Dienstag, 14. Dezember 2010

Anatomie des Holocaust

Von Stefan Sasse

Ankunft von Juden in Auschwitz
Die Frage nach dem Verständnis des Holocaust ist in der öffentlichen Wahrnehmung immer noch weitgehend ungeklärt. Zwar ist die Aufarbeitung - es wurde hier im Blog bereits diskutiert - in Deutschland besonders im Vergleich zu anderen Länderen und deren Kriegsverbrechen extrem fortgeschritten und tiefgreifend. Die Ermüdungserscheinungen gerade des vergangenen Jahrzehnts jedoch, das verhärtende Gefühl von "ich war nicht schuld, ich will das nicht mehr hören" erfordern einen anderen Ansatz der Aufarbeitung. Ich beschreibe diesen anderen Ansatz als "Täger-Perspektive". Gemeint ist, nicht einfach nur die Zahlen der Opfer und die Dimension des Verbrechens aufzuzählen und einen Blick auf die Riege der Top-Nazis von Goebbels über Heydrich zu Himmler und schlussendlich Hitler zu werfen. Das führt in meinen Augen zu nichts. Die Opfer des Holocaust generieren zu reinen Statistiken, und die Riege der nationalsozialistischen Führungsfiguren ist so unglaublich absurd in Verhalten, Gestus, Taten und Absichten, das man sie bis heute kaum versteht und wohl auch nie verstehen kann (vgl. hier). Weiterführend ist stattdessen die Frage, wer den Holocaust eigentlich durchgeführt hat und was die rund 200.000 damit direkt involvierten Menschen bewogen hat, sich der ersten und einzigen industriellen Massentötung der Geschichte zur Verfügung zu stellen. 

Das Gebiet Ober Ost, links Ostsee und Ostpreußen
Die intellektuellen Anfänge des Holocaust können zeitlich recht genau datiert werden und kommen ganz ohne die frühen Hitlers, Himmlers und Goebbels aus, die damals noch zu jung waren. Wir schreiben das Jahr 1914, und der Erste Weltkrieg hat gerade begonnen. Paul von Hindenburg wurde zum Oberkommandierenden der Ostfront, kurz Ober Ost, ernannt. Schnell entwickelte der Begriff ein Eigenleben und umfasste bald den gesamten Stab und die Militäradministration der zu erobernden russischen Gebiete sowie diese Gebiete selbst. Seit die deutsche Armee ab 1915 in die Offensive ging und mehr und mehr russisches Territorium eroberte, erweiterten sich die Kompetenzen von Ober Ost in der Region stets.

Hindenburg hatte dabei für Ober Ost konkrete Pläne. Das Land sollte ein Paradebeispiel für Militärverwaltung werden; die zivilen Autoritäten keinen Einfluss besitzen. Das Land sollte nach dem Krieg nach römischen Vorbild (da ist die geschichtsbetrunkene Hyrbis der Deutschen jener Zeit wieder...!) an die siegreichen Soldaten zur Bestellung verteilt werden. Kurz: Ober Ost sollte eine deutsche Musterkolonie in Osteuropa werden, wie sie noch nie da war, ein Ort der Reaktion, als würde man noch unter Otto dem Großen Lehen zugeteilt bekommen. Von diesen Ideen kann man eine recht direkte Linie zu den Fantasien der SS in den späten Kriegsjahren ziehen, die von der Wiedererschaffung eines "Ordenslands" auf dem Gebiet von Ober Ost und seiner Durchorganisation als Rassenstaat träumte. 

Mit der fortschreitenden Entmachtung der Zivilregierung in Deutschland und der Etablierung einer faktisch, wenn auch partiell parlamentskontrollierten, Militärdiktatur ab 1916 war die Einrichtung Ober Osts nach den Wünschen der Militärs problemlos möglich. Umso deutlicher muss man das Scheitern dieser Bemühungen herausstellen: zwar gelang es, den Nahrungsmittelanbau in Ober Ost zu zentralisieren und autarkisieren und sogar Exporte ins hungernde Deutschland zu senden, der Rest der Organisation jedoch erwies sich als nicht tragfähig: die Deutschen verstanden die Landessprachen nicht und hatten wegen der angespannten Kriegslage kaum Personal zur Verfügung; hunderte von Quadratkilometern wurden von nur wenigen Beamten verwaltet. Die "Verkehrspolitik" teilte da Land willkürlich in Zonen auf, die von den Einwohnern nicht überschritten werden durften und die das gewachsene Sozialgeflecht zerstörten und den einheimischen Händlern ihre Grundlage nahmen. Die einzige Bevölkerungsgruppe, mit denen sich die Deutschen leidlich verständigen konnte und die deswegen den höchsten Status in Ober Ost genoss (bei der allgemeinen Abneigung der Deutschen gegen die Bevölkerung ein zweifelhaftes Prädikat) waren die Juden, die besonders in den Städten lebten, da man deren Jiddisch leidlich verstehen und sie so als Übersetzer nutzen konnte.

Fliehende russische Bauern 1915
Mental war der Eindruck, den Ober Ost auf die Deutschen machte, gewaltig. Selbst Soldaten, die aus den Dörfern Ostpreußens stammten - mithin also der tiefsten Provinz Deutschlands - waren entsetzt über den katastrophalen Lebensstandard im Osten. Sie empfanden ihn als zutiefst schmutzig, unzivilisiert und verstörend. Viele Menschen lebten auf dem technischen Stand des frühen 19. Jahrhunderts, ohne Strom, fließendes Wasser oder andere Segnungen der Zivilisation. Die russischen Behörden waren kaum organisiert und hatten keine verlässlichen Daten über die Bevölkerung. Zig Sprachen wurden gesprochen, die Ethnien lebten kunterbunt durcheinander. Für die Deutschen verdichtete sich das alles in "Chaos". Folgerichtig gingen sie daran, dieses Chaos zu beseitigen; ihre "Verkehrspolitik" war nur eine Maßnahme. Beamte gingen in die Städte und sorgten für Zwangswaschungen in der Bevölkerung, Impfungen und andere grundlegende medizinische und hygienische Maßnahmen, bei denen man völlig die althergebrachten Lebensweise und Traditionen ignorierte und so tat, als würde man die Bevölkerung aus dem primitivsten Schlamm erlösen. Tausende erhielten erstmals in ihrem Leben einen Pass, den Ober Ost ausstellte und der unter anderem Name, Religion, Aufenthaltsort, Geschlecht und andere Informationen enthielt. Zentraldateien wurden angelegt. Die Bevölkerung sollte "deutsche Kultur" erhalten, was für Ober Ost vor allem die Gewöhnung an "deutsche Arbeit" bedeutete: in der Wahrnehmung der Autoritäten waren die Bewohner des Gebiets nicht nur schmutzig und unaufgeräumt, sondern auch faul. Ihre Kultivierung und Zivilisierung sollte deswegen durch einen rigiden Arbeitsalltag und Gewöhnung an Fleiß, Pünktlichkeit und Gehorsam erfolgen.

Letztlich war Ober Ost jedoch ein Fehlschlag. Die Organisation erreichte nie die notwendige Dichte, da das Personal zu knapp war, und die krasse Missachtung bestehender, gewachsener Traditionen und Lebensweisen brachte die Bevölkerung schnell gegen die Besatzer auf. Die eingerichteten Schulen lehrten nur auf deutsch, die Beamten sprachen nur deutsch und die Anweisungen wurden auf deutsch veröffentlicht. Bald konnten die Soldaten sich nicht mehr sicher bewegen, Partisanengruppen bildeten sich. Vergeltungsaktionen heizten den Hass nur noch weiter an. Dazu kamen interne Konflikte in Ober Ost, die durch das Eintreffen der Deutschen angeheizt worden waren: die Ethnien begannen langsam, sich gegenseitig zu bekriegen. Als Ober Ost aufgrund der Waffenstillstandsbedingungen Makulatur wurde, trudelte das Land bereits in Chaos. Um die Evakuierung der deutschen Administration ordnungsgemäß durchführen zu können und vielleicht doch noch das versprochene Siedlungsland zu halten, bildeten sich nach dem Waffenstillstand so genannte Freikorps aus Soldaten, die (noch) nicht ins Reich zurückkehren wollten. Diese Freikoprs bekämpften die örtlichen Partisanen sowie die sich formierenden Streitkräfte der Roten Armee und versuchten, zumindest Gebiete wie Litauen für das Reich zu halten. 

Freikorps "Marinebrigade Erhardt" in Berlin 1920
Die Kämpfe der Freikorps hatten keinerlei Ähnlichkeit mehr mit denen des vorangegangenen Weltkriegs. Sie wurden mit einer Grausamkeit und Bitterkeit geführt, die viele Verhaltensweise des Ostfeldzugs im Zweiten Weltkrieg bereits vorwegnahm. Mit echtem Hass wurde gegen Ethnien ebenso vorgegangen wie gegen die Sowjets, ein Hass, der auf Gegenseitigkeit beruhte. Es lohnt sich an dieser Stelle, die soziale Struktur der Freikorps zu betrachten. Sie bestanden größtenteils aus sehr jungen Soldaten, und ein hoher Prozentsatz von ihnen hatte die Kämpfe des Ersten Weltkriegs selbst nicht mehr gesehen. Die Kämpfe im Osten schienen das versprochene Front-Erlebnis doch noch zu bringen, und sie taten dies oftmals auf intensivere Weise als der Weltkrieg selbst, weil alle Freikorpssoldaten Freiwillige waren und eine gemeinsame Grundeinstellung besaßen. Die später so glorifizierte und mystifizierte Kameradschaft im Schützengraben, das "Fronterlebnis", wurde hier in seiner konzentriertesten Form erlebbar, mit klaren Feinden, mit denen ein Kompromiss ausgeschlossen war. Auf viele Freikorpskämpfer hat das einen tiefen und nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Mitte 1919 endeten die Kämpfe jedoch, als die Reichsregierung alle Soldaten endgültig wegen der Versailler Friedensbestimmungen nach Hause rief. Viele Freikorps hatten bereits ihre Kenntnisse aus dem Kampf gegen die Bolschewisten zuhause im Kampf gegen die Revolution angewandt. Für sie sind der Bolschewismus in Russland und die russische Revolution eins mit der SPD, KPD, USPD und der deutschen Revolution von 1918/19. Sie begreifen sich als Gegenbewegung nicht nur zu dieser Revolution, sondern zur gesamten Nachkriegsordnung, eine Prägung, die ihr Leben lang halten wird.

Mit dem Ende der großen Putsche 1920 wurden die meisten Freikorps endgültig aufgelöst, und nur die wenigsten Soldaten fanden einen Platz in der Reichswehr. In diese hätten sie auch nicht gepasst, war die Reichswehr doch eher ein Hort der Reaktion, letzte Bastion des militärisch-monarchisch geprägten Adels. Die Freikorps mit ihrer betonten Egalität passten da wenig hinein. Viele von ihnen mussten sich andere Beschäftigungen suchen. Wir wollen unseren Blick auf diejenigen wenden, die die Möglichkeit hatten, ein Studium aufzunehmen. Zu jener Zeit gab es, wie zu allen Zeiten, einen akademischen Trend. In den 1920er Jahren hatte man die interdisziplänere Forschung entdeckt, die möglichst viele akademische Bereiche vereinen und so eine fruchtbare Synthese erschaffen sollte. In Deutschland konzentrierte sich diese interdisziplänere Forschung auf ein völlig neues Feld, das für viele junge Menschen besonders mit der sozialen Prägung aus Ober Ost äußerst anziehend war: die Ostforschung. 

Deutsche Offiziere in Riga
Die Ostforschung reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück und untersuchte vor allem deutsche Kultureinflüsse in Osteuropa. Viele Disziplinen leisteten in der Zwischenkriegszeit einen Teil für die Synthese zu einer neuen Stoßrichtung der Ostforschung. Das Land wurde nach ethnischen Gesichtspunkten untersucht und kategorisiert. Dabei stellten die Forscher schnell fest, dass Osteuropa einem ethnischen Flickenteppich glich. Keiner der osteuropäischen Staaten besaß so etwas wie eine homogene Bevölkerungsgruppe oder auch nur signifikante Bevölkerungsmehrheit. Polen siedelten neben Litauern, Rumänen neben Juden, Ukrainer neben Weißrussen, dazwischen gab es Enklaven von Sinti und Roma, von Ungarn und von Bulgaren. Für die Ostforscher war die prägende Assoziation dieser Verhältnisse gewissermaßen vorbestimmt: Chaos. Von hier aus war es nur ein kleiner Schritt zu der Idee, Ordnung - welch prägendere deutsche "Tugend" könnte es geben! - in dieses "Chaos" zu bringen. In der Theorie des akademischen Betriebs nahm sich das auch gut aus: aus dem ethnischen Flickenteppich einheitliche Gebiete zu machen, Grenzbegradigungen durchzuführen und die Bevölkerung zu verschieben. 
Die Beschäftigung mit Ober Ost gehörte natürlich ebenfalls zu diesem Themenkomplex. Die Ansätze mussten den Ostforschern als richtig erscheinen: Ausschaltung der zivilen Verwaltung, zentrale Organisation, Zwangsmaßnahmen und Zivilisierung und Kultivierung der Anwohner. Alles, was es noch zu brauchen schien, war eine Beseitigung des ethnischen "Chaos", dem sich Ober Ost nicht angenommen hatte. In den Augen der Ostforscher lag gerade in der ethnischen Zersplitterung der Grund für die große Zurückgebliebenheit der Ostgebiete gegenüber etwa dem Deutschen Reich. Die Ostforscher prägen auch ganz neue Begriffe: so etwa verschwindet das Begriffspaar "Land und Leute" völlig gegenüber "Volk und Raum". "Volk" kollektiviert dabei die Menschen zu einem einzigen homogenen Körper, den man einfach als Ganzes behandeln und verschieben kann; "Raum" dagegen erweckt den Eindruck, dass das Land gewissermaßen leer der Ankunft und Kultivierung durch seine Eroberer harre. Die Beschäftigung mit dem "Streu- und Inseldeutschtum" legitmiert außerdem die Idee der Germanisierung dieser Gebiete: die Ostforschung macht "Inseln" in der ethnischen Kartographie Osteuropas aus, die von Deutschen bewohnt werden. Dieses Land ist also folgerichtig bereits "kultiviert" und darf als genuin deutscher Anspruch gelten, muss also ins Reich geholt werden. Das umliegende Gebiet braucht man natürlich auch, da gerade vor dem Hintergrund des polnischen Korridors keine "Inseln" geduldet werden könnten. Diese "Inseln" jedoch sollen dabei als Zentren und Ausgangspunkte der Germanisierung dienen. 

Hitler und Himmler auf SA-Kundgebung
Die Ostforscher begreifen sich in vielem als intellektuelle Avantgarde und Vorboten einer neuen Zeit. Ihre Forschung erhebt Ansprüche auf die Gestaltung der Zukunft in eine endgültige, "geordnete" Form. Viele dieser Gedanken wird der Autodidakt Hitler später in der ihm eigenen Art des schnellen Aufgreifens ihm genehmer Gedankenfetzen und Verbinden zu seiner kruden Ideologie aufnehmen und zu der Formel verdichten: "Mir ist egal, wie viel Prozent der Deutschen Geschichte machen, solange wir die letzten sind, die Geschichte machen." Der Nationalsozialismus sollte das Ende der geschichtlichen Entwicklung Deutschlands sein, so oder so. Die Nero-Befehle sprechen später eine deutliche Sprache darüber. Doch nicht nur die Ostforscher hatten dieses Gedankengut in sich. Sie transportierten es auf das akademische Niveau und schufen eine in sich konsistente Ideologie daraus (die freilich nur auf Verhackstückelte Weise bei führenden Nationalsozialisten ankommen sollte). Dem Hauptteil der ehemaligen Freikorps jedoch blieb eine akademische Karriere oder überhaupt ein konsistenter Berufsweg versagt. Viele von ihnen versuchten, das paramilitärische Umfeld der Freikorps aufrecht zu erhalten und gingen zu entsprechenden Bewegungen wie etwa der SA. 

Hier erlebten sie wieder die Ablehnung der Formen des Zivillebens, wie sie es nie annehmen konnten und auch instinktiv mit der verhassten Revolution und der nachfolgenden Republik assoziierten. Hier erlebten sie wieder die Kameradschaft der Freikorpstage, die Egalität und das "wir gegen sie"-Gefühl. Auf diese Art entwickelte sich besonders die SA, aber auch andere Verbände wie der Stahlhelm schnell zu einer Art Avantgarde des Nationalsozialismus. Mit ihrer grundsätzlich revolutionären Einstellung waren sie den Intellektuellen der Ostforschung natürlich ebenso ein Dorn im Auge wie den alten Eliten, die ja immer noch die Reichswehr dominierten. Dies sollte dann 1934 zur effektiven Liquidierung der SA in der "Nacht der Langen Messer" führen; dies ist jedoch hier nicht das Thema. 

Umsiedlungsplan der Nazis nach der Eroberung Polens
Mit der Machtegreifung der Nationalsozialisten änderte sich die Situation grundlegend. Seit 1935 wurde die Wehrmacht aufgerüstet, und die Zielsetzung der Eroberung von "Lebensraum im Osten" riss die Ostforscher aus der Welt der Theorie in die Praxis. Sie waren es, die begannen, die Planung für die Schaffung des "Lebensraums" zu schaffen. Die theoretischen Grundlagen existierten bereits. Nun begannen sie, Pläne für Umsiedlungen zu schaffen, für die Germanisierung und "Kultivierung" des scheinbar so chaotischen, unzivilisierten und verfügbaren "Ostraums". In der Welt ihrer Pläne wurde durch Bevölkerungsverschiebungen Ordnungen in das ethnische Chaos Osteuropas gebracht. Viele der Ostforscher nahmen dabei höhere Positionen in der seit Liquidierung der SA mächtiger werdenden SS ein. Sie betrachteten sich selbst als die kompentensten Männer im Umgang mit der Lebensraumschaffung, und analog zu Ober Ost trachteten sie danach, nicht nur zivilen Einfluss aufzuschalten, sondern auch den der Wehrmacht, die sie korrekterweise als hindernden Faktor in ihren Plänen einstuften.  Zu Kriegsbeginn 1939 waren diese Menschen alle zwischen 30 und 40 Jahre alt, also auf dem Höhepunkt ihres beruflichen Schaffens. Ihre gesamte Sozialisierung war unter der Abwehr von demokratischen, kommunistischen und auch humanistischen Ideen verlaufen. Was nun kam schien der Höhepunkt ihres Schaffens zu sein.

Der Radikalität der Pläne entsprach die Radikalität ihres Scheiterns. Was sich am grünen Tisch als machbar ausgenommen hatte - die Umsiedlung und ethnische Homogenisierung des Landes - erwies sich in der Praxis als unmöglich. Schnell entstanden riesige Ghettos voller Elend, Hunger und Schmutz, und Chaos begann um sich zu greifen. Die Vision der Schaffung von Lebensraum schlüpfte ihren Architekten mit dem Kriegsverlauf und der Unhaltbarkeit der Prämissen mehr und mehr durch die Finger. Weder fanden sich deutsche Siedler für die Ostgebiete, noch war das "Streu- und Inseldeutschtum" eine geeignete Basis für "Germanisierung". Die Ostforscher hatten vielmehr ihre liebe Not damit, die äußerlich kaum von ihren Nachbarn zu unterscheidenden "Volksdeutschen" überhaupt in ihr Weltbild zu integrieren. Ein weiteres Problem stellten schnell die deportierten Juden dar. 

Abtransport aus dem Ghetto ins Vernichtungslager
Diese hatte man zuerst in Ghettos deportiert, um sie dann von dort aus weiter hinter die geplanten Reichsgrenzen zu verschicken. Der erste Plan hierzu war der groteske Madagaskar-Plan, nach dem man dem geschlagenen Frankreich die Kolonie Madgaskar abnehmen und alle Juden dorthin deportieren wollte. Dass die für Europäer lebensfeindliche Umwelt gigantische Todesopfer fordern würde, kalkulierte man kühl mit ein. Da jedoch Großbritannien nicht kapitulierte und die Meere beherrschte, fiel diese Lösung aus, während die Lage in den Ghettos immer schlimmer wurde. Der Verlauf des Ostfeldzugs machte dann auch den Plan, die Juden hinter den Ural zu deportieren, redundant. Da die Versorgung der Ghettos kaum möglich war und Hunger und Krankheiten epedemieartig um sich griffen, war es für die eiskalt denkenden Wissenschaftler der nächste logische, ja geradezu humane Schritt, das Leiden zu verkürzen und stattdessen die industrielle Massentötung anzustreben, die auf der Wannsee-Konferenz im Januar 1942 ihren Ausdruck fand.

Der Holocaust in seiner Form als industrieller Massenmord hat hier seinen Ursprung. Er hat nur wenig mit bestehenden antisemitischen Ressentiments zu tun, die nicht nur in Deutschland jahrhundertelang bestanden. Die Linie von den Pogromen der Kreuzzüge nach Auschwitz zu ziehen ist so wenig zulässig wie zielführend. Es war die Entstehung des Holocaust aus den spezifischen Gedanken und Sozialisierungen seiner Zeit, das gefährliche Gemisch aus der Idee des "Volks", verbunden mit "Raum" und der gezielten Entmenschlichung im Denken von Kollektiven und Kategorien, das ihn ermöglichte. Der Ansatz der Planer und Macher des Holocaust war nüchtern, kalt, rational und wissenschaftlich. Er war nicht derselbe wie der, der die oberste Riege der Nationalsozialisten umtrieb, nicht der totale Rassenwahn mit seinen vollkommen in abstrusen Ideen. Das Scheitern der Intellektuellen gebar die wahre Form des Holocaust, ein Programm von technischer Effizienz, wie es die Nazi-Führungsriege gar nicht selbst hätte schaffen können. Die emotionale Entfernung von der Arbeit, die sie taten, ihre Rationalisierung ihr Begreifen als zu lösendes Problem war die wahre Triebfeder dieses Verbrechens. Es ist deswegen auch müßig, die deutsche Volksseele nach einem besonders tiefgreifenden und bösartigen Antisemitismus zu untersuchen. Es gibt ihn nicht. Der Holocaust hatte die Juden zum Ziel, weil Hitler sie zum Ziel hatte. Seine Macher hätten auch jede andere Gruppe wählen und vernichten können. Das ist die eigentliche, erschreckende Dimension, die hinter dem Holocaust steckt. 

Weiterführende Literatur: 

Bildnachweise: 
Auschwitz -  unknown (gemeinfrei)
Ober Ost - Oberbefehlshaber Ost (gemeinfrei)
Bauern -  unbekannt (gemeinfrei)
Freikorps - unbekannt (gemeinfrei)
Riga - unbekannt (gemeinfrei)
SA - Heinrich Hoffmann (gemeinfrei)
Umsiedlungsplan - unbekannt (gemeinfrei)
Ghetto - unbekannt (gemeinfrei)

Kommentare:

  1. @Stefan Sasse

    Was die "Täterperspektive" angeht, da gibt es neuerdings auch ein hochaktuelles Erstlingswerk über die Moral der Nazis,die, wenn es nach dem Buchautor geht bis heute in Deutschland, queerbeet über alle Gesellschaftsschichten hinweg, nachwirkt - man denke nur über "Anständigkeits"-Vorwürfe gewisser dt. Freiherrn bzw. Verteididungsminister an die Adresse der Opposition, oder an einen gewissen Sozi namens Sarrazin, um nur 2 Beispiele der jüngsten Zeit zu erwähnen.

    Hier der Hinweis:

    "[...](hpd) Der Historiker Raphael Gross legt einen Sammelband mit eigenen Aufsätzen vor, welche die Bedeutung von Auffassungen über „Anstand“, „Ehre“, „Kameradschaft“ und „Treue“ zur Zeit der nationalsozialistischen Diktatur untersuchen.

    Es handelt sich dabei um interessante Fallstudien vom Film „Jud Süß“ über das „Rassenschande“-Bild in den Nürnberger Gesetzen und Hitlers Religionsbegriff bis zum Eichmann-Prozess – allerdings ohne den Charakter einer umfassenden Gesamtdarstellung zum Thema[...]

    Quelle und kompletter Text der Buchbesprechung: http://hpd.de/node/10353

    Gruß
    Limo

    PS: "Erstlingswerk" nenne ich es, weil m. Wissens noch kein solches Werk erschienen ist und ich hoffe, dass diesem Buch weitere folgen, die sich mit diesem Thema befassen

    PS2: Entsprechenden Text weiter unten kannst Du - als Blogbetreiber - löschen, damit der nicht doppelt in deinem Blog steht ;-)

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  2. Gerade den Hinweis

    "Der Ansatz der Planer und Macher des Holocaust war nüchtern, kalt, rational und wissenschaftlich."

    sollte in der heutigen Zeit im Gedächtnis bleiben. Nichts weiter wird betrieben, wenn man versucht über Wissenschaft bestimmte Verhältnisse und Taten zu legitimieren. Kühl und rational wird der Mensch hinter eine Ideologie geschoben.

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  3. Etwas verstehe ich dann aber doch nicht. Die Juden (und Zigeuner) wurden doch alle umgebracht, ganz gleich, wo sie lebten. Länder wie Holland, Frankreich oder Ungarn kann man doch nicht als ethnische Flickenteppiche bezeichnen.

    Im übrigen, welches Motiv kann man denn für die ethnische Neuordnung von Oberost anführen? Um den Landstrich zu germanisieren, hätte man die Leute doch nicht ghettoisieren und deportieren müssen, um schließlich dann ein Ernährungsproblem zu haben, weil man die Subsistenzwirtschaft der Eingeborenen dabei zerstört hat.

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  4. @Die Dicke Anna

    Unmenschlichkeit ist kein rein dt. Phänomen, und es gibt auch zur Geschichte der Kollaboration mit den NS-Besatzern immer noch Neues zu erfahren.

    Hierzu auch einen Hinweis (auch Verbündete halfen fleißig beim Holocaust mit, oft sogar freiwillig, und im Falle Ustascha-Kroatiens auch in vorauseilendem Gehorsams):

    "An der Seite der Wehrmacht: Hitlers ausländische Helfer beim "Kreuzzug gegen den Bolschewismus" 1941 - 1945" von Rolf-Dieter Müller - auch ein Anfang.

    Übrigens ich bin mir fast sicher, dass, damals wie heute, die NS-Moral eben nicht an der Landesgrenze halt gemacht hat, wie neuere Werke über z.B. die Schweiz beweisen.

    Der Anfang der Aufklärung hierüber ist jedoch gemacht, und ich hoffe, dass auch hier Neues herausgefunden wird.

    Gruß
    Limo

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  5. _Mit der Machtegreifung der Nationalsozialisten_

    Haben die die Macht ergriffen?
    Ich denke sie wurden ordentlich gewählt. Und das ist das wirklich beängstigende.
    Beachten Sie einmal wie´die BRD auf die Rutschbahn in den Faschismus geraten ist. Genau wie die "Eliten" es wollten. Und die gewählten Vertreter alle Möglichkeiten des Widerstandes aus dem Weg räumten.
    Mein besonderer Dank gilt der Regierung Schröder.
    Sie hat durch die Schwächung und Korrumpierung? der Gewerkschaften den potentiellen Widerstand geschwächt.
    Und, obwohl sie einst über ein großes Medienimperium verfügten, auf Aufklärung iherer Wählerschichten verzichtet.
    Im Gegenteil, "Ich regiere mit Bild und Glotze".

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  6. Der Faschismus ist dem Kapitalismus immanent und ist eine Reaktion auf Krisenzeiten, in denen die Verbr... äh Eliten von ihrer eigenen Schuld erfolgreich ablenken wollen. Das war in jeder Krise der Fall. Dieses Land hat jetzt schon wieder einen erschreckenden Rechtruck vollzogen. Wir werden es wieder erleben wenn die ersten Asylantenheime brennen und Muslime "geklatscht" werden. Mir ist echt übel, wenn ich an die Zukunft von Europa denke. Das Phänomen ist nicht nur auf D beschränkt. Der Kapitalismus hat ein äußerst destruktives Potenzial und muss so schnell wie möglich überwunden werden. Aber das wird nicht geschehen.... Der letzte macht das Licht aus!

    lg. Micha

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  7. Sorry, aber mit Kapitalismus hat der Holocaust nicht viel mehr zu tun als mit dem durchschnittlichen Niederschlag in der Gobi. Und "Faschismus" ist in dem Kontext kein historischer Begriff; er ist eine linke Kampfvokabel und gehört deswegen auch nicht hierher.

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  8. Hallo Herr Sasse,
    im Bild "Freikorps Marinebrigade Erhardt in Berlin 1919" steht neben dem Foto das Datum 13. März 1920. Mich dünkt, es kann nur eine Datumsangabe richtig sein. In der Wikipedia wird das Bild dem Kapp-Putsch zugeordnet.
    Mit freundlichen Grüßen
    LT

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