Dienstag, 3. April 2012

Die Macht der Bilder

Von Stefan Sasse

Kniefall Willy Brandts
Bilder besitzen eine unglaubliche Wirkmächtigkeit. Oftmals definieren sie historische Verläufe und brennen sich in das öffentliche Gedächtnis ein. Es sind diese Bilder, an die man sofort denkt, wenn man ein bestimmtes Ereignis hört. Willy Brandts Ostpolitik ist so ein Beispiel. Wer kennt nicht das Bild von Brandts Kniefall am Denkmal für die Opfer des Aufstands im Warschauer Ghetto? Die Frage, die seinerzeit die Republik spaltete - "Durfte Brandt knien?" wollte etwa der Spiegel in einer Leserumfrage wissen - ist längst beantwortet. Die Ikonographie dieses Bildes hat sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Es gibt viele solcher Bilder. Der Lagereingang von Auschwitz etwa wirft jeden sofort in die Holocaust Thematik, man kann sich der Sogwirkung kaum entziehen. Die beschriebenen Eisenbahnwaggons der an die Front fahrenden Truppenzüge 1914 gehören zur kollektiven Erinnerung an das "Augusterlebnis", und ob es so je stattgefunden hat - was Historiker mehr und mehr bezweifeln - spielt angesichts der Symbolkraft des Bildes kaum eine Rolle mehr. Fotographen nutzen diese Effekte bewusst, und die Protokollbeamten sorgen bei offiziellen Anlässen dafür, dass es entsprechende Bilder gibt. Ein gutes Beispiel dafür ist die Konferenz von Jalta, wo Churchill, Stalin und Roosevelt in den Stühlen nebeneinander sitzen. Nicht, dass man in so einer Pose ernsthaft verhandeln könnte, aber das Bild zeigt uns sofort, um was geht: drei Staatsmänner verhandeln hier offensichtlich gewichtige Dinge. 

Oftmals ersetzt die Ikonographie solcher Bilder die historische Realität und die Beschäftigung mit dem eigentlichen Gegenstand. Manche Bilder - das erwähnte Lagertor etwa - dienen lediglich als kraftvolle Verstärkung eines Themas. Andere dagegen ersetzen den historischen Kontext praktisch völlig. Wer weiß denn heute noch, weswegen Willy Brandt wirklich in Warschau war? Der Kniefall und seine Bildsprache hat das historische Ereignis längst verdrängt und ist zu einem eigenen historischen Ereignis geworden. Dabei ist das heutzutage, wo die Informationen vergleichsweise leicht zu erlangen sind und Fotos auch aus anderen Perspektiven und Zeitpunkten zugänglich sind noch ein relativ harmloser Effekt. Zu einer Zeit, als die Gemäldemalerie die historische Perzeption bestimmte, musste ein Staatsmann eine Inszenierung noch nicht tatsächlich durchführen, ja, nicht einmal an Ort und Stelle sein. Im hochkonstruierten Gemälde wurde mit mächtiger Bildsprache der gewünschte Effekt erzielt, ein Effekt, dem wir uns selbst heute nur schwer entziehen können. Ein Paradebeispiel hierfür ist das Gemälde "Washington Crossing the Deleware" von Emanuel Leutze, das 1851 entstand. 


Über 70 Jahre nach der eigentlichen Revolution als Auftragsarbeit in Deutschland entstanden, kann es kaum als authentisch angesehen werden. Trotzdem - oder gerade deswegen - ist es ein Musterbeispiel. Es ist vermutlich das berühmteste "Zeugnis" der amerikanischen Revolution. Sein eigentlicher Gegenstand, die sich anschließende Schlacht bei Trenton, ist kaum jemandem bekannt. Die Überquerung des Deleware selbst steht heute noch im Zentrum der Erinnerung, so sehr, dass niemand etwas dabei fand, eine Folge der Muppet-Serie "The American Revolution" über das Bild zu machen anstatt über das Ereignis der Schlacht von Trenton selbst. Wir wollen im Folgenden exemplarisch anhand des Bildes durcharbeiten, wie diese Historiengemälde arbeiten - denn sie alle haben den Zweck, die Intention, eine bestimmte Botschaft zu vermitteln. Das gilt für Washingtons Deleware-Überquerung ebenso wie für die Reichsgründung im Spiegelsaal von Versailles oder Napoleons Kaiserkrönung, die beide in ebenso monumentalen wie historisch falschen Gemälden verewigt wurden. Um Missverständnisse zu vermeiden: die Fehler hier sind keine Dinge, die der Maler übersehen hat. Sie sind Dinge, die der Wirkung im Weg standen oder die schlicht nicht wichtig waren. 

Das beginnt beim vorliegenden Gemälde schon bei dem Eis, das den Fluss hinuntertreibt. Der Deleware führt kein solches Eis; was dem Maler vor Augen stand war der heimatliche Rhein, der solches Eis dagegen sehr wohl führt. Das nächste ist die Lichtquelle. Sie befindet sich genau hinter Washington und gibt ihm die hervorgehobene Stellung, illuminiert ihn als Heilsgestalt. Vom Standpunkt des Beobachters aus müsste das natürlich dazu führen, dass die Bootsbesatzung nur als Silhouetten wahrnehmbar ist. Die Flagge, die der Mann hinter Washington hält ist eine Betsy-Ross-Flag, also die dreizehn Sterne mit den dreizehn Balken. Zum Zeitpunkt der Schlacht von Trenton hab es diese Flagge noch überhaupt nicht, stattdessen führte man noch die "Continental Colors". Auch die Bootsbesatzung ergibt überhaupt keinen Sinn; sie ist bunt zusammengewürfelt, und außer Washington und dem Flaggenträger gibt es niemanden in Uniform. Die Boote sind außerdem viel zu klein, um die Armee, geschweige denn die Pferde, über den Fluss zu transportieren. Bedenkt man zudem, dass es um eine heimliche Übersetzung ging, bei der jederzeit mit Beschuss zu rechnen war, so macht die aufrechte Haltung Washingtons und seine Positionierung im ersten Boot keinerlei Sinn, und der strenge Winter lässt seine Kleidung wie die seiner Mitfahrer als reichlich unangebracht erscheinen.

Reichsgründung 1871 im Spiegelsaal von Versailles
Das alles ist natürlich irrelevant. Weder Leutze noch den Auftraggebern in den USA ging es um eine akkurate Darstellung. Stattdessen sollte hier ein Gründungsmythos besiegelt werden. Die Bildsprache selbst ist eindeutig. Washington, der Heros der jungen Nation, wird von der (fast göttlichen) Sonne in der Bildmitte illuminiert. Direkt hinter ihm ist die Flagge der Nation, ebenfalls noch im vollen Licht. Seine Haltung ist heroisch, aufrecht, dem Schicksal und der britischen Übermacht entgegengereckt. Interessanter jedoch als diese jedem Betrachter offensichtlichen Sachverhalte sind die Mitfahrer Washingtons im Boot. Ihre heterogene Erscheinung hat gute Gründe, denn sie repräsentieren die vielen unterschiedlichen Gruppierungen der Kolonien. Die USA sind zu dieser Zeit eine junge Nation, hinter der man noch sehr schwankend steht, und so manche Kolonie ist wesentlich engagierter als andere. In diesem Bild ist davon nichts mehr zu sehen. Alle Bevölkerungsgruppen der USA leisten hier ihren Anteil, ob sie nun Kaufleute, Trapper oder Farmer sind. Auch ihre Nationalitäten lassen sich teilweise auseinanderhalten, zumindest ist erkennbar, dass es Angehörige verschiedener Nationen und nicht nur rebellische Briten sind, die sich hier unter dem Star-Spangled-Banner versammelt haben. 

Das wahre historische Ereignis tritt demgegenüber in den Hintergrund. Trenton war der erste Sieg der Amerikaner, gewiss, aber die verlorene Schlacht von Bunker Hill ein halbes Jahr zuvor spielt im öffentlichen Bewusstsein eine weit größere Rolle, und der Krieg würde sich noch jahrelang hinziehen. Welche Bedeutung die tatsächliche Überquerung des Deleware nun hatte ist irrelevant. Relevant ist einzig die Erinnerung daran als eine patriotische Heldentat. Dieser Effekt mag bei Historiengemälden stärker sein, weil sie unsere einzigen Bildquellen sind und wir kaum andere Möglichkeiten haben, uns die vergangenen Zeiten besser vorzustellen als so. Aber auch in unserer heutigen Zeit sind wir vor diesen Effekten nicht gefeit. Selbst Videoaufnahmen können diesen Effekt erzeugen - man denke nur an die immergleiche Aufnahme im grünlichen Filter eines Nachtsichtgeräts, in der eine Bombe präzise ins Ziel fiel und die den Golfkrieg 1991 als sauberen Krieg, der zivile Verluste vermied, darstellte. Wir müssen uns im Umgang mit Bildern stets ein gesundes Misstrauen bewahren. Fast immer soll irgendetwas mit ihnen ausgesagt werden, oder sie werden nachträglich mit einer Bedeutung aufgeladen, die sie vielleicht ursprünglich gar nicht hatten.

Bildquellen: 
Brandt - Bildarchiv des deutschen Bundestags (Bild: Sven Simon)
Washington - Emanuel Leutze (gemeinfrei)
Spiegelsaal - Anton von Werner (gemeinfrei)

Kommentare:

  1. Sehr lesenswert! Merci beaucoup!

    AntwortenLöschen
  2. nicht zu vergessen das bekannteste Bild aus dem Pazifikkrieg:
    Raising the Flag on Iwo Jima

    http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Raising_the_Flag_on_Iwo_Jima.png?uselang=de

    AntwortenLöschen
  3. Auf den Sesseln in Potsdam saßen aber Attlee, Truman und Stalin. Das Bild was Du wahrscheinlich meinst, ist auf der Jalta-Konferenz entstanden

    AntwortenLöschen
  4. Danke, geändert. Obwohl wenigstens Churchill die erste Hälfte noch da saß.

    AntwortenLöschen
  5. Guter Beitrag, wie immer.

    BTW, der Fotojournalist Ruben Salvadori hat in seiner Reihe "Der unsichtbare Fotograf" die Kollegen mal mit ins Bild genommen und dadurch die Bild-Dramatik schlagartig entschärft.

    Zu finden unter http://www.rubensalvadori.com/htmlsite/gallery.php?galID=120

    AntwortenLöschen