Freitag, 12. August 2011

Keine Chance für Weimar?

Von Stefan Sasse

Ausrufung der Republik durch Scheidemann
Die Geschichte der Weimarer Republik wird oftmals als Geschichte des Scheiterns geschrieben. Aus der heutigen Perspektive, mit dem Wissen um die Geschehnisse der drei letzten Jahre ihres Bestehens, ist das verständlich. Das Scheitern Weimars machte die nationalsozialistische Dikatur erst möglich, beendete die erste deutsche Demokratie und stieß das Land für zwölf Jahre in den Abgrund stetig zunehmender, furchtbarer Barbarei. Oftmals wird das Scheitern Weimars, bewusst oder unbewusst, als unvermeidlich angesehen. Das kommt daher, dass der zentrale Fokus auf dem Scheitern Weimars liegt und die Geschichtsdarstellungen häufig nach den Gründen für dieses Scheitern forschen. Die Wegkreuzungen zu sehen, an denen sich alles hätte anders entwickeln können, ist dabei nicht immer ganz einfach. Im Folgenden soll der Versuch hierzu unternommen werden.

Die Weimarer Republik stand in den Jahren ihres Bestehens mehrmals an dem Abgrund, in den sie am Ende fiel. Es begann mit ihrer Geburt, als ihre Existenz von Kräften links wie rechts herausgefordert wurde, ging über in das Vier-Krisenjahr 1923, in dem die extreme Rechte im Windschatten einer Wirtschaftskrise die Macht zu erlangen hoffte und mündete schließlich in der Dauerkrise ab 1930 mit ihren Präsidialkabinetten und schließlich der Berufung Hitlers zum Reichskanzler 1933. Die erste dieser Krisen überwand sie nur mit der Hilfe rechtsextremer Elemente, die sie ultimativ zu überwerfen trachteten. Daraus resultierte eine beständige Schlagseite, die wie ein langsam wuchernder Krebs die demokratischen Grundlagen aushöhlte. Die Krise 1923 dagegen überwand die Republik aus eigener Kraft, wenngleich unter hohen Kosten: die Besetzung des Ruhrgebiets wurde beendet, die Währung reformiert, der Hitler-Putsch niedergeschlagen und die Separatisten im Rheinland besänftigt. Der Preis dafür war die Entfremdung des durch die Hyperinflation enteigneten Kleinbürgertums von der Republik und die Stützung autokratischer Elemente in Bayern, das zu einem Hort rechter Reaktion wurde.

Flaggenhissung beim Kappputsch
Die Bewältigung dieser Krisen stärkte die Republik. Der wirtschaftliche Aufschwung zwischen 1924 und 1929 (die berühmten "Goldenen Zwanziger") versöhnte große Teile des Landes mit der Republik, die hauptsächlich von bürgerlichen Regierungen regiert wurde. Als 1930 die letzte demokratische Koalition auseinanderbrach und keine neue parlamentarische Mehrheit gefunden werden konnte, nutzte Reichspräsident Hindenburg seine konstitutionellen Möglichkeiten im Bereich der Notverordnungen und ließ einen Kanzler von seinen Gnaden regieren, Heinrich Brüning, dessen Agenda die Negierung des Versailler Vertrags und die Liquidierung des Parlamentarismus war. Erfolg jedoch war Brüning nicht beschieden. Das Parlament fand zwar nicht die Kraft, selbst regierend tätig zu werden, konnte aber immerhin Brüning so weit blockieren und hemmen, dass Hindenburg die Geduld mit ihm verlor. Auch die folgenden Reichskanzler von Papen und von Schleicher erwiesen sich als unfähig, die Macht des Parlaments zu brechen - dies sollte erst den skrupellosen Methoden Hitlers gelingen.

Der Reichstag war also deutlich stärker als man aus seiner siechenden Episode zwischen 1930 und 1933 annehmen könnte. Die Kanzler waren auf eine Tolerierung ihrer Regierung durch das Parlament angwiesen. Für den Reichstag war das ein Rückfall in frühere Zeiten des Kaiserreichs, in dem seine Hauptkompetenz das Nein-Sagen gewesen war, ohne dass es effektive Gestaltungsmacht in Händen gehalten hätte. Die weitverbreiteten Vorurteile, dass es sich beim Parlament nur um eine "Schwatzbude" handle. Diese defätistische Einstellung hatte zu einem guten Teil sogar von den bürgerlichen Abgeordneten selbst Besitz ergriffen, was die Leichtigkeit erklärt, mit der Hitler 1933 die Parteien abschaffen und das Parlament zu einem reinen Deklamationsorgan herabwürdigen konnte.

Die Frage, der hier nachgegangen werden soll ist Folgende: war, beginnend mit der Kanzlerschaft Heinrich Brünings, diese Abfolge von Ereignissen hin zur Abschaffung der Demokratie auf dem einen oder anderen Weg unvermeidlich, oder hatte die Weimarer Republik prinzipiell das Potential, sich selbst wieder zu erholen, wie sie es bereits 1919 und 1923 getan hatte?

Reichskanzler Brüning
Um diese Frage zu beantworten gilt es, zuerst die Gründe für die Kanzlerschaft Brünings zu erörtern. Brüning war kein Spitzenpolitiker der Zentrumspartei, deren Mitglied er war, vielmehr war er ein Sonderling in den eigenen Reihen, wo seine Ansichten nicht unbedingt mehrheitsfähig waren. Er besaß jedoch gute Kontakte in die Kamarilla um Reichspräsident Hindenburg und war in der Lage, ihr eine Vision von seiner Kanzlerschaft zu unterbreiten, die auf ihre Zustimmung stieß. Sein Programm war dazu angelegt, mehrere Probleme gleichzeitig zu lösen: die Macht der Sozialdemokratie und der ihr verbundenen Gewerkschaften zu brechen, die Fesseln des Versailler Vertrags abzuwerfen und das Parlament zu entmachten und eine autoritäre, nicht näher bestimmte Regierungsform an ihre Stelle zu setzen. Es ging wohl weder um eine Rückkehr zu Monarchie, wie Wilhelm II. es sich im niederländischen Exil ausmalte und Hindenburg wünschte, aber auch nicht um eine reine Diktatur wie Hitler sie später einführen würde. Am ehesten vergleichbar dürften die Ambitionen Brünings und seiner Gönner mit denen des österreichischen Kanzlers Dollfuß und seinen Vorstellungen des Ständestaates sein: ein autoritäres System mit einer patriarchalisch-gütigen Führung, in dem jeder seinen angestammten Platz hatte.

Um dieses Ziel zu erreichen, plante Brüning die gerade ausufernde Weltwirtschaftskrise für seine Zwecke einzuspannen. Anstatt der Krise durch antizyklische Investitionsmaßnahmen zu begegnen und so die schlimmsten Auswirkungen abzufedern, beschloss er eine prozyklische Sparpolitik, um im Einklang mit den sinkenden Staatseinnahmen die Ausgaben zu kürzen. Die Arbeitslosigkeit wurde so verschärft und stieg weiter an; die erst 1927 gegründete Arbeitslosenversicherung besaß noch nicht annähernd genügend Rücklagen um den herben Anstieg zu verkraften, so dass das Elend um sich zu greifen begann. Die Flutung des Arbeitsmarkts mit verzweifelten Arbeitswilligen schwächte die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften scharf, und zusammen mit ihnen verlor auch die Sozialdemokratie rasant an Glaubwürdigkeit in der Arbeiterschaft und bei den Angestellten, die sie erst jüngst (weitgehend erfolglos) zu erreichen versucht hatte. Gleichzeitig, so Brünings Kalkül, sollte das Elend und die offensichtliche Zahlungsunfähigkeit Deutschlands - verschärft durch den Rückruf kurzfristiger Kredite durch die USA - die Siegermächte des Ersten Weltkriegs davon überzeugen, die Reparationen zu streichen, die der Versailler Vertrag und der Dawes-Plan festgesetzt hatten. Beide Faktoren - Ausschaltung der Sozialdemokratie und nationale Erfolge gegen den Versailler Vertrag - würde den Boden für den reaktionären Umsturz bringen.

Schleicher 1932
Brüning hatte keinen Erfolg. Zwar konnte er die Sozialdemokratie schwächen, jedoch gelang es ihm nicht sie als politischen Faktor zu neutralisieren. Sehr erfolgreich war dagegen seine Austeritätspolitik; das Massenlelend griff um sich und die Reparationszahlungen des Versailler Vertrags ausgesetzt (und damit effektiv beendet). Allein, die enttäuschten und verängstigten Massen wandten sich der NSDAP und KPD zu, in einem Ausmaß, das Brüning nicht vorhergesehen hatte. Nach zwei Jahren, innerhalb derer seine adeligen Gönner immer ungeduldiger wurden, wurde er von ihnen dann abgesägt. Die rapide Fahrt in den Abgrund, auf ewig mit den Namen Schleicher und Papen verbunden, begann. Was die adeligen, reaktionären Konspirateure bei ihren Plänen nicht bedacht hatten, nicht bedenken konnten, war dass ihre Pläne auf einem äußerst sandigen Grund standen. Sie wollten letztlich die Beteiligung der Massen am politischen Prozess völlig ausschalten, der stattdessen - wie in der von ihnen völlig verklärten und verzerrten Kaiserzeit - von einigen wenigen Aristokraten geleitet werden sollte.

Dieser Zug aber war erkennbar abgefahren. Zwar lagen die Intriganten richtig, als sie der Republik und dem Liberalismus keinen echten Rückhalt in der Bevölkerung zubilligten. Sie verkannten allerdings völlig das Potential von "Masse". Der Erste Weltkrieg hatte bei den Soldaten tatsächlich vorherige Affinitäten zu Sozialismus und Liberalismus beseitigt; einen gesteigerten Konservatismus aber hatte er nicht hervorgerufen. Stattdessen herrschte eine diffuse Affinität zum Führerprinzip vor, der straffen Führung durch eine hevorgehobene Person, die Kraft einer besonderen Autorität in ihre Stellung kam und der sich die anderen bedingungslos unterordneten. Diese Autorität entsprach dem persönlichen Charisma des Führers und dem Beweis seiner Durchsetzungskraft - beides keine Faktoren, auf die die adeligen Intriganten bauen konnten. Der Erfolg des Nationalsozialismus machte die Treiber so schnell zu Getriebenen.

Fahnenweihe der SA
Eingekeilt zwischen den rechtsextremen Massenorganisationen auf der einen und den reaktionären Intriganten auf der anderen Seite - hatte die Republik eine Chance zu überleben? Vermutlich ja. Die Uneinigkeit ihrer Gegner war der größte Vorteil in dieser Auseinandersetzung. Nicht nur hassten sich die radikale Linke und die radikale Rechte bis aufs Blut und waren sich lediglich in ihrer Feindschaft zur Republik einig. Die radikale Rechte war in sich selbst gespalten und uneins, und es war erst die Entwicklung der Jahre zwischen 1930 und 1932, die aus der NSDAP die beherrschende Partei des rechten Randes machte und alle anderen Führerparteien aufsaugen ließ. Selbst dann aber gab es eine rechtsradikale Opposition gegen die Nationalsozialisten, die vor allem aus der Reaktion der alten Eliten bestand, denen der Massengedanke und die Vulgarität des Hakenkreuzes zuwider war.

Zudem war es schwer möglich, der Republik gegen entschlossenen Widerstand den Garaus zu machen. Die Putschversuche von 1920 und 1923 hatten das deutlich gezeigt: der eine war am Widerstand und Generalstreik der Gewerkschaften zerschellt, der andere von den Polizeikräften einer autoritären Halbdiktatur zerschlagen worden, die in den Putschisten eine Gefahr für die eigene Stellung sah. Das Drama der Jahreswende 1932/33 wäre kaum möglich ohne die Machtkämpfe und Intrigen innerhalb der Rechten selbst. Hätte es zu diesem Zeitpunkt einen demokratischen Widerstand gegeben, hätte das Kartenhaus von Papens zum Einsturz gebracht werden können, bevor Hitler mit seinen Notstandsgesetzen hineinschlug.

Wahlkampfkorso der SPD
Widerstand wäre vermutlich bereits gegen die Regierung Brüning möglich gewesen. Sie konnte überhaupt nur zwei Jahre lang existieren, weil die Sozialdemokratie sie tolerierte, aus Furcht dass bei einem Sturz Brünings endgültig die antirepublikanische Rechte das Ruder übernehmen würde und dass man vielleicht das Schlimmste doch verhüten könnte. Vielleicht wäre es besser gewesen, auf scharfen Oppositionskurs einzuschwenken und die eigene Basis und die Gewerkschaften gegen Brünings Austeritätspolitik zu mobilisieren; dafür jedoch fehlte wohl der theoretische Unterbau. Welche ökonomischen Alternativen hatte man denn zum Sparen in der Krise? Keynes' Ideen wetterleuchteten allenfalls im Kopf Roosevelts, aber sicher nicht in denen der Sozialdemokraten. Für eine Totalopposition nach KPD-Vorbild jedoch war man zu staatstragend, letztlich zu verantwortungsvoll. Was manche sicher ahnten wurde jedoch später Gewissheit: dass Brüning nicht nur schlechte Politik betrieb, sondern in Wahrheit danach trachtete, den Staat, den die Sozialdemokratie mit ihrer Tolerierung zu tragen gedachte, von seinem Sockel zu stoßen. Allein, die einzig andere verbliebene halbwegs demokratische Partei mit nennenswerter Stärke, das Zentrum, war durch Brüning Regierungspartei. Ihre Unterstützung hatte man keinesfalls, und eine Zusammenarbeit mit KPD oder gar NSDAP bzw. DNVP war ausgeschlossen.

Es hätte damals einer Alternative von Seiten der Sozialdemokratie bedurft, die der fruchtlosen Verwaltung des Mangels eines Brüning gegenübergestellt werden hätte können. Eine Alternative aber wurde dem Wähler damals seitens der demokratischen Parteien nicht mehr zugebilligt. Wer verzweifelt war ob des ökonomischen Desasters hatte, wenn er gegen die aktuelle Politik wählen wollte, nur KPD oder NSDAP zur Auswahl. Es war die mangelnde Alternative, mithin Grundstein der Demokratie, die die Weimarer Republik in diesen zwei Jahren aushöhlte - das Gift eines falschen Pragmatismus und der sozialdemokratische Irrglaube, der Wähler werde es schon irgendwie belohnen, später dann, wenn er die Richtigkeit erkannt hätte. Brünings Kanzlerschaft hätte vielleicht noch auf demokratischem Wege beendet werden können, in einem Wettkampf der Ideen. Kraft dafür hatte niemand mehr, am wenigsten diejenigen, auf deren Schultern die Verantwortung lastete. Die SPD hatte gerade erst die Große Koalition mit dem Zentrum beendet, war ausgelaugt und hoffte sich im üblichen Schaukelspiel der Weimarer Koalitionspolitik in der Opposition "regenerieren" zu können. Das war ein Irrtum.

Papen 1945
Als die Macht aus Brünings Händen glitt und einem intriganten Aristokraten namens von Papen zufloss, dessen hervorstechendstes Charaktermerkmal seine persönliche Freundschaft mit dem in die Demenz rutschenden Hindenburg war, existierte die Republik nur noch als Anstrich, der Reichstag als Spielstein, den umzuwerfen sich die handelnden Akteure auf ihre Fahnen geschrieben hatten. Von Papen wie sein Nachfolger (und bald wieder Vorgänger) von Schleicher wollten mit dem Hammer erreichen, was Brüning noch Stück für Stück und mit dem Anstrich legislativer Legalität geplant hatte: am Parlament vorbeizuregieren und es auf kurze Sicht als Machtfaktor im Staate auszuschalten. Sie stützten sich noch viel mehr als Brüning auf das Instrument der reichspräsidentiellen Notverordnung und machten sich persönlich vollständig von Hindenburg abhängig. Dieser verharrte in einem merkwürdigen Geisteszustand: einerseits hasste er die Republik, die er verkörperte, andererseits nahm er seinen Amtseid ernst genug, um sie nur "legal" stürzen zu wollen. An diesem Widerspruch scheiterten sowohl Papen als auch Schleicher. Der Reichstag hatte zu diesem Zeitpunkt seine Funktion eingebüßt. Sprach er den Kanzlern von Hindenburgs Gnaden das Misstrauen aus, so wurde er aufgelöst, und mit jeder Auflösung und Neuwahl wurden die radikalen Kräfte von links und rechts stärker. Dieser Teufelskreis lähmte die verbliebenen, endgültig in ihrer Gesamtheit in die Minderheit geratenen demokratischen Kräfte.

Mit den Mitteln parlamentarischer Politik war der Bedrohung nicht mehr beizukommen, denn der Gegner spielte nach anderen Regeln. Hätten die Parteien den Sturz der Kanzler betreiben wollen, blieb ihnen nur ein Ausweg: massiven Druck auf Hindenburg auszuüben, so dass dieser gezwungen wäre sie fallen zu lassen. Die Lage war jedoch generell katastrophal, und solcher Druck war kaum mehr zu bewerkstelligen. Wenn es dem Reichstag doch gelang, sich zwischen Auflösungsdrohungen und der eskalierenden Gewalt der militanten Ableger radikaler Parteien zu einer gemeinsamen Aktion aufzuraffen, so gelang es kaum mehr als einen Austausch aristokratischer Intriganten zu erreichen. Eine entschlossene Abwehrfront hätte vielleicht trotzdem Erfolg haben können, wenngleich die Wirtschaftskrise mittlerweile ihre volle Wirkung erreicht hatte und das Interesse an solcher Politik gegenüber Versprechungen über eine Lösung der Lage zurücktreten ließ.

Fackelzug zur Machtergreifung
Der Reichstag war die geringste Sorge der Verschwörer Schleicher und Papen, die sich vorrangig Gedanken darüber machten, wie sie die NSDAP für ihre Zwecke einspannen oder aber zerschlagen könnten. Beide Vorstellungen waren völlig unrealistisch. Die lächerlichen Versuche Schleichers, einen eingebildeten linken, seriösen Flügel der NSDAP unter Gregor Strasser abspalten und die NSDAP so schwächen zu können verkannte völlig das Machtgefüge innerhalb der Partei. Die Idee Papens, Hitler und seine engsten Spießgesellen in ein konservatives Kabinett einzurahmen und sie so zu neutralisieren unterschätzte die Skrupellosigkeit und den Willen Hitlers ebenso fatal.

Als Hitler am 30. Januar 1933 Reichskanzler wurde, öffnete sich zum letzten Mal ein Fenster, in dem die Republik hätte gerettet werden können. Im Moment höchster Bedrohung, als Hitler die Reichstagssitzung zur Annahme der Ermächtigungsgesetze eröffnete, die ihm die formale Grundlage seiner Diktatur bilden würden, benötigte er zumindest die Stimmen des Zentrums für die erforderliche Mehrheit, wenn er nicht den offenen Staatsstreich riskieren wollte. Dieses Risiko wollte er allerdings nach Möglichkeit vermeiden. Hätten an dieser Stelle die demokratischen Parteien gegen den Mann zusammengestanden, der aus seinem Hass auf sie genausowenig eine Abneigung gemacht hatte wie aus seiner Absicht, ihnen den Garaus zu machen - die legale Annahme des Ermächtigungsgesetzes wäre gescheitert. Es war die letzte, allerletzte Möglichkeit, die die Träger des republikanischen Systems noch hatten um es zu retten, bevor Hitler die Abrissbirne daran legte und damit die Arbeiten beendete, die Brüning begonnen hatte. Es ist schwer vorstellbar, was geschehen wäre, wenn die Reichstagssitzung mit der Ablehnung der Gesetze geendet hätte. Für die beteiligten Abgeordneten wäre es sicher nicht angenehm gewesen, bedenkt man, dass SA-Schläger hinter ihnen standen und geradezu auf ein verdächtiges Zucken warteten.

Hitlers Rede zum Ermächtigungsgesetz
Eine Ablehnung, und das musste allen Beteiligten klar sein, war das Signal zum Bruch mit der bisherigen Akzeptanz und Tolerierung der Präsidialkanzler. Das Aussprechen parlamentarischen Misstrauens würde Hitler nicht stoppen. Wie bereits 1919/20 drohte offener Bürgerkrieg. So oder so würde Blut in den Straßen fließen. Menschlich ist es verständlich, dass viele Abgeordnete vor dieser Aussicht zurückschreckten und die Hoffnung behielten, dass es vielleicht doch nicht so schlimm für sie würde - eine Hoffnung, die Hitler nach Kräften nährte, solange es sich nicht um Sozialdemokraten oder Kommunisten handelte. Die SA zählte zu dieser Zeit bereits über eine Million Mann, während die Kampftruppe der Republikaner, das "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold", bei weitem nicht so stark und zudem deutlich weniger motiviert war. Auch die kommunistischen Verbände, auf deren Unterstützung ohnehin nicht zu zählen war, konnten den Vergleich zu Hitlers braunen Schlägern kaum bestehen. Die einzige Hoffnung, die die Republik in einem solchen Kampf haben könnte, war wie 1920 der Generalstreik der Gewerkschaften. Würden sie sich dem neuen Regime verweigern, so käme das Land zum Stillstand. Allein, die Politik Brünings hatte dafür gesorgt, dass diese Möglichkeit zahnlos war. Sechs Millionen potentielle Streikbrecher und eine in ganz Deutschland verbreitete Schlägerarmee bedeuteten völlig andere Ausgangsbedingungen für ein Überstehen eines solchen Aufstands als 1920, und selbst wenn man es wagte, so dürfte vielen noch bitter die Erinnerung an den sozialdemokratischen Verrat und deren Bündnis mit den Mordkommandos der Freikorps im Kopf herumspuken.

Ein solcher Widerstand, ob erfolgreich oder nicht, hätte den Tod hunderter, wenn nicht Tausender, und zumindest für eine Weile offene Kämpfe bedeutet. Am Ende hätte Hitler vielleicht doch triumphiert. Er wäre jedoch Putschist gewesen, gebrandmarkt mit dem Odium des Tyrannen von Anfang an, und hätte es vielleicht schwieriger gehabt, seine Herrschaft in allen Bevölkerungsschichten zu legitimieren. Sicherlich würde man sich der Weimarer Republik und damit der ersten deutschen Republik anders erinnern, wenn sie kämpfend untergegangen wäre. Für die Toten eines solchen Fanals wäre das nur ein schwacher Trost, doch die Chance, das unermessliche Leid zu verhindern das Hitler in den folgenden Jahren entfesseln sollte, lässt einen trotz alledem erschauern.

Bildnachweise: 
Ausrufung - unbekannt (CC-BY-SA 3.1)
Kappputsch - unbekannt (CC-BY-SA 3.1)
Brüning - unbekannt (CC-BY-SA 3.1)
Schleicher - unbekannt (CC-BY-SA 3.1)
Fahnenweihe - Carl Weinrother (CC-BY-SA 3.1)
Korso - Gebrüder Haeckel (CC-BY-SA 3.1)
Papen - Charles Alexander (gemeinfrei)
Fackelumzug - unbekannt (CC-BY-SA 3.1)
Rede - unbekannt (CC-BY-SA 3.1)


Kommentare:

  1. Eine schlüssige und sinnige Aufstellung der Ereignisse um die Weimarer Republik und ihr Ende.

    Der Verweis auf heutige parallele Zustände und die Erkenntnis,daß nationale Politik,wenn sie von grundlegender Bedeutung ist,im Ergebnis nie ohne äußere Einflussnahme stattfindet,fehlen leider.

    AntwortenLöschen
  2. Ich sehe ehrlich gesagt praktisch keine Parallelen zu heute. Weder stellt die Bevölkerung den Parlamentarismus in Frage noch gibt es zwei Massenbewegungen mit antidemokratischer Stoßrichtung, ein antidemokratisches Staatsoberhaupt oder eine verschwörende Kamarilla.

    Und was meinst du mit deinem Satz zur nationalen Politik?

    AntwortenLöschen
  3. Ich bin zwar nicht "Anonym", aber eine Anmerkung vielleicht doch: Wenn ich mir den Trend der Wahlbeteiligungen bei jedweden Wahlen in D ansehe, dann kann man m. E. sehr wohl zu dem Schluss kommen, dass die Bevölkerung zwar nicht den Parlamentarismus an sich, wohl aber dessen "Träger", nämlich die politischen Parteien in Frage stellen - das kommt aber, bis ans mögliche Ende durchgedacht, praktisch einer Infragestellung des Parlamentarismus gleich.

    Ein Gedanke, der mir beim Lesen häufiger kam, ist, dass - insbesondere für die Sozialdemokratie - es durchaus Parallelen gibt. Zwar geht es heute nicht um die Verhinderung des Nationalsozialismus und damit um den Fortbestand der Demokratie an sich, aber es geht (heute!) sehr wohl um den Umgang mit dem ökonomieorientierten Gesellschaftswandel seit Beginn der Kohl-Ära. Die SPD hat sich dann unter Schröder und v. a. seit dem frühen Weggang Lafontaines dem britischen "New Labour"-Modell zugewandt. Letztlich hat sie - sicher unter dem von "Anonym" schon herausgestellten - Einfluss externer Tatbestände (i. e. Globalisierung) die konservativ-neoliberale Politik der Vorgängerregierung weiterbetrieben. Dies wiederum hat für lange Zeit die Glaubwürdigkeit der Partei unterminiert. Somit täte m. E. die SPD gut daran, sich des "Kapitels Weimar" vor diesem Hintergrund neu zu widmen und letztlich ihr eigenes Profil zu schärfen. Grund genug für eine wahrhaft sozial-demokratische Politik gibt es ja heute allenthalben. Allein, es scheint das Personal zu fehlen.

    Wenn man deinen Abriss der Sozialdemokratie, den du vor einigen Wochen hier gepostet hast, so liest, dann mag man zwar ins Zweifeln kommen, dass eine solche Neu-Akzentuierung gelingt, aber wenn ich mir einige Debatten anschaue, die in den letzten Tagen von Schirrmacher, Moore und anderen angefacht worden sind, dann läßt sich daraus sicher "Honig saugen". Will sagen - eine förderliche Theoriedebatte zeichnet sich durchaus ab. Es ist aber immer eine Frage, inwieweit Theorie in realpolitisches Handeln umsetzbar ist.

    AntwortenLöschen
  4. "Konferenz von Rapollo"

    Welche Konferenz ist gemeint? Etwa der Vertrag von Rapallo zwischen Weimarer Republik und der Sowjetunion?

    AntwortenLöschen
  5. Richtig, das Ding heißt Rapallo, das war der erste Fehler, und gemeint war eigentlich der Dawes-Plan. Mea maxima culpa. Wird korrigiert.

    AntwortenLöschen
  6. Deine Blogg ist der Hammer. Ich habe zwei fragen zum thema Waimar republik :
    1 Hatte die Waimar Repúblik eine Chance länger als 14 Jahre zu dauern ?
    2 Welche wichtigen Faktoren trugen zum Scheitern der Republik bei ?

    AntwortenLöschen
  7. Danke für die Blumen, aber ich dachte eigentlich das im Artikel angesprochen zu haben ^^

    1. Ja
    2. Vorrangig die Weigerung der politischen Rechten, die demokratischen Spielregeln zu akzeptieren. Und ich meine hier nicht die Nazis, sondern Konservative und Nationalisten.

    AntwortenLöschen