Sonntag, 22. Juni 2014

Legende und Geschichte - die römische Königszeit, Teil 1


Von Stefan Sasse

Romulus und Remus werden von der Wölfin gesäugt
Je weiter wir in der Geschichte zurückgehen, desto weniger können wir auf das zurückgreifen, was Historiker die "Multiperspektivität von Quellen" nennen. Das heißt, wir haben weniger Quellen - Schriftstücke, Statuen, Bilder - die aus verschiedenen Perspektiven geschrieben wurden. Besonders auffällig ist dies bei der römischen Geschichte, für die wir in weiten Strecken auf römische Quellen angewiesen sind. Was auf den ersten Blick logisch erscheinen mag stellt den Historiker jedoch schnell vor Probleme. In einem Zeitalter ohne freie Meinungsäußerung und publizierte Öffentlichkeit sind viele Geschichtsschreibungen entweder reine Geschichten zur Unterhaltung oder Propagandastücke. Oder beides. Die Sagen und Legenden von ohnedem wörtlich zu nehmen ist daher ein sicherer Weg, der Selbstdarstellung der Römer auf den Leim zu gehen oder ihre Absichten misszuverstehen. 

So ist eine unserer besten Quellen zur frühen römischen Geschichte Livius, der in seiner Reihe "Ab Urbe Condita" die römische Geschichte niederschrieb. Nur lebte Livius 59 v. Chr. bis 17 n. Chr. und konnte seinerseits nur auf Geschichten und Legenden zurückgreifen und diese wiedergeben. Zudem musste er aufpassen, nicht den Kaiser zu verärgern, der ein scharfes Auge für Public Relations hatte. Seine Berichte sind daher mit großer Vorsicht zu genießen. Auch Polybios' Darstellungen der Punischen Kriege sind nicht gerade unparteiisch - er war immerhin ein enger Freund Scipio Africanus des Jüngeren, der Karthago dem Erdboden gleichmachte. Doch selbst die Römer wussten über ihre Frühzeit praktisch nichts. Sie verlor sich bereits für sie in Legenden, deren Wahrheitsgehalt sie anzweifelten (kaum ein gebildeter Römer glaubte wirklich, eine Wölfin habe Romulus und Remus gesäugt). 

Entdeckung von Romulus und Remus
In den Legenden, die sie von der römischen Königszeit übertragen haben, können wir jedoch einige interessante Erkenntnisse vergraben finden. Im Folgenden soll daher der Versuch unternommen werden, die Legenden beiseite zu schieben und hinter den sagenhaften römischen Königen zu erkennen, warum diese Geschichten erzählt wurden und welche Wahrheit sich dahinter verbergen könnte. Die Legenden selbst sollen im Folgenden in Kürze wiedergegeben werden, bevor sie einer ausführlicheren Dekonstruktion unterzogen werden.

Der erste römische König war der Stammvater Roms: Romulus, einer von zwei Zwillingen, die ihre Herkunft auf Aeneas zurückführen konnten (einen Troja-Flüchtling) und deren Vater angeblich Mars persönlich war, der ihre Mutter vergewaltigt hatte. Die Kinder wurden auf dem Tiber ausgesetzt, überlebten aber und wurden von einer Wölfin gesäugt, ehe ein Hirte sie aufzog. Sie erfuhren später von ihrer Herkunft, befreiten einen von bösen Mächten gefangen gehaltenen König Alba Longas und durften zum Dank Land am Tiber besiedeln, wo sie eine Stadt gründeten. In einem Streit über die Stadtmauern erschlug Romulus im Zorn seinen Bruder Remus. Romulus füllte seine neue, kleine Stadt mit dem Abschaum der näheren Umgebung, indem er jedem einen neuen Anfang versprach. Unter diesen Elementen befanden sich wenig Frauen, und die umgebenden Gemeinschaften wollten ihre Töchter nicht mit den Römern verheiraten. 

Raub der Sabinerinnen
Romulus griff daraufhin zu einer List, indem er zu einem gewaltigen Fest einlud. Auf diesem Fest entführten die Römer die Frauen des benachbarten Sabinerstamms und machten sich mit ihnen davon. Der folgende Krieg zwischen Römern und Sabinern wurde dadurch beendet, dass sich die Sabinerinnen zwischen die Kämpfenden warfen und baten, bei den Römern bleiben zu dürfen, weil sie nicht wollten, dass ihre Verwandten starben (Brüder und Väter bei den Sabinern, Männer und Kinder bei den Römern). Sabiner und Römer vereinten sich daraufhin zu einer Doppelherrschaft von Romulus und Sabinerkönig Titus Tatius, die Romulus nach Titus' Tod jedoch an sich riss. Romulus regierte für insgesamt 38 Jahre, die voller Krieg und Kampf gegen die umliegenden Stämme waren, bei denen sich die Römer holten, was sie brauchten, ehe er von den Göttern auf einer Heerschau auf dem Marsfeld entrückt wurde. 

Romulus zeigt deutlich, dass die Römer bestrebt waren, eine heroische "Origin Story" auf die Beine zu stellen. So stammen sie nicht nur von den Trojanern ab, einer gewaltigen und mystifizierten Kultur (über Aenas, den Gründer Alba Longas) sondern auch von Mars persönlich, dem Kriegsgott, der die reinste mögliche Person als Mutter auswählte: eine Vestalin. Die unbefleckte Empfängnis ist also ebenfalls im Paket der römischen Gründungsgeschichte enthalten. Dazu kommt noch ein Hauch von ödipeischem Schicksal, natürlich ohne den Inzest, und Kampf gegen übermächtige Gewalten. Der Aufstieg Roms liegt also im Willen der Götter (Mars' Zeugungsakt), der Geschichte (Abkunft von Aeneas) und dem Charakter der Römer (bodenständige Kämpfer) begründet. Zumindest ist es das, was die Römer glauben wollten und als Gründungsgeschichte kolportierten.

Romulus kehrt siegreich aus dem Krieg zurück
Doch auch Romulus' tatsächliche Regierungszeit ist interessant. Sie ist zum einen mit 38 Jahren extrem lang. Diese Länge ist aus der Notwendigkeit gespeist, die Zeit von 753 v. Chr. und dem offiziellen Gründungsdatum der Republik (das mit Sicherheit auch falsch ist) von 510 v. Chr. mit nur sieben Königen zu füllen. Wir werden dem Phänomen bei den anderen Königen wieder begegnen. Romulus nun herrschte als ein Kriegerkönig. Seine Herrschaft ist wenig vergleichbar mit der mittelalterlicher Könige. So finden wir weder ein Lehenssystem noch eine Bindung seines Volks durch Schwüre. Stattdessen war es seine kriegerische Fähigkeit, die über allem stand, und die Römer führten viele unprovozierte Kriege.

Die Ehrlichkeit in diesem Teil des Gründungsmythos ist überraschend. Nicht nur sind Romulus und Remus uneheliche Kinder (wenngleich mit göttlichem Vater). Rom selbst ist auch eine Stadt des Abschaums der Region, die ihr Überleben nur durch einen Bruch des Gastrechts und Massenvergewaltigungen sichert. Dass die Römer eine solche Herkunftsgeschichte nicht als ehrabschneidend betrachteten, sondern sie stattdessen mit Stolz erzählten, spricht Bände über ihr Selbstverständnis. Doch ein Staat war Rom noch nicht. Vielmehr muss man es sich als ein großes Militärcamp vorstellen, das seinen Nachbarn ein ziemlich großer Dorn im Auge war und mit dem nicht verhandeln konnte, weil es offensichtlich keine Konventionen einhielt. Besonders kultiviert waren die Römer auch nicht. Das stieß ihren Nachkommen sauer auf, aber da Romulus nicht alle guten Taten vollbracht haben konnte, brauchte es einen weiteren mystischen Urvater: Numa Ompilius.

Porträt Numas
Der zweite römische König Numa Pompilia war ein Sabiner und lebte mit seiner Frau in aller Ruhe auf einem bescheidenen Landgut im Sabinerland. Sein Ruf war tadellos, denn nach Romulus' Entrückung beriefen ihn die Römer auf den Thron, eine Ehre und Pflicht, die er nicht wollte und ablehnte. Erst auf Drängen seiner Familie nahm er schließlich an. Als König schaffte er die Leibgarde ab, da nichts so sehr schützt wie die Liebe des eigenen Volkes, und legte den Streit zwischen den verschiedenen Einwanderergruppen in Rom bei, indem er die bisherigen Stammesstrukturen auflöste und an ihre Stelle Stadtbezirke (paci) und Gilden setzte. Er förderte das Gewerbe, besonders aber die Landwirtschaft (bisher konnte Rom sich nicht ernähren und stellte nichts her, was die Plünderei zum einzigen regelmäßigen Erwerb machte). Die so gewalttätigen Römer wurden unter seiner Herrschaft pazifiziert. Nicht nur legten sie die Schwerter zugunsten der Pflugscharen beiseite. Sie wurden auch gottesfürchtig: Numa schuf die Priesterklasse, legte den Vestallinen das Keuschheitsgelübde auf und errichtete zahllose Tempel. Auch die Einteilung des Jahres in 12 Monate (die erst Cäsar verändern würde) geht auf ihn zurück. Während seiner Regierungszeit von sage und schreibe 46 Jahren wurde Rom nicht ein einziges Mal angegriffen - die Nachbarn hielten sich aus Respekt vor Numa zurück und riefen ihn umgekehrt häufig als Schiedsrichter bei ihren eigenen Streitigkeiten an. Als er starb, war die ganze Region in Trauer.

Mit Numa beginnt, was sich später als dauerhafte Tradition römischer Intellektueller erweisen sollte: die Glorifizierung der Vergangenheit. Die Gestalten sind titanisch, von reiner Gesinnung und überbordender Weisheit. Sie sind Verkörperungen des virtus, der unübersetzbaren römischen Tugend. So weist Numas Geschichte einige Züge auf, die die Römer in ihren Herrschern sehen wollten: das Pflichtbewusstsein und das Zögern der Annahme der Herrschaft. Nie sollte die Macht um ihrer selbst willen erstrebt werden, sondern stets als Ausdruck des Pflichtgefühls gegenüber dem Staat verstanden werden. So sind die römischen Könige auch nicht miteinander verwandt; sie werden als "beste Männer" berufen. Zahlreiche republikanische Politiker würden später vorgeben, diesem Ideal zu folgen, und selbst die Kaiser inszenierten sich zu Zeiten als selbstlose Diener des Staates. Seinen neuzeitlichen Ausdruck findet es dann etwa in Friedrich dem Großen, der ebenfalls gerne die Illusion aufrecht erhielt, bescheidener Staatsdiener Nummer 1 zu sein.

Ein Augur erklärt Numa zum König
Mindestens ebenso wichtig wie dieser Verhaltenskodex aber war die Berufung der Römer auf die Götter und das Einhalten von Schwüren, auf das Numa sie verpflichtete. Die Römer selbst sahen dies als den Akt ihrer Domestizierung: von den gewissenlosen Halsabschneidern der Romulus-Ära wurden sie nun, wenigstens im Umgang mit Ihresgleichen, zu Ehrenmännern. Die Ehre eines Römers hieß, seinen Schwüren Folge zu leisten. Da die Annahme der Grundlage des späteren römischen Rechtssystems - die Zwölf Tafeln - ebenfalls von religiöser Mystik begleitet war, kann dieses Fakt gar nicht hoch genug bewertet werden. Ohne die römische Ehrfurcht vor dem geleisteten Schwur wäre ihr Rechtssystem kaum möglich gewesen, hätte der Grundpfeiler ihrer Zivilisation keinen Bestand. Kein Wunder, dass sie ihn auf einen schier heiligen König zurückführten, der ihnen diese Segnungen überbrachte.

Der letzte Aspekt Numas - die Pazifizierung der Römer und ihre Umwandlung in eine Gesellschaft von Bauern - hatte offensichtlich keinen Bestand. Bereits unter Numas Nachfolger, Tullus Hostilius, werden die Römer wieder fleißig Kriege führen. Wichtig ist diese Episode vor allem für den zunehmenden Zivilisationsgrad der jungen Gemeinde: nicht nur wandelt sie sich langsam in den "melting pot", der sie auch später sein würde und in dem die zahlreichen italischen Volksstämme "Römer" wurden. Die Landwirtschaft behielt in der römischen Mentalität immer einen besonderen Stellenwert: der Patrizier von Rang besaß eine Farm in Italien, von der er seinen Lebensunterhalt bezog. Der Stand eines Bürgers bemaß sich am Landbesitz. Und der Ruf nach einer Rückkehr zu den Wurzeln (sprichwörtlich) war in der römischen politischen Kultur nie fehl am Platz. Wann immer es in der Hauptstadt turbulent und dekadent zuging, wandte man sich sehnsüchtig an die Agrargesellschaft "von einst", die so wohl nie bestanden hatte, aber ein steter Fixpunkt im öffentlichen Bewusstsein war.

Sie findet sich etwa auch bei Tacitus wieder, der ein komplettes Buch "Über die Landwirtschaft" verfasst hat, das sich weniger in konkreten Techniken ergötzt (obwohl auch diese natürlich eine Rolle spielen), sondern vielmehr die Bedeutung der Landwirtschaft für das römische Seelenleben unterstreichen. Die Soldaten der frühen römischen Legionen waren allesamt Bauern, die nach dem Feldzug auf ihre Scholle zurückkehrten. Nach der Heeresreform des Marius war das Ende der Dienstzeit eines Soldaten mit einem Stückchen Land verbunden, und die Veteranen verlangten natürlich nach Land in Italien - das gar nicht zur Verfügung stand, weil die Patrizier es in erträgliche Latifundien verwandelt hatten. Eine der größten Krisen der Republik, der Aufstieg und Fall der Gebrüder Gracchus, wurde über die populistische Forderung einer Aufteilung des Landes unter die Armen vom Zaun gebrochen. Es verwundert daher nicht, dass spätere Generationen diese Fixierung auf die Landwirtschaft in der Mystik der römischen Frühgeschichte suchen würden - auch wenn dies der Erfindung eines weisen Friedensfürsten bedurfte, der den Namen Numa Pompeius trug.

Buchhinweise:
Klaus Bringmann - Römische Geschichte - Von den Anfängen bis zur Spätantike
Alfred Heuss - Römische Geschichte
Simon Baker - Rom - Aufstieg und Untergang einer Weltmacht
Martin Jehne - Die römische Republik - Von der Gründung bis Caesar
Guy de la Bedoyere - Die Römer für Dummies

Kommentare:

  1. Selten einen solchen hanebüchenen Unfug gelesen. Mit historischen Fakten hat dies gar nichts zu tun.
    Kleiner Tip: Lesen Sie bitte zuerst einmal die neuesten wissenschaftlichen Studien zur Gründung Roms, bevor Sie solch einen Dummfug veröffentlichen.
    Weniger Selbstkonstruktionen und mehr wissenschaftliche Fakten würden nicht schaden.

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    1. Ich möchte ja wirklich nicht unhöflich sein aber kommen Sie vom Mond? Lassen sie Fakten, Fakten sein und Legenden, Legenden. Auch wenn sie vielleicht nicht stimmen steckt in jeder Geschichte ein Korn Wahrheit. Abgesehen davon sind Legenden meist Schöner als die Wirklichkeit ^-^ Wir Menschen benötigen geschönte Wirklichkeit um nicht den verstand zu verlieren.

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