Dienstag, 6. Dezember 2011

Die Außenpolitik der Bonner Republik

Von Stefan Sasse

Konrad Adenauer
Als die Bundesrepublik Deutschland im Mai 1949 gegründet wurde, war sie ein Produkt des verlorenen Krieges. Drei Siegerstaaten hatten ihre Besatzungszonen vereinigt und die darin lebenden Deutschen in eine eingeschränkte Souveränität entlassen. Dass in einer solchen Situation nur wenig außenpolitischer Spielraum bestand, wo doch letztlich jeder Schritt noch genehmigungspflichtig war, versteht sich von selbst. Trotzdem gelang es der deutschen Außenpolitik, innerhalb nur weniger Jahre bemerkenswerte Freiräume zu schaffen und diese gezielt zu füllen. Die starke Prägung innenpolitischer Verhältnisse durch die außenpolitischen - Stichwort Westbindung - rechtfertigt auch eine engere Beschäftigung mit dem Gegenstand, die im folgenden vorgenommen werden soll. Die Außenpolitik der BRD lässt sich dabei in drei große Phasen unterteilen: die Westbindung unter CDU-geführten Regierungen und Außenämtern, die Ostpolitik unter SPD und FDP und schließlich der Kurswechsel des vereinigten Deutschland in der Berliner Republik, der noch lange nicht abgeschlossen ist und deswegen allenfalls grob skizziert werden kann. Beginnen wir mit der Ausgangssituation. 

1949 war Deutschland in zwei sich potentiell feindlich gegenüberstehende, an ihre jeweiligen ebenfalls feindlich gesinnten Besatzungsmächte gebundene Staaten aufgeteilt. Jede dieser Besatzungsmächte hatte ein deutliches Interesse, das jeweilige Deutschland an sich zu binden. Die Sowjetunion übte auf die DDR ohnehin einen wesentlich direkteren Einfluss als die Westmächte auf die BRD aus, so dass von dieser Seite wenig Eigeninitiative zu erwarten war. Diese lag vielmehr bei der BRD. Für die 1949 ins Amt gewählte erste Regierung Adenauer gab es vor allem zwei Ziele, die dringlichst zu verfolgen waren: erstens, die Wiedergewinnung einer möglichst großen Souveränität und Handlungsfreiheit und, zweitens, die außenpolitische Marginalisierung der DDR. Für Adenauer war klar, dass die Erringung von Souveränität nur durch eine Zerstreuung des Misstrauens gegenüber Deutschland möglich war, das - verständlicherweise - bei seinen Nachbarn vorherrschte. Zwar hatte Churchill in seiner berühmten "Züricher Rede" 1946 bereits eine starke Bindung von Frankreich und Deutschland angemahnt, um den Zwist der Vergangenheit zu beenden und für die Zukunft eine Absicherung vor allem gegen den Ostblock zu erreichen. Wie das allerdings vor sich gehen sollte war völlig unklar. Eine Wiedergewinnung voller staatlicher Souveränität war nach der Lage 1949 für die mittelfristige Zukunft völlig ausgeschlossen, beinhaltete es doch auch den Aufbau souveräner Streitkräfte sowie souveräner Außenpolitik mit allen Staaten. Für die Alliierten besonders in Westeuropa war beides aus naheliegenden Gründen nicht akzeptabel.

Die Unterzeichner von Rapallo 1922
Der eine ist leicht zu verstehen: eine deutsche Armee nur vier Jahre nach dem Krieg, an nichts gebunden - das war für die immer noch unter den Kriegsfolgen leidenden westeuropäischen Staaten nicht auch nur zu denken. Zwar hätten die Amerikaner gerne deutsche Truppen für die Verteidigung gegen eventuelle sowjetische Übergriffe gesehen; aktuell aber waren die Sensibilitäten andere. Der zweite Grund ist der so genannte "Rapallo-Komplex". 1922 hatte die Weimarer Republik in Rapallo mit der jungen Sowjetunion einen Vertrag geschlossen, in dem die beiden damaligen Parias Deutschland und Russland die Aufnahme diplomatischer Beziehungen und den Verzicht auf Reparationen beschlossen. Weimar begann damit seine "Schaukelpolitik" zwischen West und Ost, deren ultimatives Ziel die Revision des Versailler Vertrags war. Für die Westmächte stand fest, dass Deutschland schon allein wegen seiner europäischen Mittellage wieder zu einer solchen Politik neigen würde, wenn ihm volle Souveränität gewährt wäre - ein Albtraum für die Westeuropäer, die in einem kontrollierten West-Deutschland einen Garanten für die Präsenz der USA und die Abschreckung der UdSSR sahen. 

Adenauer, ohnehin nicht von gesamtdeutschen Sensibilitäten behindert, begegnete diesen Ängsten deswegen früh. Als 1950 der Korea-Krieg ausbrach und die amerikanische Wirtschaft und ihr Militär unter starken Druck setzte, bot er eine Wiederbewaffnung Deutschlands im Rahmen einer europäischen Verteidigungsgemeinschaft an. Für die Amerikaner war dieses Angebot sehr attraktiv, da sie dadurch westdeutsche Truppen bekämen und Ressourcen für den Krieg in Korea freimachen könnten. Die Franzosen waren deutlich skeptischer, nicht hauptsächlich, weil sie einer deutschen Armee misstrauten - die ersten Vorschläge sahen keine deutschen Offiziere, sondern ein generelles Kommando durch die Verteidigungsgemeinschaft vor, das heißt also französischer Offiziere - sondern weil es auch eine empfindliche Einschränkung ihrer eigenen Souveränität und Bewegungsfreiheit besonders in Kolonialfragen bedeutete. Diese Diskussion, die in Deutschland erheblichen inneren Widerstand hervorrief (die so genannte "Ohne Mich"-Bewegung), schleppte sich daher von Jahr zu Jahr hin. 

Flagge der EGKS
Wesentlich erfolgreicher war ein anderer Versuch der Regierung Adenauer. Da ein großer Teil der deutschen Militärkraft dem Schwerindustriegebiet an der Ruhr zugeschrieben wurde, war die Kontrolle oder zumindest Überwachung stets ein Herzensanliegen der Westeuropäer. Adenauers Ideen kam das sehr entgegen. Als Außenminister des 1951 gegründeten Außenamts leitete er die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl EGKS in die Wege (auch: "Montanunion"). Diese erste supranationale Behörde fungierte als Aufsichts- und Koordinationsinstanz für die Schwerindustrie Frankreichs, Deutschlands und der Benelux-Länder, die damit eine erhebliche Kontrolle über eine etwaige deutsche Aufrüstung bekamen. Da Adenauer ohnehin keine von den Westmächten unabhängige Aufrüstung plante, da er einen dann wachsenden Einfluss protestantischer und sozialistischer Elemente und eine Hinwendung zum Ostblock, eine Rückkehr zur Schaukelpolitik von Rapallo sowie einen Neutralitätskurs befürchtete, kam ihm das sehr entgegen. 

Die Aufgabe von Souveränität zugunsten supranationaler Organisationen wurde das beherrschende Merkmal dieser frühen deutschen Außenpolitik und besänftigte viel Misstrauen. Auch Unternehmungen wie das Luxemburger Abkommen mit Israel, das Wiedergutmachungen für den Holocaust vorsah, sowie das Londoner Schuldenabkommen für die Schulden aus der Zeit der Weltkriege, des Nationalsozialismus' und Weimars trugen dazu bei, Vorbehalte abzubauen. Diese Vorarbeiten ermöglichten 1955 die Initiierung gleich vierer großer Schritte, mit denen die bundesdeutsche Außenpolitik erheblich an Gewicht und Freiraum gewann. Dies war, erstens, die Aufhebung des Besatzungsstatus. Deutschland wurde damit die volle Souveräntität mit der Ausnahme von Regelungen gesamtdeutscher Belange, sprich, der Wiedervereinigung, zugestanden. Außerdem behielten sich die Alliierten Vorbehaltsrechte im Falle einer Machtzunahme von extremistischen, die Demokratie bedrohenden Kräften vor. Zweitens führte Deutschland - nach dem Scheitern der Versuche der Errichtung einer europäischen Verteidigungsgemeinschaft - die allgemeine Wehrpflicht für die neu geschaffene Bundeswehr ein, die, drittens, in die NATO integriert und dadurch fest an den Westen gebunden wurde. Zusammen mit der EGKS zementierte dies die Westbindung einer- und die Überwachung und Kontrolle durch die Westmächte andererseits. Und viertens verkündete Walter Hallstein in diesem Jahr die so genannte Hallstein-Doktrin, in der angekündigt wurde, dass die BRD die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur DDR als "unfreundlichen Akt" betrachten und mit dem Abbruch eigener diplomatischer Beziehungen sanktionieren würde. 

Walter Hallstein 1969
Eine Weile lang war diese Doktrin tatsächlich erfolgreich. Besonders Staaten etwa in Afrika, Asien oder dem mittleren Osten - also solche, die nicht formal bereits einem der beiden Blöcke angeschlossen waren - nahmen im Hinblick auf bundesdeutsche Entwicklungshilfe und Märkte keine Beziehungen zur DDR auf. Spätestens jedoch, als die arabischen Staaten auf einen aggressiven Kurs gegenüber Israel gingen und die BRD sich klar auf die Seite Israels stellte, brach diese klare Linie auf. Beginnend bei arabischen Staaten (und Jugoslawien) wurden Beziehungen zur DDR aufgenommen. Für die BRD stand damit eine unangenehme Frage ins Haus: würde man die Drohung wahr machen? Wie bereits bei Eisenhowers Konzept der "massive retaliation" als Reaktion auf sowjetische Aktionen zeigte sich, dass die ultimative Drohung letztlich ein Bluff war. Der Schaden für die BRD selbst war zu hoch, als dass sie ihre radikale Abbruchspolitik durchsetzen könnte. Jahrelang mäanderte die BRD umher, unfähig, die Hallstein-Doktrin voll anzuwenden, unfähig, sie auszusetzen. Die außenpolitischen Optionen CDU-geführter Regierungen im Hinblick auf Ostpolitik bewegten sich rapide gegen null. Sie hatte sich selbst in eine Sackgasse manövriert, aus der sie nicht mehr herauskam. Ein letzter großer Erfolg allerdings war ihr 1957 beschieden: die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft nahm auch Italien in den Bund der bisherigen Montanunion auf, erweiterte deren Kompetenzen stark und gab Deutschland über die Wirtschaftskraft der BRD einen starken Hebel an die Hand.

Bereits zu Beginn der 1960er Jahre aber zeigten sich zunehmend Probleme. Nicht nur war die harte Linie gegenüber dem Ostblock kaum mehr aufrechtzuerhalten und blockierte und belastete mehr und mehr die Beziehungen zu Drittstaaten, die mit diesem Konflikt eigentlich nichts zu tun haben wollten. Auch die Umorientierung der USA und Frankreich stellte Bonn vor erhebliche Probleme. Frankreich versuchte, sich stärker von den USA zu emanzipieren und eigenständige Politik zu betreiben, womit de Gaulle die BRD in eine prekäre Situation trieb: einerseits galt die enge Bindung zu Washington als sine qua non, denn ohne die US-Truppen war an ein Aufhalten einer eventuellen sowjetischen Invasion vor dem Rhein überhaupt nicht zu denken. Andererseits basierte aber das europäische Projekt auf einer engen Kooperation Deutschlands und Frankreichs, und de Gaulle ging sogar so weit, mit Strauß und Adenauer über den Aufbau einer gemeinsamen, von den USA unabhängigen Atomwaffe zu verhandeln. Die BRD saß so zwischen den Stühlen. Am Ende entschied man sich, de Gaulles Unabhängigkeitsofferten zu ignorieren und sich an die USA anstatt an Frankreich zu binden, das für eine Weile einen Alleingang unternahm und sich an eigenständiger Großmachtpolitik versuchte ("Politik des leeren Stuhls"). 

Willy Brandt 1980
Als Ludwig Erhards Regierung 1966 zerbrach und die CDU mit der SPD in die Große Koalition eintrat, wurde Willy Brandt Außenminister. Die SPD forderte, wie manche Stimmen in der FDP, schon seit längerem ein offenes Verhältnis mit dem Ostblock und eine aktivere Politik. Später sollten diese Forderungen unter dem Stichwort "Wandel durch Annäherung" bekannt werden. Erste Schritte in diese Richtung fanden bereits während der Großen Koalition statt, wo jedoch sowohl die CDU als auch die eher rechtsgerichteten Kräfte in der FDP - die zu dieser Zeit in einen eher reformerischen sozialliberalen und einen eher konservativ-libertären nationalliberalen Flügel gespalten war - immer wieder querschossen. Es war die Wahl 1969, die die Möglichkeit einer solchen Politik plötzlich auf den Tisch brachte. Wirklich damit gerechnet hatte niemand; die Wahl wurde von innenpolitischen Themen sowie einem außenwirtschaftlichen Thema (der D-Mark-Aufwertung) bestimmt. Die Möglichkeit einer Koalition der SPD mit der FDP ergab sich eher unvorhergesehen durch das Verfehlen der 5%-Hürde durch die NPD, und die so gebildete Koalition besaß auch nur eine Mehrheit von 12 Stimmen. Angesichts der Spaltung der FDP war das nicht besonders viel, und es sollte sich auch bald zeigen, dass es nicht ausreichend war. Die erste Regierung Brandt trat trotzdem die Flucht nach vorne an und führte die BRD in eine Reihe von außenpolitischen Handlungen, die die beginnenden 1970er Jahre politisch entscheidend prägten. 

Gegen eine Unionsopposition, die die Ostpolitik mindestens ebenso erbittert bekämpfte wie die SPD ihrerzeit Wiederbewaffnung, Westbindung und Montanunion, peitschte Brandt unter tatkräftiger Hilfe Egon Bahrs als "Chef-Unterhändler" des Kanzleramts einige Verträge durch, die einen sich bereits zur Zeit der Großen Koalition herausbildenden Paradigmenwechsel bestätigten. So sollte die DDR weiterhin nicht völkerrechtlich anerkannt, wohl aber in die Entspannungspolitik einbezogen werden, die, von den USA ausgehend, ein generelles Klima der Entspannung zwischen den Machtblöcken zu schaffen versuchte. Brandt prägte dafür die Formel "zweier deutscher Staaten, die füreinander nicht Ausland sind". Dafür war es essentiell, die Einwilligung der Sowjetunion in eine solche Politik zu erreichen, ohne die keine Schritte mit irgendeinem osteuropäischen Staat möglich waren. Da die DDR auf praktisch unerfüllbaren Forderungen beharrte - vor allem der bedingungslosen Anerkennung - war dieser Weg ohnehin der zweckmäßigste. Konsequenterweise wurde der erste der "Ostverträge" auch mit der Sowjetunion 1970 abgeschlossen. Gegenstand dieses Vertrags: die Oder-Neiße-Grenze mit Polen und die Unverletzlichkeit der deutsch-deutschen Grenze. Beides waren Gegenstände, die von souveränen Staaten selbst hätten unterzeichnet werden müssen; dass zuerst ein entsprechender Vertrag mit der Sowjetunion erstellt wurde, spricht Bände über das Machtgefälle innerhalb des Ostblocks. 

TitelbildErst folgend auf diesen Vertrag folgte ein praktisch gleichlautender mit Polen, ehe dann 1972 der Grundlagenvertrag mit der DDR folgte. Und der hatte es in sich. Die beiden Staaten garantierten sich (ohne volle Anerkennung durch die BRD), dass sie ihre Grenzen achten und zusammenarbeiten würden, besonders auf dem Gebiet der Abrüstung, und außerdem durch Ständige Vertretungen (letztlich nur ein anderes Wort für "Botschaft", um nicht "Botschaft" sagen zu müssen) miteinander Kontakt halten und kooperieren würden. Die von Brandt regelmäßig angemahnten "menschlichen Erleichterungen" waren bereits zum Teil 1971 im Transitabkommen vertraglich fixiert worden. Mit einem Vertrag mit der Tschecheslowakei 1973, in der formal auf das Sudetenland verzichtet und erneut der aktuelle Grenzverlauf bestätigt wurde, endete diese Phase deutschen Unilateralismus in der europäischen Ostpolitik. Obwohl es heute gerne so dargestellt wird, als ob Deutschland hierbei mutig vorangeschritten sei, wurden letztllich nur Schritte nachvollzogen, die andere Staaten bereits, wenn auch nicht durch Verträge formell gesichert, bereits hinter sich hatten. In jedem Falle wurden BRD und DDR beide in die UNO aufgenommen, womit ein weiterer Schritt der Akzeptanz und eine Ausweitung des außenpolitischen Spielraums erreicht war. 

In der folgenden multilateralen Phase in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre waren beide deutsche Staaten an den MBFR-Abrüstungsverhandlungen beteiligt und gleichberechtigte Partner auf der ersten KSZE-Konferenz. Dieser fällt eine große Bedeutung für die zweite Hälfte des Kalten Krieges zu. Auf dieser Konferenz, die praktisch alle europäischen Staaten, die USA und Kanada sowie die Sowjetunion verfasste, wurden mehrere Themenkomplexe ("Körbe") verhandelt und zum Abschluss gebracht. Korb 1 enthielt die Festschreibung der aktuellen Grenzen, Gewaltverzichtserklärungen und Akzeptanz. Der DDR war dieser Korb der wichtigste, schien er ihre faktische Anerkennung durch den Westen doch festzuschreiben (tatsächlich kam es, mit Ausnahme der BRD, zu Botschafteraustausch mit fast allen NATO-Staaten). Der Sowjetunion war besonders der zweite Korb wichtig, der einen Austausch und besseren Handel garantierte, da man dringend Anschluss an die Hochtechnologiemärkte des Westens wollte, um die eigene marode Wirtschaft modernisieren zu können. Für den Westen stellte sich Korb 3 als wichtig heraus, in dem die Menschenrechte verbindlich festgeschrieben und humanitäre Erleichterungen versprochen wurden. Der Ostblock glaubte, dass dies reines Papier bleiben würde; da seine Bürger sich jedoch damit auf ein bindendes Dokument berufen konnten, stiegen die Probleme mit Dissidenten im ganzen Block in Folge an. 

Honecker und Schmidt 1975
Die Siebziger Jahre brachten für die bundesdeutsche Außenpolitik allerdings noch ganz andere Schwierigkeiten mit sich. Nicht nur wurde die EWG um drei Mitglieder - Großbritannien, Irland und Dänemark - erweitert, die den Umgang innerhalb der Organisation veränderten. Mit dem neuen Aufflammen von Feindseligkeiten im Nahen Osten wurde Deutschland durch seine zur Staatsräson erhobene Freundschaft zu Israel Ziel der Vergeltungspolitik der arabischen Staaten, was in zwei "Ölpreisschocks" 1973 und 1979 die Energiepreise rasant nach oben steigen ließ. Eine echte Antwort auf diese Herausforderungen fand die Bundesregierung nicht. Sie war in der Region bereits mit der Hallsteindoktrin gescheitert. Es gelang Helmut Schmidt dafür im Gegenzug, innerhalb der EWG weitreichende Reformen auf den Weg zu bringen, was die finanzielle Verfassung der Gemeinschaft anging. So wurden die Wechselkurspolitiken deutlich stärker abgestimmt und das Fundament dessen gelegt, was später der Euro werden sollte. Solche Korrekturen waren nach dem Fall des vorherrschenden Wechselkurssystems von Bretton Woods 1973 notwendig geworden, das die USA infolge der Belastungen durch den Vietnamkrieg und des Aufstiegs der monetaristischen Lehre einseitig aufgekündigt hatten. Erneut erwiesen sich hierbei Frankreich und Deutschland als "Motor" der europäischen Integration. Mit Schmidt und d'Estaign begann die Serie der "Männerfreundschaften" zwischen den Regierungschefs beider Länder (Kohl-Mitterand, Schröder-Chirac)

Der Regierungswechsel 1982 und die von Helmut Kohl proklamierte "geistig-moralische Wende" hatten wesentlich weniger Folgen, als viele Beobachter das ursprünglich vermutet hätten. Anstatt die Ostpolitik der sozialliberalen Koalition revisionistisch anzugehen, wurde sie akzeptiert, und die Verschärfung des Tonfalls zwischen beiden Staaten ging mindestens ebenso stark von der mehr und mehr in ungewisses Fahrwasser geratenden DDR wie von der Union aus. Franz Josef Strauß, der Scharfmacher der Unionsfraktionen, war es - für viele Beobachter überraschend - denn auch, der einen Milliardenkredit für die DDR einfädelte, die nach heutigem Wissen ohne diesen Kredit vermutlich schon wesentlich früher als 1989 zahlungsunfähig geworden wäre. Durch die damalige scheinbar noch vorhandene Stärke der UdSSR war dies aber ein Wagnis, das einzugehen niemand wagen wollte. Auch auf dem Feld der EWG-Politik setzte die schwarz-gelbe Koalition die von Helmut Schmidt eingesetzten Programme größtenteils fort. Bis zum Sommer 1989 war außenpolitisch nichts aufsehenserregendes geschehen, sieht man einmal von einigen Patzern wie Helmut Kohls schlecht beratenem Goebbels-Vergleich gegen Gorbatschow einmal ab. 

Helmut Kohl 1987
Dies änderte sich schlagartig im Herbst 1989. Als die Mauer fiel, schlug die große Stunde Kohls. Er, dem vorher niemand so etwas wie Instinkt für staatsmännische Großtaten zugetraut hätte - die zeitgenössische Presse war voll von herablassenden Kommentaren gegenüber seiner provinziellen Art - bewies ein ausgesprochenes Gespür für die Lage in der internationalen Arena wie auch zuhause (ein Gespür, das sein sozialdemokratischer Herausforderer bei der Bundestagswahl 1990 offensichtlich nicht besaß). Er gewann den ebenfalls mit einem guten Instinkt ausgestatteten amerikanischen Präsidenten George H. W. Bush für einen beherzten Zugriff nach dem ganzen Preis: der deutschen Einheit. Man muss sich vor Augen halten, dass 40 Jahre nach Gründung der beiden Teilstaaten niemand mehr ernsthaft mit einer solchen Entwicklung gerechnet hat, auch Kohl nicht. Allein die Vorstellung befremdete und entsetzte viele Zeitgenossen.

Kohl allerdings gelang es, Gorbatschow - der die Sache möglichst schnell über die Bühne bringen wollte - die Zustimmung zur deutschen Einheit und, was besonders wichtig war, zur NATO-Mitgliedschaft beider Teile geradezu abzukaufen. Letzteres war deswegen essentiell, weil die Zustimmung der USA - und damit der Hebel gegenüber den deutlich skeptischeren Franzosen und Briten - von diesem Zugeständnis abhing. Mit der Zustimmung sowohl der Amerikaner als auch Russen war der Widerstand der europäischen Siegermächte allerdings Makulatur geworden. Die DDR selbst befand sich zu dieser Zeit in einem Studium rasanter Selbstauflösung, befeuert durch die politischen Helfer aus der BRD, die mit der Ost-CDU die "Allianz für Deutschland" aufbauten und diese konsequent auf einen gesamtdeutschen Wahlkampf einstellten. Die Volkskammerwahlen im März 1990 zeigten denn auch den Erfolg dieser dem Gespür Kohls zu verdankenden Strategie: schienen Ende 1989 die Sozialdemokraten im Osten noch auf eine solide Mehrheit hoffen zu können, hatte der konsequente Einheitskurs der "Allianz für Deutschland" im März die absolute Mehrheit beschert. Was nun noch folgte, war das Verhandeln von zwei Vertragswerken: einerseits der Wirtschafts- und Währungsunion mit der DDR als Vorbereitung auf die eigentliche, nach GG-Artikel 23 erfolgende Einheit, und andererseits einen formellen Friedensvertrag mit den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs, die ja seit dem Besatzungsstatut von 1955 und den Notstandsgesetzen von 1968 noch immer die Vorbehaltsrechte gegenüber gesamtdeutschen Fragen besaßen. 

Abbau von "Checkpoint Charlie"
Diese so genannten "Zwei-Plus-Vier-Verträge" wurden bis 1991 abgeschlossen. Sie beinhalteten unter anderem den alten Zankapfel der Bonner Republik: die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze. Erst im 2+4-Vertrag gab Deutschland offiziell alle Gebiete östlich dieser Linie auf, nahm eine Beschränkung seiner Truppenstärke hin, verzichtete auf die Stationierung von Kernwaffen in Ostdeutschland und akzeptierte die Bodenreform der DDR. Das Gebiet der BRD veranderthalbfachte sich damit, die Bevölkerung wuchs um rund 20 Millionen. Es sollte über zehn Jahre dauern, bis die daraus erwachsenden Konsequenzen sowohl in Berlin, wohin die Regierung Ende der 1990er Jahre umzog, als auch in den europäischen Hauptstädten spürbar wurden. Sie sollten dann allerdings für eine starke Veränderung der bundesdeutschen Außenpolitik sorgen, die noch lange nicht abgeschlossen ist. Diese Entwicklungen allerdings sind die Geschichte der Berliner Republik; die Außenpolitik der Bonner Republik endet gemeinsam mit der deutschen Teilung und dem Kalten Krieg.

Literaturhinweise:
Bildnachweise: 
Adenauer - Katherine Young (CC-BY-SA 3.0)
Rapallo - Bernhard Hossner (gemeinfrei)
Flagge - unbekannt (gemeinfrei)
Hallstein - Detlef Gräfingholt (CC-BY-SA 3.0)
Brandt - Engelbert Reineke (CC-BY-SA 3.0)
Spiegel-Titel - Spiegel (Spiegel)
Honecker-Schmidt - Dieter Demme (CC-BY-SA 3.0)
Kohl - Deutsches Bundesarchiv (CC-BY-SA 3.0)
Checkpoint - Peter Grimm (CC-BY-SA 3.0)

Kommentare:

  1. ....im Detail nix Neues...aber interessant zu lesen....

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  2. Ne, das sollte auch wirklich nur ein Überblick sein. Für Neues ist das ein zu langer Zeitraum mit einer ziemlichen Grobübersicht.

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  3. und dummerweise hörts natürlich gerade dann auf, wenns richtig spannend wird. :)
    Ein Versuch der Analyse der Berliner Außenpolitik würde ich ja auch sehr spannend finden.
    Vieles kommt mir noch sehr unkoordiniert vor, ich bin auch der Meinung, dass der Regierung in der Libyensache gar nicht so klar war, dass sie damit (ich glaub sogar zum ersten Mal überhaupt) mit einer der Grundkonstanten in der Außenpolitik gebrochen hat.
    Das scheint mir teils sogar ein grundlegendes Problem zu sein, dass man alte Gewissheiten auflöst, aber nicht erkennbar ist, was an diese Stelle rückt.

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