Mittwoch, 25. Mai 2022

Rezension: Antonio Scurati - M - Son of the Century

 

Antonio Scurati - M - Son of the Century

Wir betrachten Mussolini und den italienischen Faschismus gerne aus der Perspektive seines Endes, als zur Farce gewordener Wurmfortsatz des ungleich zerstörerischen Nationalsozialismus. Eventuell bleibt der desaströse Griechenlandfeldzug von 1940 in Erinnerung, oder das völlige Versagen der italienischen Armee gegen die Briten in Nordafrika, das den Einsatz des Afrikakorps nötig machte. Das Bild aus deutscher Perspektive ist das eines inkompetenten, operettenhaften Staates. Vergessen wird darüber gerne, welche Anziehungskraft das faschistische Italien einmal hatte, und welch stilbildende Wirkung es besaß - gerade auch auf Hitler, aber auch auf viele andere rechte Regime jener Epoche. Es gab eine Zeit, in der Mussolini und sein Faschismus den Weg nach vorne zu weisen schienen, eine Zeit, in der sich Mussolini ohne allzuviel Lächerlichkeit als "Sohn des Jahrhunderts" inszenieren konnte. Von dieser Phase zwischen 1919 und 1925, als der Faschismus erstmals die Macht errang und absicherte, handelt dieses Buch von Antonio Scurati, das gerade nicht umsonst Wellen schlägt - nicht nur wegen seines Inhalts, sondern auch wegen seiner Form.

Donnerstag, 28. April 2022

Rezension: Hannah Brinkmann - Gegen mein Gewissen

 

Hannah Brinkmann - Gegen mein Gewissen

Die Wiedereinführung der Wehrpflicht führte in den 1950er Jahren, zusammen mit der Debatte um die atomare Bewaffnung der Bundeswehr, zu den ersten großen Protesten der Bundesrepublik ("Ohnemich-Bewegung"). Begründet wurde die Einführung unter andem absurderweise mit dem Argument, dass das Recht auf Wehrdienstverweigerung, das im Grundgesetz festgeschrieben war, die Einführung der Wehrpflicht quasi bedinge. Ungeachtet solcher juristischen Spitzfindigkeiten sprachen handfeste außenpolitische Gründe dafür, und so kam die Wehrpflicht 1956. Das Recht auf Verweigerung dagegen blieb ein weitgehend theoretisches. Wie die Entscheidung gegen den Wehrdienst selbst in den 1970er Jahren zu massiven Repressionsmaßnahmen und Tragödien führte, zeigt Hannah Brinkmann in dieser als Comic illustrierten Familiengeschichte ihres Onkels Herrmann auf.

Mittwoch, 27. April 2022

Rezension: Bill Bryson - At home. A short history of private life

 

Bill Bryson - At home. A short history of private life

Was ist eigentlich die Geschichte des Esstischs? Wie kommt es, dass wir einen Keller haben? Seit wann gibt es Toiletten? Und weshalb sind Schlafzimmer ein so privater Raum? Bill Bryson stellt alle diese Fragen (und viele mehr) und begibt sich auf eine Tour durch sein eigenes Haus, um anhand der verschiedenen Räume eine Geschichte des Alltags und des Privatlebens aufzuschreiben. Das Haus, das er mit seiner Familie in Norfolk bewohnt, dient ihm so als Absprungpunkt für die verschiedensten Themen und strukturiert das Buch auch gleich durch - von dem Grund und Boden, auf dem es steht zum Keller und bis hinauf zum Dach.

Den Beginn macht der Grund und Boden selbst. Brysons Haus ist ein ehemaliges Pfarrhaus, einst Zentrum des parishs. Um dessen Ursprüngen nachzuspüren geht er bis zur Invasion der Normannen zurück, die das heutige England überhaupt erst erkennbar geschaffen haben, und erläutert im Folgenden das Phänomen der ländlichen Pfarrer der Kirche von England in der Neuzeit. Diese Posten wurden an Mitglieder des Bürgertums vergeben, die dafür keine besonderen Qualitäten mitbrachten und sich oftmals wenig um ihren eigentlichen Job kümmerten. Das war auch nicht nötig, denn sie wurden durch eine prozentuale Abgabe auf landwirtschaftliche Erzeugnisse bezahlt - von der sie fürstlich leben und ihren Interessen nachgehen konnten.

Diese Interessen waren weitläufig. Bryson erzählt von Pfarrern, die naturwissenschaftliche Experimente machen, von Malern, von Musikern und Literaten. Das Ausmaß an wohlhabender Freizeit, das ihre formale Anstellung ihnen auf Kosten der ausgeplünderten Landbevölkerung gewährte, war beeindruckend - und führte zu weitläufigen Privathäusern. Eines von diesen bewohnt heutzutage Bryson. Es lebt dort kein Pfarrer mehr, weil die Industrielle Revolution die Einkommen der Bauern massiv fallen ließ - und damit auch die der Pfarrer. Landpfarrer ist heutzutage ein armer Beruf, den kaum mehr jemand freiwillig ergreift, und dazu wird auch noch erwartet, dass er wirklich ausgeübt wird. Horrible times.

Beeindruckend ist auch, wie exzessiv der bürgerliche Alltag der Neuzeit auf Heerscharen von Bediensteten beruhte. Der Mangel an Haushaltsgeräten sorgte dafür, dass Hausarbeit unglaublich arbeitsintensiv war. Diese Arbeit wurde von den Bürgerinnen nicht erbracht (von den Bürgern sowieso nicht!), weswegen sie der breiten, ausgebeuteten Unterschicht zufiel. Diese Dienstverhältnisse wiesen eine gewaltige Fluktuation auf (was zu der atemberaubend arroganten Angewohnheit vieler Arbeitgeber führte, die Angestellten in einer Position mit demselben Namen anzureden, um keine neuen lernen zu müssen), weil die Jobs mies bezahlt und die Angestellten wie der letzte Dreck behandelt wurden.

Je weiter die Technik voranschritt und je breiter die Wohlstandsbasis in der Bevölkerung wurde, desto mehr verlagerten sich diese Arbeiten von Dienstboten weg - zumindest im Bürgertum. Der Aristokratie galt es noch lange als Standesmerkmal, so sehr, dass sie zentrale Erfindungen wie Toiletten nicht in ihren Häusern installierten, weil das nur Bürgerliche nötig hatten; sie selbst besaßen ja Dienstboten für so etwas. Es ist absolut faszinierend, wie primitiv selbst die Oberschicht vor recht kurzer Zeit noch lebte.

Am augenscheinlichsten wird dies bei der Frage der Beleuchtung. Mit zahlreichen Beispielen zeigt Bryson, dass die Menschen bis in 20. Jahrhundert in einer Dunkelheit lebten, die für uns heute unvorstellbar ist. Menschen stießen auf Treppen und Straßen aneinander, weil sie sich nicht kommen sahen; das Essen auf dem Tisch war kaum zu erkennen, Kerzen waren teuer und offene Feuerstellen wärmten die Räume kaum (ständige Kälte war ein Begleiter der Dunkelheit) und verrußten sie hauptsächlich. Erst Gaslichter (stinkend, alles verschmutzend und gefährlich) und später elektrisches Licht schufen Abhilfe und veränderten den Alltag fundamental. Überraschend ist, dass entgegen der weit verbreiteten Vorstellung die Menschen trotzdem nicht mit Sonnenuntergang ins Bett gingen, im Gegenteil. Das Dinner zog sich gerne bis weit in die Nacht (bedient von Dienstboten, of course), ebenso Arbeit, Lektüre und andere Freizeittätigkeiten.

Ähnliche Beschreibungen finden wir für alle Räume des Hauses, vom Kinderzimmer (die Kindersterblichkeit früher war schrecklich, die Kindheit ebenso) über die Küche (absolute Schwerstarbeit) zum Schlafzimmer (Ratten, Ungeziefer und unhygienische Zustände). Man erfährt pausenlos neue, spannende Anekdoten über das Leben zwischen ungefähr 1600 und 1900, und das meiste davon lässt sich auf den Nenner bringen, wie schrecklich es früher im Vergleich zu heute war, vor allem, was die Hygiene und das Ausmaß der Hausarbeit anbelangt.

Bryson betont immer wieder die Unterschiede der sozialen Klassen, dass der Großteil der Bevölkerung weder Dienstboten noch mehrere Räume zur Verfügung hatte. Aber das ändert wenig daran, dass das Buch letztlich weitgehend den Alltag der bürgerlichen Oberschicht und der Aristokratie beschreibt - großzügig 15% der Bevölkerung, tendenziell eher weniger. Die Lebensrealitäten der "other half" (nicht mathematisch) spielen eine untergeordnete Rolle. Das ist sicherlich seinem Ansatz geschuldet: er beschreibt als Mitglied der Oberschicht die Geschichte seines eigenen Lebensstils.

Aber das ist auch ein grundsätzliches Problem solcher Auseinandersetzungen. Die Lebensrealitäten der breiten Masse spielen bis heute in den Darstellungen die zweite Geige. Die irrige Vorstellung, dass Streichkonzerte und Candle-Light-Dinner repräsentative Erfahrungen der Bevölkerung der Aufklärungsepoche waren, hält sich hartnäckig, und über weite Strecken muss man Bryson gegen den Strich lesen, wenn man diesem Eindruck entkommen will.

Glücklicherweise ist das Leben des Buches selbst ein großes Vergnügen. Bryson ist nicht umsonst ein wohlhabender Bestsellerautor. Seine Sätze sind elegant, oft von feiner Ironie, und seine Struktur ist, obwohl sie einem ausgedehntem Assoziationsspaziergang gleicht, sinnvoll und lässt die Lesenden nie die Orientierung verlieren, selbst wenn das Narrativ von den Steinzeitmenschen in Stonehenge zur Einführung des Telefons springt. Im Kontext macht alles Sinn, und das ist keine Kleinigkeit.

Uneingeschränkte Empfehlung!

Montag, 25. April 2022

Rezension: Kai Brodersen - Ich bin Spartacus

 

Kai Brodersen - Ich bin Spartacus

Nach unserem letzten Ausflug in die Geschichte der Antike (mit Jörg Findlings "Kaiser von morgens bis abends") rezensiere ich hier gleich einen weiteren Band der Reihe "Geschichte erzählt". Das gerade einmal rund 80 Seiten starke Bändchen von Kai Brodersen beschäftigt sich mit einem der prominentesten Charaktere der römischen Geschichte, dem Sklavenführer Spartacus. Bekannt ist er vor allem durch die Hollywood-Verfilmung mit Kirk Douglas von 1960, deren berühmteste (wenngleich frei erfundene) Szene dem Buch auch dem Namen gegeben hat. Einem jüngeren Publikum mag die grauenhafte Blut-und-Titten-Serie "Spartacus" des Spartensender Starz ein Begriff sein, die sich dem Mythos beinahe noch freizügiger angenommen hat als Kubrick anno 1960, falls das überhaupt möglich war.

Mittwoch, 20. April 2022

Rezension: Jörg Fündling - Kaiser von morgens bis abends

 

Jörg Fündling - Kaiser von morgens bis abends

Das Leben eines römischen Kaisers ist mit Sicherheit keines, das repräsentativ für den Alltag des Römischen Reiches sein kann. Ungemein faszinierend aber ist die Frage, wie der Alltag des Manns an der Spitze ausgesehen haben könnte, natürlich dennoch. Kenner*innen der antiken Geschichte wird kaum überraschen, dass die Quellenlage eher dürftig ist, aber Jörg Fündling hat sich trotzdem an dieses - wohl nicht 100% ernstgemeinte - Experiment gewagt und versucht, eine Art "Idealtag" des Herrschers zu erstellen. Der müsste sich dafür zwar teleportieren und gelegentlich in die Transzendenz gehen, um zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten an unterschiedlichen Orten gleichzeitig zu sein, aber das wollen für das Gedankenexperiment durchgehen lassen, denn der relevante Teil ist ja eher zu sehen, wie sich diese Aufgaben verteilen, und warum. Denn wir wissen immerhin genug um feststellen zu können, dass ein römischer Alltag sich schon deutlich von unserem unterscheidet, und das nicht nur wegen des offensichtlichen technologischen Unterschieds.

Dienstag, 19. April 2022

Rezension: Michael D. Doubler - Closing with the enemy. How GIs fought the war in Europe, 1944-1945

 

Michael D. Doubler - Closing with the enemy. How GIs fought the war in Europe, 1944-1945

Der US-Armee hängt in der populären Militärgeschichte gerne der Ruf an, taktisch nicht sonderlich gut aufgestellt gewesen zu sein und mangelnde Moral und Fähigkeiten durch massiven Materialeinsatz kompensiert zu haben. Dieses Klischee, dem dann gerne eine toughe, make-do-with-little-Wehrmacht gegenübergestellt wird, ist natürlich genau das: ein Klischee. Es hält sich aber, einerseits wegen der großen erzählerischen Kraft, die es entfaltet, andererseits wegen der schmeichelhaften Wirkung für die Wehrmacht auf der einen und die Rolle des Underdogs für die GIs auf der anderen Seite, sehr dauerhaft. Es ist erstaunlich, wie unbekannt die alltägliche Realität für GIs ist, wenn man bedenkt, wie sehr der Zweite Weltkrieg in Europa aus amerikanischer Sicht die Unterhaltungsindustrie dominiert und in Filmen, Serien, Video- und Brettspielen rezipiert wird. Michael D. Doubler setzt hier an und versucht sich an einer umfassenden Gesamtdarstellung der amerikanischen Kriegsführung in Europa 1944-1945.

Mittwoch, 13. April 2022

Rezension: Michael Neiberg - Potsdam. The end of World War II and the remaking of Europe

 

Michael Neiberg - Potsdam- The end of World War II and the remaking of Europe

Als Stalin im Juni 1945 gefragt wurde, welchen Sinn die für August angesetzte Konferenz von Potsdam seiner Meinung nach habe, erklärte er: "Die Vorbereitung der nächsten Konferenz." Weder er noch irgendjemand anderes ging zu diesem Zeitpunkt davon aus, dass dies das letzte Mal sein sollte, dass die alliierten Führer aufeinandertrafen. Vorher hatte bereits der Tod Franklin D. Roosevelts im April für eine starke Veränderung der alliierten Disposition gesorgt. Immerhin standen für den August selbst keine unangenehmen Überraschungen an; die Tories erwarteten in den Unterhauswahlen einen Sieg und den Ausbau der Mehrheit für Churchills Regierung. Als stattdessen ein Erdrutschsieg Labours Clement Attlee an die Macht brachte, waren die Umbrüche innerhalb des alliierten Lagers bereits gewaltig. Doch das war nichts gegen die Veränderungen, die in Europa anstanden und die in Potsdam innerhalb von siebzehn Tagen diskutiert worden - oft genug nur als Improvisorium, das sich dann als erstaunlich beständig erwies.

All dies ist Grund genug, sich tiefgehender mit der Konferenz von Potsdam zu beschäftigen. Michael Neiberg vermeidet hierbei den, wie er es ausdrückt, "an Tag X sagte Truman Y zu Stalin"-Ansatz und versucht, stattdessen ein Gesamtbild der Konferenz zu entwerfen. Entsprechend führt er zuerst in die Disposition der "Großen Drei" ein, die den Gang der Ereignisse bestimmten.Dazu gehört auch ein Rückblick auf die Konferenz von Jalta, auf der im Januar 1945 bereits wichtige Vorfestlegungen getroffen worden waren (etwa die Aufteilung in Besatzungszonen und die grundsätzliche Absichtserklärung für Demontagen, Reparationen und Umerziehung), die aber noch keine detaillierten Ergebnisse erbrachte.

Den Anfang machen in Neibergs Schilderung die USA. Hier liegt das wohl größte Mysterium der politischen Geschichte des Zweiten Weltkriegs nach der Frage, warum Hitler den USA den Krieg erklärte: kaum etwas ist so erklärungsbedürftig wie die Weigerung Roosevelts, trotz seiner schweren Krankheit seinen designierten Nachfolger Harry S. Truman nicht in die Planungen einzubeziehen und komplett im Dunkeln zu lassen.

Roosevelts Gesundheitszustand war keine unbekannte Variable. Aber in einer Art kollektiver Selbsthypnose überzeugte sich sein Umfeld, dass es schon nicht so schlimm werde (und offensichtlich Roosevelt sich selbst auch), weswegen niemand bei der Auswahl des Vizepräsidenten (mit der Neiberg seine Schilderung beginnt) irgendwie groß Überlegungen einfließen ließ; Truman selbst hatte keine Ahnung, dass er die Konferenz, auf die er fuhr, als Vizepräsidentschaftskandidat verlassen würde. Entsprechend unvorbereitet war der neue amerikanische Präsident. Truman glich dies durch großen Lerneifer aus, aber seine Unerfahrenheit konnte nur negative Effekte auf die Konferenz haben.

Die amerikanischen Interessen waren recht eindeutig: eine Rückkehr zum Status Quo so schnell wie möglich. Europa sollte befriedet und für den Handel geöffnet und, vor allem, die amerikanische Armee demobilisiert werden. "Bring the boys home!" war der Slogan, dem zu entziehen kaum möglich war. Die USA besaßen hierfür ein Ass im Ärmel: die Atombombe, die in der Lage schien, die Sicherheitsinteressen der USA auch ohne riesige Militärpräsenz zu sichern.

Die oberste Priorität der USA war, die Situation nach dem Ersten Weltkrieg zu vermeiden. Damals hatten Frankreich und Großbritannien ihre gewaltigen Kriegsschulden dadurch abzubezahlen versucht, dass sie große Reparationen aus Deutschland erhielten. Deutschland aber hatte die Ressourcen dafür nicht, weswegen es auf amerikanische Kredite angewiesen waren. Effektiv finanzierten die USA damit die deutschen Reparationen - ein ziemlich dummes System. Deswegen drängten die USA darauf, die Reparationen durch eine Einmalzahlung zu erledigen und dann Deutschland wieder in die europäische Wirtschaf zu integrieren.

Daraus erklärt sich auch die hartnäckige Weigerung, Frankreich einen Sitz in der Konferenz zu geben (obwohl Amerikaner und Briten ihnen bereits aus ihren Zonen eine Besatzungszone abtraten). Das Problem von 1919, zig verschiedene Staaten mit ihren Petitionen an den Friedensverhandlungen zu beteiligen und doch nur Unmut zu schaffen, wollte man unbedingt vermeiden. Der Friedensschluss würde dieses Mal einer werden, den die "Großen Drei" unter sich verhandelten und dann Deutschland aufoktroyierten. Dass es 45 Jahre dauern sollte, bis dieser Friedensschluss dann kam, sah keiner der Beteiligten voraus.

Großbritannien dagegen sah sich einer ganz anderen Situation gegenüber. Zunehmend irrelevant im beginnenden bipolaren Zeitalter, versuchte es sein Empire und seine Stellung als Großmacht zu retten. Das war nicht leicht. Die viel beschworene "Special Relationship" mit den USA enthielt große Ausnahmen, in denen die USA tatsächlich größere Interessensüberschneidungen mit der Sowjetunion besaßen. Aber dem Vereinigten Königreich fehlte die realpolitische Unterfütterung, um seine Interessen noch durchsetzen zu können. Das Land war faktisch bankrott, substanzielle Reparationen waren nicht zu erwarten. Es brauchte also irgendeine finanzielle Hilfe der USA.

Dazu kamen innenpolitische Zerwürfnisse. Die Bevölkerung war nach Jahren des Krieges nicht mehr willig, die Tory-Politik fortzusetzen. Der Ruf nach Reformen war stärker, als es an der Oberfläche sichtbar war, und es war Labour, die man mit der Umsetzung dieser Reformen betraute. Clement Attlee hatte, während Churchill den eigentlichen Krieg geführt hatte, quasi die Innenpolitik Großbritanniens gemanagt. Selbst im Zweiten Weltkrieg bewerteten die Wähler offensichtlich die Innenpolitik als für sie wesentlich gewichtiger als die Außenpolitik; eine Konstante der demokratischen Politik. Churchill, der glaubte für den Sieg im Krieg mit einem Sieg an den Wahlurnen belohnt zu werden, wurde kalt überrascht.

Das Schlechteste war das für die Briten nicht. Zwar war das britische Verhandlungsteam, das mitten in der Konferenz nach Potsdam zurückkehrte, genauso wie Truman unerfahren. Aber Churchill, das arbeitet Neiberg gut heraus, war am Ende seiner Kräfte. Psychisch und Physisch erschöpft musste er sich immer wieder erholen, hielt ellenlange Reden ohne Bedeutung und handelte erratisch. Zudem lebte er in einer Traumwelt, losgelöst von Realitäten, und verfolgte völlig illusorische Pläne.

Beachtlich ist, und auch das ist ein gewichtiger Punkt Neibergs, dass die Wechsel von Roosevelt zu Truman und Churchill zu Attlee keine relevanten Verschiebungen in den außenpolitischen Positionen der USA und des UK bedeuteten. Das wiederum überraschte Stalin sehr. Die Kontinuität der Demokratien und die Reibungslosigkeit des Machtwechsels (ich musste laut lachen, als Neiberg darstellte, wie verständnislos Stalin gegenüber Churchills Wahlniederlage war; ihm war völlig unklar, wie Churchill es zulassen konnte, dass eine echte Wahl stattfand) waren ihm auf tiefster Ebene fremd und blieben es auch.

Dieses tiefe Unverständnis lief in beide Richtungen. Wo Stalin wie selbstverständlich annahm, dass Roosevelt, Truman und Churchill genauso wie er lügen und betrügen, morden und verhaften würden, wie es ihren Interessen gerade dienlich schien (und ein ums andere Mal widerlegt wurde, ohne diese Prämisse zu ändern), nahmen USA und UK an, dass die UdSSR sich an getroffene Absprachen halten würde. Auch das war eine mehr als wackelige Annahme.

Stalin war sicherlich der beste Verhandler auf der Konferenz. Nicht nur hatte die Sowjetunion mit dem Team Stalin-Molotow, die zusammen erstklassig "Good Cop, Bad Cop" spielten und damit die angelsächsischen Verhandler um den Finger wickelten die beste Taktik; die UdSSR hatte auch die klarste Strategie. Problematisch war nur, was diese Strategie beinhaltete. Angesichts der gewaltigen Kriegszerstörungen wollte Stalin vor allem zwei Dinge: einen Sicherheitskordon in Osteuropa (den er ja dann auch bekam) und massive Reparationen aus Deutschland. Es war ihm dabei völlig egal, ob dies zu millionfachem Leid und Tod in Deutschland und einer Destabilisierung Europas führen würde; Stalin wollte Industriegüter und Geld, und er wollte es jetzt. Wenn es nach ihm ging, konnte Deutschland darüber gerne zugrunde gehen.

Die Zeit arbeitete schließlich für die Sowjets. Dem Kremlherrscher war völlig klar, dass Großbritannien bankrott und mit der Abwicklung seines Empire beschäftigt war; Frankreich nahm er ohnehin nicht ernst. Und die USA, das war die allgemeine Erwartung auch der Amerikaner, würden sich in den nächsten ein, zwei Jahren zurückziehen und damit der riesigen sowjetischen Armee die Schlüssel zur Dominanz über Europa in die Hand drücken. Dass es nicht so kam, war vor allem das Resultat des Marshall-Plans, wie in Steills Buch zum Thema beschrieben wurde. Aber auch das war in Potsdam noch nicht absehbar.

Wo wir bei Deutschland sind: als potenziellen Partner sah das Land noch niemand. Truman beendete endgültig den irrlichternden Weg Morgenthaus und stellte ihn politisch kalt, aber Mitleid für die Besiegten hatte auch hier niemand. Neiberg nutzt einen Ausflug Trumans, Churchills und ihrer Entourage nach Berlin, um die Haltungen der Alliierten gegenüber den Deutschen deutlich zu machen. Das Leiden, das von Deutschland ausging, war frisch.

Alle Pläne gingen auch davon aus, dass die Alliierten Deutschland gemeinsam regieren würden, wie man das ja in Jalta auch bereits beschlossen hatte. Daraus würde nichts werden. Aber die Ansicht führte dazu, dass in Potsdam in manchen Gebieten Detailfestlegungen getroffen wurden, die bereits Monate später Makulatur waren, während andere Themen eine kurze Improvisationslösung bekamen, die dann weiter ausgearbeitet werden sollten - die dann aber bis heute Bestand haben. Ein Beispiel für ersteres Phänomen wären die Reparationslösungen, ein Beispiel für letzteres die Teilungen Koreas und Vietnams.

"Nobody knows what they're doing" ist eine Regel, die auf praktisch jeden Bereich zutrifft, aber hier in Potsdam ist besonders offensichtlich, wie die großen Staatschefs im Nebel stocherten. Sie hatten mal mehr, mal weniger klare Vorstellungen von dem, was sie wollten und was kommen würde, aber die meisten Annahmen zerschlugen sich innerhalb kürzester Zeit und erforderten ein teils radikales Umdenken. Teilweise wurden die Ansätze dafür bereits in Potsdam sichtbar, wo die Grundlage der Nachkriegsordung gelegt wurde - auch wenn dies den Partizipaten so oft gar nicht klar war.

Dienstag, 12. April 2022

Rezension: Johannes Burkhardt - Deutsche Geschichte in der frühen Neuzeit

 

Johannes Burkhardt - Deutsche Geschichte in der frühen Neuzeit

Nachdem Anfang des Jahres meine eigenen Wissenslücken im Bereich Frühe Neuzeit schonungslos aufgedeckt wurden, fühlte ich mich hinreichend motiviert, sie zumindest rudimentär zu füllen. Die Reihe C. H. Beck Wissen ist glaube ich allen Geschichtsstudierenden hinreichend bekannt; die um 120 Seiten dünnen Büchlein verstehen sich als Überblicksdarstellungen und Einführungen in ein jeweiliges Thema. Sie sind allerdings von Historiker*innen für ein zumindest stark interessiertes Laienpublikum, eher aber für ein Fachpublikum geschrieben, was sich an der voraussetzungsreichen Struktur und der stark verdichteten Sprache zeigt. Darin ist Burkhards "Deutsche Geschichte der Frühen Neuzeit" keine Ausnahme. Das ist kein Kritikpunkt; ich will nur verdeutlichen, dass sich um keine leichte Lektüre für nebenher oder gar eine mit unterhaltsamen Narrativen und steilen Thesen handelt. Der Anspruch ist eher, den aktuellen Stand der Forschung wiederzugeben.

Freitag, 8. April 2022

Rezension: John Dos Passos - Mr. Wilson's War

 

John Dos Passos - Mr. Wilson's War

Woodrow Wilson ist im öffentlichen Gedächtnis meistens als "Idealist" bezeichnet. Seine 14 Punkte gelten oft als nette Idee, die aber den Realitäten der Machtpolitik nicht entsprach, weswegen er in Versailles ausmanövriert wurde. Dieses Narrativ ist mittlerweile von der historischen Forschung gründlich revidiert worden, findet sich aber leider immer noch in zahlreichen Schulbüchern und populären Darstellungen. Umso relevanter ist es, sich mit dieser Epoche amerikanischer Außenpolitik, in der die immer noch junge Republik erstmals entscheidend in den Gang des Weltgeschehens eingriff, zu beschäftigen. Den Beginn dieser Entwicklung in der Präsidentschaft McKinleys und dem Spanisch-Amerikanischen Krieg zu suchen ist kein überäßig revolutionärer Zug; im erst kürzlich hier besprochenen "Gangsters of Capitalism" von Jonathan M. Katz wurde ein ähnlicher Ansatz gewählt. Wäre doch John Dos Passos' Geschichte des gleichen Zeitraums auch nur annähernd so überzeugend geraten.

Wie auch Katz beginnt John Dos Passos mit dem spanisch-amerikanischen Krieg, der die Grundlage für das amerikanische Kolonialreich legte. Anders als Katz legt er aber wenig Gewicht darauf, welche konkreten Dynamiken dahinterstanden und welche Konsequenzen das genau hatte. Dos Passos' Ansatz ist klassischer: er stellt detailliert die Biografien der beteiligten Personen vor. Im Zentrum steht dabei weniger McKinley, der ja auch bald einem Attentat zum Opfer fällt (die Hintergründe des Anarchismus, aus dem dieses Attentat entsprang, bleiben in seiner Darstellung weitgehend im Dunkeln), sondern der wesentlich sensationellere Theodor D. Roosevelt.

Roosevelt, das muss man zugestehen, ist auch ein Charakterkopf. Der jüngste Präsident aller Zeiten war ein Draufgänger, topfit durchtrainiert, mit dem gewissenhaft gepflegten Image des Cowboys und Rough Riders. Nicht nur propagierte er für Amerika einen Platz an der Sonne gegen die europäischen Kolonialreiche; er leitete auch die Ära des Progressivismus ein und kämpfte gegen die Auswüchse des Big Business in der Gilded Age (ich habe diese Zusammenhänge in einer Serie zu Amerika um 1900 ausführlich beschrieben; bei Dos Passos erfährt man darüber wenig). Diese Ära war so prägend, dass selbst die oppositionellen Democrats bald nicht mehr umhin kamen, ihre traditionelle Rolle als Lobbyverein der Wirtschaft zu modifizieren.

Ein weiterer Charakter jener Epoche ist William Jennings Bryan, jener Populist aus dem Mittleren Westen, der seinen quichottigen Kampf gegen den Goldstandard führte. Auch über diese Hintergründe erfährt man bei Dos Passos leider wenig. Bryan gelang es nie, die Präsidentschaft zu gewinnen - neben dem Widerstand des Großkapitals waren dafür auch eigene Fehler verantwortlich - aber es war fast nicht mehr möglich, an ihm und seinen Themen vorbei die Präsidentschaftskandidatur zu gewinnen. Das spürte auch Woodrow Wilson, dem der Löwenanteil des Buches gewidmet ist.

Er inszenierte sich genug als Populist, um Wahlen zu gewinnen, und genug als Freund des Big Business, um die Unterstützung der Partybosse zu gewinnen. 1912 errang er die Präsidentschaft. Seine innenpolitischen Absichten wurden aber bald durch den Schatten des europäischen Krieges verdrängt, der ihn auf die Bühne der Außenpolitik zwang. Zusammen mit seinem Freund Colonel House (ja, der hieß wirklich so) leitete er die Außenpolitik des Landes an den Behörden und Kongress vorbei; das Ausmaß der Amateurhaftigkeit, mit der das Land damals noch regiert wurde (mit einer winzigen Bürokratie, die Wilson tatsächlich einfach ignorieren und durch zwei, drei Freunde und die Tippfähigkeiten seiner Frau ersetzen konnte) ist erstaunlich.

All das führte dann zu den bekannten Folgen der Verwicklung der USA in den Krieg und der scheiternden Versuche von Friedensstiftung und später dem Aufbau einer neuen Weltordnung. Ich will mich aber darin gar nicht zu sehr verlieren; ich habe darüber geschrieben und will lieber das weit überlegende "Sintflut" von Adam Tooze zum Thema empfehlen. Hier will ich stattdessen darüber schreiben, warum dieses Buch nichts taugt.

Ich habe bereits eingangs erwähnt, dass Dos Passo eine sehr klassische Art der Geschichtsschreibung verfolgt. Es ist eine Geschichte der Biografien großer Männer. Wir erfahren, welche Anzüge Wilson trägt, in welche Intrigen er in seiner Zeit in Princeton verwickelt war, welche Tiere Roosevelt ausstopfen ließ, welche Teemarke seine Frau bevorzugte. Wir erfahren Klatsch und Tratsch um Colonel House und die europäische Aristokratie.

Was wir nicht erfahren, sind Zusammenhänge. Alles bleibt blutleer. Der amerikanische Imperialismus wird zu einer PR-Veranstaltung von Theodore Roosevelt. Begeistert beschreibt Dos Passos dessen Hasardeurstaten auf Kuba, ohne ein Wort darüber zu verlieren, wie viele Marines an Krankheiten zugrundegingen oder welche Massaker an der Zivilbevölkerung für die Profite der amerikanischen Obstfirmen begangen wurden. Wir erfahren zwar, dass Woodrow Wilson als Präsident von Princeton unbedingt Debattenclubs nach britischem Vorbild einführte und mit einem Schirm Fußball spielte, aber nicht, dass er mit aller Macht versuchte, Afroamerikaner auszuschließen. Auch, dass er als Präsident alle schwarzen Staatsbediensteten entließ und die Segregation auf ein Level brachte, das seit den 1870er Jahren nicht mehr gesehen worden war, ist Dos Passos keine Silbe wert.

Diese Art von hagiografischer Geschichtsschreibung, in der irgendwelche großen Männer Geschichte machen, die blutleer und harmlos und voll unterhaltsamer Bonmots und Anekdoten ist, ist nicht nur wertlos, sie ist schädlich. Sie vernebelt mehr, als dass sie enthüllt. Sie kann weg.

Donnerstag, 7. April 2022

Rezension: Vladislav M. Zubok - Collapse. The Fall of the Soviet Union

 

Vladislav M. Zubok - Collapse. The Fall of the Soviet Union

Michail Gorbatschow war weder Historiker noch Ökonom. Das allein ist kein großes Problem, die meisten Menschen sind weder Ökonom*innen noch Historiker*innen. Problematisch wird es, wo der Dunning-Kruger-Effekt voll zuschlägt und ein Staatsoberhaupt mit dem vollen Enthusiasmus des Amateurs und frisch gebackenen Konvertiten die Grenzen der eigenen Fähigkeiten nicht nur nicht erkennt, sondern auch willentlich überschreitet. Man könnte bei Lektüre von Vladislav M. Zuboks grandiosem "Collapse" den Eindruck bekommen, dass es sich dabei um Gorbatschows Hauptschwäche handelte - bei einem Mann, der an Schwächen nicht eben arm und hauptverantwortlich für den Kollaps des sowjetischen Reichs zwischen 1989 und 1991 war. Es ist diese Geschichte, die Zubok nachzeichnet und deren Gründe er zu erleuchten hofft. 

Donnerstag, 17. März 2022

Rezension: Mark Mazower - Hitlers Imperium

 

Mark Mazower - Hitlers Imperium (Mark Mazower - Hitler's Empire)

Das 2009 erschienene "Hitlers Imperium" des britischen Historikers Mark Mazower beschäftigt sich mit der Frage der Verwaltung der von den Nazis eroberten Gebiete. Untrennbar mit diesem Thema ist stets die Frage nach dem Potenzial verbunden, das das Deutsche Reich besaß, diesen Krieg tatsächlich zu gewinnen. Denn von der Ausbeutung der Ressourcen des unterworfenen Europa hing alles ab; sie war das explizite Ziel des Krieges, elementar als "Lebensraum" in die NS-Ideologie eingebunden. Bekanntlich gelang es den Deutschen nur in sehr eingeschränktem Maße, ihre Ziele zu erfüllen. Die Gründe dafür sind vielfältig und komplex; sie reichen von praktischen Herausforderungen über Inkompetenz zu ideologischen Einschränkungen. In Letzteren sieht Mazower wieder und wieder den eigentlichen Grund für das immanent notwendige Scheitern der Nazis in ihren Absichten.

Montag, 14. März 2022

Die Logik der Abschreckung

Zwischen 1949 und 1991 war die Welt in eine Szenario der Abschreckung gefangen. "Gegenseitig gesicherte Zerstörung", "Erstschlag", "Zweitschlag" und "Nuklearer Winter" waren Begriffe, die den meisten Menschen geläufig waren. Immer wieder kochte die Furcht vor einem alles vernichtenden Atomkrieg hoch, besonders in den 1980er Jahren. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs ist diese Angst weitgehend verflogen. Die zweite Generation, die ohne diese ständige Hintergrundfurcht aufwächst, wird gerade volljährig. Ich sehe mich gerade als Teil der ersten Generation - als die Mauer fiel war ich fünf Jahre alt, als die Sowjetunion zu existieren aufhörte sieben, ich habe keine Erinnerungen an den Kalten Krieg -, aber ich habe mich qua Profession viel mit dem Thema beschäftigt. Genug jedenfalls, um ziemlich entsetzt darüber zu sein, wie viele Leute diese Dinge entweder nie gelernt, oder noch verrückter, wieder vergessen zu haben scheinen. Und Grund genug, sich einmal damit zu beschäftigen, wie Logik der Abschreckung eigentlich funktioniert. Aus aktuellem Anlass, gewissermaßen.

Freitag, 18. Februar 2022

Rezension: Nicholas Mulder - The Economic Weapon

 

Nicholas Mulder - The Economic Weapon (Hörbuch)

Wirtschaftliche Sanktionen sind gerade angesichts der russischen Aggression gegenüber der Ukraine in aller Munde. Sie sind ein Werkzeug im diplomatischen Werkzeugkasten, das dort noch nicht so furchtbar lange zur Verfügung steht und scheinen in ihrem Potenzial und ihren Grenzen unzureichend verstanden. Nicholas Mulder versucht, einen Teil dieser Lücke zu schließen, indem er diese Monographie zur Erfindung von Wirtschaftssanktionen vorlegt.

Als der Erste Weltkrieg begann, planten alle Seiten mit einem raschen Ende der Feindseligkeiten. Große Offensiven sollten dieses Ende herbeiführen. Gleichzeitig würde ein globaler Handelskrieg eine längerfristige Kriegführung praktisch unmöglich machen. Keine dieser Vorhersagen traf ein. Aber während das Vertrauen in entscheidende Offensiven nachhaltig erschüttert wurde, schien die totale Blockade der gegnerischen Wirtschaft ein probates Mittel zu sein und bleibt bis heute ein scheinbar effektives Mittel.

Dienstag, 8. Februar 2022

Rezension - Ages of American Capitalism

 

Jonathan Levy - Ages of American Capitalism (Hörbuch)

Wirtschaftsgeschichte ist ein Feld, das in der Geschichtswissenschaft ein stiefmütterliches Dasein fristet. Umso wichtiger sind diejenigen Werke, die den nötigen Kontext schaffen, um hier entscheidendes Verständnis zu schaffen. Das Ganze einen Schritt weiter bringt Jonathan Levy in seinem Werk "Ages of Capitalism", indem er den Versuch unternimmt, die Geschichte der USA als Wirtschaftsgeschichte zu erzählen. Die Prämisse ist, dass die Bedeutung der Wirtschaft so groß ist, dass sie die anderen Geschichtsbereiche entscheidend mitbestimmt. Für das Geburtsland des modernen Kapitalismus ist das keine zu gewagte Behauptung, und Levy gelingt es hervorragend, nicht nur einen Abriss über 250 Jahre Wirtschaftsgeschichte zu geben, sondern das auch in einen analytischen Rahmen zu gießen.

Mittwoch, 26. Januar 2022

Der Sturm im Wasserglas

 

Wenn es in Deutschland ein Thema gibt, das zuverlässig öffentlichen Diskurs auslöst, dann ist das das wissenschaftliche Niveau von Büchern und Doktorarbeiten prominenter Personen. Es ist eine merkwürdige deutsche Eigenheit, und der aktuelle Sturm im Wasserglas zu diesem Thema wurde vom Chef des jüngst vom Springer-Verlag übernommenen Politico Europe, Matt Karnitschig, ausgelöst, als er einen Twitter-Thread über das neue Buch "Amerikas Gotteskrieger" von Annika Brockschmidt veröffentlichte, das gerade etwas überraschend die Bestsellerlisten stürmt. Die Journalistin Annika Brockschmidt hat in den letzten Monaten größere Bekanntheit erreicht, seit sie in Talkshows als Expertin für die amerikanische Rechte eingeladen wird. Brockschmidt ist freie Journalistin und twittert unter ihrem Handle @ArdentHistorian und besitzt einen erfolgreichen Patreon, wo geneigte Unterstützer*innen neben Analysen der politischen Lage in den USA diverse Neuigkeiten zu Brockschmidt geliebtem Hund erfahren können. Innerhalb weniger Stunden explodierte Karnitschigs Thread in eine die üblichen Verdächtigen des deutschen Feuilletons umfassende Monsterdebatte, die in ihrem Umfang und ihrer Schärfe geradezu grotesk wirkt.

Die Kritik hängt sich an der Frage auf, ob Brockschmidt für ihr Buch, das sie zwischen 2020 und 2021 schrieb, die USA bereist und Recherchen vor Ort angestellt habe. Karnitschigs Kritik, der sich schnell ein Chor weiterer Kritiker*innen aus dem eher konservativen Spektrum der deutschen Medienlandschaft anschloss, war die, dass Brockschmidt genau das nicht getan hatte und damit das Buch keine Legitimation besäße. Innerhalb kürzester Zeit drehte diese Debatte auf eine geradezu absurde Weise hohl und provozierte scharfe Gegenreaktionen der eher progressiven Seite des Spektrums (meines Wissens nach hat die Debatte die Twitter-Bubble nie wirklich verlassen, aber für ein paar Tage ging es hoch her).

Der Tonfall war dabei von Anfang an extrem scharf. Karnitschigs Ursprungskritik endete mit einem Vergleich zu Relotius, jenem diskreditierten ehemaligen Spiegel-Journalisten, der damit aufflog, komplette Geschichten erfunden und existierenden Menschen irgendwelche fabrizierten Anekdoten unterschoben zu haben (so hatte er etwa den Bürgermeister einer Kleinstadt interviewt, der in seinem Feature stets eine geladene Waffe bei sich trug, während selbiger Bürgermeister in der Realität nie eine Waffe besessen habe). Der Vergleich endete dabei absurderweise damit, dass Brockschmidt schlimmer als Relotius sei. (Karnitschig hat diesen Tweet mittlerweile gelöscht und sich entschuldigt.

Worauf Karnitschig eigentlich hinauswollte (zumindest laut seiner Entschuldigung) ist, dass Brockschmidts Buch anti-amerikanisch sei - genauso wie Relotius. Wesentlich verbessert werden Karnitschigs Anwürfe dadurch nicht. Relotius fabrizierte zwar eine Fantasie-Version des konservativen Amerika, die man außerhalb von God's Own Country nur zu gerne liest (rassistische Waffennarren ohne Bildung und Niveau), aber das als "anti-amerikanisch" zu sehen ist eine eigenwillige Interpretation, die der Selbstdarstellung der amerikanischen Konservativen als "true Americans" Vorschub leistet und nichts als eine politische Verleumdung ist.

Dasselbe gilt für Brockschmidts Buch. Eine kritische Auseinandersetzung mit den radikalen Evangelikalen ist nicht "anti-amerikanisch", genauso wenig wie eine kritische Auseinandersetzung mit den Grünen "anti-deutsch" wäre. Das offenbart mehr über den Blickwinkel der Kritiker*innen als über Brockschmidts Buch.

Auffällig an dieser ganzen Debatte ist auch, dass keinerlei Kritik auf inhaltlicher Ebene vorgebracht wird (was den Relotius-Vergleich umso absurder macht); inhaltlich konnten ihr keine Fehler irgendwelcher Art nachgewiesen werden. Die Kritik kapriziert sich stattdessen auf die Frage, ob Brockschmidt vor Ort war. Und das ist die nächste Absurdität dieser Debatte.

Um über die Entwicklung der Evangelikalen zu schreiben, muss ich nicht irgendwelche Kleinstädte in Kansas besuchen. Der Schlüssel zur Analyse der Politik dieser Richtung der letzten fünf Jahrzehnte findet sich nicht in einem Diner in Georgia. Diese Art von Journalismus ist zwar das tägliche Brot einer ganzen Subindustrie der Branche, aber sie verdeckt mehr, als dass sie erhellt. Der so genannte "Diner-Journalismus", benannt nach dem Klischee, sich in einen Kleinstadt-Diner zu setzen und dort irgendwelche Leute als "Stimme des wahren Amerika" zu interviewen, bringt zwar regelmäßig dieselbe Schlagzeile (Trump-Fans sind immer noch Trump-Fans), aber dasselbe Resultat würde man erreichen, wenn man in Oberlin Studierende interviewt (Progressive sind immer noch Progressive). Das wird natürlich nie gemacht, weil der Diner-Journalismus dem Narrativ der "true Americans" Vorschub leistet, wie bereits bemerkt.

Generell ist die Idee von Augenzeug*innenberichten völlig überbewertet. Mela Eckenfels hat für Interessierte in einem geradezu epischen Thread besser als ich es könnte dargestellt, warum das so ist, deswegen nur die Kurzversion. Nur, weil ich irgendwo lebe oder Augenzeuge eines Ereignisses bin, macht mich dies nicht zum Experten für diese Gegend oder dieses Ereignis. Ich lebe beispielsweise im Schwabenland, was mich aber für das christlich-konservative Milieu jener Gegend nicht gerade zum Experten adelt. Ich weiß über diese Leute fast nichts und habe wenig Berührungspunkte. Umgekehrt kann ich auch wenig über progressivere Milieus dieser Umgegend sagen, wie mir zuletzt peinlich gewahr wurde, als ich im Podcast die verwegene Behauptung aufgestellt habe, hier werde weniger demonstriert als in Berlin, um mich von einem Freund, der regelmäßiger in Stuttgart ist als ich (ich hasse diesen urbanen Talkessel...) eines Besseren belehren zu lassen. Örtliche Nähe ist ein trügerisches Zeichen für Expertentum, und dasselbe gilt für Zeugenschaft.

Menschen können immer nur Aufschluss über sich selbst geben. Das kann spannend sein, wenn etwa Interviews geführt und verglichen werden (durchaus ein anerkanntes und wichtiges Subgenre der Geschichtswissenschaft, das ich als Oral History hier ja auch ein wenig betreibe), aber es ist eben nur ein Subgenre, dessen Chancen und Gefahren man sich bewusst sein muss, wenn man es angeht. Die Idee, dass Gespräche mit Betroffenen oder auch nur zufällig Anwesenden grundsätzlich einen Erkenntnisgewinn bedeuteten, ist auf jeden Fall Quatsch. Es ist ein gutes journalistisches Mittel, weil es das "menschliche Element" in trockene Themen bringt. Aber es ist eine narrative, keine wissenschaftlich relevante Bedeutung. Ich zitiere da meinen alten Professor: "Der Zeitzeuge ist der natürliche Feind des Historikers."

Umgekehrt gibt es genug Leute, die direkt vor Ort sind, aber nichts davon verstehen. In den USA ist der Begriff des "Beltway-Journalismus" feststehend, der im Deutschen seine Entsprechung im "Hauptstadtjournalismus" oder "Raumschiff Berlin" hat. Nur, weil man vor Ort ist, gewinnt man nicht magisch Verständnis für die Verhältnisse vor Ort, oder nimmt gar durch Osmose den historischen Hintergrund auf. Leider ist dagegen häufig der Fall, dass die Anwesenheit vor Ort vor allem einer Hybris Bahn bricht, plötzlich zu allem mit großer Sicherheit etwas sagen zu können, nur weil man einen LKW-Fahrer im Diner interviewt hat.

Wäre die Geschichte damit beendet, so könnte man die Episode als merkwürdige Überreaktion des konservativeren Establishments deuten und die jeweils eigene Lieblingserklärung drüberstülpen. Allein, damit endet die Geschichte nicht. Denn auch etwas überraschend hat sich für Brockschmidt eine massive Gegenformation gebildet, die sie mit einer Emphase verteidigt, die ebenfalls weit über die Rolle und Bedeutung des Buchs hinausgeht. Wer bisher dachte, das Buch wird als Proxy für eine größere Debatte verwendet - spätestens hier kann man sich dieses Eindrucks eigentlich nicht mehr erwehren, denn so absurd die Anwürfe gegen Brockschmidt waren, so absurd sind oftmals die Verteidigungsreden, die für sie geschwungen werden.

Brockschmidt selbst schwieg anfangs völlig und gab dann nur zu Protokoll, die USA schon mehrfach besucht zu haben, aber 2020/21 wegen der Pandemie keine Möglichkeit gehabt zu haben. Das macht eine Menge Sinn und beantwortet im engsten Sinne die ursprüngliche Kritik Karnitschigs. Nur, wir haben ja bereits festgestellt dass es darum eigentlich nicht wirklich geht. Und auch den Verteidiger*innen geht es darum nicht zentral.

Innerhalb kürzester Zeit bildeten sich drei Hauptverteidigungslinien heraus: Brockschmidt arbeite nicht als Journalistin, sondern als Historikerin; sie betreibe daher Quellenarbeit und keine Interviews; und sie werde aus ideologischen Gründen attackiert. Schauen wir uns alle drei an.

Argument Nummer 1, Brockschmidt arbeite nicht als Journalistin, sondern als Historikerin, und sei deswegen von ihrem Gegenstand entfernt ist, mit Verlaub, Unfug. Denn das Buch triggert die Konservativen ja unter anderem deswegen, weil es schon ein ganz klein bisschen (Litotes) tendenziös ist. Es ist ja jetzt nicht so, als wäre Brockschmidt angetreten, eine ergebnisoffene Untersuchung des evangelikalen Milieus zu schreiben. Schon der Titel ist klar Programm. Bei "Amerikas Gotteskrieger" erwarte ich nicht gerade eine historische Abhandlung. Die sachliche Distanz der Historiker*innenzunft zum Gegenstand - sine ira et studio - erwarte ich bei so einem Werk sicher nicht. So zu tun, als würde hier quasi ein Angriff auf die Wissenschaft stattfinden (was zwar nicht explizit gesagt aber impliziert wird) leistet der Wissenschaft einen Bärsendienst, gerade angesichts der Dauerattacke, in der sie sich in der Pandemie und durch die rechte Cancel Culture befindet.

Argument Nummer 2, Brockschmidt würde hier mit Quellen arbeiten, weil es sich um ein historisches Thema handelt, und deswegen mehr oder weniger Archivarbeit betreiben, lasse ich problemlos gelten. Ich habe oben im Detail ausgeführt, warum dieses "Gotcha"-Argument von wegen "warst du persönlich vor Ort" Blödsinn ist.

Argument Nummer 3 ist die Attacke aus ideologischen Gründen - gegen Progressive, gegen Frauen, für Rechtsextremismus, was auch immer das jeweilige Steckenpferd ist. Ist in den Attacken vielleicht ein bisschen Mysogynie gegen "Emporkömmlinge"? Bestimmt. Fühlen sich Konservative durch den Generalangriff auf radikale Evangelikale auch bedroht, weil ja Brockschmidt nun nicht eben eine glühende Verteidigung gemäßigten Christentums schreibt? Sicherlich. Aber letztlich ist das alles Hintergrundrauschen und zur Erklärung unnötig.

Der relevante Teil ist: Brockschmidt ist keine unabhängige Beobachterin. Sie arbeitet eng mit Natascha Strobl zusammen, die auch ein rotes Tuch für alles ist, was konservativ denkt. Sie ist, um es in ein Modewort zu packen, woke. Und zwar ziemlich.

Das ist auch völlig legitim. Ich stimme Brockschmidt in fast allem, was sie schreibt, auch zu. Was übrigens der Grund ist, warum ich ihr Buch bisher nicht gelesen habe und ihren Patreon auch nicht unterstütze; ich habe nicht das Gefühl, dort Dinge zu lesen, die mehr mit mir machen als mit dem Kopf zu nicken. Das habe ich übrigens mit den meisten Kritiker*innen gemein. Ich habe jedenfalls nicht das Gefühl, dass Karnitschig und Konsorten das Buch gelesen oder sich mit Brockschmidts Arbeit beschäftigt haben; für die endete es beim Schwenken des roten Tuchs, wo die woke Journalistin über die USA schreibt, und das muss ja scheiße sein. Die Begründung dafür kommt von diesem Endergebnis her, und so qualitativ brauchbar war sie dann auch. Bedauerlicherweise machten die Verteidiger*innen Brockschmidts überwiegend denselben Fehler. Und so summiert sich der ganze Kram zu nicht viel mehr als einem Sturm im Wasserglas, der die jeweilige Bubble in Verteidigungshaltung und Selbstbestätigung bringt. Oder auch: another day on the internet.

Dienstag, 25. Januar 2022

Kontrafaktische Geschichte: Die Annahme der Stalinnote 1952

 

Der Historiker Oliver Haardt hat auf Twitter die spannende Frage nach einem kontrafaktischen Geschichtsszenario gestellt, in dem das Angebot Stalins zur Wiedervereinigung Deutschlands 1952 angenommen worden wäre:


Bevor wir uns in die eigentliche Fragestellung vertiefen, kurz etwas Kontext zur sogenannten "Stalinnote".

1952 sandte Stalin ohne diplomatische Vorarbeit und für alle Beteiligten überraschend eine Note an die Westalliierten und die BRD, die den Abschluss eines Friedensvertrags und die Wiedervereinigung der getrennten Landesteile vorschlug. Viele Politiker vermuteten damals dahinter eine Falle, und weder in Bonn noch in Washington, Paris oder London wurde der Vorschlag ernsthaft in Erwägung erzogen. Die Ablehnung kam recht schnell; in Deutschland forderte die oppositionelle SPD zwar eine "ernsthafte Prüfung" des Vorschlags, war aber auch sehr skeptisch und war nicht bereit, sich vorbehaltlos dahinterzustellen. Die Proteste gegen die Ablehnung blieben denn auch vergleichsweise verhalten.

Die Gründe für die Ablehnung waren zweifacher Natur. Einerseits war unklar, ob es sich überhaupt um einen ernstgemeinten Vorschlag oder nicht viel eher eine diplomatische Falle Stalins zur Spaltung des Westens handelte. Andererseits aber steckten Befürchtungen dahinter, nach denen ein wiedervereinigtes Deutschland in die sowjetische Machtsphäre fallen würde. Ersteres ist bis heute nicht völlig entschieden, für unsere Diskussion aber auch irrelevant. Wir wollen für unser heutiges Gedankenexperiment annehmen, dass der Vorschlag 100% ernstgemeint war und 1952/53 durchgeführt worden wäre. Hierfür spielen die damaligen Sorgen eine große Rolle.

Deutschland 1952

Eine Gefahr, der wir für diese Fragestellung entgehen müssen, ist zu sehr von den Ereignissen nach 1952 rückwärts zu denken und eine spätere, verfasstere Position von BRD und DDR rückwärts anzuwenden. Deswegen müssen wir uns kurz klarmachen, wie die Situation 1952 war.

Die innerdeutsche Grenze war noch nicht komplett geschlossen. Zwar hatte die DDR diese 1951 dichtgemacht, aber der Prozess war noch nicht abgeschlossen, und in Berlin war ein Übertritt zwischen den Sektoren noch vergleichsweise einfach möglich. Die Wiedervereinigung war also territorial noch etwas leichter vorstellbar als später, wo ein festungsartiger Todesstreifen die beiden Deutschlands trennte. Kontakte über die Grenze waren noch häufiger.

Innenpolitisch befand sich der Bundestag noch in seiner ersten Legislaturperiode. Adenauer war gerade drei Jahre Kanzler. Ähnliches galt für die DDR, wo Ulbricht formell erst seit 1949 Staatsoberhaupt war (de facto natürlich bereits länger). Die Entnazifizierung war in beiden Teilen de facto abgeschlossen. In der DDR war jedoch das unabhängige Justizwesen bereits fast vollständig zerstört, die Verwaltung und Polizei unter Kontrolle des Parteiapparats gebracht worden.

Außenpolitisch befand sich die BRD zwar bereits in Kurs auf die Westbindung, aber diese war noch nicht so weit fortgeschritten. Die Montanunion war der wohl größte außenpolitische Stolperstein, was bereits abgeschlossene Verträge anbelangte. Wir werden auf dieses Thema wieder zurückkommen. Die größte außenpolitische Debatte zu der Zeit war die Wiederbewaffnung, die damals noch als eine gemeinsame deutsch-französische Armee (unter französischer Führung, versteht sich) diskutiert wurde. Das Hauptthema für die DDR waren die gewaltigen Reparationen, die Stalin aus ihr bezog, und ihre Integration in das Zwangswirtschaftssystem des späteren RGW.

Damit wären wir auch schon beim Wirtschaftlichen. Im Westen war seit 1947 die Marktwirtschaft nach amerikanischem Vorbild eingeführt worden, während der Osten seit 1945/46 unter einer Planwirtschaft im Sowjetstil litt. Die Trennung der beiden deutschen Staaten war auf diesem Gebiet am weitesten vorangeschritten, denn die Sowjets hatten das freie Unternehmertun bereits praktisch zerschlagen, Großgrundbesitzer enteignet, Kombinate gegründet, die DDR auf den irren Pfad zur Schwerindustrie gesetzt und große Teile der bestehenden Substanz geraubt. Von einem Wirtschaftswunder war allerdings auf beiden Seiten der Grenze noch wenig zu spüren; die Arbeitslosigkeit war hoch, die Wohnungssituation furchtbar.

Die Stalinnote

In diese Situation fiel nun die Stalinnote 1952. In ihr schlug die Sowjetunion vor, einen Friedensvertrag mit Deutschland zu schließen. Hierzu war eine gesamtdeutsche Regierung zu bilden. Die Grenzen Deutschlands sollten die durch das Potsdamer Abkommen 1945 festgelegten sein, sprich: die heutigen Grenzen entlang der Oder-Neiße-Linie. Demokratische Rechte sollten garantiert sein (wenngleich keine freie Wahlen), die Besatzungsmächte sollten komplett abziehen, Deutschland ein eigenes Militär bekommen und ein explizites Verbot, sich einem gegen eines der Siegermächte gerichteten Bündnis anzuschließen.

Es ist offensichtlich, was die Zielrichtung der UdSSR war. Die Macht der SED sollte institutionalisiert, die territoriale Nachkriegsordnung festgeschrieben und eine Westbindung verhindert werden. Es gab zu diesem Zeitpunkt nur ein gegen eine Siegermacht gerichtetes Bündnis, die 1949 gegründete NATO (der Warschauer Pakt würde erst 1955 gegründet werden). Deren Gründung war eine unangenehme Überraschung für die UdSSR gewesen, die auf einen Rückzug der USA aus Europa gesetzt hatte, eine Entwicklung, die durch eine Neutralisierung Deutschlands beschleunigt werden sollte.

Die Regierungen der Westmächte antworteten auf die Stalinnote mit eigenen Forderungen: die Wahlen sollten unter Aufsicht einer UN-Kommission stattfinden (und damit frei sein), die Grenzen sollten frei verhandelt werden (da die des Potsdamer Abkommens offiziell provisorisch waren), Deutschland sollte Bündnisfreiheit haben und explizit in eine defensive europäische Bündnisstruktur eingebunden werden, also kein eigenes, unabhängiges Militär besitzen.

In einer zweiten Note forderte Stalin nun ein generelles Bündnisverbot, akzeptierte aber eine von den Siegermächten gebildete Kommission zur Wahlprüfung. Durch die Vetomacht der Sowjetunion hätte ein solcher Kompromiss natürlich bedeutet, dass zumindest auf dem Gebiet der DDR keine freien Wahlen stattgefunden hätten.

In einem dritten Notenaustausch wurde klarer, dass es keine gemeinsame Grundlage gab. Der Westen lehnte Verhandlungen auf der Basis der Potsdamer Beschlüsse ab, die Sowjetunion freie Wahlen. Dies wurde in der vierten und letzten Note noch untermauert, in der die Sowjetunion nun eine internationale Prüfung der Wahlen kategorisch ablehnte und stattdessen eine "paritätische" deutsche Kommission forderte. Wie eine zu 50% von der SED gestellte Wahlkommission ausgesehen hätte, kann man sich vermutlich denken. Die Note war demnach auch die letzte in diesem Austausch.

Die Frage für unser Szenario ist daher, an welchem Punkt wir annehmen, dass die Westmächte Stalins Vorschläge als Verhandlungsgrundlage akzeptiert hätten. Ich gehe im Folgenden von einer durch die Siegermächte gebildeten Wahlkommission und einer Akzeptanz der Oder-Neiße-Linie aus. Andere Szenarien sind wenig vorstellbar, weil sie für die Sowjetunion unannehmbar waren (diese Bedingungen waren zwar für die Westmächte unannehmbar, aber für das Szenario akzeptieren sie sie).

Deutschland 1953

Wie also würde ein Deutschland im "Jahr 1" nach der Wiedervereinigung aussehen? Dies möchte ich im Folgenden skiziieren. Wann immer die Abkürzung "OTL" auftaucht, meint dies "Original Timeline", also die reale Geschichte.

Wir hätten einen Abbau der innerdeutschen Grenze. Stattdessen existierte ein ziemliches strenges Grenzregime zumindest nach Osten, um Grenzübertritte von Polen und Tschechoslowakei zu verhindern. Innerhalb Deutschlands würden vermutlich zumindest für Übergangsfristen zwei Regime nebeneinander her existieren: die Strukturen der DDR und die der BRD, in Polizei, Verwaltung und so weiter. An dieser Stelle ist die Frage, wie gesamtdeutsche Wahlen ausgehen würden und welche Verfassung dann entstünde. Die Möglichkeiten sind endlos, weswegen ich hier eher oberflächlich bleiben will.

Das Grundgesetz und der Beitritt nach Artikel 23 jedenfalls fallen weg. Ich glaube, das Saarland würde trotzdem beitreten (eine Mehrheit für den Verbleib bei Frankreich sehe ich einfach nicht), was bedeutet, dass es eine neue Verfassung braucht. Auf dem Konvent für eine solche Verfassung wäre die SED sicher mit mehr als den rund 5% vertreten, die die KPD in den Parlamentarischen Rat eingebracht hat. Und ob gegen die Stimmen der SED eine Verfassung überhaupt möglich wäre - also ob die Sowjetunion mit ihrer Sperrminorität im Alliierten Kontrollrat das erlauben würde - halte ich für fraglich.

Es ist daher möglich, dass eine gesamtdeutsche Verfassung Bestimmungen enthalten würde, die der SED eine Machtposition zusichert. Vielleicht weniger als eine Sperrminorität, aber erneut: mehr als das, was sie in freien Wahlen erreichen könnte, denn da hat sie wenig Chancen. Die KPD dürfte sich mit ihr vereinigen, aber die war bereits bei den Bundestagswahlen OTL 1953 kein Faktor mehr. Wir haben also innerhalb von Deutschland einige merkwürdige Konstruktionen, die ich hier bewusst vage lasse, für die ich aber als Vergleich die Struktur der Antebellum Vereinigten Staaten anbieten will - nicht wegen der Sklaven- und Freistaaten, sondern wegen der radikal unterschiedlichen Systeme in einer fein austarierten, stets prekären politischen Balance. Ich nenne diese Variante Deutschland A.

Aber, und das ist entscheidend: die Sowjetunion ist bereit, den Machtverlust der SED zu akzeptieren, wenn Deutschland dafür neutral ist. Daher ist durchaus vorstellbar, dass die Verhandlung der Alliierten oder die mittelfristige Entwicklung dazu führt, dass Deutschland "normale" Wahlen abhält und seine Strukturen vereinheitlicht und demokratisiert. Die SED würde in diesem Fall eher eine Position übernehmen, wie sie die LINKE heute hat - vergleichsweise irrelevant im Westen, stärker im Osten, aber möglicherweise durch Bündnisse der demokratischen Parteien weitgehend zur Opposition verdammt. Ich nenne diese Variante Deutschland B.

Das sind natürlich bei Weitem nicht die einzigen beiden vorstellbaren Varianten, und ich stelle sie hier auch eher dar um zu zeigen, wie schwierig verbindliche Aussagen sind. Historiker*innen mit mehr Detailkenntnis der Epoche und vor allem der SED-Strukturen könnten da sicher bessere Vorhersagen machen. Wer Buchempfehlungen hat, her damit!

Allein, es gibt eine Reihe weiterer Herausforderungen, die OTL so nicht existieren. Die meisten davon sind außenpolitischer Natur.

Die Integration Deutschlands in die jeweiligen Machtblöcke hatte ja bereits begonnen. So war das Programm forcierter Industrialisierung, das die Sowjetunion wider alle ökonomische Vernunft der DDR aufzuwang, genauso wie die Kollektivierung der Landwirtschaft in eine gesamtosteuropäische Wirtschaftspolitik eingebettet, in der die Satellitenstaaten der UdSSR Waren und Rohstoffe zur Verfügung stellen sollten. Zum Glück für unser wiedervereinigtes Deutschland ist dieser Prozess noch nicht allzuweit fortgeschritten und besteht weitgehend aus bilateralen Handelsbeziehungen, weswegen die Entflechtung nicht dieselbe Verwerfungskraft haben dürfte wie OTL 1990ff. Stattdessen haben wir eher ein lokales Partikularinteresse an der Aufrechterhaltung von Wirtschaftsbeziehungen mit dem Ostblock, das der SED helfen dürfte, da sie als Garant dieser Wirtschaftsbeziehungen auftreten kann. Eine Subventionierung durch die UdSSR zum Erhalt dieser Machtposition scheint sehr wahrscheinlich und dürfte in Deutschland B durchaus für anhaltende Attraktivität (wenngleich keine Mehrheiten) der Sozialisten sorgen.

Auf der anderen Seite haben wir die Montanunion. Diese wurde 1951 geschlossen und stellt die Schwerindustrien der beteiligten Länder unter die Aufsicht einer gemeinsamen hohen Behörde. Der Zweck der Montanunion war einerseits die Kontrolle einer möglichen deutschen Aufrüstung, andererseits aber eine Stützung des französischen Stahlmarkts, der gegenüber dem deutschen nicht konkurrenzfähig war und über die Montanunion eine kartellartige Sicherheit erhielt. Es ist schwerer vorstellbar, wie die Montanunion die Einheitsverhandlungen überlebt hätte, da sie Frankreich als einer der großen Siegermächte effektive Vetomacht über das Ausmaß der deutschen Aufrüstung gegeben und damit das Ziel einer unabhängigen deutschen Armee einerseits und des Zugriffs der UdSSR auf Reparationen aus dem Ruhrgebiet andererseits zumindest sehr erschwert hätte. Ich gehe daher davon aus, dass Deutschland aus der Montanunion austritt, die damit ihren Sinn weitgehend verliert und sich maximal zu einer Frankreich-BeNeLux-Wirtschaftszone weiterentwickelt - wenn überhaupt.

Ebenso auf den Richtblock kommen alle Pläne zu einer gemeinsamen europäischen Armee. Wir wissen heute natürlich, dass OTL die französische Nationalversammlung 1954 alle solchen Pläne zerschoss, aber 1952/53 war das durchaus noch eine realistische Option für die zukünftige Sicherheitsarchitektur Europas. Ein wiedervereinigtes Deutschland beendet diese Variante bereits 1953 definitiv. Stattdessen baut Deutschland eine eigene Bundeswehr auf, die vermutlich ähnlich den Bestimmungen der österreichischen Einheit OTL 1955 als Selbstverteidgungsarmee aufgebaut wird - und ohne Integration in irgendwelche Bündnisstrukturen, ein Passus, auf dem die UdSSR in jedem Fall bestanden hätte. Stellen wir uns die Bundeswehr also als eine Art größeres Bundesheer vor.

Wie geht es von nun an weiter?

Und damit wären wir in der Frage, wie es zumindest mittelfristig weitergeht. Statt des Eisernen Vorhangs quer durch Deutschland haben wir eine wesentlich weniger befestigte Grenze (es gibt keine Notwendigkeit, die Ostdeutschen an der Flucht nach Westen zu hindern) und einen cordon sanitaire aus Neutralen: Deutschland, Österreich und Jugoslawien ziehen einen Riegel von Ostsee bis Adria zwischen die Blöcke. Die Frage ist dann, ob sich die Militärbündnisse auch ohne Deutschland entwickeln wie in OTL. Ich halte das für fragwürdig.

Auf der einen Seite ist der Warschauer Pakt, der eine Gegenposition zur NATO aufbaute: zwei entlang einer hochmilitarisierten Grenze einenander gegenüberstehende Bündnissysteme. Allein, mit der erwähnten Neutralitätsgürtel ist die Gefahr einer Invasion sowjetischen Hoheitsgebiets nicht mehr so groß. Der Integrationsgrad der OTL Warschauer Paktes dürfte damit eher nicht erreicht werden.

Noch schlimmer sieht es für die NATO aus, was ja auch ein entscheidender Grund für die OTL Ablehnung der Stalinnote war. Ohne die massive Militärpräsenz in Westdeutschland fehlt den USA die Basis für ein längerfristiges militärisches Engagement in Europa. Es ist unvorstellbar, dass mehrere 100.000 GIs dauerhaft in Frankreich stationiert werden, und Italien ist jetzt nicht unbedingt die beste Basis dafür, genauso wenig wie die BeNeLux-Staaten. Es ist daher wahrscheinlich, vor dem Hintergrund der gaullistischen Außenpolitik mit ihrer Öffnung gegenüber der UdSSR sowieso, dass die NATO bei weitem nicht dieselbe Integrationskraft als westliches Bündnis entfaltet wie OTL, dass sie möglicherweise sogar endet (wobei ich das für unwahrscheinlich halte).

Ohne diese Integration in die Machtblöcke ist Deutschland in einer neutralen Mittelposition. Der Grund dafür, dass Stalin dieses Angebot machte, ist, dass dies der Sowjetunion mehr hilft als dem Westen. Das war in den 1940er Jahren noch nicht vollständig absehbar, aber die Stabilisierung der Westzone - ein absolut nicht vorbestimmtes und für Stalin eher überraschendes Ergebnis, wie Benn Steil in seinem hervorragenden Buch gezeigt hat - änderte die Kalkulation. Der Westen verlor das größere und potentiell wesentlich wohlhabendere Westdeutschland, während die Sowjetunion die wertvolle Substanz der DDR bereits geplündert hatte und eine Problem im Managment des Ostblocks verlor, kam es doch während des Ost-West-Konflikts nie zu einer Aussöhnung zwischen Ostdeutschen und Polen beziehungsweise der Tschechoslowakei, die stattdessen die Propagandalüge schlucken mussten, die DDR habe den Faschismus überwunden und nichts mehr mit ihm zu tun.

Stattdessen war die Tor für einen härteren Umgang mit Deutschland offen, das als halber Antagonist und halber Verbündeter weiterbestehen konnte. Das ist vor allem für die Frage eines Friedensvertrags relevant, und hier kommen wir zum Kern der Sache. Denn ein Friedensvertrag hätte vier Bestimmungen mit Sicherheit enthalten:

1) Reparationen.

Die Sowjetunion besonders, aber auch Frankreich, waren sehr an deutschen Reparationen interessiert. Frankreich hatte sich OTL damit abgefunden, dass es keine bekommen würde, und stattdessen den (wesentlich erfolgreicheren) Weg über die Montanunion und die Symbiose der europäischen Volkswirtschaften gewählt, der die Grundlage des anhaltenden europäischen Aufschwungs und Friedens war, während die Sowjetunion sich an ihrer Besatzungszone schadlos gehalten hatte. Aber im Falle eines Friedensvertrags wären Reparationen fällig geworden.

2) Militärbeschränkungen

Die deutsche Armee wäre auf eine Selbstverteidigungsrolle beschränkt worden, nur ohne das "Backup" von Verbündeten. Wir haben also eine Bundeswehr, die ähnlich groß ist wie die in OTL, aber vermutlich mit Waffenbeschränkungen arbeitet und Deutschland ohne "nuklearen Schirm" lässt. Es ist schwierig abzusehen, welche Folgen dieses Fehlen hätte; aber es verschlechtert die Machtposition gegenüber beiden Seiten erheblich.

3) Bündnisverbot

Wir haben bereits diskutiert, dass das Verbot, sich einem Bündnis anzuschließen, Teil eines Friedensvertrags gewesen wäre. Deutschland wäre damit tatsächlich völlig isoliert von irgendwelchen Freunden und idealerweise auch Feinden. Diese Isolation ist ein Punkt, auf den wir gleich zurückkommen werden.

4) Akzeptanz der Grenzen von Potsdam

Der Friedensvertrag hätte Deutschland sicherlich gezwungen, genauso wie die DDR OTL die Oder-Neiße-Grenze anzuerkennen. Diese Anerkennung wäre vor allem innenpolitisch relevant gewesen (de facto waren diese Gebiete verloren). Auch darauf werden wir gleich zurückkommen.

Behandeln wir zuerst die Frage der Isolation. Das Problem Deutschlands gegenüber Österreich oder Finnland, die ähnlich neutralisiert waren, bestand schlicht in seiner Größe. Es ist das Grundproblem Deutschlands in Europa seit 1871: zu groß, um einen auf Schweiz zu machen, zu klein, um dominant sein zu können. Daran ändert sich auch mit einem Friedensvertrag nichts; das ökonomische Potenzial Deutschlands ist so groß, dass es zwangsläufig zu einem Hebel für die Außenpolitik wird, ähnlich wie in Weimar, wo es zur schrittweisen Revision des Versailler Vertrags genutzt wurde.

Wie groß dieses Potenzial gewesen wäre, ist eine weitere interessante Frage. Ich halte es für kleiner als in OTL, weil die europäische Integration und die langfristige Bindung an die Vereinigten Staaten wegfällt. Zwar ergeben sich mehr Möglichkeiten für Handel mit der RGW-Zone als in OTL, aber das ist kaum attraktiv. Stattdessen würde die deutsche Wirtschaft durch die Reparationszahlungen gehindert und von Schutzzöllen zurückgehalten, anstatt Zugriff auf den europäischen Binnenmarkt zu bekommen.

Der größte Faktor aber dürfte der vermutliche Wegfall der Londoner Schuldenkonferenz 1953 sein. Auf dieser Konferenz wurden in OTL de facto die Vorkriegsschulden weitgehend erlassen und Deutschland vom Kopf auf die Füße gestellt: anstatt mit einer massiven Schuldenbelastung in die 1950er Jahre zu gehen, verzichteten die Länder Europas (unter anderem Griechenland...) auf eine Rückzahlung der erheblichen Auslandsschulden Deutschlands. Es ist schwer vorstellbar, dass ein wiedervereinigtes, neutralisiertes Deutschland diese Großzügigkeit ebenfalls bekommen hätte.

Dazu kommen kleinere außenpolitische Änderungen wie die Aussöhnung mit Israel, die in einem wiedervereinigten Deutschland wesentlich schwerer vorstellbar ist und, wie gleich zu zeigen sein wird, auch Auswirkungen auf die deutsche Innenpolitik gehabt hätte.

Und diese wäre deutlich anders. Abgesehen von der bereits diskutierten Machtverteilung im Land hätte der Abschluss eines Friedensvertrags mit Sicherheit Raum für eine neue Dolchstoß-Legende geschaffen. Sieht man sich die Reaktionen der CDU auf die Ostpolitik an (vom "Verräter" Willy Brandt), so ist vorstellbar, welche Auswirkungen der Abschluss, den die CDU in diesem Szenario zwangsläufig verantwortet hätte, gehabt hätte.

Ich würde davon ausgehen, dass sich die SED/KPD als Verfechter der deutschen Einheit inszeniert hätten und die Linie gefahren hätten, dass "die Kapitalisten" Schuld seien und man selbst heroisch die Einheit des Vaterlandes gerettet hätte. Sonderlich effektiv dürfte das kaum gewesen sein, weil der Versuch der Linken, sich als die besseren Patrioten zu inszenieren, nie funktioniert hat, aber das war so oder so ihre Propagandalinie.

Besonders schwierig ist die Lage für die SPD, die wesentlich energischer als die CDU auf die Wiedervereinigung gepocht hatte; die SPD hatte dies allerdings in den Grenzen von 1937 gefordert, und sie war 1952/53 von der Macht faktisch ausgeschlossen. Ihre Position findet sie daher zwischen allen Stühlen und in einer merkwürdigen Zwitterrolle der Opposition gegen die konkrete Form des Vertrags und der Begeisterung für die Wiedervereinigung - nicht Fisch und nicht Fleisch, aber aus Verantwortungsgefühl mit Sicherheit als Verteidiger des Friedens und das ganze Werk eventuell in einer Großen Koalition mit der CDU absichernd.

Denn dass die komplette bürgerliche Koalition, wie sie 1952/53 bestand, bei der Sache mitgemacht hätte, bezweifle ich. Man vergisst heute gerne, dass es damals noch mehrere rechtsgerichtete Parteien in Deutschland gab. Adenauers erste Koalition bestand aus einer FDP, die damals wesentlich rechter tickte als heute, die Entnazifizierung verdammte und sich als Heimat für ehemalige Nazis anbot, und sie bestand aus der DP, der "Deutschen Partei", die man im weitesten Sinne als gemäßigte Nachfolgerin der DNVP betrachten konnte. 1951 war zudem der BHE gegründet worden, der "Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten". OTL wurde diese Flüchtlingspartei von der CDU assimiliert, aber mit Abschluss eines Friedensvertrags dürften sie, in virulenter Oppositionshaltung, zu einer dauerhaften rechtsgerichteten und demokratiefeindlichen Bewegung gerinnen. Zusammen mit der SED haben wir damit demokratiefeindliche Parteien rechts wie links und damit eine Situation wie in Weimar; zudem mit DP und FDP zwei Parteien, deren Ausrichtung damals noch ziemlich offen war (wobei ich viel Vertrauen in die FDP habe).

Wie sich die CDU in dieser Lage entwickelt ist schwer zu sagen. Elektoral erfolgreicher als das Zentrum, sicherlich, aber der Friedensvertrag dürfte sie durchaus belasten. Ich sehe jedenfalls keine absolute Mehrheit für Adenauer 1957 in den Karten, so viel ist sicher. Die erfolgreiche Demokratisierung Deutschlands steht in diesem wiedervereinigten Deutschland auf wesentlich schwankenderen Füßen als sie es in OTL tat, das kann denke ich gesagt werden.

Und genau das hat wieder eine Rückwirkung auf die Außenpolitik. Revanchistische Ausschläge gegen Polen dürften häufig sein, genauso Konflikte mit Frankreich über Reparationen (gerne auch als Proxy für dieselbe Wut gegenüber der Sowjetunion, die wegen ihrer Machtstellung Atomwaffen kein Ziel für diese Ausschläge bietet). Generell eine wesentlich toxischere, aggressivere Außenpolitik, die sich ständig mit der eigentlichen Neutralisierung beißt. Und das ist, neben dem ökonomischen Gewicht, das diese Ausschläge überhaupt ermöglicht und eine potentielle militärische Gefahr bei Bruch des Friedensvertrags impliziert, der große Unterschied zu Finnland oder Österreich.

Ein Fazit

Für mich ist offenkundig, dass eine Annahme der Stalinnote in schwerer Fehler gewesen wäre. Deutschland wäre eventuell wiedervereinigt worden, aber der Preis dafür wäre ein instabileres Europa, ein deutlicher Wohlstandsverlust, ein Einfluss- und Machtgewinn der Sowjetunion. Natürlich ist das die Sicht Westdeutschlands; für die Ostdeutschen wäre es vermutlich eine Netto-Verbesserung, während umgekehrt eine längere Existenz der Sowjetunion für die osteuropäischen Staaten eine noch längere kommunistische Diktatur bedeutet hätte. Es kommt eben darauf an, aus wessen Perspektive man schaut...

Donnerstag, 20. Januar 2022

Einen Verschwörungstheoretiker*innentext analysieren

 

Neben seriösen geschichtswissenschaftlichen Werken findet sich leider eine Vielzahl an verschwörungstheoretischen oder einfach nur schlecht recherchierten Werken auf dem Markt. Es gibt Anzeichen, woran man erkennen kann, dass man es mit einem solchen zu tun hat.

Diese Autor*innen arbeiten mit diversen rhetorischen Mitteln, die eine Gemeinschaft mit den Lesenden erzeugen und diese direkt auf die gewünschten Schlussfolgerungen stoßen sollen. Sie konstruieren dabei elaborierte Theorien, die durchaus belegt werden. Diese Belege allerdings sind häufig entweder aus anderen tendenziösen Quellen, so dass ein Kreislauf gegenseitiger Verweise entsteht, oder aus dem Kontext gerissen und deswegen nur Simulationen von Belegen. Auch selektives Lesen von Quellen gehört dazu.

Im Folgenden analysieren wir einen Ausschnitt aus dem Buch „Wer hat Hitler gezwungen, Stalin zu überfallen?“ des russischen Propagandisten Nikolay Starikov von 2017. Starikov hat eine Reihe weiterer Bücher im selben Genre verfasst, etwa „Krieg durch fremde Hände“, „Ukraine. Chaos und Revolution als Waffen des Dollars“, „Verstaatlichung des Rubels. Russlands Weg zur Freiheit“, „So sprach Stalin“, „Wer finanzierte die Zerstörung Russlands?“ und „Wer tötete das russische Imperium?“. Die Titel alleine zeigen, wie der Autor verschwörungstheoretische Narrative pflegt: Feinde von außen – die USA – ziehen im Hintergrund die Fäden und zwingen Russland in Konflikte. Im vorliegenden Buch versucht Starikov seine Lesenden davon zu überzeugen, dass die USA Hitler als Marionette gegen Stalin eingesetzt haben. Ich will an einem Auszug beispielhaft zeigen, wie der Autor arbeitet und daraus allgemeine Rückschlüsse über die Arbeitsweise von Verschwörungstheoretiker*innen ableiten.

Montag, 17. Januar 2022

Rezension: Hedwig Richter - Eine deutsche Affäre

 

Mit ihrem Buch "Demokratie. Eine deutsche Affäre" hat Hedwig Richter, Professorin für Geschichte an der Bundeswehruniversität in München, einen Bestseller hingelegt, der 2020/21 für eine lebendige Debatte gesorgt hat. Vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart untersucht sie in einem großen Bogen das Verhältnis der Deutschen zur Demokratie, und wie der Buchtitel schon verrät, stellt sie sich gegen die beliebten Sonderwegs-Narrative, die den Deutschen ein gestörtes Verhältnis zur Demokratie unterstellen, und attestiert ihnen stattdessen eine "Affäre" mit ihr.

Das mag auf den ersten Blick überraschen, ist aber auf den zweiten Blick gar nicht so weit hergeholt, vor allem, wenn man den historischen Rahmen anschaut. Freiheit und Parlemantarismus waren in Deutschland über Jahrzehnte praktisch gleichbedeutend mit der Nation. Von den Befreiungskriegen zum Vormärz, von 1848 bis zur Parlamentarisierung 1918, von Weimar über Herrenchiemsee lassen sich klare Kontinuitäten ausmachen. Die NS-Zeit ist es, die als der große Zivilisationsbruch einer allzu rosigen Betrachtung im Wege steht, ebenso wie die Obrigkeitsstaatlichkeit so vieler Aspekte des Kaiserreichs.