Samstag, 28. Mai 2011

Aufstieg und Fall des Bürgertums

Von Stefan Sasse

Nürnberg 1493
Das Bürgertum als Klasse erlebte eine vergleichsweise kurze Geschichte der Prosperität und des Einflusses, die sich vor allem über das 19. und die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts erstreckte. Seine frühesten Ursprünge liegen in der Bildung von Städten im Mittelalter, wo Macht und Einfluss mehr und mehr aus den Händen der Adeligen in die reicher Händlerfamilien übergeht. Zwar verwischen hier die Grenzen von Adel und Bürgertum schnell, weil viele dieser Familien sich schnell in den Adel einkauften oder einheirateten; es entstand mit der Legitimation auf den gewaltigen Vermögen allerdings eine ideologische Verschiebung. Es dauerte viele Jahrzehnte, bis sich eine vermögende, nichtadelige Oberschicht in den meisten Städten gebildet hatte. Abgeschlossen war dieser Prozess wohl erst im 18. Jahrhundert. In manchen Ländern ging dieser Prozess dabei deutlich schneller voran als dies etwa in Deutschland oder Frankreich der Fall war; am auffälligsten ist hier die Vorreiterrolle Englands. Englands Kolonien in Nordamerika schließlich waren die wohl erste bürgerliche Gesellschaft, ihre Revolution wurde von Bürgern für Bürger gemacht: es waren viele Juristen, Händler und Pflanzer unter den Revolutionären von 1775/76. In Kontinentaleuropa aber dauerte die Inkubationszeit dieser Schicht länger. Der Paukenschlag, mit dem sie auftrat, war die französische Revolution. 

Die französische Revolution wurde von den Vertretern des Dritten Standes eingeleitet, bei denen es sich praktisch ausschließlich um vermögende Bürgerliche handelte, die die zahlreichen institutionellen Demütigungen und Entmündigungen im post-absolutistischen Frankreich leid waren. Folgerichtig versuchten sie, ihre Machtposition in Frankreich den wahren Verhältnissen anzupassen. Die Monarchie sollte eine konstitutionelle werden, den reichen Bürgern Mitspracherechte eingeräumt werden. Die Ereignisse der eskalierenden Revolution in Paris spülten diese "moderate" Agenda zwar später hinweg; nach der Terrorherrschaft und mit Errichtung des "Direktorats" ab 1795 aber kehrte das Bürgertum wieder zu autoritärerer Herrschaftsform mit Zensuswahlrecht und ähnlichen Filtern zurück, ehe es von Napoleon aufs Neue entmachtet wurde. Rückgängig gemacht werden konnte die damit verbundene geistige Revolution aber nicht. Der Adel als herrschende Schicht war letztlich delegitimiert. Die Bürgerlichen fühlten sich als eigentlicher Kern des Staates.

Kanonade von Valmy, 1792
Einen wesentlichen Anteil daran hatte die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht im Zuge der Französischen Revolution ("levée en masse"). Bislang waren Armeen Berufsheere gewesen, Instrumente im Dienste des Landesherren. Die Soldaten waren oft genug zum Dienst gepresst worden und mussten mit Gewalt bei der Fahne gehalten werden. Die Fürsten setzten die Armeen ein, um die eigene Bevölkerung in Schach zu halten, sie waren folgerichtig Instrumente der Unterdrückung. Mit der levée en masse kam ein neues Selbstverständnis: Bürger - und das waren in diesem Fall alle wahlberechtigten Männer - dienten freiwillig in einer nationalen Armee. Sie unterwarfen sich Drill und Disziplin aus freien Stücken zur Verteidigung des Vaterlandes. Viele der damaligen Enthusiasten hofften, dass durch diese neuen Armeen die Unterdrückung der Vergangenheit angehören würde, weil Bürger nicht auf Bürger schössen. Diese Hoffnung, freilich, war vergebens. Nach dem Ende der napoleonischen Kriege schlossen die europäischen Fürsten unter der Feder des gefürchteten Metternich eine Allianz, um das eigene Volk in Zaum zu halten und hielten alle Nicht-Adeligen von der Macht fern. Anstatt die Machtprobe aufzunehmen, resignierte das Bürgertum (für die viel breiteren Schichten der Handwerker und Bauern, die den Löwenanteil der Armeen ausgemacht hatten, gab es damals ohnehin noch kaum Aufstiegschancen). Man flüchtete sich ins Private. 

Diese Zeit wird gemeinhin in Deutschland als "Biedermaier" betrachtet. Hier bildete sich das spezifische, bis heute nachwirkende bürgerliche Bewusstsein heraus. Die eigene Stube musste sauber gehalten werden, nach außen hin war man anständig, übers Politische diskutierte man nicht (nicht umsonst findet sich in bereits Jahre vorher in Goethes Faust die Zeile "ein garstig Lied, ein politisch Lied!"). Stattdessen konzentrierte man sich auf den einwandfreien Lebenswandel, war fromm und strebte nach wirtschaftlichem Erfolg. Das Bürgertum teilte sich zu dieser Zeit in zwei Klassen auf, das Großbürgertum der reichen Handelsfamilien und das Bildungsbürgertum der eher niederen Schichten. Die Großbürger nahmen viele Merkmale des Adels an, waren arrogant, strebten nach Titeln und bildeten ihre eigenen Imperien, in denen sie unumschränkt herrschten (zum Schaden ihrer Arbeiter). Die Bildungsbürger hofften in großer Bildung und Belesenheit Aufstiegschancen zu eröffnen und grenzten sich damit von den niederen Schichten ab, besonders der immer größer werdenden Arbeiterbewegung. Da der Aufstiegstraum selten erfüllt wurde, wurden die Bildungsbürger mehr und mehr zu Kleinbürgern, in deren Schicht aufzusteigen von unten her langsam besser möglich wurde. 

Revolution 1848/49 in Deutschland
Gegen Mitte des 19. Jahrhunderts formierte sich aus dieser Lebensweise, dieser Gedankenwelt, eine Art politischer Arm: die liberale Bewegung. Eine Partei bildete sie nicht, das wäre dem Selbstverständnis der Bürgerlichen auch viel zu sehr entgegengelaufen. Es waren honorige Individuen, die sich mit einer gleichen Zielvorstellung zusammenschlossen. Es ging vor allem darum, mehr politische Rechte zu bekommen, Rechtssicherheit zu schaffen und, natürlich, einige Privilegien zu erringen. Die Liberalen waren letzten Endes Lobbyisten des Bürgertums, besonders des Großbürgertums, auch wenn sie aufrichtig daran glaubten, dass ihre Ideale allen Menschen zugute kommen würden. Ihre politische Naivität wurde 1848 bitter bestraft, als die Revolution im Pulverdampf der preußischen Infanterie unterging, nachdem sie sich vorher bereits mehr oder minder obsolet gemacht hatte. 

In die Zeit von Bismarcks Aufstieg in Preußen fällt der Aufstieg des Nationalismus. Vaterlandsliebe und Patriotismus breiteten sich immer mehr aus, weniger im Großbürgertum, das mit seinen fast adeligen Attitüden und der internationalen Vernetzung weniger damit anfangen konnte, als vielmehr im Kleinbürgertum. Besonders die Geschichtswissenschaft erlebte eine unglaubliche Blüte und legitimierte den jeweiligen Glauben an die eigenen nationale Überlegenheit, konstruierte irgendwelche Kontinuitäten wenn es sein musste aus dem Dunkel der urgermanischen Wälder. Die liberale Bewegung spaltete sich, sie entwickelte einen "nationalliberalen" Flügel, der eine Weile lang half Bismarck an der Macht zu halten und dem Bürgertum einen gewissen Platz einräumte (den das Großbürgertum bereits seit längerem innehatte). Dies fiel den alten Autoritäten umso leichter, als dass die Zeiten des allumfassenden liberalen Begriffs vorbei waren: war 1848 noch ein gesamtdeutscher Liberalismus gescheitert, der alle Deutschen hätte einigen sollen, verteidigte man sich nun gegen eine scheinbare Gefahr: die Arbeiterbewegung. Diese wurde immer größer, und das Bürgertum fühlte sich von ihr mindestens genauso bedroht wie der Adel, wahrscheinlich eher mehr. Immer mehr und immer aggressiver grenzte man sich ab, mit dem paradoxen Effekt, dass die Arbeiterbewegung bestimmte Merkmale des Kleinbürgertums übernahm, besonders das Vereinswesen und den starken Fokus auf der Bildung als Aufstiegsmöglichkeit.

Reichstag 1889
Im Deutschen Reich waren die Fronten klar verteilt, obwohl die Nationalliberalen zeitweise mit Bismarck kooperierten. Die Interessen der Liberalen und der Konservativen widersprachen sich häufig, aber man war sich im Feindbild einig: die Sozialdemokratie und das katholische Zentrum. Zum Glück für Liberale und Konservative waren auch SPD und Zentrum sich lediglich in dem einig, was sie nicht wollten, und auf diesen politischen Frontlinien beruhte das Kaiserreich für viele Jahre. Diese Jahre des Kaiserreichs waren eine Blütezeit des Bürgertums. Die Gefahr einer Revolution durch die Arbeiterbewegung geriet mehr und mehr in den Hintergrund, die wirtschaftliche Lage war gut und stabil. Politisch lief zwar nicht alles so, wie man es haben wollte, aber auch nichts derart falsch, als dass man unzufrieden wäre. Patriotische Feiern und die Kolonialpolitik hoben die Herzen des Kleinbürgertums, während die Großbürger in den Möglichkeiten schwelgten, die fehlende Anti-Trust-Politik boten. 

Das alles änderte sich schlagartig 1914. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs riss Schranken nieder, an deren Unverrückbarkeit vorher so viele geglaubt hatten. Die gehegten Standesunterschiede wurden in den Schützengräben bis zur Bedeutungslosigkeit verwischt. Frontsoldaten entfremdeten sich der bürgerlichen Wertewelt rapide, nahmen sie bald nur noch als hohl war und konnten mit dem Patriotismus alter Prägung kaum mehr etwas anfangen. Viele bürgerliche Familien investierten praktisch das gesamte Ersparte in Kriegsanleihen, teils aus patriotischer Pflicht, teils um am Sieg teilhaben zu können. An der "Heimatfront" profitierten derweil vor allem zwei Gruppen: die fabrikbesitzenden Großbürger und die begehrten Facharbeiter. Niemand hatte mehr Nachfrage nach Oberschullehrern oder Anwälten, aber wer Kanonengießen konnte besaß plötzlich ungeahnte Wichtigkeit. Die Inflation der Kriegsjahre traf das Kleinbürgertum wesentlich härter als die Facharbeiter, deren Löhne relativ weit weniger sanken als die der Ungelernten und der Bildungsbürger. 

Höchstwertige Banknote der Weimarer Republik 1923
Diese Lage verschlimmerte sich nach dem verlorenen Krieg noch mehr. Man hatte mit deutlich mehr Einsatz als etwa die Arbeiterschaft den Krieg bis zuletzt unterstützt, war stets guter Patriot gewesen - und nun war scheinbar alles vergebens. Die Sozialisten, so hieß es bald in der gerne geglaubten Dolchstoßlegende, hätten dem Volk den sicheren Sieg entrissen. Mit der neuen Republik wurde das Bürgertum nie recht warm; die Wahlergebnisse zeigen es deutlich. Die Liberalen verlieren mehr und mehr an Boden. Einen schweren Schlag versetzte die Hyperinflation von 1923: wer über den Krieg Ersparnisse hatte retten können verlor sie nun innerhalb weniger Wochen. Erneut war man in der demütigenden Situation, dass Facharbeiter und andere prinzipiell sicherer lebten. Natürlich war das eine verschobene Wahrnehmung aus dem sozialen Abstieg, aber man nahm sie als persönliches wie klassenumgreifendes Drama wahr. Zwar gelang es in den "Goldenen Zwanzigern" erneut, kleine Vermögen aufzubauen und die persönliche Lage zu stabilisieren; die Weltwirtschaftskrise aber spülte auch das hinweg. 

Das Kleinbürgertum als spezifische Schicht hört in diesen Tagen zu existieren auf. Viele radikalisieren sich und wenden sich Parteien des rechten Randes zu, sehnt man sich doch nach der (oftmals persönlich schon kaum mehr erlebten) Kaiserzeit zurück, die Wohlstand und Stabilität versprach. Andere blieben liberalen Idealen treu, wieder andere flüchteten aus der politischen Sphäre und wurden zu Nichtwählern. Der wahre Dolchstoß in den Rücken folgte 1930. Reichskanzler Heinrich Brüning, der ohne parlamentarische Mehrheit eigentlich illegal, von der Sozialdemokratie aus Furcht vor Schlimmerem geduldet regierte, setzte ein rigoroses Sparprogramm durch, das die Wirtschaftskrise entscheidend verschärfte und die Arbeitslosigkeit in die Höhe trieb. Brüning war ein Bürgerlicher, und er wollte nichts mehr als die verhasste Republik zu beseitigen und stattdessen zu einer autoritären Herrschaft von Adeligen und Honoratioren zurückzukehren, einer Art deutschem Direktorium vielleicht. Wenn aber noch eine substantielle Zahl Menschen Hoffnungen in eine Lösung durch die Politik gesetzt hatten, so musste Brüning sie zerstörten. Der Aufstieg der Nationalsozialisten beendete dann die Existenz des Bürgertums als politischer Klasse endgültig. Ihre Nivellierung unter den Marschtritt der SA machte die Frage nach politischen Rechten überflüssig, der wirtschaftliche Erfolg der NS-Regierung legitimierte diese. Viele Bildungsbürger wurden von den Nazis ins Exil getrieben oder gingen freiwillig.

Hotel Prinz Albrecht, Sitz der SS
Im Nazi-Reich zeigte sich jedoch bald, dass das Bürgertum mitnichten einfach verschwand und in der "Volksgemeinschaft" aufging. Letztere blieb während der gesamten Dauer des Dritten Reiches mehr Illusion als Wirklichkeit. Während der Adel bis in den Krieg hinein noch seine angestammten Plätze in Diplomaten- und Offizierskorps halten konnte, schloss das Bürgertum die im 19. Jahrhundert begonnene Eroberung der mittleren und technischen Führungsschichten ab. Das "mittelere Managment" praktisch aller Wirtschaftsbetriebe und Bürokratien wurde von ihm gestellt. Kleinbürger erstellten Fahrpläne der Reichsbahn, organisierten den Aufbau der Wirtschaft, schrieben neue Gesetze und waren die Techniker der neu entstehenden Wehrmacht, besonders in Luftwaffe und U-Boot-Waffe. Später würden sie auch die Ränge der SS und Waffen-SS füllen (während die frühere SA eher aus Proletariern bestanden hatte). Nach dem 20. Juli 1944 hörte der Adel als politische Entität zu existieren auf. Er sollte nie wieder eine Rolle spielen. Das Großbürgertum, vor allem in Gestalt der großen Unternehmer, verlor ebenfalls in der NS-Zeit stark an Einfluss. Es waren Überreste der früheren Bildungsbürger und die Kleinbürger, die das NS-Reich konstituierten.

Sie mussten nach seinem Zusammenbruch am meisten um ihre Pfründe fürchten. Zwar erwies sich die strafende Hand der Besatzer schnell als äußerst lax, und ermöglichte es die weitverbreitete Praxis der gegenseitigen Unbedenklichkeitserklärungen ("Persil-Scheine"), den Verfahren weitestgehend zu entkommen. Jedoch drohte dem Bürgertum die Gefahr eines roten Deutschland, wie bereits einmal 1918/19. Es gab starke Strömungen, die zur Zusammenarbeit aller antifaschistischen Parteien aufriefen. Der Widerstand von Kommunisten und Sozialdemokraten und der Sieg der UdSSR, ebenso der Wahlsieg von Labour in England, schien diesen Trend zu festigen. Als sich noch 1945 die CDU konstituierte, tat sie dies entgegen dem alten Zentrum, von dessen Protagonisten sie hauptsächlich aufgebaut wurde, dezidiert nicht als katholische Sammlungspartei, sondern als bürgerliche. Das Ziel der CDU war es damals, alle Konkurrenzparteien - etwa die Deutsche Partei, das Zentrum, die FDP - aufzusaugen und eine geeinte Bürgerfront gegen den Sozialismus zu stellen. Bekanntlich war dieses Vorhaben auch wegen der Realitäten des beginnenden Ost-West-Konflikts von Erfolg gekrönt. Die CDU gewann mit einem bürgerlichen Bündnis die Wahl von 1949, stellte sich gegen die Idee einer Volksfrontregierung und baute ihre Herrschaft über die 1950er Jahre hinein aus. Die Arbeiterbewegung wurde, als ob Bismarcks Plan späte Früchte tragen würde, durch den wirtschaftlichen Aufstieg und die Sozialreformen sowie durch die sich ändernden Lebenswirklichkeiten langsam als einheitliches Milieu zersetzt.

Willy Brandt 1980
Doch dieser bürgerlichen Restauration war keine lange Lebensdauer beschienen. Das alte Bildungsbürgertum existierte, von den Nazis zerstört, praktisch nicht mehr. Die Zeit der patriarchalisch geführten Unternehmen war vorüber, das technischere "Managment" begann mehr und mehr Einzug zu erhalten. Am schlimmsten aber war letztlich der fehlende Nachwuchs, der beiden konkurrierende Milieus - Bürgertum und Arbeiterbewegung - wegbrach. Die Generation der 68er beschädigte das Selbstverständnis beider bis ins Mark; das Bürgertum indem seine materielle Fixierung und seine Rolle in der Nazizeit hinterfragt wurden, die Arbeiterbewegung indem die Arbeiter selbst entpolitisiert und die SPD zur Volkspartei wurde, indem sie sich den Akademikern öffnete. Der scharfe Antikommunismus, der den Bürgerlichen als einendes Element verblieben war, zog nicht mehr wie ehedem. Zudem ging das Bürgertum letztlich an seinem eigenen Erfolg zugrunde: die BRD verstand sich als eine Mittelschichtgesellschaft, als eine Gesellschaft von Bürgern. Durch wirtschaftlichen Aufstieg, eine vergleichsweise faire Spreizung von Einkommen und Sozialleistungen war es gelungen, den alten Zusammenhang von "Arbeiter" und "arm" aufzuheben. Das war der Hauptgrund für den Zerfall des Milieus, aus dem die SPD lange Jahrzehnte genährt worden war, und die Schaffung neuer "Kleinbürger" aus den Reihen der ehemaligen Arbeiterschaft, die aber mit der konservativen Prägung des früheren Bürgertums nichts zu tun hatte, überforderte die Union letzten Endes völlig. Es gab zu viele verschiedene Spielarten von "Bürgertum" in der BRD, der Begriff weichte auf, die Grenzen verflossen. Die Volksparteien hatten fast Erfolg damit, ein Zweiparteiensystem auf dieser Grundlage zu schaffen. Das alte Bürgertum aber, mit seinem Selbstverständnis, seinen Werten und seiner Klassenexistenz, die es letzten Endes immer als Schicht zwischen Adel und Arbeiter/Bauern definiert hatte, war passé.

Lange währte dieser Zustand nicht. Bereits in den 1980er Jahren begann mit der ewigen Schulden- und Reformkrise des Staates die Durchsetzung einer neuen "bürgerlichen" Politik, der des Neoliberalismus. Ein bisschen gemahnt sie an die Anfänge, als die Großbürger des 19. Jahrhunderts so stark profitierten und reich wurden, indem sie auf dem Rücken eines wohlwollenden Staatsapparats riesige Monopolimperien gründeten. Abstammung wird wieder wichtiger, es werden stärkere Kodices eingeführt, die eine Abtrennung nach unten ermöglichen soll. Der Adel gehört zu dieser neuen Führungsschicht mittlerweile dazu, eine Abtrennung nach oben gibt es nicht mehr. Stattdessen wird die Grenze nach unten gezogen und Schritt um Schritt angehoben. Heute existiert die bürgerliche Mittelschichtgesellschaft bereits nicht mehr. Die BRD teilt sich mehr und mehr in wenige Gewinner, einen Haufen Verlierer und eine ängstliche Schicht derer, die viel zu verlieren, aber wenig zu gewinnen haben. Ob das als "bürgerlich" bezeichnet werden kann, bleibt dabei fraglich. Es scheint realistischer anzunehmen, dass es sich um ein neues Phänomen handelt. Das Bürgertum ist, wie auch sein ewiger Gegenpart, die Arbeiterbewegung, in der BRD langsam verschwunden. Es hat sich aufgelöst, langsam und stetig, als seine Trägerschicht zu groß und differenziert wurde. Vermutlich war das eine gute Zeit.

Bildnachweise: 
Nürnberg - Michel Wolgemut, Wilhelm Pleydenwurff (gemeinfrei)
Valmy - Jean-Baptiste Mauzaisse (gemeinfrei)
Revolution - unbekannt (gemeinfrei)
Reichstag - Julius Braatz (gemeinfrei) 
Banknote - Reichsbank (gemeinfrei)
Hotel - unbekannt (CC-BY-SA 3.0) 
Engelbert Reineke (CC-BY-SA 3.0)

Kommentare:

  1. "Bürgerlich" war doch eh nur brauchbar als Abgrenzung des Adels (der lange keine/n "Bürgerliche/n" heiraten wollte) und Arbeiterschaft/-klasse/-schicht.

    Von wem will Schwarz-Gelb sich eigentlich abgrenzen durch die Selbst-Bezeichnung als "bürgerliche" Koalition?

    Den "Besitz"-Bürger als negatives Gegenstück zum "Bildungs"- Bürger gibt es ja noch, die Statusmerkmale müssen die Kinder dann allerdings im teuren Internat erwerben.

    Die Frage, was heute "bürgerlich" heißt, ist so interessant wie die Frage, was heute "links" ist. Deshalb danke für den Versuch.

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  2. Danke, gern geschehen.

    Die Abgrenzung, die CDU und FDP vornehmen, geht letztlich auf die im Artikel beschriebene Verallgemeinerung des Bürgerbegriffs in der Frühzeit der BRD zurück. Abgegrenzt wird gegenüber Linksliberalen, Akademikern und ähnlichen Leuten, die progressiv sind und bestimmte Werte in Frage stellen. Nicht mehr wie früher abgegrenzt ist man gegenüber Arbeitern, Arbeitslosen oder dem Adel, die sind vielmehr inkludiert. Der Bürgerbegriff, den Schwarz-Gelb verwendet, bezieht sich viel mehr auf eine Geisteshaltung, die sich am ehesten mit Adenauers legendärem Slogan "Keine Experimente" zusammenfassen ließe.

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