Freitag, 13. Februar 2026

Heinrich August Winkler - Deutungskämpfe. Der Streit um die deutsche Geschichte (Teil 3)

 

Heinrich August Winkler - Deutungskämpfe. Der Streit um die deutsche Geschichte

Nazi-Soziologie

Zu den entscheidendsten Fragen jüngerer deutscher Geschichtsschreibung gehört die nach dem "Warum". Warum kam Hitler an die Macht, und wie? Die konservativen Apologeten favorisierten lange eine Erklärung von der Wahl radikaler Spinner, die quasi allein verantwortlich waren, durch verelendete Massen. Doch bereits in den 1960er Jahren begann eine vor allem soziologisch unterfütterte Analyse Raum einzunehmen.

Den Anfang macht eine in Kapitel 10, "Warum die Bauern Hitler wählten", erst 1963 auf Deutsch erschienen, aber bereits in den 1930er Jahren abgefasste Studie aus Schleswig-Holstein. Darin wurde herausgearbeitet, dass die Bauernschaft Schleswig-Holsteins viel entschiedener und umfänglicher dem Nationalsozialismus verfiel als andere Gruppierungen. Den Grund dafür sieht Winkler vor allem in den vormodernen patriarchalischen Strukturen, die auf dem Land auch zu dieser Zeit noch weitgehend herrschten. Diese Argumentation wird dann in seinen Betrachtungen der Sonderwegsthese später immer wieder aufgegriffen: für ihn ist der entscheidende Unterschied zwischen Deutschland und den westlichen Ländern der starke Agrarsektor mit seiner Adelselite und ihrer Beharrung auf vormodernen Strukturen, weswegen er auch wesentlich bereitwilliger einen Sonderweg zu erkennen bereit ist und von all seinen Kritikern einfordert, diesen Strukturunterschied anders zu erklären (was niemand zu seiner Zufriedenheit tun kann).

Mittwoch, 11. Februar 2026

Rezension: Heinrich August Winkler - Deutungskämpfe. Der Streit um die deutsche Geschichte (Teil 2)

 

Heinrich August Winkler - Deutungskämpfe. Der Streit um die deutsche Geschichte

Ostpreußische Adelige und andere Rechte

Mit dem von mir postulierten Wandel der Geschichtswissenschaft beschäftigt sich Winkler auch auf der Metaebene. In Kapitel 19, "Historiker in ihrer Gegenwart", ist eine Reflexion Winklers über den Historikerkongress in Berlin von 1964 abgedruckt. Für den jungen Winkler war offenkundig, wie sehr sich die Geschichtswissenschaft einerseits methodisch weiterentwickelt hatte, entschieden weg von der früheren Personen- und Diplomatiegeschichte hin zu Wirtschafts- und Sozialgeschichte, wie sie aber auch ebenso entschieden von den typischen apologetischen Positionen etwa eines Gerhard Ritter abgekommen war. Die Deutungskämpfe der 1950er Jahre waren entschieden. Eine neue Generation von Historiker*innen habe eine klar wahrnehmbare "Linksschwenkung" der Geschichtswissenschaft weg von konservativer Apologetik bewirkt, die Debatte sei von den Konservativen klar verloren worden. Genauso wie dies später beim Historikerstreit der Fall sein würde war diese Niederlage vor allem dadurch relevant und deswegen für eine neue Generation von Historiker*innen prägend, weil sie wissenschaftlich geschehen sei: ad fontes, auf Basis der Quellen, ließen sich die alten Deutungen nicht mehr halten.

Montag, 9. Februar 2026

Rezension: Heinrich August Winkler - Deutungskämpfe. Der Streit um die deutsche Geschichte (Teil 1)

 

Heinrich August Winkler - Deutungskämpfe. Der Streit um die deutsche Geschichte

Für die Geschichtswissenschaft mag Leopold von Ranke einmal das Ideal ausgegeben haben, sie solle Dinge darstellen, wie sie gewesen sind. Doch von dieser Idee hat sie sich schon lange emanzipiert, die Vorstellung einer objektiv zutreffenden Geschichtsdarstellung als naiven Mythos entlarvt. Geschichtswissenschaft ist immer auch ein Deutungskampf, Geschichtspolitik sowieso. Es ist deswegen lobenswert, wenn Heinrich August Winkler seinen Sammelband mit Essays aus sechs Jahrzehnten geschichtswissenschaftlicher Tätigkeit mit dem Titel "Deutungskämpfe" versieht und so mit offenem Visier kämpft: er stellt sich der wissenschaftlichen Auseinandersetzung, streitlustig sicher, aber stets der wissenschaftlichen Methode verpflichtet und mit dem analytischen Blick des Historikers. Bekannt ist Winkler vor allem für sein Mammutwerk zur deutschen Geschichte, dem er den Übertitel des "langen Weg nach Westen" gegeben hatte; eine klare Missionsansage. Die lange Zeitspanne der veröffentlichten Essays bringt notwendigerweise mit sich, dass ein guter Teil der Meinungskämpfe, in deren Verlauf diese Texte gehören, abgeschlossen ist. Das ist gar nicht so selbstverständlich, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Manche Debatten sind wahre Evergreens, während andere so sehr zum Konsens geworden sind, dass es aus heutiger Perspektive beinahe ulkig ist, dass sie einmal kontrovers waren. Winklers Sammelband ist somit auch eine historiografische Quelle, wenngleich kein Versuch einer entsprechenden Einordnung unternommen wird: diese müssen die Lesenden selbst leisten, und diese Rezension ist auch ein Experiment darin, das zu wagen.

Montag, 12. Januar 2026

Rezension: Thomas E. Ricks - Waging a good war. A Military History of the Civil Rights Movement, 1954-1968

 

Thomas E. Ricks - Waging a good war. A Military History of the Civil Rights Movement, 1954-1968 (Hörbuch)

Die Geschichte der Bürgerrechtsbewegung wird vor allem als eine bereinigte Feel-Good-Geschichte erzählt, in die sich die weiße Mehrheit mit hineinimaginieren kann. Ähnlich wie in Deutschland quasi alle im Widerstand waren und nur extrem böse Menschen Nazis waren, waren Segregationisten in den USA eine winzige, bösartige Minderheit, die merkwürdigerweise dennoch im ganzen Land die Gleichstellung der Schwarzen ein Jahrhundert lang nicht nur verhindert, sondern vor allem (aber bei weitem nicht nur) im Süden in mörderischer Gewalt gesichert hatte. In dieser Fantasieerzählung steht Rosa Parks im Bus nicht auf, hält Martin Luther King eine Rede in Washington, eventuell gibt es noch den Marsch über die Brücke in Selma, weil jemand den Film gesehen hat, und dann erkennen die Weißen die moralische Überlegenheit der Bürgerrechtsaktivisten an und der Rassismus wurde besiegt. Ähnlich wie 1945 die braunen Aliens wieder in die Raumschiffe stiegen, aus denen sie 1933 kamen, und auf Nimmerwiedersehen verschwanden.

Donnerstag, 8. Januar 2026

Rezension: Evke Rulffes - Die Erfindung der Hausfrau. Geschichte einer Entwertung

 

Evke Rulffes - Die Erfindung der Hausfrau. Geschichte einer Entwertung

Es dürfte inzwischen allgemein bekannt sein, dass die Hausfrau als Ideal der bürgerlichen Gesellschaft eine soziale Konstruktion ist, die in früheren Epochen kein Äquivalent besitzt (und mangels einer bürgerlichen Gesellschaft auch nicht haben kann). Die Ubiquität der Hausfrau als Bezugspunkt weiblichen Rollenverständnisses vor allem im 19. und 20. Jahrhundert macht eine Beschäftigung mit ihren Ursprüngen umso interessanter. Wie so oft in der Geschichte ist die Annahme, dass etwas, das in einem Jahrhundert seine Blüte erlebte, seine Ursprünge im Jahrhundert davor besitzt, eine durchaus stabile. Evke Rulffes Werk über die "Erfindung der Hausfrau" ist deswegen im 18. Jahrhundert verortet und betrachtet die Entwicklung einer spezifischen geschlechtlichen Arbeitsteilung, wie sie für unsere Gesellschaften fundamental werden sollte und im 21. Jahrhundert mehr und mehr in die Kritik gerät. Da man immer wissen sollte, woher man kommt, wenn man irgendwo hin geht, macht diese Beschäftigung auch großen Sinn.

Montag, 5. Januar 2026

Rezension: Christoph Nonn - Zwölf Tage und ein halbes Jahrhundert

 

Christoph Nonn - Zwölf Tage und ein halbes Jahrhundert

Es gibt zahlreiche Geschichten des Kaiserreichs, so dass es durchaus Sinn macht, über eine grundlegende Strukturierung nachzudenken, vor allem, wenn man nicht den Anspruch hat, diese Geschichte in allen Facetten umfassend, sondern etwas leichter verdaulich zu gestalten. Christoph Nonns strukturierendes Element ist es, sich zwölf Tage in dem halben Jahrhundert Existenz des Kaiserreichs herauszugreifen und an ihnen exemplarisch Elemente dieses widersprüchlichen Staates aufzugreifen. Dieses griffige und etwas populäre Konzept heißt aber nicht, dass der Band deswegen auf wissenschaftlichen Anspruch verzichten würde und müsste. Nonn ist ein Experte für sein Fachgebiet, der die Lesenden in einer leichter verdaulichen Weise an seinem Kenntnisreichtum teilhaben lässt.

Montag, 27. Oktober 2025

Rezension: Timothy Rilback - Takeover. Hitler's final rise to power

 

Timothy Rilback - Takeover. Hitler's final rise to power (Hörbuch)

Der Aufstieg Hitlers an die Machtstellung eines absoluten Diktators Deutschland und das damit einhergehende Ende der Weimarer Republik haben die Gemüter der Menschen seitdem sie passiert sind bewegt. Wie gelang es diesem Mann, gegen so viele Widerstände an die Macht zu kommen und die Demokratie zu zerstören? Und was können wir daraus lernen? Der aktuelle Umbau der USA von einer liberalen Demokratie zu einer wenigstens illiberalen, wenn nicht gar zu einem autoritären Staat hat für einen Aufschwung in der Beschäftigung mit dem Ende der Weimarer Republik gesorgt, die entsprechenden Büchern wesentlich mehr Aufmerksamkeit bringt, als sie das noch vor einigen Jahren getan hätte. Ein aktueller Eintrag in diese Liste ist Timothy W. Rybacks "Takeover", das wohlwollende Rezensionen erhielt und zu einem kleinen Publikumshit wurde. Ich habe Rybacks Schilderung der Geschehnisse zwischen dem Sommer 1932 und der Machtübergabe an Hitler am 30. Januar 1933 gelesen.