Donnerstag, 8. Januar 2026

Rezension: Evke Rulffes - Die Erfindung der Hausfrau. Geschichte einer Entwertung

 

Evke Rulffes - Die Erfindung der Hausfrau. Geschichte einer Entwertung

Es dürfte inzwischen allgemein bekannt sein, dass die Hausfrau als Ideal der bürgerlichen Gesellschaft eine soziale Konstruktion ist, die in früheren Epochen kein Äquivalent besitzt (und mangels einer bürgerlichen Gesellschaft auch nicht haben kann). Die Ubiquität der Hausfrau als Bezugspunkt weiblichen Rollenverständnisses vor allem im 19. und 20. Jahrhundert macht eine Beschäftigung mit ihren Ursprüngen umso interessanter. Wie so oft in der Geschichte ist die Annahme, dass etwas, das in einem Jahrhundert seine Blüte erlebte, seine Ursprünge im Jahrhundert davor besitzt, eine durchaus stabile. Evke Rulffes Werk über die "Erfindung der Hausfrau" ist deswegen im 18. Jahrhundert verortet und betrachtet die Entwicklung einer spezifischen geschlechtlichen Arbeitsteilung, wie sie für unsere Gesellschaften fundamental werden sollte und im 21. Jahrhundert mehr und mehr in die Kritik gerät. Da man immer wissen sollte, woher man kommt, wenn man irgendwo hin geht, macht diese Beschäftigung auch großen Sinn.

Im Vorwort "Liebe geht durch den Magen" erklärt Rulffes ein ein blühendes literarisches Genre des 18. Jahrhundert, die Ratgeberliteratur für "Hausväter" und "Hausmütter", also die Vorstände eines (ländlichen) Haushalts. Diese waren auch deswegen bemerkenswert, weil sie zum ersten Mal in männliche und weibliche Pendants geteilt wurden. Vorher war die Aufgabenteilung noch nicht so explizit gewesen (nicht, dass es keine gegenderte Arbeitsteilung gegeben hätte!); zudem ist der Bezug auf die häusliche Sphäre interessant, der ja das wichtige Feld für eine Geschichte der Hausfrau ist.

In Kapitel 1, "Vom Beruf zur Bestimmung", zeichnet Rulffe genau diese Verschiebung in die häusliche Sphäre nach. So waren die mittelalterlichen Zunftrollen noch voll von Handerwerkerinnen, die eigenständig Geschäfte führten, was Rulffe unter anderem auf die wesentlich "dynamischeren" Familienverhältnisse zurückführt (dynamisch im Sinne höherer Sterblichkeiten und daher Brüchen in den Familienstrukturen). Die Professionalisierung führte aber zu einer zunehmenden Verdrängung der Frauen: wo immer ein vormales "freies" Gewerbe durch neue Techniken verbessert und damit auch professionalisiert wurde, verdrängten Männer die Frauen.

Auch der Aufstieg des Staates wirkte als Bremse für weibliche Partizipation: eine Beamtenkarriere ließ, anders als die eines Handwerks- oder Handelsmeisters keine Vertretung durch die Frau zu, die für die erstgenannten Professionen essenziell gewesen war. Der absolutistische Staat habe so Anreiz- und Vorbildstrukturen geschaffen, die auch die handwerkliche Oberschicht nachzuahmen versuchte, so dass der Handwerksbetrieb, der die Familie ohne die Mitarbeit der Frau ernährte, zum Ideal wurde.

Entscheidend für die neue Moral sei aber die Reformation gewesen. Diese Strömungen weist Rulffe in der nun auftretenden und die antiken (für Deutschland ohnehin unbrauchbaren) Versionen der Hausväterliteratur beständig nach. In diesem Kapitel legt sie dafür einige Grundlagen. Die Hausväterliteratur nahm als "Fiktion" den ländlichen Familienbetrieb, dem explizit auch das Gesinde zugehörig war. Es findet also eine starke Klassenteilung statt; "Hausvater" und "Hausmutter" sind daher nicht automatisch alle männlichen oder weiblichen Haushaltsmitglieder, vielmehr handelt es sich hier um eine Art von Beruf. Diese Annahme liegt der ersten Hausväterliteratur auch zugrunde, die stark ökonomisch ausgerichtet war und die Ehelehre zunächst ausklammerte; diese Werke verstanden sich als Anleitungen für das Führen eines Haushalts im ökonomischen Sinne und richteten sich daher an beide Geschlechter.

Auch die Ausgrenzung der Frauen aus der Bildung spielt für Ruffle eine wichtige Rolle; das Idealbild einer Frau ist schweigend. Gelehrte Frauen, die in "Männergesprächen" mithalten konnten, galten als peinlich. Da das aufstrebende Bürgertum sich dezidiert von den Religionen abgrenzte, brauchte es neue Begründungen für diese Trennung. Die Geschlechtsunterschiede wurden nun zunnehmend als "natürlich" definiert und nicht mehr als ein Werk der gesellschaftlichen Ordnung.

Das zweite Kapitel, "Die Hausmutter - Herrin des Hauses", stellt die Hausmutter ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Ruffle betont, dass es sich dabei um einen "Herrschaftsbegriff" gehandelt habe; die Hausmutter des 18. Jahrhunderts hat nichts mit dem später pejorativ verwendeten "Hausmütterchen" gemein. Sie war vielmehr die Chefin eines Betriebs mit mehreren Angestellten, der große Verantwortung zukam. Dazu trug auch die Ökonomisierung, Rationalisierung und Modernisierung der Landwirtschaft bei, die diese zu einem Bereich machte, der zunehmend eine Untersuchung, Erklärung und Anleitung erforderte. Der Aufstieg des Nationalismus (und der ökonomischen Lehre des Merkantilismus) führte zudem die Kategorie der patriotischen Hausmutter ein, die auf den Konsum ausländischer Waren verzichtete und so auch zur nationalen Wohlfahrt beitrug, indem sie ihren Haushalt "patriotisch" und damit sparsam führte.

Dies sei mit einer Verklärung des Landelebens einhergegangen. Rulffe betont immer wieder, dass die Hausmütterliteratur ein Ideal beschrieb, nicht die Realität abbildete (was sie explizit als Trend der Ratgeberliteratur bis heute ausmacht). Die Idee der "sturen Bauern", denen der Gelehrte das richtige Wirtschaften beibringen müsse, zieht sich durch diese Werke. Dementsprechend ist das Ideal der Autarkie des Haushalts auch vor allem das, ein Ideal, weniger die ökonomische Realität dieser Haushalte. Zudem weist Rulffe darauf hin, dass das beschriebene Ideal vor allem für den Haushalt eines Landpfarrers und seine Frau funktionierte - wenig überraschend also den der privilegierten Autoren solcher Literatur. Entsprechend sind die Ratschläge häufig grotesk unpraktisch (man solle etwa Milch in kaum zu reinigenden Holztrögen zubereiten statt in leichter zu waschendem Steingut).

Generell war die Wissensvermittlung in diesen Werken mit Vorsicht zu genießen. Die Hausmutter war nicht die tätige Frau im Haushalt, sondern leitete vielmehr das Gesinde an, das grundsätzlich knapp gehalten und ständig gegängelt wurde. Geradezu humoristisch wird der theoretische Zugang bei den Kochrezepten, in denen meist wesentliche Zwischenschritte und Mengenangaben fehlten - einerseits, weil die Autoren keine Ahnung davon hatten, andererseits aber auch, weil die Hausmutter nicht selbst k0chte, sondern das Gesinde anleitete und kontrollierte.

Um das Essen geht es dann verstärkt in Kapitel 3, "Essen macht Leute". Die Ratgeberliteratur war voll von Hinweisen auf das standesgemäße Essen. Die aufkeimende bürgerliche Gesellschaft durfte nämlich nicht den höfischen Geschmack imitieren. Nicht nur war dieser absurd luxuriös und teuer (und widersprach damit dem patriotischen Sparsamkeitsideal), er pflegte auch komplett andere Sitten, etwa die Betonung der Präsentation des Essens gegenüber seinen geschmacklichen Qualitäten (so war das Fleisch auf höfischen Banketten gerne so drapiert, dass noch das Originalfederkleid der Vögel dran war, aber es war nicht eben gut durch). Für die Hausmütter werden stattdessen ganz andere Normen präsentiert. Das Essen hat sich zwar gegenüber den unteren Schichten (und da reden wir immer noch von 80% der Bevölkerung) abzugrenzen, aber gleichzeitig eben auch nach oben. Wenig Würze (betont wird der "natürliche Geschmack", der in höfischen Gerichten bewusst verdeckt wird), erkennbare Zutaten und vor allem Fülle gelten hier als essenziell (so muss die Butter immer frisch sein; keinesfalls dürfen Reste aufgetischt werden). Eine bürgerliche Repräsentationskultur wird also deutlich.

Rulffe verwendet auch einige Aufmerksamkeit auf das Gesinde. Dieses wird von der Hausmutter deutlich an der Kandare gehalten, da man grundsätzlich annimmt, dass es betrügt, faul ist und stiehlt. Man kann es ihm nachsehen: die Ratgeberliteratur lässt es explizit extrem minderwertige Nahrung bekommen und unterwirft es permanenter, auch sozialer, Kontrolle. Nur zur Erntezeit gibt es kräftigeres Essen, allerdings allein aus ökonomischen Gründen: nur gut genährte Knechte können die knochenbrechende, auszehrende Arbeit leisten. Zudem spielt der Alkohol als Motivation eine große Rolle: die gewaltigen Mengen Gebranntes, die damals konsumiert wurden, spotten jeglicher Alkoholikerdiskussion heute Hohn.

Kapitel 4, "Die Mutter als gute Staatsbürgerin", zeigt einen ersten, entscheidenden Wandel im Bild der Hausmutter als Vorsteherin eines landwirtschaftlichen Unternehmens auf. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts zog ein deutlich moralisierender Ton in die Hausmütterliteratur, der sich vor allem in der Rolle der Frau als Mutter niederschlug. Diese hatte nun für den Staat Kinder zu gebären und diese ordentlich zu erziehen. Erstmalig wurden Anforderungen an die Mutter gestellt, die Kinder fürsorglich und liebevoll zu umsorgen - und zwar selbst, den Job also nicht mehr an Ammen abzugeben, denen grundsätzlich misstraut wurde. Gleichzeitig wurde von ihr erwartet, ein gewaltiges Arbeitspensum zu leisten und zunehmend auch selbst Arbeit im Haushalt auszuführen, um Geld für Bedienstete zu sparen. Diese Doppelbelastung war offensichtlich nicht durchzuhalten und dürfte zu einem erheblichen, zerstörerischen Druck auf die Frauen geführt haben. In jedem Fall verschob er sie mehr und mehr in die häusliche Sphäre, denn die moralisch aufgeladenen, "natürlichen" Mutterschaftspflichten und im gleichen Atemzug behaupteten Mutterinstinkte waren grundsätzlich mit einer Teilnahme am ökonomischen Leben und einer mit Männern gleichrangigen Rolle in der Gesellschaft unvereinbar. Aus der Partnerin des auf dem Felde tätigen Hausvaters wurde nun zunehmend die Hausfrau, wie wir sie heute kennen.

Diese Entwicklung findet in Kapitel 5, "Von der Herrin im Haus zur Dienerin am Mann", ihren Abschluss. Je weiter sich die neuen bürgerlichen Moralvorstellungen ausbreiteten, desto weniger war die Rolle der Hausfrau die einer Hausmutter: die Vorsteherin eines häuslichen Betriebs, die eine Reihe von Fähigkeiten besitzen musste und wichtige Entscheidungen traf. Stattdessen betonte die Ratgeberliteratur (und natürlich eine ganze Reihe anderer Quellen) mehr und mehr ihre Rolle als Dienerin am Mann: sie erfüllte keine eigene Funktion, sondern war quasi seine natürliche Ergänzung. Dazu gehörte auch, dass bürgerliche Repräsentationsvorstellungen sich ebenfalls ausbreiteten und ganz neuen Druck erzeugten: kleine Beamte konnten sich diese Repräsentation eigentlich nicht leisten, weswegen das Vortäuschen eine wichtige Funktion von Frauen wurde. Obwohl massive Arbeit hinter der Repräsentation steckte, durfte diese nicht sichtbar sein. Gleichzeitig wurde das alles als "natürlich" verbrämt und auch rechtlich kodifiziert, weswegen Frauen immer mehr Rechte verloren, etwa im BGB, wo sie zu rechtlichen Anhängen ihres Mannes wurden.

Der Schluss, "Das bisschen Haushalt? Für mehr Anerkennung, Geld und Solidarität", enthält ein Plädoyer nicht so sehr für die Rückkehr von Dienstbot*innen, sondern, wie der Titel bereits sagt, für mehr Anerkennung von Hausarbeit als Arbeit und nicht in als Hobby.

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Insgesamt fand ich Rulffes Buch sehr lehrreich. Weder war mir vorher bekannt, welche Rolle die Hausväter- und Hausmütterliteratur spielte, noch kannte ich viele Details über die Lebensrealität der Menschen im 18. Jahrhundert, die sie hier auflistet (mein Favorit bleibt der Ratschlag, die Maden vor dem Auftischen aus dem Käse zu nehmen, weil zwar alle wüssten, dass Maden im Käse unvermeidlich seien, es aber wenig appetitlich sei, wenn diese aus dem Käse in andere Speisen springen).

Mir bleibt aber eine gewisse Grundskepsis, wo die normative Ebene hinzukommt. Denn wie Rulffe selbst immer wieder betont, stellte diese Literatur ein Ideal dar. Auch für den Umgang mit dem Mittelalter scheint mir der Zugang recht wenig quellenkritisch zu sein. Deswegen bleibe ich gegenüber der Idee, dass sich die gesellschaftliche Rolle der Frau zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert verschlechtert habe, skeptisch. Das liegt vermutlich auch daran, dass sich der wissenschaftliche Fokus des Buches immer wieder mit der allgemeinen Darstellung verheddert: einerseits ist die Konzentration auf die Hausmütter eine, die eine recht schmale Oberschicht der nicht-adeligen Bevölkerung betrifft, ein Fakt, auf das Rulffe auch immer wieder aufmerksam macht.

Gleichzeitig bedingt die Konzentration auf die Entstehung und Ausbreitung eines bürgerlichen Archetypus die Exklusion breiter Bevölkerungsschichten. Mir kommt daher die Ausbreitung dieses Ideals im 19. Jahrhunderts und der Wandel durch die "Verbürgerlichung" der Gesellschaft etwas zu kurz. Der Fokus sorgt auch dafür, dass die massive Beschleunigung und radikale Zuspitzung dieses Wandels in der Nachkriegsgesellschaft ("nivellierte Mittelstandsgesellschaft", anyone?) weitgehend außen vor bleibt, gleichzeitig aber in den normativen Setzungen immer wieder auftaucht, die sich unangenehm mit dem objektiv-wissenschaftlichen Grundton beißen.

Aber das sind relativ unbedeutende Faktoren. Das Buch ist insgesamt für die Geschichte der Geschlechterrollen im Bürgertum und damit für unsere heutige Gesellschaft unverzichtbar. Wir müssen verstehen, woher wir kommen, wenn wir einen Weg in die Zukunft bauen wollen.

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