Mittwoch, 21. Dezember 2011

Probleme begrifflicher Klarfassung am Beispiel der realsozialistischen Diktaturen

Von Stefan Sasse

Feierlichkeiten zum 40jährigen Jahrestag der DDR-Gründung
Ein immer wiederkehrendes Problem, mit dem man als Historiker zu tun hat, ist die Verwendung von Begrifflichkeiten. Wenn man einen bestimmten Begriff verwendet, was exakt ist damit gemeint? Benutzt man eine eigene Interpretation, stützt man sich auf einen breiteren Konsens, und gibt es vielleicht Gruppen, die den Begriff völlig anders nutzen? Nur ein Beispiel: wer sind die "Nazis"? Sind es alle Mitglieder der NSDAP? Handelt es sich nur um die oberste Führungsriege? Oder sind es alle Personen, die irgendwie mit den Verbrechen des Regimes verknüpft sind, unabhängig von der eigentlichen Parteimitgliedschaft? Die Verwendung ist fließend. Dieses Problem ist besonders virulent, wo es um die Betrachtung der ostdeutschen beziehungsweise sowjetischen Geschichte geht, denn viele der Begrifflichkeiten sind höchst aktuellen politischen Kämpfen unterworfen und dienen häufig dazu, den politischen Gegner gleich mit zu diskreditieren. Ich will deswegen versuchen, dieses Thema ein wenig ausführlicher anzugehen. 

Im englischen Sprachraum sind alle Länder des ehemaligen Ostblocks "communists". Auch die Westdeutschen sprachen gerne und pejorativ von "den Kommunisten", wenn sie über die DDR sprachen. Das ist insofern bemerkenswert, als diese Zuschreibung nicht von den Angesprochenen geteilt wurde; diese bezeichneten sich als "Sozialisten", da der Kommunismus ein utopisches Fernziel darstellte, das man irgendwann nach dem unvermeidlichen Ausbruch der Weltrevolution zu erreichen gedachte. Begrifflichkeiten wie die "Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken" oder der "Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands" unterstreichen das. Wir können aber nicht einfach den Begriff "Sozialisten" für die Politiker der DDR verwenden, weil einerseits durch die Einbindung der Blockparteien auch dezidiert nicht-sozialistische Politiker involviert waren und andererseits immer noch viele Sozialisten heute existieren, die häufig eine Ähnlichkeit ihrer Programme mit der Realität der DDR weit von sich weisen. Wer also beharrlich  darauf verweist, dass die DDR "sozialistisch" war, benutzt dies häufig zur Diskreditierung ähnlicher Ansätze etwa der Partei der LINKEn, für die die DDR ein beständiges Politikum bleibt. 

Chruschtschow auf dem SED-Parteitag 1958
Es ist deswegen in diesem Zusammenhang notwendig, eine Sprache zu gebrauchen, die nicht sofort von tagesaktuellen politischen Kämpfen missbraucht werden kann. Ich selbst verwende gerne die Begriffe "realsozialistisch" und "Ostblock". Letzteres steht für die von der Sowjetunion dominierte Gruppe von Staaten, die in der Nachkriegsordnung zu militärischen und politischen Bündnissen mit Moskau gezwungen worden waren - von der DDR über Polen bis Bulgarien - und die im Warschauer Pakt militärisch organisiert waren. Diese Zuschreibung war zwar durchaus pejorativ gebräuchlich, wird aber heute nicht mehr verwendet. Zudem waren die "Blöcke" im allgemeinen Sprachgebrauch der DDR selbst ein fester Bestandteil. Die Verwendung erscheint daher angemessen. Die Sache ist mit "realsozialistisch" schwieriger. Der "real existierende Sozialismus" war eine Formel der SED, mit der man die eigene, offensichtlich von der Theorie abweichende Gesellschaftsform zu erden gedachte. Im westlichen Sprachgebrauch wird dieser Begriff eher spöttisch und pejorativ verwendet; meist jedoch überhaupt nicht, da man das eindeutigere "sozialistisch" oder "kommunistisch" als abwertende Zuschreibung bevorzugt. 

Mir ist es jedoch wichtig, die Unterscheidung zwischen Theorie und Praxis zu machen, die die DDR-Führung selbst durchgeführt hat. Tatsächlich haben moderne Vertreter des Sozialismus und Kommunismus darin Recht, als dass die Diktaturen des Ostblocks wenig mit diesen Theorien zu tun hatten. Tatsächlich handelte es sich um planwirtschaftlich-autoritäre Kader-Diktaturen, die zur Legitimation auf die sozialistische Theorie gestützt waren. In der Praxis spielte diese Theorie allerdings eine eher untergeordnete Rolle. Es macht daher Sinn, die Realität dieser Staaten von ihrer Legitimationsgrundlage zu trennen. Obwohl meines Wissens nach die DDR der einzige Staat war, der sich als "realsozialistisch" bezeichnete, ist die Zuschreibung auch für die anderen Staaten des Ostblocks sinnvoll. Da sich heute weder ein "Block" bildet noch irgendjemand "realsozialistisch" nennt, scheinen diese Zuschreibungen den politischen Kämpfen enthobener als die Alternativen und damit der historischen Betrachtung zugänglicher.

Bildnachweise: 
Jahrestag - Klaus Franke (CC-BY-SA 3.0)
Chruschtschow - unbekannt (CC-BY-SA 3.0)

Kommentare:

  1. Danke für die Aufklärung - Übrigens, der Autor des "Schwarzbuches Kapitalismus" verwendete auch einmal den Begriff "Staatskapitalismus" für die Sowjetunion, und die Satellitenstaaten. Ist schon etwas länger her, dass ich das Buch gelesen habe, aber ich erinnere mich noch gut an diesen Begriff den Robert Kurz auch sehr gut erläutert hat - In diesem Sinne hat es noch nie "realen Sozialismus" - oder auch nur Kommunismus - gegeben, da die Sowjetunion eben seit Lenin schon "staatskapitalistisch" organisiert war.

    Eine interessante These, der man nicht zustimmen muß, ich wollte die nur einmal erwähnt haben.

    Was die "Nazis" angeht, da redete man ja im Ostblock völlig richtig von "den Faschisten" - Der deutsche "nationale Sozialismus" war ja nur eine Tarnvokabel - so der Historiker Kurt Pätzold über die NSDAP - um davon abzulenken, dass es sich hierbei um eine, besonders mörderische, Unterart des weltweiten Faschismus gehandelt haben dürfe - der auch nach 1945, dem Untergang vieler faschistischer Staaten (z.B. neben Deutschland auch Italien Mussolinis), in Mittel- und Südamerika weiterexistiert hat, und nun - via Zombie-Neoliberalismus - auch in ehemaligen Ostblockstaaten wie z.B. Ungarn sein untotes Haupt reckt.

    Gruß
    Bernie

    AntwortenLöschen
  2. Ja und Nein. Ich würde die Nazis nicht als Faschisten bezeichnen, aus zweierlei Gründen. Einerseits ist auch das politisches Vokabular, dieses Mal der Linken. Und zweitens sind Faschismus und Nationalsozialismus zwei Ideologien, die sich in wesentlichen Punkten unterscheiden.

    AntwortenLöschen
  3. @Stefan Sasse

    Ich bleib dabei, die Nazis sind Faschisten gewesen, zumal deine Erläuterung bei mir nicht durchkommt - Wo bitte schön ist es "das politische Vokabular, dieses Mal der Linken", dass man Nazis mit Faschisten gleich setzt?

    Und wenn es so wäre, was ist daran unwahr, wenn man davon ausgeht, dass es eben keine zwei Ideologien, die sich in wesentlichen Punkten unterschieden, waren? Nur weil es aus der angeblichen "Linken" kommt ist es unwahr?

    Sind Historiker aus GB und den USA alles "Linke"?

    Hier ein Beispiel, dass ich dir gerne empfehle, dass der Historiker Robert O. Paxton die "Anatomie des Faschismus" nennt - der Nationalsozialismus war eben doch eine Unterart des Faschismus - Hier übrigens erfährst du mehr über das Buch, und interessante Leserbewertungen dazu, dass ich dir gerne empfehle - als Augenöffner: http://www.perlentaucher.de/buch/23789.html

    Ich denke einmal, dass du hier selbst der neuen Geschichts-Ideologie Deutschlands, seit dem berühmt-berüchtigten "Historikerstreit" (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Historikerstreit) aufsitzt.

    Ich orientiere mich seit dieser Zeit übrigens nur aus nicht-deutschen Quellen, zur NS-Geschichte, da die nicht immer, aber immer öfter, häufig unparteiischer und unideologischer Geschichte erforschen als so manch dt. Historiker der heutigen Geschichtszunft.

    Gruß
    Bernie

    PS: Der INSM-Historiker Arnulf Baring ist nur ein Beispiel von vielen, die heute Geschichte umschreiben wollen, und zwar dergestalt, dass man "das Böse banalisiert" wie es einst die große Gelehrte Hannah Arendt schrieb.

    AntwortenLöschen
  4. Keine Bange, von Baring halte ich nichts. ^^
    Die Nazis als "Faschisten" zu beschreiben ist eine politische Vokabel. Das haben die Kommunisten bereits Ende der 1920er gemacht, die Sowjetunion tat es durchgehend, aber die Nazis selber haben diesen Begriff für sich nicht verwendet. Es mag zwar sein, dass das heute gerne in einen Topf geworfen wird, aber das sind trotzdem zwei paar Stiefel. Klar kannst du Nationalsozialismus als Unterart des Faschismus ansehen, aber das ändert nichts dran, dass es nicht dasselbe ist.
    Aber das ist streitbar. Letztlich wäre auch Faschismus ein gutes Beispiel für den Artikel gewesen, denn was genau unter den Begriff fällt ist unklar.

    AntwortenLöschen
  5. "[...]Aber das ist streitbar. Letztlich wäre auch Faschismus ein gutes Beispiel für den Artikel gewesen, denn was genau unter den Begriff fällt ist unklar[...]"

    Ist zwar, für Kritiker von Wikipedia - zu denen auch ich mich zähle - ein ominöser Link, aber ich sende ihn hier dennoch:

    "[...]Vor allem den deutschen Nationalsozialismus verstanden sie als extreme Form des Faschismus[...]"

    Quelle und kompletter Text:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Faschismustheorie

    Ich will das Thema aber dennoch nicht weiter vertiefen.

    Was hälst du übrigens von der These von Robert Kurz - hier mal ein ominöser Wikipedia-Artikel über den Autor:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Kurz#Ver.C3.B6ffentlichungen - dass es nie einen "real existierenden Sozialismus, und Kommunismus" gegeben hat - man müßte eher vom "Staatskapitalismus" reden, wenn man, wie bereits erwähnt, die ehemaligen Ostblockstaaten, incl. Sowjetunion, und andere "real existierende sozialistische Länder", sieht.

    So wird wohl auch ein Schuh draus, warum sich der janusköpfige chinesische Sozialismus bis heute hält - "wirtschaftlich" alle Freiheiten, aber "politisch" autoritäre sozialistische Diktatur der mörderischen Art (in China, dem Lieblingshandelspartner Merkel-Deutschlands, gilt die Todesstrafe, und es existieren gulagähnliche Arbeitslager für Dissidenten - immer noch) - "Staatskapitalismus" eben....

    Gruß
    Bernie

    AntwortenLöschen
  6. Ich muss ehrlich gesagt passen. Für ein Urteil darüber fühle ich mich nicht kompetent genug.

    AntwortenLöschen
  7. Ergänzung:

    Selbes - nur viel härter - gilt für den wichtigsten Verbündeten, und Handelspartner Chinas, und somit auch Deutschlands - das das natürlich offiziell immer abstreitet - Nordkorea.

    Ich bin mir fast sicher, nach all der Lügerei über die angeblich demokratische Volksrepublik Vietnam - auch so ein diktatorischer Handelspartner der totalitären Sorte für Merkel-Deutschland, dass man auch kein Problem damit hat mit Nordkorea real Geschäfte zu machen, während man natürlich verbal - als dt. Industrieboss, und PolitikerIn - Nordkorea verteufelt.

    Ich geb's zu, als älterer Mensch, der einige Enttäuschungen mit unserer Demokratur erleben mußte - was Menschenrechte und Demokratie angeht - traue ich denen mittlerweile wirklich beinahe jede Sauerei zu.....

    Gruß
    Bernie

    AntwortenLöschen
  8. @Stefan Sasse

    Schade, tja, vielleicht habe ich dir mal dazu einen Buchtipp geliefert, denn du mal - wenn du Zeit hast - nachlesen kannst?

    Ich fand nämlich das Buch "Schwarzbuch Kapitalismus" sehr informativ, dass Robert Kurz geschrieben hat.

    Meine Worte sind dazu nicht gut genug, denn wie bereits erwähnt, es ist schon etwas länger her, dass ich das Buch gelesen habe, und ich finde Robert Kurz erklärt darin seine These vom "Staatskapitalismus" sehr gut....

    Kannst es ja mal besorgen, und lesen? Insofern es dich interessiert ;-)

    Gruß
    Bernie

    AntwortenLöschen
  9. Problem ist weniger Interesse als Zeit ^^ Gerade lese ich David Graebers "Debt - The first 5000 years".

    AntwortenLöschen
  10. @Stefan Sasse

    Tja, schade, aber dein Buchtipp ist auch nicht zu verachten ;-)

    Gruß und danke
    Bernie

    AntwortenLöschen
  11. Ja, das Buch von Robert Kurz "Schwarzbuch Kapitalismus" kann ich auch allerwärmstens empfehlen, sowie die Seite EXIT.org, die viele Texte zur Krise von ihm und anderen enthält.

    AntwortenLöschen
  12. "Realsozialismus"- das Denkmodell stammte aus der Breschnew- Suslowschen Ideenschmiede :- ) (nannte sich dort "entwickelter Sozialismus", "reifer Sozialismus"), und war im Ostblock ab den 70er Jahren en vogue. In solchen Fragen wöären die Parteiideologen der SED keinesfalls alleine vorgeprescht.

    Faschismus/Nationalsozialismus: NS ist imho eine Unterkategorie des Faschismus; eine andere wäre Klerofaaschismus (Österreich, Spanien). Der deutsche NS hat nicht wenieg seiner Grundideen (auch organisatorischen) von Mussolinis Schwarzhemden übernommen (der "römische Gruß", die Übernahme "linker" Parolen für die eigene Politik). Nicht zufällig war Mussolini der einzige Staatsmann, den Hitler bis zuletzt konsequent unterstützt hat, selbst als der "Duce" keinen eigentlichen Nutzen mehr hatte.

    AntwortenLöschen