Dienstag, 22. Februar 2011

Erinnerung und Geschichtsbewusstsein der Deutschen

Von Stefan Sasse

Holocaust-Mahnmal, Berlin 2006
Das deutsche Verhältnis zur eigenen Vergangenheit war seit Gründung des deutschen Nationalstaats 1871 einigen Änderungen unterworfen. Von nationaltrunkenem Chauvinismus, wo man tausendjährige Entwicklungslinien endlich zum glücklich-glorreichen Abschluss gebracht sah, zur These des großen Verrats durch die Linke nach dem verlorenen Weltkrieg hin zum kompletten Verwerfen der eigenen Vergangenheit als Fehlentwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg befindet sich das historische Erinnern der Deutschen in einem erneuten Umbruch. Das natürliche Aussterben von Zeitzeugen aus der Epoche des Nationalsozialismus und das  Erinnern an die Zeit davor ermöglichen es mehr und mehr, den Blick auf die deutsche Vergangenheit zu entkrampfen. Die Wiedervereinigung hat ihr Übriges dazu getan, die Bewältigung der eigenen Vergangenheit in Frage zu stellen, und die anhaltenden Debatten über die Erinnerung an die Vertriebenen oder die jahrelangen Streits um das Holocaust-Denkmal bestimmen die aktuelle Debatte. Dieser Entwicklung soll im Folgenden nachgespürt werden, ehe eine finale Analyse gewagt wird.

Im neu gegründeten deutschen Reich von 1871 war es notwendig, im Eilgang einen nationalen Mythos aufzubauen - im Gegensatz zu den umgebenden Nationalstaaten, so schien es, war man ja erst spät in den Kreis hinzugetreten und konnte noch nicht auf irgendwelche Mythen bauen. Es war deswegen nur folgerichtig, an Bestehendes anzuknüpfen und flugs einen eigenen Mythos zu schaffen. Das Aktuelle ist schnell erklärt: es handelt sich um die Schlacht bei Sedan. Hier wurde "der Franzose" in einer taktischen Meisterleistung besiegt, Kavallerie preschte tapfer in die feindlichen Reihen, bunte Fahnen wehten, am Ende übergab Kaiser Napoleon III. seinen Säbel dem siegreichen Wilhelm I. Dass der Krieg danach mitnichten gewonnen war, übersah diese Folklore geflissentlich und beging den 2. September alljährlich als nationalen Feiertag mit Umzügen, Aufmärschen und viel Getöse-  nicht von ungefähr bezeichnete Sebastian Haffner den Sedan-Tag als einzigen nationalen Feiertag, den die Deutschen je hatten.

Germanische Ratsversammlung
Das Bestehende, an das man anschließen konnte, war ein recht kruder Versuch, eine direkte Linie von den Germanen bis zur Reichseinigung zu ziehen und diese damit in eine gesamtdeutsche Kontinuität zu stellen und ihr den Stachel des eigentlich illegitimen Zufallsprodukts, eines Fehlers der Geschichte, zu nehmen, als der sie vielen schien. In dieser Perzeption stammten die Deutschen von großgewachsenen, mutigen und, vor allem, reinen Barbaren ab, die als wahre Naturburschen deutsche Tugenden gegen die Römer verteidigt hatten. Die Schlacht im Teutoburger Wald spielte hierfür eine entscheidende Rolle, dem Cherusker Arminius wurde als "Hermann" eine nationbildende Rolle zugesprochen. Ab da war es nicht schwierig, mittelalterlichen Potentaten wie Karl und Otto (jeweils dem Großen) ebenfalls nationbildende Rollen zuzschreiben. Gerne sah man in Haus Habsburg dann einen Problemfall, der die deutsche Einigung in der Neuzeit dann ebenso verhinderte wie das böse Frankreich - es brauchte eben die preußischen Helden der Hohenzollern, um gegen den Neid der anderen das Werk endlich zu vollbringen.

Aus dem heutigen Stand der Geschichtswissenschaft sind diese Interpretationen natürlich haltlos. Germanen und mittelalterliche Potentaten hatten mit dem deutschen Nationalstaat praktisch nichts zu tun, der erst im 19. Jahrhundert wirklich am Horizont wetterleuchtete. Gleichwohl glaubte man damals an die kulturelle Überlegenheit der Deutschen ("Kultur" wurde als beliebter Topos gegen die angelsächsische "Zivilisation" gesetzt) und die Erbfeindschaft mit Frankreich, das man seit dem Dreißigjährigen Krieg, dem Pfälzischen Krieg und natürlich Napoleon stets bekämpft hatte und gegen das man schließlich die Reichseinigung erzwang. Es ist freilich nicht so, dass die nationalistisch-pralerischen Bezüge auf die eigene Geschichte ein rein deutsches Phänomen wären; auffallend war lediglich die plump-auftrumpfende Aggressivität, mit der der Zuspätgekommene sie vertrat, um den Makel seines allzu aktuellen Gründungsdatums mit einer möglichst beeindruckenden Ahnenreihe zu verkomplettieren.

Bildpostkarte aus den 1930er Jahren
Nach dem Ersten Weltkrieg begann die Deutung der "deutschen Frühgeschichte" eine neue Richtung zu erfahren. Passend zum aufkommenden "Führerkult" in bestimmten rechten Kreisen und der völkischen Ideologie sah man die blonden Hünen nun nicht mehr nur als Bezwinger der Römer und reine Ahnherren nach Tacitus, sondern glaubte außerdem eine rassische Reinheit und pure Grundform des Deutschtums zu entdecken: autonome Stammesverbände unterwarfen sich in diesem Geschichtsbild einem Führer, dem sie auf Gedeih und Verderb in einen ständigen Überlebenskampf folgten, den nur der Stärkste überstand und so die Kraft des völkischen Deutschtums begründete. Ins vollends Absurde gesteigert wurden solche Deutungen mit dem Wechsel ins Dritte Reich, wo man erneut künstlich eine Kontinuität zu schaffen begann. Diese Kontinuität führte aus den düsteren Vorzeiten nach Preußen, von wo eine direkte Linie Friedrich der Große - Bismarck - Hindenburg - Hitler gezogen wurde.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war dieses Geschichtsbild bankrott. Die völkische Ideologie war vollständig disavouiert, vom Sieg der "slawischen Untermenschen" im Osten und der "materialistisch-degenerierten" angelsächsischen "Zivilisation" im Westen für alle sichtbar widerlegt. Preußen verschwand durch einen formalen Beschluss der Siegermächte 1947 aus der Geschichte, als hätte es nie existiert. In der unmittelbaren Nachkriegszeit hatten die meisten Menschen andere Probleme, als sich um Geschichte zu kümmern, und die Version der Siegermächte, dass Preußen als Hort des Militarismus schuldig sei und deswegen auch aufgelöst werden müsse, erschien den meisten Zeitgenossen als recht logisch und setzte sich auch langsam fest. Zum ersten Mal drängte die Geschichtswissenschaft sich jedoch erst 1961 wieder zurück ins öffentliche Bewusstsein. Fritz Fischers Buch "Griff nach der Weltmacht" verwarf den bisherigen historischen Konsens, dass der Erste Weltkrieg durch ein "Hineinschlittern" aller Beteiligten entstanden sei und wies dem Deutschen Reich die Alleinschuld zu. In einem Land, das noch nicht einmal begonnen hatte, die seelischen Wunden der Nazizeit zu heilen, war diese Erschütterung kaum zu unterschätzen.

Deutschland wendet sich ab, Karikatur von 1904
Fischers Version stieß besonders bei Konservativen auf starken Widerstand. Mit der Alleinschuld und der Verantwortung für die Verheerungen des Zweiten Weltkriegs hatte man sich abgefunden. Nun auch am Ersten schuld zu sein war ihnen zu viel. Freilich war diese Geisteshaltung nicht nur unter Konservativen zu treffen; viele der damals über 40jährigen teilten sie, da sie ihr komplettes Leben einem Irrweg zuzuordnen schien, einer verpfuschten Epoche, an der überhaupt nichts richtig war. Gerade aus diesem Grund erreichte Fischer in der Generation, die nur wenige Jahre später die 68er-Bewegung formen sollte, ungeheuren Zuspruch. Heute wissen wir, dass seine Thesen deutlich übersteigert waren. Seine Methodik ist besonders im Visier der Kritik, da er allein deutsche Quellen heranzieht und die Geschehnisse in Frankreich, Russland und England völlig ausblendet, praktisch so, als habe sich die Welt allein um Deutschland gedreht und in bangem Erwarten jeden Zug des Reiches abgewartet. Die Saat der Idee, dass schon das Bismarck-Reich und nicht erst das Nazi-Reich ein Fehler gewesen waren, war gelegt. Die Zeiten der Bismarck-Verherrlichung waren vorüber.

In den 1960er Jahren erhielt das deutsche Geschichtsbewusstsein jedoch noch eine weitere Prüfung: die Aufarbeitung des Holocaust begann, vorerst hauptsächlich juristisch. Die Frankfurter Auschwitz-Prozesse machten das Ausmaß des Holocaust und die Kompromittierung der Elterngeneration der 68er deutlich sichtbar. Die Frage nach dem "Was hast du damals getan?" entzweite die Generationen, hatten die Zeitgenossen doch den Mythos gerne gepflegt, dass nur einige wenige Nazis die Verbrechen begangen hätten und der Rest eine weiße Weste besaß. Diese Vorstellung begann nun zusammenzubrechen. Der Holocaust begann sich als fester Topos im deutschen Geschichtsbewusstsein zu verankern.

Kein Sonderweg: Wilhelm I. und Napoleon III. bei Sedan 1871
Was nach der Fischer-Kontroverse noch an Sympathie für das Zweite Reich übrig geblieben war, zerstörte in den 1970er Jahren systematisch Hans-Ulrich Wehler mit seiner These vom "Sonderweg", den Deutschland gegangen wäre. Die Idee dahinter ist, dass es, anstatt wie England und Frankreich liberale, parlamentarische Staatswesen zu werden, einen Weg in eine autoritäre, militaristische Gesellschaft ging, der letztlich Scheitern und zur Nazi-Dikatur führen musste, mit deren Ende auch der Sonderweg beschlossen und Deutschland in den Kreis der westlichen Zivilisationen geführt wurde, den es bereits im 19. Jahrhundert hätte gehen sollen. Diese Deutung ist im Gegensatz zu Fischers Thesen heute noch sehr lebendig, obgleich auch Wehlers Ansatz einige deutliche Schwächen aufweist. Ihm ist zu verdanken, dass wir heute die Probleme der deutschen Verfassungswirklichkeit im Gegensatz zur britischen und französischen kennen, allein: wenn im 19. Jahrhundert ein Sonderweg beschritten wurde, dann von England und Frankreich. Als militaristisch-nationalistischer, autoritärer Staat befand sich Deutschland im damaligen Europa nämlich in guter Gesellschaft. England und Frankreich als Standard anzunehmen, an dem sich das Reich messen lassen müsse, führt in die Irre. Die Frage ist eigentlich mehr, warum diese liberale Demokratien waren, wo doch fast alle anderen europäischen Staaten autokratisch regiert wurden. Vergleicht man das Reich mit diesen, so fällt dieser Vergleich gleich positiver aus.-

Die 1980er Jahre sahen die endgültige Festigung des Holocaust als einem bestimmenden Element deutscher Erinnerungskultur. Angestoßen durch die US-Fernsehserie "Holocaust - Die Geschichte der Familie Weiss" begann eine Breitenaufarbeitung, die 1985 zum Holocaust-Leugnungsverbot führte und sich bis weit in die 1990er Jahre hineinzog. Gleichzeitig aber machte sich mit dem Regierungswechsel 1982 eine neue Betrachtung breit: der neue Kanzler Helmut Kohl verkündete die "geistig-moralische Wende", die implizit den Anspruch eines Schlussstriches enthielt. Es sollte Schluss sein mit den beständigen, "linken" Schmähungen des Nationalstaats. Stattdessen wollten die Konservativen ein neues, positiv besetztes Nationalbild schaffen, an das man unabhängig von den Ereignissen der Vergangenheit erinnern könnte. Es ist nicht zu viel gesagt, diese geistig-moralische Wende für gescheitert zu erklären. Es gelang der schwarz-gelben Politik nicht, einen kohärenten Topos zu finden, der einen neuen Ansatz ermöglichte, obwohl erste Versuche sichtbar sind und sich gehalten haben. Dazu gehört vor allem die Rede von Bundespräsident Weizsäcker vom 8. Mai 1985, in der er anlässlich des 40. Jahrestags des Kriegsendes erklärte, der 8. Mai sei für die Deutschen nicht Tag der Niederlage, sondern Tag der Befreiung, Befreiung vom Nazi-Regime. Er stellte das deutsche Volk damit in eine Reihe mit den von den Alliierten befreiten Völkern Europas - wenngleich bewusst an letzte Stelle - und ermöglichte so eine Trennung vom "bösen Deutschland" vor 1945. Auch die Erinnerung an die Vertriebenen erhielt unter Schwarz-Gelb deutlich mehr Raum und führte zusammen mit dem an die 1950er Jahre gemahnenden aggressiven Anti-Kommunismus zu einem revisionistischen Potpourri, das glücklicherweise seinerzeit keine Breitenwirkung entfaltete und von seinen Initatoren weitgehend wieder fallengelassen wurde.

Josef Stalin 1942
Ebenfalls in die 1980er Jahre fällt der so genannte "Historikerstreit". Entfacht worden war er über Ernst Noltes so genannte "Totalitarismus-These", in der (stark vereinfacht dargestellt) propagiert wurde, dass Stalinismus und Hitlerismus letztlich beide totalitäre Regime und einander deutlich ähnlicher gewesen seien, als man bisher angenommen habe. Damit stachen die Thesenerfindet freilich in ein Wespennest, denn zum Selbstverständnis aller, die sich als links bezeichneten - und das waren damals substantiell mehr als heute - gehört zumindest im Ansatz die antifaschistische Rolle der Sowjetunion und ihre trotz eigener Verbrechen geringere Schuld. Die Totalitarismusthese aber hob Stalins Sowjetunion letztlich auf dasselbe Niveau wie Hitlers 3. Reich - nicht nur die Linken sahen darin einen bedenklichen Revisionismus. Ähnlich wie im Falle Fritz Fischers spielt die These heute keine große Rolle mehr - der Blick auf die Verbrechen Stalins ist recht unverkrampft, und auf die Idee, sie qualitativ dem Nationalsozialismus gleichzustellen, kommt niemand mehr - den zweiten Platz gesteht man dem sowjetischen Diktator gleichwohl gerne zu.

Zu Beginn der 1990er Jahre stellte die Wiedervereinigung neue Fragen und Probleme. Würde ein neues, starkes Deutschland wieder auf alte "Sonderwegs"-Pfade rutschen und versuchen, die Dominanz in Europa anzustreben? Würde es Krieg führen, um die alten Ostgebiete wieder zu erhalten? Die letztere Befürchtung hat sich als überflüssig herausgestellt. Das wiedervereinigte Deutschland hatte jedoch eine neue Aufarbeitung an der historischen Backe: 40 Jahre SED-Diktatur erwarteten ihre Aufarbeitung, und es gab hitzige Diskussionen über die Frage, wie man hier verfahren sollte: man konnte genauso wie nach dem Zweiten Weltkrieg einen Schlussstrich ziehen und bis auf einige wenige Spitzentäter eine Versöhnung einleiten. Oder man konnte dieses Mal, einen scheinbaren Fehler nicht wiederholend, auf rückhaltlose Aufklärung und Bestrafung der Täter setzen. Bekanntlich entschied man sich für Letzters, fasste die Akten unter der Leitung Joachim Gaucks zu einer riesigen Behörde zusammen und begann mit der systematischen Auswertung. Dieser Ansatz verhinderte allerdings wohl eine innere Wiedervereinigung, da der Osten unter Generalverdacht gestellt wurde. Bis heute ist nicht wirklich absehbar, ob mit einer Verbrennung aller Akten und einem Schlussstrich nicht allen besser gedient gewesen wäre, wie es ja auch gefordert wurde - im Guten wie im Schlechten jedenfalls ist die frühere Gauck- und heutige Birthler-Behörde sowohl ein Aufklärungsinstrument als auch eine politische Waffe gewesen. Eine schärfere Einordnung ihres Nutzens und Schadens wird wohl erst in ein oder zwei Jahrzehnten möglich sein und dann auch eine Aussage darüber ermöglichen, welcher Bewältigungsansatz der Bessere war. Mit dem Makel, die NS-Verbrecher mit ihren Massenmorden zwar verschont, die Mauerschützen aber unnachgiebig verfolgt zu haben, wird die BRD so oder so leben müssen. Gegen Ende der 1990er Jahre bestimmte jedoch erneut der Zweite Weltkrieg die Schlagzeilen für historisch interessierte Leser. Eine Ausstellung über die Kriegsverbrechen der Wehrmacht machte Furore. Bislang hatte man in der Aufarbeitung des Dritten Reichs und des Holocaust zwar die Verbrechen der NSDAP, SS und der anderen Nazi-Organisationen und auch die Verstrickung vieler Menschen darin anerkannt - der Mythos, dass die Wehrmacht selbst einen "sauberen", also völkerrechtlich abgedeckten Krieg geführt habe und die Verbrechen von den SS-Einsatzkommandos hinter der Front allein begangen wurden, hatte sich bisher gehalten. Der Aufschrei über die Ausstellung war groß, viele fühlten sich um ihre Vergangenheit betrogen. Sollten nun doch alle schuldig sein, irgendwie? Durfte man denn gar nicht selbst durch die Affäre gekommen sein? Reichte es nicht, ständig auf den Holocaust zu verweisen? Dass der Ausstellung außerdem bald handwerkliche Fehler nachgewiesen werden konnten, die zu einer vorzeitigen Schließung führten, befeuerte diese Diskussion von Neuem.

Gerhard Schröder 2003
Eine Historikerkomission wurde eingesetzt, die die Ausstellung untersuchen sollte. Sie urteilte, dass manche Bilder falsch beschriftet oder überhaupt nicht zum Thema passend waren und man auf diesem Feld generell nachlässig gewesen sei; viele Aussagen seien außerdem zu pauschalisierend gewesen. Die Grundaussage aber, dass die Wehrmacht tief in die NS-Verbrechen verstrickt gewesen war, wurde nicht aufgehoben, und gleichzeitig zu einer 2001 veröffentlichten zweiten Wehrmachtsausstellung begannen sich Sonderforschungsbereiche intensiv wissenschaftlich damit zu beschäftigen. Die Legende von der weißen Weste der Wehrmacht jedenfalls ist spätestens seit 2001 endgültig vom Tisch; die zweite Wehrmachtsausstellung brachte bei weitem keinen so großen Trubel mehr wie die von 1995, was wohl auch daran liegt, dass die direkten Zeitzeugen immer mehr aussterben: als 1998 die rot-grüne Koalition ins Amt kam, waren erstmals Politiker an der Spitze, die den Krieg nicht mehr selbst erlebt hatten. Ihre Sicht auf die Dinge ist naturgemäß eine andere, weniger persönliche.

Gerhard Schröder kann als beispielhafte Personalisierung dieser Generation gelten: nicht nur nahm er als erster deutscher Politiker an den Feierlichkeiten zum Jahrestag der Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni teil - die Neuinterpretation Weizsäckers, die Deutschen als letztes von den Alliierten befreites Volk zu betrachten, fand hier ihren symbolhaftesten Ausdruck -, er war es auch, der an die Stelle von der besonderen Schuld der Deutschen am Holocaust die besondere Verantwortung der Deutschen setzte, künftigte Exzesse dieser Art im eigenen Land wie im Ausland zu verhindern. Bekanntlich wurde diese Argumentation bereits von Joschka Fischer 1999 genutzt, als er den NATO-Angriff auf Serbien mit dem Verhindern eines neuen Auschwitz im Kosovo begründete. Ohne eine Diskussion über die Rechtmäßígkeit dieses Einsatzes starten zu wollen, ein Auschwitz drohte ganz sicher nicht, aber die Instrumentalisierung stieß 1999 auf kaum Protest - deutliches Zeichen dafür, dass sich im Bewusstsein etwas geändert hatte. Als 2006 das Holocaust-Mahnmal in Berlin nach langem Zerren eingeweiht wurde, fand man kaum mehr etwas dabei, dass das Sprichwort kolportiert wurde, es solle "ein Platz sein, zu dem man gerne geht". Das Verhältnis der Deutschen zum Holocaust und der eigenen Vergangenheit hatte sich um die Jahrtausendwende spürbar entkrampft - keinen Augenblick zu früh, denn die immer stärkere Ritualisierung des Erinnerns hatte diejenigen Deutschen, die deutlich nach dem Krieg geboren waren, mehr und mehr verärgert und erreichte kontraproduktive Ausmaße, die durch die neue Lockerheit wieder eingedämmt werden konnten.

Guido Knopp
Diese neue Lockerheit hat aber auch ihre Schattenseiten, mündete sie doch in einem Geschichtsrevisionismus, der wie eine Spätwirkung von Kohls "geistig-moralischer Wende" scheint: bereits Guido Knopps quotenträchtige ZDF-Dokus, die sich fast samt und sonders um irgendwelche Nazi-Themen drehten (später kamen dann auch gerne die Ikonen der BRD-Erinnerung wie das Wirtschaftswunder oder der gewonnene Wettstreit mit der DDR hinzu) hatten den Boden für eine Relativierung der deutschen Verbrechen gelegt. Peter Kümmel erklärte dazu, Knopps Dokus "funktionierten wie Rollenspiele, mit deren Hilfe sich die Deutschen mit ihren Großvätern versöhnen könnten. Die Filme würden das „Wir“-Gefühl mehr ansprechen als die Fakten. Erinnerung sei bei ihm emphatisch geladen, zu wohlwollend." Endgültig des Revisionismus und der Verharmlosung der Nazi-Verbrechen wie dem Verdrehen von Tatsachen muss sich die Flut an TV-Produktionen verantworten, die seit 2004 über die öffentlich-rechtlichen Kanäle über die Deutschen hereinbricht: war "Der Untergang" schon kontrovers, aber wenigstens gut gemacht, so tun sich die Filme über die Flut von Hamburg, die Luftbrücke und ganz besonders die Flucht der Vertriebenen sehr ungut in Verdrehung historischer Sachverhalte hervor, indem sie eine diffuse Glorifizierung betreiben und auf diese Art einen merkwürdigen Patriotismus erschaffen, der das Dritte Reich transzendiert. Ganz besonders "Die Flucht" ist hier hervorzuheben, der über die Ursachen der Vertreibung - den von Deutschland entfesselten Zweiten Weltkrieg und die brutalen Verbrechen in Osteuropa - kein Wort verliert, dafür aber ausgerechnet eine Adelige aus dem preußischen Junkertum gewissermaßen stellvertretend für ihre Klasse reinwäscht und einen vollkommen überflüssigen und, ja, verhetzenden Subplot von einem kommunistischen Spion auf der "Wilhelm Gustloff" erfindet. Auf Basis dieser dumpf gärenden Revision kann dann auch die Dynamik einer Erika Steinbach erwachsen, die ihrem "Bund der Vertriebenen", der längst nur noch als Versorgungsstation der Enkel der ursprünglichen Vertriebenen fungiert, einen deutlich größeren Stellenwert in der Alltagspolitik zuschanzen konnte, als diesem eigentlich gebührt, und einige diplomatische Skandale auslöste. Auch arbeiten sie und mit ihr sympathisierende Konservative gerne daran, das Gedenken an die Vertriebenen zu instrumentalisieren und dabei, wenngleich vermutlich unbeabsichtigt, die Verbrechen des Nationalsozialismus zu relativieren.

Diese Entwicklung kann gottlob noch nicht als abgeschlossen betrachtet werden. Die Historikerzunft selbst ist merkwürdig still, der letzte große Auftritt - der "Historikerstreit" - datiert auf die 1980er Jahre. Dabei wäre es gerade an ihnen, die Erkenntnisse der Forschung der letzten dreißig Jahre stärker in den öffentlichen Fokus zu rücken und nicht auf dem Stand der 1980er Jahre verharren zu lassen oder gar revisionistischen Amateur-Historikern das Feld der Meinungshoheit zu überlassen. Es ist richtig, sich von überkommenem Ballast vergangener Jahrzehnte zu trennen und ein unverkrampfteres Verhältnis zur eigenen Geschichte anzustreben. Es kann aber nicht Ziel sein, einem Geschichtsrevisionismus das Wort zu reden, der zwar das erreicht, an Stelle der veralteten Ideen aber Gedankengut setzt, das seine Wurzeln aber in ganz trüben Grund reichen lässt.

Bildnachweise:
Mahnmal - K. Weisser (CC-BY-SA 2.0)
Germanen - Wolpertinger (gemeinfrei)
Postkarte - Photo Hoffmann (gemeinfrei)
Karikatur - unbekannt (gemeinfrei)
Sedan - Walter Stein (gemeinfrei)
Stalin - Margaret Bourke-White (CC-BY-SA 3.0)
Schröder -  Hinrich (CC-BY-SA 2.0)
Knopp - richardfabi (gemeinfrei)

Kommentare:

  1. "[...]Es ist richtig, sich von überkommenem Ballast vergangener Jahrzehnte zu trennen und ein unverkrampfteres Verhältnis zur eigenen Geschichte anzustreben. Es kann aber nicht Ziel sein, einem Geschichtsrevisionismus das Wort zu reden, der zwar das erreicht, an Stelle der veralteten Ideen aber Gedankengut setzt, das seine Wurzeln aber in ganz trüben Grund reichen lässt[...]"

    Danke für, seh ich ganz genauso. Übrigens, Guido Knopp ist auch bei einer Skeptiker-Seite erwähnt, diesmal nicht als Geschichts- sondern aus Wissenschaftsfälscher:

    http://www.wissenrockt.de/2011/02/11/zdf-history-ersetzt-predigt-und-marchenstunde-16396

    Obwohl? Wenn ich es recht überdenke? Gehört Geschichts- und Wissenschaftsfälschen nicht zusammen, lieber Stefan Sasse.

    Vielleicht schreibst Du auch einmal darüber etwas?

    Wäre doch auch mal ein Thema für deinen Geschichtsblog, die zunehmende Wissenschaftsfeindlichkeit vieler Deutscher.

    Gruß
    Bernie

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  2. Sehr guter Artikel.
    Zu Guido Knopp fällt mir Rainald Grebe ein

    http://www.youtube.com/watch?v=4v6kxEBsrF0

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  3. "Holocaust - Die Geschichte der Familie Weiss" gab auch den Anstoß zu wertkritischen marxistischen Deutungsversuchen des Holocaust (die in der Folge die Anti-Deutschen dann überinterpretierten): http://www.ca-ira.net/verlag/leseproben/pdf/postone-deutschland_lp.pdf

    Naja, bei dem Historikerstreit ging es ja nicht um Stalin, und leider hält sich in manchen Kreisen immer noch viel davon. Und es kommen durchaus selbst viele Konservative auf die Idee, Stalin und Hitler, auch sozusagen von der Schlimme der Verbrechen, gleich zu setzen. Oder nimm die Extremismustheorie.

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  4. Korrektur: ich meinte natürlich "nicht nur um Stalin"

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  5. von noirc80@yahoo.com:

    es heißt "desavouieren".

    ansonsten toller artikel! falls du daran weiter schreiben möchtest:

    nur die schatten bleiben: der aufstand im vernichtungslager sobibór von thomas t. blatt
    und hitlers jüdische soldaten von bryan mark rigg;

    die beiden genannten werke nähern sich dem thema sehr differenziert und sind wohl am ehesten geeignet neonazis und phrasengedenkern die realität vor augen zu führen.

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  6. ...Versorgungsstation der Enkel...

    Leiden sie unter Rechenschwäche?
    Oder rechnen sie alle lebenden Menschen über 65 Jahre zu den Toten?
    Werden Verbrechen nur deshalb zu Nichtverbechen, weil deren Opfer verstorben sind.
    Ihre menschenverachtende Logik könnte man, wenn sie begründet wäre, auch auf andere sachbezogene Gebiete ausweiten. Demnach müssten die Entschädigungszahlungen an die NS- Opfer ebenfalls nur "Versorgungsstationen für die Enkel" sein.
    Peinlich, daß ihre Argumentation sich so leicht als pure Heuchelei darstellen lässt.
    Sie sind scheinbar davon ausgegangen, daß ihre Leser noch nicht einmal 1+1 zusammenzählen können. Es ist dumm und überheblich, unbedingt von sich auf andere schließen zu wollen.

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