Mittwoch, 18. März 2026

Rezension: Adam Tooze - Wages of Destruction (Teil 1)

 

Adam Tooze - Wages of Destruction (Hörbuch) (Ökonomie der Zerstörung)

Im Jahr 2006 wurde der Historiker Adam Tooze einer breiteren Öffentlichkeit mit seinem Magnum Opus "The Wages of Destruction" bekannt. Zum damaligen Zeitpunkt (und auch bis heute nicht) existierte keine Gesamtwirtschaftsgeschichte des Nationalsozialismus, so dass sein Werk mit einem gehörigen Maß an Anspruch daherkam. Zusätzlich beanspruchte es nicht nur, deskriptiv die Wirtschaft des Dritten Reiches darzulegen, sondern auch, einen neuen interpretatorischen Rahmen zu bieten, den Tooze selbst gleich ausfüllte und zahlreiche bis dahin geltende Paradigmen in Frage stellte. Dass ihm dies weitgehend gelang - selbst die sonst so kritische HSozKult findet nur Details zu kritisieren - zeigt den anhaltenden Wert dieses Werkes, das ich selbst schon mehrfach gelesen habe und das bei jeder Lektüre neue Sichtweisen für mich hervorbringt, schon alleine, weil es so viele Informationen, Analysen und Deutungen enthält, die gleichzeitig notwendig kompliziert sind; Wirtschaftsgeschichte erfordert schließlich einen ganz anderen Referenzrahmen, den ich als eher mathe- und damit auch wirtschaftswissenschaftsaverser Mensch nicht mitbringe. Ich möchte auch noch die kleine Vorwarnung mitgeben, dass manche Teile des Buches viel ausführlicher rezipiert werden als andere; das hat mit der Qualität meiner Notizen und den jeweiligen Leseumständen zu tun. Das Buch ist wahnsinnig dicht und komplex und kann grundsätzlich nur unvollständig wiedergegeben werden; es lohnt in jedem Fall die eigene Lektüre. Doch damit genug der Vorrede.

Mittwoch, 4. März 2026

Rezension: John Dolan - They should have been hanged

 

John Dolan - They should have been hanged

John Dolan, bekannter unter seinem Alias "Gary Brecher, the War Nerd", hat schon mehrere Essaysammlungen veröffentlicht, genauso wie eine brillante Ilias-Übertragung (beide hier besprochen). Nun liegt neu eine Essaysammlung zum Thema "Amerikanischer Bürgerkrieg" vor, die der selbst erklärte "Hardcore Unionist" unter den provokativen Titel "They should have been hanged" stellt. Dolan alias Brecher alias War Nerd ist für seine politische Lager überschneidende, scharfe Rhetorik bekannt. Entsprechend kann man auch hier mit sehr klaren Meinungen rechnen, wenngleich in sehr unterhaltsamer Rhetorik und einem eigenen, sehr lesenswerten Stil, der sich natürlich auch an andere Nerds richtet. Wer nicht weiß, wer George McClellan oder was Shermans "March to the Sea" war, wird vermutlich das eine oder andere Mal kopfkratzend zurückbleiben.

Montag, 16. Februar 2026

Rezension: Heinrich August Winkler - Deutungskämpfe. Der Streit um die deutsche Geschichte

 

Heinrich August Winkler - Deutungskämpfe. Der Streit um die deutsche Geschichte

Für die Geschichtswissenschaft mag Leopold von Ranke einmal das Ideal ausgegeben haben, sie solle Dinge darstellen, wie sie gewesen sind. Doch von dieser Idee hat sie sich schon lange emanzipiert, die Vorstellung einer objektiv zutreffenden Geschichtsdarstellung als naiven Mythos entlarvt. Geschichtswissenschaft ist immer auch ein Deutungskampf, Geschichtspolitik sowieso. Es ist deswegen lobenswert, wenn Heinrich August Winkler seinen Sammelband mit Essays aus sechs Jahrzehnten geschichtswissenschaftlicher Tätigkeit mit dem Titel "Deutungskämpfe" versieht und so mit offenem Visier kämpft: er stellt sich der wissenschaftlichen Auseinandersetzung, streitlustig sicher, aber stets der wissenschaftlichen Methode verpflichtet und mit dem analytischen Blick des Historikers. Bekannt ist Winkler vor allem für sein Mammutwerk zur deutschen Geschichte, dem er den Übertitel des "langen Weg nach Westen" gegeben hatte; eine klare Missionsansage. Die lange Zeitspanne der veröffentlichten Essays bringt notwendigerweise mit sich, dass ein guter Teil der Meinungskämpfe, in deren Verlauf diese Texte gehören, abgeschlossen ist. Das ist gar nicht so selbstverständlich, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Manche Debatten sind wahre Evergreens, während andere so sehr zum Konsens geworden sind, dass es aus heutiger Perspektive beinahe ulkig ist, dass sie einmal kontrovers waren. Winklers Sammelband ist somit auch eine historiografische Quelle, wenngleich kein Versuch einer entsprechenden Einordnung unternommen wird: diese müssen die Lesenden selbst leisten, und diese Rezension ist auch ein Experiment darin, das zu wagen.

Freitag, 13. Februar 2026

Heinrich August Winkler - Deutungskämpfe. Der Streit um die deutsche Geschichte (Teil 3)

 

Heinrich August Winkler - Deutungskämpfe. Der Streit um die deutsche Geschichte

Nazi-Soziologie

Zu den entscheidendsten Fragen jüngerer deutscher Geschichtsschreibung gehört die nach dem "Warum". Warum kam Hitler an die Macht, und wie? Die konservativen Apologeten favorisierten lange eine Erklärung von der Wahl radikaler Spinner, die quasi allein verantwortlich waren, durch verelendete Massen. Doch bereits in den 1960er Jahren begann eine vor allem soziologisch unterfütterte Analyse Raum einzunehmen.

Den Anfang macht eine in Kapitel 10, "Warum die Bauern Hitler wählten", erst 1963 auf Deutsch erschienen, aber bereits in den 1930er Jahren abgefasste Studie aus Schleswig-Holstein. Darin wurde herausgearbeitet, dass die Bauernschaft Schleswig-Holsteins viel entschiedener und umfänglicher dem Nationalsozialismus verfiel als andere Gruppierungen. Den Grund dafür sieht Winkler vor allem in den vormodernen patriarchalischen Strukturen, die auf dem Land auch zu dieser Zeit noch weitgehend herrschten. Diese Argumentation wird dann in seinen Betrachtungen der Sonderwegsthese später immer wieder aufgegriffen: für ihn ist der entscheidende Unterschied zwischen Deutschland und den westlichen Ländern der starke Agrarsektor mit seiner Adelselite und ihrer Beharrung auf vormodernen Strukturen, weswegen er auch wesentlich bereitwilliger einen Sonderweg zu erkennen bereit ist und von all seinen Kritikern einfordert, diesen Strukturunterschied anders zu erklären (was niemand zu seiner Zufriedenheit tun kann).

Mittwoch, 11. Februar 2026

Rezension: Heinrich August Winkler - Deutungskämpfe. Der Streit um die deutsche Geschichte (Teil 2)

 

Heinrich August Winkler - Deutungskämpfe. Der Streit um die deutsche Geschichte

Ostpreußische Adelige und andere Rechte

Mit dem von mir postulierten Wandel der Geschichtswissenschaft beschäftigt sich Winkler auch auf der Metaebene. In Kapitel 19, "Historiker in ihrer Gegenwart", ist eine Reflexion Winklers über den Historikerkongress in Berlin von 1964 abgedruckt. Für den jungen Winkler war offenkundig, wie sehr sich die Geschichtswissenschaft einerseits methodisch weiterentwickelt hatte, entschieden weg von der früheren Personen- und Diplomatiegeschichte hin zu Wirtschafts- und Sozialgeschichte, wie sie aber auch ebenso entschieden von den typischen apologetischen Positionen etwa eines Gerhard Ritter abgekommen war. Die Deutungskämpfe der 1950er Jahre waren entschieden. Eine neue Generation von Historiker*innen habe eine klar wahrnehmbare "Linksschwenkung" der Geschichtswissenschaft weg von konservativer Apologetik bewirkt, die Debatte sei von den Konservativen klar verloren worden. Genauso wie dies später beim Historikerstreit der Fall sein würde war diese Niederlage vor allem dadurch relevant und deswegen für eine neue Generation von Historiker*innen prägend, weil sie wissenschaftlich geschehen sei: ad fontes, auf Basis der Quellen, ließen sich die alten Deutungen nicht mehr halten.

Montag, 9. Februar 2026

Rezension: Heinrich August Winkler - Deutungskämpfe. Der Streit um die deutsche Geschichte (Teil 1)

 

Heinrich August Winkler - Deutungskämpfe. Der Streit um die deutsche Geschichte

Für die Geschichtswissenschaft mag Leopold von Ranke einmal das Ideal ausgegeben haben, sie solle Dinge darstellen, wie sie gewesen sind. Doch von dieser Idee hat sie sich schon lange emanzipiert, die Vorstellung einer objektiv zutreffenden Geschichtsdarstellung als naiven Mythos entlarvt. Geschichtswissenschaft ist immer auch ein Deutungskampf, Geschichtspolitik sowieso. Es ist deswegen lobenswert, wenn Heinrich August Winkler seinen Sammelband mit Essays aus sechs Jahrzehnten geschichtswissenschaftlicher Tätigkeit mit dem Titel "Deutungskämpfe" versieht und so mit offenem Visier kämpft: er stellt sich der wissenschaftlichen Auseinandersetzung, streitlustig sicher, aber stets der wissenschaftlichen Methode verpflichtet und mit dem analytischen Blick des Historikers. Bekannt ist Winkler vor allem für sein Mammutwerk zur deutschen Geschichte, dem er den Übertitel des "langen Weg nach Westen" gegeben hatte; eine klare Missionsansage. Die lange Zeitspanne der veröffentlichten Essays bringt notwendigerweise mit sich, dass ein guter Teil der Meinungskämpfe, in deren Verlauf diese Texte gehören, abgeschlossen ist. Das ist gar nicht so selbstverständlich, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Manche Debatten sind wahre Evergreens, während andere so sehr zum Konsens geworden sind, dass es aus heutiger Perspektive beinahe ulkig ist, dass sie einmal kontrovers waren. Winklers Sammelband ist somit auch eine historiografische Quelle, wenngleich kein Versuch einer entsprechenden Einordnung unternommen wird: diese müssen die Lesenden selbst leisten, und diese Rezension ist auch ein Experiment darin, das zu wagen.

Montag, 12. Januar 2026

Rezension: Thomas E. Ricks - Waging a good war. A Military History of the Civil Rights Movement, 1954-1968

 

Thomas E. Ricks - Waging a good war. A Military History of the Civil Rights Movement, 1954-1968 (Hörbuch)

Die Geschichte der Bürgerrechtsbewegung wird vor allem als eine bereinigte Feel-Good-Geschichte erzählt, in die sich die weiße Mehrheit mit hineinimaginieren kann. Ähnlich wie in Deutschland quasi alle im Widerstand waren und nur extrem böse Menschen Nazis waren, waren Segregationisten in den USA eine winzige, bösartige Minderheit, die merkwürdigerweise dennoch im ganzen Land die Gleichstellung der Schwarzen ein Jahrhundert lang nicht nur verhindert, sondern vor allem (aber bei weitem nicht nur) im Süden in mörderischer Gewalt gesichert hatte. In dieser Fantasieerzählung steht Rosa Parks im Bus nicht auf, hält Martin Luther King eine Rede in Washington, eventuell gibt es noch den Marsch über die Brücke in Selma, weil jemand den Film gesehen hat, und dann erkennen die Weißen die moralische Überlegenheit der Bürgerrechtsaktivisten an und der Rassismus wurde besiegt. Ähnlich wie 1945 die braunen Aliens wieder in die Raumschiffe stiegen, aus denen sie 1933 kamen, und auf Nimmerwiedersehen verschwanden.