb diese eine kleine Splittergruppe. Verantwortlich gemacht wurde eher, wie immer, die eigene anglikanische Elite. Da Großbritannien jedoch zu dieser Zeit ein spannungsreiches Verhältnis zu den USA hatte, unternahm Washington nichts gegen die populäre "Irish Republican Brotherhood", die irische Rebellen mit Geld und Waffen versorgte - eine Beziehung, die bis in die Tage des IRA-Terrors in den 1990er Jahren anhalten sollte. Ein erster solcherart unterstützter Aufstand, die Young Irelander Rebellion, scheiterte 1848 jedoch kläglich.

Doch die Verwerfungen, die durch die Great Famine entstanden waren, waren wesentlich stärker, als dies auf den ersten Blick den Anschein hatte. Nicht nur hatte die Hungersnot durch Tod und Emigration die Klasse der Landarbeiter praktisch vollständig vernichtet - es blieben nur noch die eigentlichen Pächter und Landbesitzer zurück - und damit das wirtschaftliche und soziale Gefüge entscheidend verändert, sondern auch eine weitverbreitete Forderung nach Reformen initiiert. Die Pächter verlangten die so genannten "drei Fs": fair rent ("faire Pacht"; die Pachten waren, besonders nach der Hungersnot, vergleichsweise hoch), free sale ("freier Verkauf"; die Pächter wollten das Land bei Bedarf an einen anderen Pächter verkaufen können, ohne dass der Besitzer Einspruchsrecht besaß) und fixity of tenure ("festes Wohnrecht"; bislang konnten die Besitzer die Pächter einfach aus dem Land werfen, wenn diese ihre Pacht nicht bezahlen konnten, was die Hungersnot noch einmal erheblich verschärft hatte). Um diese Interessen, für die sich erstmals eine breite Mehrheit der Bevölkerung politisch zu engagieren begann durchsetzen zu können, wurde die Irish National League gegründet, die recht erfolgreich für eine Landreform durch die britische Krone zu agitieren begann. 

Benjamin Disraeli, 1878
Vermutlich hätte auch dieser Konflikt vergleichsweise harmlos entschärft werden können, wenn die britische Regierung unter Premierminister Benjamin Disraeli nicht den Irish Coercion Act verabschiedet hätte, der praktisch das Kriegsrecht in Irland ausrief, um die aufkeimende Gewalt einzudämmen. Diese Gewalt war die direkte Folge einer zweigleisigen Entwicklung: einerseits mauerte die britische Regierung gegenüber den populären Forderungen, und andererseits erkannten die irischen Nationalisten, deren Unabhängigkeits- und Republikanisierungsforderungen bislang kaum Gehör gefunden hatten das Potenzial der neuen Entwicklung und hängten sich an die Irish National League an. Die Kombination aus sozialen und nationalen Forderungen war im 19. Jahrhundert mit Sicherheit kein irisches Phänomen, und wie in anderen Teilen Europas auch erwies sie sich als ein überaus wirkmächtiger Cocktail. Wann immer die britischen Behörden Pächter von ihrem Land vertreiben wollten, standen Mitglieder der Irish Republican Brotherhood bewaffnet bereit und machten den Vorgang zu einer bewaffneten Auseinandersetzung. Weder die Verhaftungen von (vermuteten) Rädelsführern noch drastische Maßnahmen im Rahmen des Kriegsrechts halfen jedoch, die Bewegung zu ersticken, die im Gegenteil immer mehr Zulauf fand. 

Als die Briten 1881 endlich mit den Irish Land Acts die Forderungen der drei Fs grundsätzlich erfüllten, war es bereits zu spät: die nationale Bewegung in Irland hatte eine feste Massenbasis gewonnen. Im nachfolgenden Land Purchase Act von 1903 und dem Bryce Labourers Ireland Act von 1906 wurde es den Pächtern ermöglicht, das Land von den ohnehin meist fast bankrotten Besitzern aufzukaufen, und der vorhergehende Local Government Act von 1898 verschob die politische Balance auf die lokale Ebene. Dieser Schritt sorgte für das effektive Ende der alten anglikanischen Elite, die ihre Machtbasen auf dem Land verloren hatte, wo zahlreiche kleine Landbesitzer ihre Angelegenheiten zu einem guten Teil selbst regelten. Hätten die Briten diese Maßnahmen 30, 40 oder 50 Jahre früher durchgeführt, hätten sie wohl den gewünschten Erfolg gehabt und zudem möglicherweise die Great Famine vermeiden können. So allerdings hielten sie nur vorläufig den Deckel auf einem brodelnden nationalistischen Topf. 

Irischsprachiges Informationsschild
Neben den sozialen Forderungen der Epoche wurde der irische Nationalismus auch von einer kulturellen Entwicklung befeuert: dem Gaelic Revival. Die Great Famine hatte die irische Sozialstruktur nachhaltig zerstört, und die Auflösung der Landarbeiterklasse hatte der irischen Sprache die aktiven Sprecher geraubt (sozial höherstehende sprachen englisch). Diese Schwäche des gälischen machte es jedoch paradoxerweise für die Nationalisten attraktiv, die Clubs einrichteten, in denen Gälisch gelehrt wurde, "traditionelle" Feste feierten ebenso "traditionelle" Sportarten spielten - alles in Abgrenzung zur britischen Kultur, die dadurch implizit abgelehnt wurde. 

Doch all diese Faktoren führten nicht zur Entwicklung einer einheitlichen irischen politischen Bewegung: Irland blieb politisch zersplittert. Über weite Teile des 19. Jahrhunderts hatte es sich entlang der Linien des englischen Parlamentarismus ausgerichtet und Liberale oder Konservative gewählt, während gleichzeitig die "Unionisten", die unter allen Umständen die Union von 1800 aufrechterhalten wollten, eine starke Minderheitenstellung besaßen (die Agitatoren für eine komplette Unabhängigkeit besaßen keine parlamentarische Vertretung). Diese politische Ordnung wurde schwerwiegend erschüttert, als mit der Irish Parliamentary Party eine neue politische Position salonfähig wurde: die IPP forderte "Home Rule", also eine Selbstverwaltung Irlands bei Verbleib im Vereinigten Königreich. Sie öffnete damit einen dritten Weg zwischen den radikalen "Devolutionalists", die eine komplette Unabhängigkeit Irlands wünschten, und den "Unionists", die auf dem Status Quo bestanden. Konservative und Liberale wurden von dieser Frontstellung völlig zerrieben, und alle anderen Punkte auf der Agenda ordneten sich effektiv dem der nationalen Frage unter. Tatsächlich spielten ökonomische Gründe für die Zugehörigkeit zum jeweiligen Lager eine entscheidende Rolle. Die Unionists konzentrierten sich zum Großteil in der Region Ulster, dem einzig nennenswerten irischen Industriegebiet. Sozial bestanden sie vor allem aus der anglikanischen Minderheit, vor allem den Resten des alten Orange Order. Sie befürchteten für den Fall einer Home Rule oder gar Unabhängigkeit, dass die katholische Mehrheit der armen Landbevölkerung sie diskriminieren würde (nicht zu Unrecht) und dass Irland dann Schutzölle gegenüber Großbritannien errichten würde, die den Handel Ulsters gefährden würden (aber die Situation der Bauern verbessern; auch das nicht zu Unrecht).

Charles Stewart Parnell
1868 errang die IPP bereits 63 von 103 irischen Sitzen im Parlament, 1880 waren es bereits 86. Diesen Erfolg verdankte die Partei vor allem Charles Stewart Parnell, dem "ungekrönten König von Irland", der die Partei zwischen 1875 und 1891 führte und bereits zuvor für die Strategie entscheidend mitverantwortlich war. In Großbritannien selbst setzte sich im House of Commons die Ansicht durch, dass Home Rule tatsächlich der Weg der Wahl war. Das House of Lords allerdings war anderer Meinung und sprach gegenüber dem ersten und zweiten Home Rule Act 1886 und 1893 ein Veto aus. Diese Verzögerungstaktik führte in Irland zu einer weiteren Radikalisierung. Die Unionists gründeten die Ulster Volunteers, eine paramilitärische Organisation, die offen erklärte, der Home Rule im Zweifel mit Waffengewalt entgegenzutreten, während die Nationalisten die Irish  Volunteers aufstellten, die genau das entgegengesetzte Ziel verfolgten. Beide Seiten wurden vom kaiserlichen Deutschland bereitwillig mit Waffen versorgt.

Nach einer Parlamentsreform 1911, die das House of Lords weitgehend entmachtete und das Veto nur für zwei Jahre suspensiv gestaltete, verabschiedete das House of Commons 1914 endgültig ein Gesetz für die irische Home Rule, die jedoch wegen des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs sofort wieder suspendiert wurde. Die IPP hatte zu diesem Zeitpunkt ihren Zenit bereits überschritten und begann gegenüber der radikalen Sinn Féin an Boden zu verlieren. Irland stand kurz vor dem Bürgerkrieg zwischen Nationalisten und Unionisten.

Weiter geht's im dritten Teil.
Bildnachweise: 
Famine - Bridget O'Donnel (gemeinfrei)
Charles Trevelyan - unbekannt (gemeinfrei)
Benjamin Disraeli - Harvard Art Museum/Fogg Museum, Historical Photographs and Special Visual Collections Department, Fine Arts Library (gemeinfrei)
Schild - Man77 (GNU 1.2)
Charles Stewart Parnell - Mathew Brady, Levin Corbin Handy (gemeinfrei)

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