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Freitag, 12. August 2011

Keine Chance für Weimar?

Von Stefan Sasse

Ausrufung der Republik durch Scheidemann
Die Geschichte der Weimarer Republik wird oftmals als Geschichte des Scheiterns geschrieben. Aus der heutigen Perspektive, mit dem Wissen um die Geschehnisse der drei letzten Jahre ihres Bestehens, ist das verständlich. Das Scheitern Weimars machte die nationalsozialistische Dikatur erst möglich, beendete die erste deutsche Demokratie und stieß das Land für zwölf Jahre in den Abgrund stetig zunehmender, furchtbarer Barbarei. Oftmals wird das Scheitern Weimars, bewusst oder unbewusst, als unvermeidlich angesehen. Das kommt daher, dass der zentrale Fokus auf dem Scheitern Weimars liegt und die Geschichtsdarstellungen häufig nach den Gründen für dieses Scheitern forschen. Die Wegkreuzungen zu sehen, an denen sich alles hätte anders entwickeln können, ist dabei nicht immer ganz einfach. Im Folgenden soll der Versuch hierzu unternommen werden.

Die Weimarer Republik stand in den Jahren ihres Bestehens mehrmals an dem Abgrund, in den sie am Ende fiel. Es begann mit ihrer Geburt, als ihre Existenz von Kräften links wie rechts herausgefordert wurde, ging über in das Vier-Krisenjahr 1923, in dem die extreme Rechte im Windschatten einer Wirtschaftskrise die Macht zu erlangen hoffte und mündete schließlich in der Dauerkrise ab 1930 mit ihren Präsidialkabinetten und schließlich der Berufung Hitlers zum Reichskanzler 1933. Die erste dieser Krisen überwand sie nur mit der Hilfe rechtsextremer Elemente, die sie ultimativ zu überwerfen trachteten. Daraus resultierte eine beständige Schlagseite, die wie ein langsam wuchernder Krebs die demokratischen Grundlagen aushöhlte. Die Krise 1923 dagegen überwand die Republik aus eigener Kraft, wenngleich unter hohen Kosten: die Besetzung des Ruhrgebiets wurde beendet, die Währung reformiert, der Hitler-Putsch niedergeschlagen und die Separatisten im Rheinland besänftigt. Der Preis dafür war die Entfremdung des durch die Hyperinflation enteigneten Kleinbürgertums von der Republik und die Stützung autokratischer Elemente in Bayern, das zu einem Hort rechter Reaktion wurde.

Mittwoch, 11. Mai 2011

Weihnachten wieder zu Hause - ein kontrafaktisches Szenario

Von Stefan Sasse


Zug zur Front 1914
Bekanntlich beruhte der deutsche Aufmarschplan 1914 auf den Überlegungen Schlieffens, modifiziert durch Moltke, im Falle eines europäischen Krieges möglichst schnell mit weit ausgreifendem rechten Flügel die französische Armee zu umfassen und in einer Art Super-Cannae in einer gewaltigen Kesselschlacht zu vernichten. Auf diese Weise sollte der Krieg in Frankreich in wenigen Wochen entschieden werden, um sich dann den langsamer mobilisierenden Russen zuzuwenden. Bekanntlich kam es anders; die Franzosen zogen sich hinter die Marne zurück und erlaubten es den Deutschen nicht sie einzukesseln, während Russland wesentlich schneller mobilisierte als angenommen. Weihnachten 1914 fand deswegen in den Ende Herbst ausgehobenen Schützengräben statt und nicht zu Hause im Glanz des Sieges. Was aber wäre geschehen, wenn der Plan geklappt hätte? Wie könnte das Europa der Zwanziger Jahre aussehen, wenn das Deutsche Reich den Ersten Weltkrieg gewonnen hätte? Obgleich kontrafaktische Geschichte stets zu viele Unsicherheiten enthält, als dass man finale Aussagen treffen könnte, soll hier ein Versuch unternommen werden, ein solches Bild zu entwerfen.

Donnerstag, 9. September 2010

Der Blick in den Abgrund

Von Stefan Sasse

Abzug der sowj. Raketen von Kuba 1962
Die Staatsmänner beider Großmächte standen immer noch unter dem Eindruck der aufregenden letzten Tage. Praktisch unaufhörlich waren die Meldungen zwischen den Außenministerien hin- und hergegangen, und auch die Staatsoberhäupter selbst hatten zuletzt in einem intensiven, fast fiebrigen Kontakt gestanden, um das scheinbar Unabwendbare doch noch zu verhindern. Die Militärs hatten bis zuletzt auf Krieg gedrängt. Schnell zuschlagen, hieß es, solange der Gegner noch im Nachteil und nicht voll vergeltungsfähig war! Es ging um Stunden. Bereits im Verlauf des Tages konnte der Feind die Bereitschaft erlangen, die alle Vorteile zunichtemachen und den Krieg von einer schnellen, entschlossenen Operation in einen nie dagewesenen Weltenbrand verwandeln konnte. Doch die Zivilisten zögerten. Es musste einen Weg geben, doch eine Verhandlungslösung zu erreichen, die es allen Seiten erlaubte, das Gesicht zu wahren. Und sie vollbrachten, was schon niemand mehr für möglich gehalten hatte. Die Militärs mit ihrer unerbittlichen Denkmustern der Mobilmachung und militärischen Effizienz wurden im Zaum gehalten, die kalte Logik der Waffensysteme wurde durch das Primat der Politik bezwungen. Die Welt hatte in den Abgrund geschaut, und sie war erschaudernd zurückgeschreckt. Feierlich erklärte man, künftige Zwischenfälle dieser Art durch direktere Absprachen und Rüstungsbegrenzungen zu vermeiden. Mit diesen Ereignissen endete der August 1914.