Mittwoch, 13. September 2023

Rezension: Michael S. Neiberg - When France fell. The Vichy Crisis and the Fate of the Anglo-American Alliance (Teil 1)

 

Michael S. Neiberg - When France fell. The Vichy Crisis and the Fate of the Anglo-American Alliance (Hörbuch)

Nur wenige Ereignisse des Zweiten Weltkriegs sind so mythenumwittert wie der Fall Frankreichs 1940. Innerhalb von nur 6 Wochen wurde die französische Armee, die von vielen Beobachtern als die stärkste des Kontinents eingeschätzt wurde, vollständig besiegt. Das Land, dass während des Ersten Weltkrieges unter ungeheuren Opfern für vier Jahre erbittert Widerstand gegen die Deutschen geleistet und am Ende siegreich aus dem Konflikt hervorgegangen war, hielt sich kaum länger als das kleine, bedrängte Polen. Die deutsche Propaganda stilisierte den Feldzug zu einem erfolgreichen „Blitzkrieg“, was zwar mit der Realität wenig zu tun hatte, sich aber gut verkaufen ließ. Ironischerweise galt dasselbe für die Alliierten, die durch die Betonung des Blitzkriegmythos ihre eigenen Fehler vergessen machen und eine bequeme Erklärung für das Debakel geben konnten.

Neiberg beschäftigt sich allerdings nicht mit der militärischen Dimension der französischen Niederlage, sondern ihrer politischen. Auch hier gab es zahllose Mythen und absurde Fehleinschätzungen, die jedoch heute weitgehend vergessen sind. Der Autor fasst den Fall Frankreichs in den Kontext angelsächsischer Außenpolitik, indem er vor allem den USA einen merkwürdigen, schlechten Umgang mit der Vichy-Regierung vorwirft. Die Briten, die von Beginn an auf das Pferd Charles de Gaulle setzten, kommen da vergleichsweise besser weg. Ich will im Folgenden Neibergs Argumentation nachzeichnen und überprüfen, inwieweit seine Bewertungen tragfähig sind.

In der Einführung, „A Fight for Love and Glory”, skizziert er die grundsätzliche These seines Buchs: der Fall Frankreichs hab für die amerikanische Außenpolitik einen größeren Schock bedeutet und stärkere Veränderungen hervorgerufen, als dies bei Pearl Harbor der Fall gewesen sei. Diese erstaunliche These leitet sich aus dem amerikanischen Isolationismus ab: nach dem Ersten Weltkrieg hatten die USA sich zurückgezogen und ihre Armee wieder demobilisiert, so dass sie 1940 militärisch ungefähr vergleichbar mit dem Niveau Portugals waren. Sie waren der Überzeugung, wieder starke Armee noch Flotte zu bedürfen, weil die internationale Ordnung ihnen diese Aufgabe abnahm.

Diese internationale Ordnung war das System multipolarer Verträge und Abkommen im Rahmen des Völkerbundes komme dass die Gefahr eines neuerlichen Angriffskrieges seitens Deutschlands einhegte. Der Garant dieser Einhegung war Frankreich, das natürlicherweise das größte Interesse daran haben musste und beständig eine starke Armee unterhielt. Diese Armee war quasi der Sicherheitsanker der USA. Auch wenn Neiberg es nicht sagt, drängt sich für mich doch der Vergleich mit der Situation in der Nato heute auf. Die USA waren in den 1920er und 1930er Jahren effektiv Trittbrettfahrer der französischen Militärausgaben, was die Franzosen zwar durchaus sahen und mit Forderungen nach amerikanischem Engagement zu begegnen versuchten, worauf sich die Amerikaner aber nicht einließen, weil sie kostenlos bekamen, wofür die Franzosen Beiträge wollten. Überspitzt ausgedrückt genossen die Amerikaner in dieser Zeit die Friedensdividende.

Man ging davon aus, dass die französische Armee, so sie nicht ohnehin der Deutschen überlegen war, in jedem Falle so lange aushalten würde, bis die britische und amerikanische Armee mobilisiert war. Die allgemeine Annahme war also, Zeit zu haben, jene wichtigste Ressource, deren Fehlen stets den Untergang bedeutet. Entsprechend brach in Washington im Sommer 1940 blanke Panik aus, als Ausmaß und Geschwindigkeit der französischen Niederlage deutlich wurden. Personen wie der spätere Spitzendiplomat Byrne wandelten ihre Position radikal um 180 Grad von einer isolationistischen Vorstellung, man könne sich heraushalten und eine Art Friedensvertrag zwischen den Alliierten und Deutschland vermitteln, zu dem Durchpeitschen nie dagewesener Militärausgaben im Kongress.

Der eigentliche Fall wird dann in Kapitel 1, “We’ll always have Paris: The Nazis march in”, thematisiert. Bekanntlich hatte sich Frankreich hinter der Maginotlinie verschanzt. Diese hatte einen gigantischen Teil der französischen Verteidigungsausgaben verschlungen; tatsächlich hatte die Dritte Republik mehr für diese Linie ausgegeben als Großbritannien für seine Flotte! Das gängige Narrativ ist, dass diese defensive Anlage die Mentalität der Franzosen entscheidend beeinträchtigt habe und grundsätzlich militärisch sinnlos gewesen sei. Zwar wird diese Position von Neiberg nur im Konjunktiv wiedergegeben - als etwas, das sich damals schnell als angenehmes Narrativ herausstellte - aber er verpasste es an dieser Stelle, die Geschichte geradezurücken.

Die Geschichte des deutschen Vorstoßes ist sattsam bekannt und soll hier nicht wiederholt werden; relevant ist die Reaktion der französischen Eliten: einige zogen sich in eine Art Wiederholung von 1870 nach Bordeaux zurück oder schifften sich nach Algerien aus, um den Kampf von dort fortzusetzen. Hier endeten die Parallelen allerdings: die Regierung informierte die Bevölkerung nicht über den aktuellen Stand, so das allerlei Gerüchte keine Panik produzierten, die dazu führte, das acht Millionen Flüchtlinge die Straßen verstopften und eine humanitäre Katastrophe anbahnten. Gleichzeitig waren die Spitzen des Militärs nicht bereit, den Kampf fortzusetzen und traten entschieden für Waffenstillstandsverhandlungen ein.

Zu diesem kam es dann hauptsächlich, weil der alte Marschall Pétain mit all seinem Prestige aus dem Ersten Weltkrieg die Macht im Land übernahm und den Vertrag verhandelte. Neiberg Beschreibt hier dieses Prestige als eines des Meisters der Verteidigung und des Vermeidens unnötiger Verluste, was für diesen Moment wie maßgeschneidert war. Weniger für den Moment maßgeschneidert allerdings waren die politischen Fähigkeiten Pétains. Genauso wie viele andere Funktionäre der späteren Vichy -Regierung, allen voran Lavalle, war er der Überzeugung, dass die Niederlage letztlich nur auf innere Faktoren zurückzuführen war. Diese Faktoren waren einerseits die Kommunisten und Sozialisten, die in den Worten Lavalles eine fünfte Kolonne der Deutschen gewesen seien (eine völlig absurde Verschwörungstheorie) und andererseits der als korrupt wahrgenommene Parlamentarismus mit seiner säkularen Trennung von Staat und Kirche. Die Rechtsradikalen hofften darauf, aus der Asche der Niederlage ein neues, stärkeres Frankreich entstehen zu lassen, das eine Art Juniorpartner Deutschlands in der neuen Weltordnung darstellen könnte.

Den Sieg der Wehrmacht betrachten sie als beschlossene Sache. Die größte Debatte der Kollaborateure war, ob Großbritannien drei oder fünf Wochen würde durchhalten können. ihre Vorstellungen waren völlig fantastisch und hat nichts mit dem real existierenden Deutschen Reich zu tun, das ihnen am Verhandlungstisch gegenüber saß. Die Ironie der Angelegenheit ist für mich, dass der große Fehler Vichys war, anzunehmen, dass die Nazis ein rationaler Akteur wären: wäre dies der Fall gewesen, so wären die Annahmen Vichys vermutlich gar nicht verkehrt gewesen. Es bleibt für mich immer wieder beeindruckend, wie sehr sich die Nazis selbst damit ins Knie schossen, keinerlei Diplomatie zu betreiben und niemanden als Bündnispartner anzuerkennen. Man muss sich an diesem Punkt auch immer wieder klarmachen, dass wir die ganze Geschichte normalerweise vom Ende her denken. Im Sommer 1940 war aber keinesfalls absehbar, wie der Krieg enden würde.

So wurde Frankreich in die bekannten zwei Zonen aufgeteilt: den Bogen entlang der Atlantikküste, den die Deutschen kontrollierten, und den von Vichy kontrollierten Rest. Die Fiktion, das Vichy eine Souveränität bewahren könnte, ist für Neiberg unbegreiflich. Gleichzeitig ist beeindruckend, in welchem Ausmaß ihnen politische und ideologische Streitigkeiten durch die Niederlage hindurch weiter existierten. Ein nicht unerheblicher Teil der französischen Entscheidungsträger betrachtete die Aussicht eines britischen Sieges als ähnlich schlecht wie die eines Deutschen und hegte tief verwurzelte anti-britische Ressentiments. Gleichzeitig bestand eine obsessive Furcht vor den Kommunisten und Sozialisten und der Dritten Republik im Allgemeinen, die man zu bekämpfen hoffte. Als die Niederlage der französischen Armee nicht mehr zu leugnen war, wandte sich diese nach innen, um imaginäre kommunistische Aufstände zu bekämpfen. dringend benötigte Munition wurde zurückgehalten, um diese Aufgabe nachkommen zu können. Szenarien einer Neuauflage des Aufstands der Kommune 1871 geisterten durch die Vorstellungen der Entscheidungsträger. beides fand sich auch in den USA: auch dort gab es starke anti-britische Ressentiments und irrationale Furcht vor den Sozialisten, die eine anfängliche Sympathie für Vichy stark begünstigten: wie so häufig bevorzugten die Amerikaner eine rechte Diktatur vor einer linken Demokratie.

In Kapitel 2, “A Hill of Beans in this Crazy World: America’s new insecurity”, geht Neiberg mehr auf die Auswirkungen des Falls Frankreichs auf die amerikanische Sicherheitspolitik ein. Seine These, dass dieses Ereignis entscheidend gewesen sei, verfolgt er anhand des republikanischen Parteitags 1940: die isolationistischen Kandidaten, allen voran der Favorit Robert Taft, verloren überraschend gegen Wendel Wilkey, der eine wesentlich größere Bereitschaft erkennen ließ, ein Aufrüstungsprogramm und eine aktivere Europapolitik durchzusetzen. Der Sieg Wilkeys bedeutete einen neuen Konsens in der amerikanischen Innenpolitik: zum ersten Mal erhielt Roosevelt Standing Ovations von beiden Parteien im Kongress für eine außenpolitische Grundsatzrede. Die drastische Steigerung der Verteidigungsausgaben war beschlossene Sache und wurde in gigantischem Umfang durchgesetzt. Dieser Umfang war beeindruckend: bei einem Gesamthaushalt von neun Milliarden wurde ein Ausgabenprogramm von 12 Milliarden aufgelegt, das das Militär von einer Friedenstruppe mit rund 250.000 Mann in eine von vier Millionen verwandeln sollte. Dazu gehörte auch die Einführung der Wehrpflicht in Friedenszeiten, eine für die USA präzedenzlose Maßnahme. Die Aufrüstung lief also bereits anderthalb Jahre, als die Japaner Pearl Harbor angriffen.

Die amerikanischen Befürchtungen kaprizieren sich auch stark auf die Rolle der französischen Kolonien, besonders Martinique. Sie befürchteten, dass von hier ein Angriff auf die westliche Hemisphäre gestartet werden könnte. Angesichts der Schwäche der amerikanischen Armee, die sich zur Abschreckung bislang auf die französische verlassen habe, wäre ein solcher Angriff verheerend. Neiberg sagt leider nichts dazu, wie realistisch diese Befürchtungen tatsächlich waren (nur dass sie in Washington sehr real waren), aber ich kann mir nicht vorstellen, das selbst im Best-Case-Szenario für die Deutschen mit einer Übernahme der französischen Flotte und eventuell einem aktiven Bündnis mit Vichy geht ein Angriff über den Atlantik möglich gewesen wäre.

In diesem Kontext ordnet er dann auch den sogenannten „Basen für Zerstörer“-Deal ein, bei dem die USA Großbritannien 50 alte und militärisch weitgehend nutzlose Zerstörer überließen und dafür Basennutzungsrechte erhielten. Für die USA war dieser Deal sehr bedeutsam, weil er ihnen eine Absicherung gegen mögliche Nutzungen einer Atlantikflotte der Achsenmächte deutlich vor den amerikanischen Küsten ermöglichte. Für die Briten war er wichtig, weil er die USA mit Großbritannien verband und einen Präzedenzfall für weitere Waffenlieferungen schaffte, wie sie ja dann mit dem Lend-Lease-Abkommen auch zeitnah folgen sollten. Gleichzeitig verbesserte sich das Bild Großbritanniens in den USA: sie galten nicht mehr als der bald besiegte auf hoffnungslosen Posten kämpfende Verlierer, sondern als der tapfere Held im Kampf gegen das Böse, wofür besonders die Berichterstattung von Edward Murrow verantwortlich war.

Weiter geht es in Teil 2.

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