Mittwoch, 1. Dezember 2010

Der Holocaust und die Deutschen

Von Stefan Sasse

Zufahrt zum Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau 1945
Das Verhältnis der Deutschen zum Holocaust ist ein zwiespältiges. Es ist ein wohl weltweit einmaliger Vorgang, dass sich eine Nation so eindeutig und unmissverständlich zu einem Verbrechen bekennt, die Verantwortung auf sich nimmt und - wie unvollkommen auch immer - Wiedergutmachung dafür zu leisten versucht. Besonders in den letzten 20, 30 Jahren kommt außerdem eine massive und vergleichsweise profunde Aufarbeitung des Holocaust im breiten öffentlichen Bewusstsein hinzu. Das alles sind Leistungen, die man neidlos anerkennen muss und bei denen man etwa im Falle von Japans Kriegsverbrechen, denen der Sowjetunion oder auch der Kolonialverbrechen von England und Frankreich oder dem Umgang der USA mit der indigenen Urbevölkerung noch vergebens wartet. Gleichzeitig hat diese Aufarbeitung aber auch ihre Schattenseiten. Sie führte zu einem routinierten Betroffenheitsautomatismus, der echte Emotionen für das Thema mehr und mehr zu ersticken droht, zu Denkverboten und politischem Missbrauch. Im Folgenden soll genauer beleuchtet werden, wie die deutsche Aufarbeitung des Holocaust erfolgt ist, welche Probleme und welche Erfolge damit verknüpft sind und wie diese Entwicklung weitergetrieben werden kann. 

Bereits in der Endphase der Kämpfe in Deutschland, als die amerikanischen Truppen die KZs entdeckten und befreiten (die Diskussion, ob die Alliierten bereits vorher von den KZs wussten und diese bewusst nicht früher angegriffen haben, soll hier nicht vertieft werden) beschlossen die Amerikaner, die Deutschen mit ihren Verbrechen zu konfrontieren. In Dachau wurden Bürger der Stadt festgenommen, ins KZ gebracht und herumgeführt, ehe man sie wieder nach Hause zurückschickte. Den Berichten nach waren die Menschen, die 12 Jahre lang im Schatten des ersten Konzentrationslagers gelebt hatten, schwer betroffen, einige waren zusammengebrochen, andere hatten versucht, es stoisch zu ertragen. In den Nürnberger Prozessen 1946 und dann später in den Einsatzgruppenprozessen sowie den Nürnberger Folgeprozessen wurden die Angeklagten auch mit dem Holocaust und den Massentötungen in Osteuropa konfrontiert. Breites Interesse erweckten die Alliierten damit in der deutschen Bevölkerung allerdings trotz ausführlicher Berichterstattung nicht. Dies hatte wohl zum einen damit zu tun, dass die Deutschen kein großes Interesse an einer akribischen Auflistung ihrer Verbrechen hatten, aber noch mehr wohl damit, dass das Land in Trümmern lag und das Sichern der eigenen Existenz und der Wiederaufbau Vorrang genossen.

Plakat für Re-Education by example für US-Soldaten
Besonders die Amerikaner hatten sich mit der so genannten "Re-Education" (etwa: Umerziehung) das ambitionierte Ziel gesetzt, die Deutschen zu Demokraten zu machen. Dazu gehörte natürlich auch zumindest anfangs die Konfrontation mit den Verbrechen der Nazizeit, soweit sie bekannt waren. Der beginnende Kalte Krieg ab 1946 ließ es den USA jedoch notwendig erscheinen, ihre Ziele an die Prioritäten anzupassen, die eine möglichst schnelle Stabilisierung Westdeutschlands und seine Bindung an die USA, Großbritannien und Frankreich vorsahen. Re-Education wurde schnell beerdigt und durch einen Transfer amerikanischer Mainstreamkultur ersetzt, die diese Aufgabe mit großem Erfolg bewerkstelligte. 

Die Machtübernahme durch Konrad Adenauer und sein bürgerliches Bündnis 1949 bedeutete einen endgültigen Schnitt mit der Vergangenheit. Die Schlussstrichmentalität war weit verbreitet, und die Bedrohung durch die Sowjetunion allgemein so stark perzeptioniert, dass gerade vor der Folie der DDR die BRD bereits vollständig auf Basis der "freiheitlich-demokratischen Grundordnung" stand. Dazu kam, dass zwar eine innenpolitische Aufarbeitung der Nazi-Zeit nicht stattfand, Deutschland jedoch außenpolitisch im Büßergewand auftrat und sich auf die Seite Israels stellte, das unilateral mit Geldern und Hilfsgütern unterstützt wurde, die als - nicht geforderte - Wiedergutmachung dienen sollten. Diese Art der Vergangenheitsbewältigung passte gut in die Schlussstrichmentalität der Deutschen, die sich durch Geldzahlungen gewissermaßen freikaufen konnten und sich nicht persönlich mit dem Thema beschäftigen mussten. 

Epurationsbescheid aus dem Saarland für einen "Minderbelasteten"
Zu Beginn der 1960er Jahre änderte sich das erstmals. In Frankfurt fanden die ersten großen rein deutschen Prozesse zum Holocaust statt, nachdem der erste Versuch einer deutschen juristischen Aufarbeitung durch das gegenseitige Ausstellen von "Persilscheinen" in den 1940er Jahren gescheitert war. In den so genannten Auschwitz-Prozessen 1963-1968, die durch die 1958 errichtete Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen möglich gemacht wurden, wurden Lagermannschaften des Vernichtungslagers Aufschwitz-Birkenau angeklagt. Dem waren monatelange, akribische Recherchen vorausgegangen, allein im ersten der drei großen Auschwitz-Prozesse wurden 360 Zeugen vernommen. Die Prozesse erhielten ein großes Medienecho, das durch Tonbandaufnahmen noch gesteigert wurde. Viele Deutsche hörten zum ersten Mal vom ganzen Ausmaß der Verbrechen, die in den KZs geschehen waren, lauschten Zeugen und Angeklagten und wurden selbst Zeuge, wie mehrmals der "Befehlsnotstand" strafmildernd wirkte. Ab diesen Prozessen war eine Relativierung des Holocaust in Deutschland deutlich schwerer möglich als je zuvor. 

Die Prozesse polarisierten jedoch die Bevölkerung trotzdem in einem ungeahnten Ausmaß: die Generation der nach oder in der Endphase des Krieges Geborenen begannen, ihre eigenen Väter nach deren Vergangenheit im Krieg zu befragen. Die Haltung zum Nationalsozialismus und Holocaust gab dem Generationenstreit erst jene Schärfe, die 1967/68 in den großen Unruhen münden sollte und war lange Zündstoff für den Bruch zwischen den beiden Generationen. Trotz RAF-Terror, der sich unter anderem mit den NS-Verbrechen und ihrer mangelnden Aufarbeitung zu legitimieren versuchte, riss das Interesse auch in den 1970er Jahren nicht gänzlich ab; schon allein, weil Folgeprozesse zu den drei großen Auschwitz-Prozessen stattfanden. Trotzdem blieb die Holocaust-Aufarbeitung merkwürdig abstrakt, justiziell und deutsch-zentriert. 

John Demjanjuk 1943
Dies änderte sich im Jahr 1979 radikal. Vom 22. bis 26. Januar wurde der vierteilige Fernsehfilm "Holocaust. Die Geschichte der Familie Weiß" (Youtube) ausgestrahlt, der anhand einer fiktiven Familie zentrale Ereignisse des Holocaust in einer für damalige Verhältnisse drastischen Art und Weise wiedergab. Bis zu 15 Millionen Zuschauer verfolgten die Ausstrahlung, die im Dritten Programm lief, und die Diskussion war lebhaft und erzeugte einen so großen politischen Druck, dass am 29. März desselben Jahres der Bundestag beschloss, die Verjährung bei Mord aufzuheben, wenn es sich um Völkermord handelte. Die NS-Verbrecher würden damit bis an ihr Lebensende juristisch zu belangen sein, und die letzten Prozesse dieser Art erleben wir gerade in diesen Tagen, etwa im Fall von John Demjanjuk, der seinen letzten Prozesstermin voraussichtlich am 22. Dezember 2010 haben wird. 1993 folgte ein weiteres aufwühlendes Filmdokument, "Schindlers Liste", des bekannten Blockbuster-Regisseurs Steven Spielberg.

Mitte der 1990er Jahre jedoch begann das Interesse am Holocaust langsam, aber sicher zu erlahmen. Inzwischen gehörte seine Behandlung zum Standardprogramm an staatlichen Schulen, das oftmals erstmalig in der vierten Grundschulklasse angeschnitten wird (etwa über Anne Franks Tagebücher) und dann in etwa zweijährigen Intervallen, teils fächerübergreifend, immer wieder behandelt wird. Ein bislang letzter Schritt in der Aufarbeitung des Holocaust erfolgte durch die Regierung Schröder, als der Kanzler (neben der Entschädigung von Zwangsarbeitern) nicht mehr von der Schuld der Deutschen sprach - diese lehnte er für die aktuellen Generationen als 1944 Geborener ab - sondern eine spezifische deutsche Verantwortung konstatierte, an den Holocaust zu erinnern und eine Wiederholung zu vermeiden. Seit Schröders Umdeutung ist keine weitere Bewegung in der Aufarbeitung mehr zu erkennen.

Die Entwicklung der letzten etwa 20 Jahre ist allerdings Besorgnis erregend. Tatsächlich hat sich in breiten Bevölkerungsschichten eine Übersättigung mit dem Thema Holocaust eingestellt. An den Schulen stöhnen die Schüler, wann immer das Thema auf die Tagesordnung kommt. An den Geschichtsfakultäten gibt es kaum Veranstaltungen zu dem Thema, weil die Dozenten selbst oftmals keine Lust mehr darauf haben. Im Fernsehen erstarrt die Erinnerung zur Guido-Knopp-Betroffenheitsübung, und selbst Knopp widmet sich lieber dem eigentlichen Kriegsgeschehen oder irgendwelchen revisionistischen Betrachtungsweisen als dem Holocaust. Gleichzeitig ist die öffentliche Debatte unglaublich sensibel. Mit jedem Schritt kann man inzwischen in Geruch kommen, den Holocaust zu verharmlosen, antisemitisch zu denken oder Israel das Existenzrecht abzustreiten. Einerseits ist diese Sensibilität begrüßenswert. Einerseits. 

Martin Walser 2008
Andererseits allerdings könnte es den Akteuren jener "political correctness" eines Tages so gehen wie dem Hirten im Märchen, der stets Wolf ruft, so dass ihn niemand mehr ernst nimmt, wenn der Wolf tatsächlich einmal kommt. Der Antisemitismus-Vorwurf wird inzwischen mit einer solchen Routiniertheit in der öffentlichen Debatte gebraucht, wird so schnell aus dem Köcher geholt, dass praktisch jeder damit belegt werden kann. Dieser Vorwurf aber ist die größte und härteste Waffe, die es im Kampf um die Holocaust-Deutung gibt. Wenn sie ständig genutzt wird, nutzt sie sich ab. Noch dramatischer ist, dass die Keule so oftmals gegen diejenigen geschwungen wird, die eigentlich die Verbündeten im Kampf gegen Holocaust-Relativierung sein müssten, etwa Martin Walser, der mehrmals in die Kritik geriet, am prominetesten aber wohl in seiner Paulskirchenrede 1998, in der er genau dieses Problem anprangerte. Tatsächlich besteht die Gefahr, dass die Sensibilisierung der Deutschen für die Verbrechen des Holocaust ausgerechnet von ihren größten Verfechtern bedroht wird. Es ist weiterhin wichtig, wirklich wichtig, dass die Bevölkerung für den Holocaust und die anderen Nazi-Verbrechen sensibilisiert bleibt. Es muss ein Monopol der NPD und anderer Rechtsextremer bleiben, die Aufarbeitung und Erinnerung daran in Frage zu stellen. Dies allerdings geschieht nicht, wenn die Stimmung überwiegend genervt oder resigniert gegenüber dem Thema ist.

Wie also könnte man die Erinnerung und Aufarbeitung modifizieren? Ich bin der Überzeugung, dass ein Wechsel der Perspektive hier hilfreich sein kann. Ich erinnere mich noch daran, dass ich aus der Schule kommend selbst nicht auch nur das Geringste Interesse am Holocaust mehr hatte, das Thema nicht mehr hören konnte und froh war, dass Schröder einen Schlussstrich zu ziehen schien, was ihm allerdings (zum Glück) nicht gelang. Erst an der Universität fand ich einen neuen Zugang: von der Opferperspektive, die inzwischen in einer schon fast ritualisierten Nennung von Opferzahlen (sechs Millionen) und anderen Daten erstarrt ist, ohne einen emotionalen Zugang zu bieten, hin zu einer Täterperspektive zu wechseln. Zwar ist der Holocaust im öffentlichen Bewusstsein verankert wie kein zweites Ereignis, was eine beeindruckende und hervorzuhebende Leistung der Aufarbeitung ist. Leider ist er aber auch ein kaum verstandenes Ereignis. Was bewegte so viele Deutsche dazu, ihre Mitmenschen und völlig Fremde unter katastrophalen Unlebensbedingungen industriell, fabrikartig umzubringen? Wie war es möglich, dass von den nach konservativen Schätzungen 200.000 mittelbar am Holocaust beteiligten Personen praktisch niemand bereit war, etwas dagegen zu unternehmen?

Barackeninschrift in Auschwitz
In der aktuellen populären Geschichtsvermittlung wirkt es oftmals, als seien 1933 braune Aliens gelandet, hätten die Deutschen verhext, zum Holocaust und 2. Weltkrieg gezwungen und seien 1945 wie ein böser Albtraum wieder im All verschwunden. Gerade diese Sicht auf die damaligen Geschehnisse ist aber verheerend, denn sie eröffnet weder Verständnisspielräume noch trägt sie dazu bei, eine Wiederholung zu vermeiden. Praktisch jedem Deutschen sind die Fakten zum Holocaust bekannt. Wie es allerdings tatsächlich so weit kommen konnte, versteht fast niemand, und es wird auch nur selten der Versuch unternommen, es zu erklären. Gerade dies aber wäre notwendig, um eine Wiederholung dieser Geschehnisse tatsächlich zu vermeiden. Die öffentliche Erinnerung an den Holocaust droht in einem Ritual zu erstarren und politisch missbraucht zu werden, sei es zur Rechtfertigung des Kosovokriegs durch Joschka Fischer, der die Verhinderung eines serbischen Auschwitz postulierte, sei es in der politischen Alltagsdebatte. Das historische Erbe der Deutschen ist zu wichtig, um es auf diese Art auf das Spiel zu setzen. Wir haben eine historische Verantwortung (selbst wenn die Schuldigen bald wirklich alle nicht mehr unter uns weilen werden), und wir müssen sie wahrnehmen. Das sind wir den damaligen Opfern schuldig, das sind wir der Welt schuldig, und nicht zuletzt auch uns selbst.

Bildnachweise: 
Auschwitz - unbekannt (CC-BY-SA 3.0)
Reeducation - unbekannt (gemeinfrei)
Bescheid - Phrontis (GNU 1.2)
Demjanjuk - unbekannt (gemeinfrei)
Walser - S1 (GNU 1.2)
Inschrift - Ansgar Piel (CC-BY-SA 2.5)

Kommentare:

  1. In der Tat hatte ich als Schüler (Abi 92) irgendwann echt die Schnauze voll davon, in jedem zweiten Jahr irgendwas zu dem Thema zu machen. Ich denke, da wäre weniger mehr.

    Und es sollte weit mehr auf die Gründe, wie es dazu kommen konnte, eingegangen werden, statt immer wieder die gleiche Leier zu spielen.

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  2. Besonders dem letzten Absatz kann ich nur zustimmen.

    Meine ganze Schulzeit war von der Thematik durchzogen, die Beschäftigung fand allerdings mal auf einer Betroffenheits-, mal auf einer völlig abstrakten Ebene (Gruppenzwangdiskussionen o.Ä.) statt. Eine konkretere und tiefer gehende Auseinandersetzung kam dann erst im Geschichtsleistungskurs kurz vorm Abi... da ging es aber eher um die Frage "warum 1933?", als ob mit der Frage nach der Machtübernahme auch die nach dem Holocaust beantwortet wäre.

    Noch eine Anmerkung:
    Mittlerweile kriegt man oft genug zu hören, dass "damit" mal Schluss sein müsse (was ich für unsäglich halte). Das ist zum Teil der hiesigen "Aufarbeitung" und der daraus resultierenden Mischung aus Berufsbetroffenheit und Überdruss anzulasten, aber natürlich auch der Tatsache, dass der Holocaust erfolgreich in die nationale Geschichtsschreibung integriert wurde (siehe Mahnmal, Gedenkveranstaltungen, Gerede von "besonderer" Verantwortung usw.). Wer das nationale "wir" nicht nur auf die heutige BRD bezieht, sondern die deutsch-nationale Geschichte mitdenkt, kommt von der Schuld nicht los. Da ändert auch die Generationenzugehörigkeit nichts dran. So wird eine gesamtgesellschaftliche Aufarbeitung (im Sinne einer Ursachenforschung) natürlich erheblich behindert. Und dass Teile der Bevölkerung mit gefährlichen ideologischen Vorstellungen wie die der der "Volksgemeinschaft" immer noch nicht gebrochen haben, ist von Studien wiederholt gezeigt worden.

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  3. Vielleicht sollte man mit dem Thema genauso umgehen wie die Amerikaner mit den Massakern an den Indianern oder mit der Sklaverei und Ausbeutung der Afrikaner: War halt so, Pech gehabt...

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  4. "War halt so, Pech gehabt..." ist entgegen projektiver Wünsche nicht das, was man in den USA zu dem Thema so zu hören kriegt.
    Und selbst wenn: Warum sollte man sich danach richten?

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  5. Danke für diesen Text.

    Übrigens was mich persönlich nervt ist 1. das der Holocaust dazu benutzt wird Millionen anderer Nazi-Opfer der Vergessenheit zu überstellen. Ein Beispiel: Wo wird bei Guido Knopp der Massenmord an sowjetischen Kriegsgefangenen thematisiert? Übrigens der zweitgrößte Massenmord gleich nach dem Holocaust. 2. Das mit dem ständigen Berichten über die NS-Zeit gleichzeitig ein totschweigen über den heutigen Rechtsextremismus, dessen Aufsteigen nach 1945 stattfindet. Wo berichtet Guido Knopp über der Verbrechen der (Neo-)Nazis, und dt. Rassisten querbeet über alle Partei- und Klassengrenzen hinweg?

    Gruß
    Limo

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  6. Noch was:
    Die Schlussstrichdebatte setzte - eben durch (Neo-)Nazis & CDU/CSU/FDP-Rechtsextremisten unter Adenauer/Globke gefördert - bereits 1945 ein, ist auch ein eigenes Geschichtsthema wert - Überschrift: Was machten viele ehemalige Nazis nach 1945. Seit ich dies weiß bin ich kein Anhänger von CDU/CSU/FDP mehr.
    Was Opfergeschichte angeht auch noch eine Ergänzung: Auch 2010 können Historiker noch Neues herausfinden - z.B. die Massenmorde an schwarzen franz. Kolonialsoldaten bei der Besetzung Frankreichs durch Wehrmachts- und SS-Verbände. Kam letztes Jahr ein neues Buch im Fischer-Verlag dazu heraus...
    Gruß
    Limo

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  7. Knopps Filme funktionierten wie „Rollenspiele, mit deren Hilfe sich die Deutschen mit ihren Großvätern versöhnen könnten.“
    - Peter Kümmel

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  8. Wie sagte Grosser am 9.11.?
    „Auschwitz ist die Grundlage dafür, dass man an den anderen denkt“

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  9. Wobei ich mir die Frage stelle: Was hat die Shoa mit dem Existenzrecht Israels zu tun?

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  10. Nichts. Instrumentalisiert wird sie dafür trotzdem. Wobei "nichts" nicht ganz richtig ist; ohne den Holocaust kein Israel.

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  11. Was die Shoa mit Israel zu tun hat?


    "Die Katastrophe, die in unserer Zeit über das jüdische Volk hereinbrach und in Europa Millionen von Juden vernichtete, bewies unwiderleglich aufs Neue, daß das Problem der jüdischen Heimatlosigkeit durch die Wiederherstellung des jüdischen Staates im Lande Israel gelöst werden muß, in einem Staat, dessen Pforten jedem Juden offenstehen, und der dem jüdischen Volk den Rang einer gleichberechtigten Nation in der Völkerfamilie sichert."

    (aus der Unabhängigkeitserklärung Israels)

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  12. "Wie es tatsächlich so weit kommen konnnte", das ist tatsächlich der Konnex für eine Haltung zum Holocaust in der Generation, die selbst keine unmittelbare Verantwortung mehr trägt. Aber das ist durchaus auch Gegenstand der jüngeren Forschung, da gibt es einiges zu lesen, was auch für den Nichthistoriker erhellend und verständlich ist. Ich erinnere hier nur mal an Prof. Christopher Browning, der anhand konkreter Lebensläufe und Gruppenschicksale die Entwicklung hin zum "Holocaust-Aktivisten" untersucht. Interessant dabei ist, dass diese Ansätze vor allem von der ausländischen Holocaust-Forschung initiiert wurden. Ich habe mal an einer Vortragsveranstaltung von Prof. Browning (in Deutschland) teilgenommen. In der unvermeidlichen anschließenden Diskussionsrunde etablierte sich ganz schnell ein Alte-Herren-Fragekreis, der nicht ungeschickt versuchte, der These von den "Ordinary Men" als der breiten Grundlage des radikalen Nazismus den Boden wegzuziehen. Das ist jetzt vielleicht sechs Jahre her...
    Die These des Artikels, dass die Erstarrung in einer ritualisierten Holocaust-Betroffenheit das Letzte ist, was der jüngeren Generation mit auf den Weg gegeben werden sollte, ist ohne Zweifel zutreffend. Man könnte die dargestellte Entwicklung dorthin auch noch mit dem Historiker-Streit illustrieren. Gerade hieran wird deutlich, dass selbst die Argumente der "guten" Seite letztlich wenig hilfreich waren. Denn was soll man denn als Nachgeborener davon halten, wenn die Debatte darum geht, ob nun der Holocaust ein singuläres oder ein nicht singuläres Ereignis war? War es singulär - was die "Guten" verfochten - so schwingt in dieser Argumentation bereits der Ausnahmecharakter, das Nicht-Verantwortlichsein, mit. War er nicht singulär -also z.B. mit Stalins Verbrechen in der Sowjetunion vergleichbar- so war damit gleich auch ein gutes Stück Verantwortung erledigt. Wie auch immer - dieses Beispiel macht zusätzlich deutlich, dass auch wohlmeinende Beiträge in der Vergangenheit wenig hilfreich sind, eine bewusste, von innerer Verantwortung -nicht Verantwortlichkeit- getragene Haltung zum Holocaust und der ganzen jüngeren Geschichte in der Generation der Nachgeborenen zu befördern.
    Ich bin übrigens Nachgeborener des Jahrgangs 1953, mein Vater konnte sich aussuchen, ob er in ein KZ oder an die Ostfront in ein Minenräumkommando gehen wollte. Er hat das Minenräumkommando überlebt. Er hat immer wenig erzählt, aber mich gerade dadurch neugierig gemacht...

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  13. Nicht wenige würden am liebsten ganz damit Schluss machen. Eine Gymnasial-Lehrerin (!) beklagt in Leserbriefen die "überflüssige Gedenkstunde" anlässlich des Novemberpogroms an einer Anne-Frank (!)-Schule:

    "Der größte Teil der heute lebenden Personen hat nichts aber auch gar nichts mit diesen Geschehnissen zu tun. Die wenigen Personen, die diese Zeit noch miterlebt haben sind Zeugen. Weiter nichts.“ (...) “ Wenn man sich gegen Übertreibungen im Gedenken an die Judenverfolgung ausspricht wird offiziell (...) immer die gleiche Platte abgenudelt. Privat hört man von vielen Leuten - nicht von Neonazis, sondern von Menschen wie Du und ich! - dass sie diese Schamorgien schon lange satt sind. Nur wagt es keiner laut zu sagen, weil er dann damit rechnen muss, beschimpft und belehrt zu werden“.

    (Quelle: http://www.hagalil.com/archiv/2008/11/70-1938.htm)

    Es sind also bestimmt nicht (nur) die Jugendlichen, wie oft angenommen wird. Das zeigen auch die Gespräche im ZEIT-Magazin vor wenigen Wochen.

    Müssen andere Formen des Gedenkens gefunden werden?

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  14. Wissen wir eigentlich heute wirklich was das dritte reich war ?? Nein ..Wie auch; zusammenhanglich wird es nie dargestellt...jeder nimmt sich das heraus was ihm gerade genehm ist , obs der holocaust ist , der weltjrieg als solcher oder auch die glorifizierung des widerstandes.wer waren diese männer wirklich , sicher es nachzulesen für den interessierten und fürs allgemeine fussvolk kommt nur das heldengedenken infrage ...diskremierung und viele andere mehr was alltag im dritten reich war, wird untermeniert , warum ...ziehen wir eine paralelle zu der heutige zeit dann wird uns doch eigentlich bewußt wie nötig wir den blick den in den geschichte haben, unverklärt , aber die geschichte in zusammenhängen

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  15. Wie es wirklich dazu kommen konnte, wurde während meiner Schulzeit in der Tat überhaupt nicht geklärt.
    Aber wenn ich mir so anschaue, was die deutschen Medien und Politiker derzeit wieder für einen Blödsinn veranstalten (Atomwiedereinstieg, Terrorpropaganda, Migrantenhetze, Einschränkung von Grundrechten und dergleichen mehr), ohne dass die Bevölkerung dagegen etwas sagen oder unternehmen würde (von einer kleinen Minderheit abgesehen), bekomme ich doch allmählich ein Gefühl dafür, auf welche Art und Weise es zu so etwas kommen konnte.

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  16. Erkenntnisgewinne wären sicher, wenn die Forschung sich den Strömungen in den den jüdischen Gemeinden z.B. von ca. 1920 - 1936 mal näher annehmen würde, den Ergebnissen der Wahlen zu den Organen der jüdischen Selbstverwaltung. Z.B. wäre die Heraufkunft der zionistischen Strömung zu untersuchen, ihr ideologisches Programm, die Debatten in ihren Zeitschriften. Ein Aspekt wäre z.B. die ideologischen Übereinstimmungen und Unterschiede der zionistischen Bewegung mit der Ideologie der NS-Bewegung. Vielleicht erstaunen die frappierenden Übereinstimmungen der deutschen zionistischen Organisationen mit den NS-Organisationen eventuell. Vielleicht führt das zur Erkenntnis, daß Judentum und Zionismus -ein durchaus heterogenes Gebilde- zwei ganz verschiedene Dinge sind.

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  17. Eine wirklich gute und moderne Form der Aufarbeitung hat der "Verein für Demokratiegeschichte Sachsen Anhalt e. V." gefunden: Er versucht Geschichtspfade in verschiedenen Städten zu etablieren. Diese bestehen aus Tafeln an verschieden Standorten einer Stadt, welche von stadthistorischer Bedeutung sind. Es wird verschiedenen Opfergruppen gedacht, aber auch auf Widerstandsaktionen aufmerksam gemacht (was in der ehemaligen DDR sehr problematisch ist, da hier nach '45 angeblich jeder Antifaschist war).
    Dabei wird sozusagen die "große Geschichte" anhand von lokalen und regionalen Ereignissen erklärt. Ein guter Ansatz, denn mit der Verortung des Nationalsozialismus und dessen Verbrechen nach Buchenwald, Ausschwitz oder Dachau, schwindet vielleicht auch gewissermaßen die Verantwortung oder die notwendige Empathie. Es war für mich jedenfalls sehr lehreich zu wissen, was in meiner eigenen Heimatstadt passierte. Wenn man die Namen der Opfer kennt, die Straßen und Orte, wo Menschen geschlagen, gefoltert oder gefangen wurden, findet man einen völlig neuen Zugang zu dem Thema.

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  18. Den zitierten Überdruss an einem NS-Geschichts-Input mit Fokus auf den Holocaust kann ich verstehen. Ging mir am Ende beim Abi auch so.
    Die NS-Diktatur ist nichtsdestotrotz der Extrempunkt der deutschen Geschichte. Da macht es nichts aus, dass sie "nur 12 Jahre" hielt. Sie ist und bleibt das interessanteste, faszinierendste (wertneutral!) Kapitel. (Grass: "Wir spülen und spülen,die Scheiße kommt dennoch hoch")

    Wie kann man als Geschichtslehrer dem Überdruss der Schüler entgegenwirken/ausweichen? Indem man sich dem Thema mit Einzelschicksalen nähert? Auf Opfer- und Täterseite? Herr Sasse?

    Zur Aktualität von Rechtsextremismus hat mir in meiner Schulzeit "Im Krebsgang" und eine daraus entwickelte Diskussion am meisten gebracht und gefallen.

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  19. @Moe: Ich persönlich bin kein Freund der Einzelschicksalsgeschichte, aber das ist Geschmackssache.
    Ich halte es für extrem sinnvoll, eine Täterperspektive einzunehmen. Wer waren die Leute, die den Holocaust gemacht haben? Ich rede nicht von den Nazi-Knallchargen, mit denen habe ich mich schon beschäftigt. Ich meine den Mittelbau, der das geplant und umgesetzt hat. Das Wissen über die hat mein Interesse reanimiert. Ich sehe schon, wird Zeit für einen entsprechenden Artikel.

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  20. Die Täterperspektive einzunehmen halte ich für eine sehr gute Sache und ich denke/hoffe, damit müsste man auch Schüler noch packen können. Ganz neu ist die Idee natürlich auch nicht, s. "Die Welle", auch ein grosser Schulliteraturklassiker. Aber auch wenn's schon ein alter Hut ist - durch das Einnehmen der Täterperspektive sind Schüler (und wir alle) viel direkter mit entscheidenden Fragen konfrontiert: "Wo haette derjenige bzw ich anders entscheiden koennen/muessen und warum hat er es nicht getan?", "Wie war die politische/gesellschaftliche/persoenliche Situation, die zu diesem Verhalten einzelner und vieler gefuehrt hat?" Taeterperspektive ist gut, weil herausfordernd!

    P.S. Ich bin ueber "Tower of the Hand" hierhergelangt... ich liebe das Internet! Kompliment zu deinen Texten, hier wie dort!

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  21. @Stefan Sasse

    Was die "Täterperspektive" angeht, da gibt es neuerdings auch ein hochaktuelles Erstlingswerk über die Moral der Nazis,die, wenn es nach dem Buchautor geht bis heute in Deutschland, queerbeet über alle Gesellschaftsschichten hinweg, nachwirkt - man denke nur über "Anständigkeits"-Vorwürfe gewisser dt. Freiherrn bzw. Verteididungsminister an die Adresse der Opposition, oder an einen gewissen Sozi namens Sarrazin, um nur 2 Beispiele der jüngsten Zeit zu erwähnen.

    Hier der Hinweis:

    "[...](hpd) Der Historiker Raphael Gross legt einen Sammelband mit eigenen Aufsätzen vor, welche die Bedeutung von Auffassungen über „Anstand“, „Ehre“, „Kameradschaft“ und „Treue“ zur Zeit der nationalsozialistischen Diktatur untersuchen.

    Es handelt sich dabei um interessante Fallstudien vom Film „Jud Süß“ über das „Rassenschande“-Bild in den Nürnberger Gesetzen und Hitlers Religionsbegriff bis zum Eichmann-Prozess – allerdings ohne den Charakter einer umfassenden Gesamtdarstellung zum Thema[...]

    Quelle und kompletter Text der Buchbesprechung: http://hpd.de/node/10353

    Gruß
    Limo

    PS: "Erstlingswerk" nenne ich es, weil m. Wissens noch kein solches Werk erschienen ist und ich hoffe, dass diesem Buch weitere folgen, die sich mit diesem Thema befassen.

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  22. Möglicher Grund für den Überdruss an Aufarbeitung des Holocaust bzw. Völkermords mag sein, dass Verharmlosung der Judenvervolgung hier ein Straftatbestand ist. Damit legt der Gesetzgeber fest, was "wahr" und was "falsch" ist. Das ist in einer zumindest formalen Demokratie bemerkenswert.

    Bitte nicht falsch verstehen -- weder zweifle ich an dem Sachverhalt (die Wochenschau-Filmberichte von damals reichen mir völlig), noch würde ich womöglich Zweifel provozieren. Dennoch erlaube ich mir diese persönliche Einschätzung:

    Es wäre besser, Zweifler dem Gelächter der Welt auszusetzen, als der Justiz. Denn gegen letztere können sie sich wehren, gegen ersteres nicht.

    PS: Die Begriffe Holocaust und Völkermord passen beide nicht. Völkermord setzt ein Volk voraus, aber "die Juden" sind vermutlich keine ethnische Einheit; und "Holocaust" bezeichnet im griechischen Wortstamm Tieropfer, denen mehr Respekt gezollt wurden als den Auschwitz-Opfern.

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  23. Hi Wolf-Dieter,

    ja, die Begriffe sind semantisch nicht 100% passend, aber jeder weiß, was damit gemeint ist. Wen interessiert denn noch, ob die antiken Griechen Tiere unter dem Begriff geopfert haben? Wer heute Holocaust sagt meint den Massenmord an den Juden, und jeder versteht ihn dahingehend.

    Lg
    Stefan

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  24. Zur Täter-Perspektive ein lesenswerter Artikel im SPIEGEL vom 4.4.11 (übrigens vom vielgescholtenen Jan Fleischhauer) über das Buch von Sönke Neitzel und Harald Welzer: "Soldaten, Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben", S. Fischer Verlag.

    Bestätigt auf bestürzende Weise, dass es ganz normale Männer waren und widerlegt die Mär von der "anständigen" Wehrmacht.

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