Dienstag, 25. April 2023

Oral History: Teenage Mutant Ninja Turtles

 

Einer der faszinierenden (und ehrlich gesagt auch milde erschreckenden) Bestandteile des Älterwerdens ist die Feststellung, dass der eigene Referenzrahmen von einer jüngeren Generation nicht mehr geteilt wird und diese bei zunehmend mehr Aspekten nicht mehr weiß, wovon man eigentlich spricht. Meine Elterngeneration (spätestens) dürfte ein Leben ohne Elektrizität und fließend Wasser nicht nachvollzogen haben können, während ich selbst mir nicht vorstellen konnte, dass es einmal Familien ohne Farbfernseher gab. Ich habe mich deswegen entschlossen, diese unregelmäßige Artikelserie zu beginnen und über Dinge zu schreiben, die sich in den letzten etwa zehn Jahren radikal geändert haben. Das ist notwendig subjektiv und wird sicher ein bisschen den Tonfall „Opa erzählt vom Krieg“ annehmen, aber ich hoffe, dass es trotzdem interessant ist. Als Referenz: ich bin Jahrgang 1984, und meine prägenden Jahre sind die 1990er und frühen 2000er. Was das bedeutet, werden wir in dieser Serie erkunden. In dieser Folge geht es um ein popkulturelles Phänomen der 1980er und 1990er Jahre: die Teenage Mutant Ninja Turtles.

Mein Kindheit in den 1990er Jahren war reich an Figuren aus Saturday Morning Cartoons, die auch (oder vorrangig) die Spielzeugregale befüllten. Von den Transformers über He-Man zu den Thundercats gab es zahllose dieser künstlerisch eher unterwältigenden Phänomene, die ich damals für den heißesten Scheiß jenseits der Schlümpfe hielt. Der unbestrittene König aber waren die Turtles. Ich liebte die mutierten Schildkröten, und die Biester definierten für eine Weile durchaus, was cool war. Obwohl sie in den letzten Jahren eine kleine Renaissance erlebt haben, sind die Turtles nie wieder eine solche Größe geworden wie seinerzeit. Das liegt vermutlich auch dem spezifischen Moment, den die jugendlichen "Helden im Panzer" ausfüllten.

Freitag, 21. April 2023

Rezension: Caroline Elkins - Legacy of Violence: A History of the British Empire

 

Caroline Elkins - Legacy of Violence: A History of the British Empire (Hörbuch)

Als Niall Ferguson 2018 sein Buch "Empire. How Britain made the modern world" (Hörbuch) veröffentlichte, bekam er genau den Skandal, den er hatte provozieren wollen. Seine These, wonach das Empire trotz eventueller kleinerere Schwächen ein Plus für die Welt wäre, weil es ohne die britischen Tropenhelmträger weder die indischen Großstädte noch die heutigen Kulturen gäbe, stieß auf harsche Kritik derjenigen, die am receiving end der britischen Imperialpolitik gesessen hatten und noch heute unter deren Folgen zu leiden haben. Fergusons Sicht wurde, um es milde auszudrücken, kein neuer Konsens, sondern blieb als Kuriosum einer Sicht, über die in den 1960er Jahren noch niemand eine Augenbraue hochgezogen hätte übrig, ein Anachronismus der heutigen Debatte. Nirgendwo wurde das so deutlich wie im Statuensturz im Gefolge der #BlackLivesMatter-Proteste, die auch die koloniale Vergangenheit der europäischen Staaten, ob im Vereinigten Königreich, Deutschland oder Belgien, auf die Agenda rückte. Caroline Elkins legt nun eine Art Gegenentwurf zu Ferguson vor, indem sie in "Legacy of Violence" den Blick auf die Gewaltstrukturen und ihre Herrschaftsformen wirft.

Mittwoch, 19. April 2023

Rezension - Jürgen Osterhammel - Die Verwandlung der Welt: Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts (Teil 2)

 

Teil 1 hier.

Jürgen Osterhammel - Die Verwandlung der Welt: Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts

Damit geht Osterhammel in seinen nächsten großen Teil in Kapitel 4 über und schaut von den Räumen und Zeiten auf die Menschen. Als erstes beschäftigt er sich mit der Frage der Demografie. Das 19. Jahrhundert war in dieser Hinsicht eine ungewöhnliche Epoche. Auf der einen Seite erreichte die Bevölkerung Asiens mit 55% einen historischen Tiefstand am Anteil der Weltbevölkerung (normalerweise waren und sind es 60-65%; der mörderische chinesische Bürgerkrieg trug seinen Teil dazu bei), auf der anderen Seite erreichte Europa ein vorher und nachher nie gekanntes Bevölkerungswachstum.

Dienstag, 18. April 2023

Rezension: Caroline Elkins - Legacy of Violence: A History of the British Empire (Teil 4)

 

Teil 1 findet sich hier, Teil 2 hier, Teil 3 hier.

Caroline Elkins - Legacy of Violence: A History of the British Empire (Hörbuch)

Mit der Stabilisierung der Lage in Malaya wandte sich das Empire Kenia zu, wo der Mau-Mau-Aufstand seine Aufmerksamkeit beanspruchte. Dieser war eine direkte Folge der Anwendung der in Palästina und Malaya benutzten Methoden von massenhafter Internierung in katastrophal versorgten Lagern, der Errichtung von Foltergefängnissen und der Umwandlung der Polizei in eine paramilitärische Terrorbehörde. All diese Maßnahmen hatten dazu gedient, einen "racial capitalism" durchzusetzen, in dem die weiße Agrarieroberschicht die schwarze Konkurrenz durch diskriminierende Gesetzgebung ausschaltete und die Einheimischen gezwungen wurden, ihr Land zu verlassen und zu Hungerlöhnen für die Weißen zu arbeiten. Die Mau-Mau wandten sich mit Gewalt gegen "alle Europäer", und die Briten reagierten wie in Malaya.

Freitag, 14. April 2023

Rezension: Caroline Elkins - Legacy of Violence: A History of the British Empire (Teil 3)

 

Teil 1 findet sich hier, Teil 2 hier.

Caroline Elkins - Legacy of Violence: A History of the British Empire (Hörbuch)

Teil drei, "Trysts with Destiny", beginnt mit der Rede Nerus, aus der das Zitat stammt: Indien habe "eine Affäre mit dem Schicksal". Selbige "Affäre" bestand aus der Unabhängigkeit, aber nicht eines Landes, sondern zweien: Indien und Pakistan. Der Mann, den Clement Attlee nach Kalkutta sandte, um das Land zu teilen, war ein arroganter Adeliger voll endlosem Selbstbewusstsein: Count Mountbatten. Er erhielt bis 1948, um die Macht ordnungsgemäß an zwei neue Staaten zu übergeben.

Im zehnten Kapitel, "Glass Houses", verfolgt Elkins die Geschichte dieser Machtübergabe. Indien war das titelgebende "Glasshaus", und an Steinewerfern (eine naheliegende Metapher, die Elkins nicht nutzt) mangelte es wahrlich nicht. Radikale Hindus terrorisierten sowohl Muslime als auch moderate Hindus (Ghandi sollte einem der ihren zum Opfer fallen), während sich die radikalen Muslime ihrerseits revanchierten. Die Sikh indessen saßen zwischen allen Stühlen. Auch wenn weiße Narrative diese Art ethnischer Gewalt gerne der Unterentwicklung der entsprechenden Regionen zuschreiben, so postuliert Elkins doch klar, dass die rassistischen Hierarchien der Briten sie über Jahrzehnte maßgeblich vorbereitet hatten. 

Freitag, 7. April 2023

Rezension: Caroline Elkins - Legacy of Violence: A History of the British Empire (Teil 2)

Teil 1 findet sich hier.

Caroline Elkins - Legacy of Violence: A History of the British Empire (Hörbuch)

Die dem Kapitel ihren Namen gebende "imperiale Konvergenz" zeigte sich in den Parallelen zwischen Irland, Palästina und Bengal. Die Black and Tans, die nach der irischen Unabhängigkeit von der Insel abgezogen wurden, wurden direkt in Palästina und in Bengal eingesetzt und machten sich ihre Anti-Terror-Erfahrungen dort zunutze. Ein Dreivierteljahrhundert vor Abu Ghraib errichteten die Briten eine Gefängnisinsel mitten im Indischen Ozean, ohne Kontrolle, voller monatelanger Isolationshaft, katastrophaler hygienischer Bedingungen und Folter, in die politische Gefangene ohne Prozess und ohne Spur Jahre, teilweise sogar Jahrzehnte inhaftiert wurden. Die im irischen Guerillakrieg geschulten Beamten gingen entschlossen vor, errichteten befestigte Lager (die mich an die fortified places im Vietnamkrieg erinnern) und kämpften von dort gegen die Aufständischen.

Mittwoch, 5. April 2023

Oral History: Raubkopien

 

Einer der faszinierenden (und ehrlich gesagt auch milde erschreckenden) Bestandteile des Älterwerdens ist die Feststellung, dass der eigene Referenzrahmen von einer jüngeren Generation nicht mehr geteilt wird und diese bei zunehmend mehr Aspekten nicht mehr weiß, wovon man eigentlich spricht. Meine Elterngeneration (spätestens) dürfte ein Leben ohne Elektrizität und fließend Wasser nicht nachvollzogen haben können, während ich selbst mir nicht vorstellen konnte, dass es einmal Familien ohne Farbfernseher gab. Ich habe mich deswegen entschlossen, diese unregelmäßige Artikelserie zu beginnen und über Dinge zu schreiben, die sich in den letzten etwa zehn Jahren radikal geändert haben. Das ist notwendig subjektiv und wird sicher ein bisschen den Tonfall „Opa erzählt vom Krieg“ annehmen, aber ich hoffe, dass es trotzdem interessant ist. Als Referenz: ich bin Jahrgang 1984, und meine prägenden Jahre sind die 1990er und frühen 2000er. Was das bedeutet, werden wir in dieser Serie erkunden. In dieser Folge soll es um den Zugriff auf mediale Erzeugnisse gehen, von Musik über Filme zu TV-Serien zu Videospielen.

In den 1990er und 2000er Jahren war die größte Distributionsmethode von digitalen Medien die Raubkopie. Darunter versteht man nicht lizensierte Kopien, für die man nicht bezahlt hat (zumindest nicht den Lizenzträger). Raubkopiert wurden vor allem zwei Dinge: Programme und Musik. In den 2000er Jahren kamen zudem Filme hinzu. Raubkopien waren ein enormes wirtschaftliches Problem für die Lizenzträger, weil sie praktisch nicht kontrollierbar waren. Die Gegenmaßnahmen befanden sich in einem ständigen Rüstungswettlauf mit den Raubkopienden, ein Hase-und-Igel-Spiel, das sich fast 20 Jahre lang hinzog. In den späten 2000er Jahren endete die Ära der Raubkopie weitgehend, aus Gründen, die wir noch näher untersuchen wollen. Aber zuerst werfen wir einen Blick weit zurück ans Ende der 1980er Jahre.

Dienstag, 4. April 2023

Rezension: Caroline Elkins - Legacy of Violence: A History of the British Empire (Teil 1)

 

Caroline Elkins - Legacy of Violence: A History of the British Empire (Hörbuch)

Als Niall Ferguson 2018 sein Buch "Empire. How Britain made the modern world" (Hörbuch) veröffentlichte, bekam er genau den Skandal, den er hatte provozieren wollen. Seine These, wonach das Empire trotz eventueller kleinerere Schwächen ein Plus für die Welt wäre, weil es ohne die britischen Tropenhelmträger weder die indischen Großstädte noch die heutigen Kulturen gäbe, stieß auf harsche Kritik derjenigen, die am receiving end der britischen Imperialpolitik gesessen hatten und noch heute unter deren Folgen zu leiden haben. Fergusons Sicht wurde, um es milde auszudrücken, kein neuer Konsens, sondern blieb als Kuriosum einer Sicht, über die in den 1960er Jahren noch niemand eine Augenbraue hochgezogen hätte übrig, ein Anachronismus der heutigen Debatte. Nirgendwo wurde das so deutlich wie im Statuensturz im Gefolge der #BlackLivesMatter-Proteste, die auch die koloniale Vergangenheit der europäischen Staaten, ob im Vereinigten Königreich, Deutschland oder Belgien, auf die Agenda rückte. Caroline Elkins legt nun eine Art Gegenentwurf zu Ferguson vor, indem sie in "Legacy of Violence" den Blick auf die Gewaltstrukturen und ihre Herrschaftsformen wirft.