Mittwoch, 17. August 2011

Drei Sätze, die die Welt veränderten

Von Stefan Sasse

Declaration of Indepedence, Original
In den letzten Juni-Tagen des Jahres 1776 diskutierten die Abgeordneten des Continental Congress in Philadelphia hitzig über die Frage der Unabhängigkeit. Viele Staaten wollten sie, einige waren dagegen. Thomas Jefferson hatte mittlerweile einen Text ausgearbeitet, der im Falle einer Annahme der Unabhängigkeit diese offiziell erklären sollte. Die ersten drei Sätze dieser Unabhängigkeitserklärung haben eine Sprengkraft in sich, die ihresgleichen sucht. Immer wieder haben Unabhängigkeitsbewegungen in anderen Ländern auf diese Sätze rekurriert; unter den kuriosesten dieser Bezugnahmen ist sicherlich die 1945 veröffentlichte Erklärung der Volksrepublik Vietnam, die ihre Unabhängigkeit ausgerechnet im blutigen Kampf gegen das große Vorbild erstreiten sollte. Es lohnt sich einen genaueren Blick darauf zu werfen, was diese Erklärung eigentlich so außergewöhnlich macht, und was die in ihr veröffentlichten Sätze eigentlich selbst heute noch bedeuten. Die drei Sätze lauten:
"When in the Course of human events, it becomes necessary for one people to dissolve the political bands which have connected them with another, and to assume among the powers of the earth, the separate and equal station to which the Laws of Nature and of Nature's God entitle them, a decent respect to the opinions of mankind requires that they should declare the causes which impel them to the separation. We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness. That to secure these rights, Governments are instituted among Men, deriving their just powers from the consent of the governed, That whenever any Form of Government becomes destructive of these ends, it is the Right of the People to alter or to abolish it, and to institute new Government, laying its foundation on such principles and organizing its powers in such form, as to them shall seem most likely to effect their Safety and Happiness."

Wir wollen mit dem ersten Satz beginnen. Die Einleitung beginnt mit dem "course of human events" und stellt den Revolutionskampf der USA damit in eine Reihe mit anderen großen Taten. Es handelt sich also nicht um eine kleine Rebellion um Steuerfragen, sondern um ein weltbewegendes Ereignis - in einer Reihe mit Cäsar, den Kaisern des Mittelalters oder dem Untergang der Armada. Übergroße Bescheidenheit jedenfalls müssen sich die Gründerväter nicht vorwerfen lassen. Im Folgenden erklären die Schreiber der Erklärung, dass das Loslösen ihrer Bande von England "necessary" sei, notwendig also. Warum dies so ist erklären sie später - außerhalb unserer drei Sätze - in großem Detail, aber diese Floskel ist dazu da jeden Verdacht über die Größe und Edelhaftigkeit des Tuns zu zerstreuen. Der Halbsatz aber, der nun eingeschoben wird, hat es bereits in sich: "and to assume among the powers of the earth the seperate and equal station to which the laws of nature and nature's god entitle them". Das neue Staatswesen, das sich hier erklärt, beansprucht denselben Stand in der Welt wie Großbritannien, Frankreich oder andere Großmächte. Vollständige Unabhängigkeit also, ohne einen weiteren Herren über sich. Das ist bereits starker Tobak. Wirklich revolutionär aber ist die Begründung, die hierzu angebeben wird: die Naturgesetze selbst, und der Gott, der über sie wacht (wegen der verschiedenen Glaubensrichtungen neutral als "nature's god" umschrieben) erlauben eine solche Separation. Das ist neu.

Unterzeichnung der Erklärung
Wenn vorher ein Staatswesen hat unabhängig werden wollen, nutzte es in monarchischen Systemen meist irgendwelche genealogischen Begründungen: ein alter Lehensvertrag habe seine Gültigkeit verloren, weil die ursprüngliche Linie ausgestorben sei. Gerne wurde auch darauf verwiesen, dass Lehenspflichten nicht erfüllt und der Vertrag damit hinfällig geworden sei. Am häufigsten aber begründete man gar nicht, sondern erstritt sich seine Position mit der Macht der Waffen. Legitimieren konnte man später immer noch, indem man Urkunden fälschte oder religiöses Geklimper vorschob. Die hier ihre Unabhängigkeit erklärenden Staaten aber erklären ein allgemeines, universell gültiges Prinzip, quasi eine Frühform des Selbstbestimmungsrechts der Völker, das sie für sich in Anspruch nehmen. Knapp 90 Jahre später wird dieses Prinzip sie in einen blutigen Bürgerkrieg stürzen, aber der wetterleuchtet allenfalls fern am Horizont, als Jefferson seine Zeilen niederschreibt. Der letzte Halbsatz, der vom "decent respect for the opinions of mankind" spricht, die eine Erklärung erst nötig machen würden, dürfen dagegen getrost als falsche Bescheidenheit ausgelegt werden.

Dieser erste Satz bietet aber nur die Einleitung. Wirklich und wahrhaftig revolutionär sind die "self-evident truths", die der nächste Satz verkündet. "All men are created equal" war im 18. Jahrhundert revolutionär, und konsequenterweise würden die USA als erstes Land auch den Adel komplett abschaffen. Man sollte nicht so weit gehen, die gleiche Erschaffung, die hier angesprochen ist, mit gleichen Rechten zu übersetzen - so progressiv waren die Gründerväter sicher nicht. Frauen, Besitzlose und Sklaven konnten problemlos benachteiligt werden, weil man ihnen keine Rechtsfähigkeit zugestand. Sie waren gewissermaßen auf dem Stand von Kindern, bei denen selbst heute niemand auf die Idee kommen würde, ihnen alle Rechte und Pflichten von Erwachsenen zuzugestehen. Trotzdem war der Gedanke revolutionär: wenn alle Menschen gleich waren bzw. zumindest gleich sein konnten, gab es keine Grenze dessen, was ein Einzelner erreichen konnte. Der daraus resultierende Mythos sollte als "amerikanischer Traum" zu einer der wirkmächtigsten Ideologien des 19. und 20. Jahrhunderts werden.

Thomas Jefferson
Damit war aber nicht genug. Der göttliche Erschaffer hatte alle Menschen nämlich mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet, die nicht einmal die Regierung ihnen nehmen konnte. In einer Zeit, in der das absolute Gottesgnadentum als Staatsideologie noch vorherrschend war, bedeutete die Postulierung von unveräußerlichen Rechten die eigentliche Revolution. Definiert wurden sie nicht vollständig; es wurden nur einige genannt ("among these are…"): Leben, Freiheit und das Streben nach Glück. Die Trias hatte in der Zeit zwischen 1763 und 1776 noch "Life, Liberty, Property" gelautet, da nach dem traditionellen Verständnis der angelsächsischen Liberalen nur der Mann mit Besitz ein vollständiger und verantwortlicher Staatsbürger sein konnte; dass die offenere Formulierung des Strebens nach Glück gewählt wurde, sollte sich für spätere Zeiten als Glücksfall erweisen, erlaubte es doch eine wesentlich offenere und inkludierendere Gesellschaft. Die Werte von Freiheit und Leben waren natürlich nicht insofern absolut, als dass Militärdienst oder Strafe sie nicht ganz oder teilweise aufheben konnten; sie waren aber vor willkürlicher Verfolgung sicher - gegenüber Europa ein Fortschritt gigantischen Ausmaßes.

Der dritte Satz definiert dann, schlussendlich, die Rolle von Regierung. Man muss sich vor Augen halten, dass die amerikanische Revolution sich hauptsächlich über eine Verletzung der bislang postulierten Grundsätze durch Großbritannien legitimierte (ein Anspruch, über den man getrost streiten kann). Letzten Endes sind die einleitenden Sätze nur ein Vehikel, mit dem man einen Strafbestand schafft, den man Großbritannien an den Hals hängen kann. Ihre Bedeutung aber ging ins Grundsätzliche. Wir sehen dies erneut bei der Rolle von Regierungen. Diese sind laut der Unabhängigkeitserklärung nämlich nur zu einem Zweck da: die oben genannten unveräußerlichen Rechte zu schützen. Und noch weiter: seine Macht erhielt der Staat nur und ausschließlich aus der Zustimmung der Staatsbürger. Das war ungeheuerlich. Nicht Gott selbst setzte Regierungen ein, keine Ahnenreihe beschützte sie, und sie dienten auch nicht irgendwelchen Prinzipien oder der Einhegung von Partikularinteressen, wie das noch Machiavelli oder Hobbes verkündet hatten. Stattdessen sollten Regierungen die Rechte ihrer Bürger schützen.

Deutsche Version, 1776
Dass der Mensch nicht gut ist wusste auch Jefferson, weswegen der nächste Halbsatz auch gleich dahingehend lautet, dass eine Regierung, die diese Grundsätze verletzt, durch eben diese Staatsbürger abgeschafft oder geändert werden kann. Die Staatsbürger seien außerdem, so die Erklärung, dazu berechtigt eine neue Regierungsform zu schaffen, die auf den Grundsätzen beruht, die sie zur Sicherung der unveräußerlichen Rechte für am geeignetsten empfinden. Die Unabhängigkeitserklärung setzte die unveräußerlichen Rechte explizit über das Staatswesen, das sie im gleichen Atemzug konstituierte. Würden die neu geschaffenen USA jemals ihrem Auftrag nicht mehr nachkommen, ihren Bürgern diese Rechte zu garantieren, so dürfte man sie ändern (etwa durch Wahlen) oder abschaffen. Die neue Regierung aber, und das ist die Bedingung, müsste diese Rechte ebenfalls sichern.

Dadurch wird die Staatenlegitimation auf eine völlig neue Grundlage gestellt. Der Staat existiert nicht mehr aus sich heraus, weil er es kann und mit militärischer Macht seine Existenz sowohl den eigenen Bürgern als auch fremden Staaten gegenüber sichert. Er existiert, um universelle, auf der ganzen Welt gültige Werte zu sichern. Tut er es nicht - und im Folgenden werden zahllose teils schwer konstruierte Belege dafür aufgelistet, dass Großbritannien es nicht tut - so dürfen die Bürger die Regierung abschaffen. Im Verlauf des 19., besonders aber des 20. Jahrhunderts sollte diese Idee eine Wirkmächtigkeit erlangen, die ihresgleichen sucht. Für die USA selbst erwies sich, nachdem man nach längeren Wirren eine tragfähige Verfassung gefunden hatte, diese Idee als segensreich. Und für viele andere Länder, die ihre Demokratien auf diesen Werten aufbauten ebenso.

Bildnachweise: 
Declaration - Thomas Jefferson (gemeinfrei)
Unterzeichnung - John Trumbull (gemeinfrei)
Jefferson - Charles Wilson Peale (gemeinfrei)
Deutsche Version - Dt. hist. Museum Berlin (gemeinfrei)


Kommentare:

  1. "Die Staatsbürger seien außerdem, so die Erklärung, dazu berechtigt eine neue Regierungsform zu schaffen, die auf den Grundsätzen beruht, die sie zur Sicherung der unveräußerlichen Rechte für am geeignetsten empfinden."

    Da wird es ja höchste Zeit das die Amis sich auf dieses Recht berufen.

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  2. Stefan,
    kann es sein, dass Du vor lauter Bewunderung dieser historischen Tat die Entwicklung in der Realität etwas aus den Augen verloren hast?

    Wäre dies wirklich ernst gemeint und wären die Amis dem treu geblieben - eine politische Liebeserklärung hätte dann ihren Sinn.

    Erklär mir bitte, wie man mit diesem moralischen Rüstzeug die Hautfarbe zum Kriterium dafür machen kann, wer diese "unveräußerlichen Rechte" hat und wer nicht.

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  3. Du verwechselst Realität und Anspruch. In meinem Post geht es um den Anspruch.
    Davon abgesehen wurde die Sklaverei anhand mehrerer Linien begründet:
    1) Das biblische Argument. In der Bibel wird Abrahams Sohn Ham, der als Stammvater aller Schwarzer gilt, zu ewiger Knechtschaft verflucht.
    2) Das ökonomische Argument. Ohne die Sklaverei bräche die Wirtschaft zusammen.
    3) Das kulturelle Argument. Die Schwarzen ständen nicht auf derselben Zivilisationsstufe wie die Amerikaner und könnten deswegen gar nicht frei sein. Sie müssten stattdessen christianisiert und an ehrliche Arbeit gewöhnt werden.
    4) Das Identitätsargument. Der Süden behauptete später, dass Sklaverei zu seiner Identität gehöre und deswegen erhalten bleiben müsse.
    Besonders 3) war bei allen Amerikanern wirkmächtig. Es gab ja auch einen Haufen Freigelassener, und manche Freigelassene hatten sogar selbst Sklaven. Dies schien die prinzipielle Argumentation zu bestätigen.

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  4. "... all men are created equal"

    Keines dieser 4 Argumente erklärt diesen Widerspruch, denn nirgendwo findet sich darin die Behauptung, Schwarze und Rote seien keine "Menschen".

    Also muss es eine andere Erklärung geben. Die Befangenheit im Zeitgeist (die ich nicht bestreite) reicht dafür nicht aus.

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  5. Ich glaube du hast den Punkt in der Erklärung verpasst: alle Menschen sind gleich geschaffen, aber manche sind nicht reif dafür, die Implikationen dieser Gleichheit voll auszunutzen. Sie werden gewissermaßen zu ihrem eigenen Besten zurückgehalten. Sklaverei ist in dieser Legitimation gewissermaßen ein Gefallen für die Schwarzen.

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  6. Die Argumentation von CitizenK erinnert micht an die große Zahl an Progressiven, die das Christentum dafür kritisieren nicht christlich genug zu sein.

    Wer einen hohen Anspruch hat wird auch daran gemessen und bei einem so hohen Anspruch an sich selber, wie ihn die USA haben, können sie nur scheitern...

    Aber wo wäre die Welt ohne diesen Anspruch?

    Außerdem kommt beim Amerika-Bashing ein weiterer Effekt dazu: Die Kombination aus Weltmacht und Meinungs- und Pressefreiheit. Gab es so vorher höchstens im Ansatz im Britischen Weltreich, selbst dort nur sehr eingeschränkt durch monarchischen Geist, und sonst nirgends. Viele Anti-Amerikanische Argumentationen stammen aus Amerika...

    Wie lange können wir wohl auf einen Film aus Festland-China warten, der das chinesische Regime kritisch hinterleuchtet - eben...

    In Hollywood können uns Verschwörungstheorien, die uns Angst (aber vielleicht auch eine gesunde Skepsis) in Bezug auf die Regierung machen, am laufenden Band präsentiert werden. Es gibt natürlich auch Verklärungs-Orgien, aber trotzdem jede Menge Blockbuster, die eine Regierungsverschwörung zum Inhalt haben, auf den verschiedenste Regierungsebenen.

    In den USA ist man auch durch die Verfassung geschützt, im Gegensatz zur DDR, die ihren eigenen Bürgern im eigenen Land wirksamen Rechtsschutz verweigert hat. Daran ändert sich auch nichts durch das inakzeptable Vorgehen außerhalb der eigenen Hoheitsgebietes...

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