Mittwoch, 2. Februar 2011

Der Erste Weltkrieg

Von Stefan Sasse

Kriegsbegeisterte dt. Soldaten auf dem Weg zur Front, 1914
Im August 1914 endete die Welt, wie die Zeitgenossen sie kannten. Eine Ära der engen wirtschaftlichen und kulturellen Verflechtung der Nationalstaaten untereinander, von Wirtschaftshistorikern oftmals als "erste Globalisierung" bezeichnet, wurde mit einem Schlag zunichte gemacht. Der Konflikt beendete auch das "lange 19. Jahrhundert" und läutete das kurze, blutige 20. Jahrhundert ein. Vier Jahre lang wurde Europa zu einem Zentrum des Tötens und Mordens, wie es die Welt bis dato noch nicht gesehen hatte. Millionen Mann in schnell mobilisierten Armeen nutzten das gesamte ihrer Zeit zur Verfügung stehende technische Potential, um sich gegenseitig zu tausenden zu töten. Während in den verschlammten Schützengräben der Westfront eine ganze, "verlorene" Generation den Krieg an die Stelle setzte, an der frühere Generationen Beruf und Kultur gesetzt hatten und der Krieg eine statische, technische und entmenschlichte Komponente erhielt, die für sein Bild noch heute prägend ist, stießen die deutschen Soldaten im Osten in einen scheinbar endlosen, menschenverlassenen Raum vor und sahen um sich herum zwei jahrhundertealte Großreiche in Stücke brechen. Kämpfer beider Bündnisse erlebten im Südosten Europas den Zusammenbruch des uralten Osmanischen Reichs und die schmerzhafte Geburt neuer, sich sofort bekämpfender Nationalstaaten. Fast jedes Land der Welt war in diesen Konflikt involviert, den die europäischen Kolonialmächte ausfochten - hatten sie doch die Welt in den Jahrzehnten zuvor unter sich aufgeteilt und zogen sie nun in ihren eigenen, blutigen Untergang hinein. 

Im Folgenden soll dieser Krieg aus mehreren Blickpunkten heraus beschrieben werden: der für die Erinnerung der westlichen Welt wie der Deutschen konstituierende Krieg an der Westfront mit seinen Schützengräben und Artilleriebombardements, der Krieg an der Ostfront, wo das zaristische Regime seinen eigenen Untergang aggregierte, die Süd- und Südostfront, wo die europäischen Peripherie den Krieg für ihre eigenen Konflikte nutzte, den Kolonialkrieg in der Welt und die Nachwirkungen des Krieges. Besonderes Augenmerk soll dabei auf der Bedeutung dieser Ereignisse für den Verlauf des 20. Jahrhunderts gelegt werden. 

Mobilmachung (in Melbourne, Australien)
Als der Krieg im späten Juli 1914 mit den Mobilmachungen und Bündnismechaniken nicht mehr aufzuhalten war, übernahmen in allen europäischen Ländern das Militär die Macht aus den Händen der zivilen Regierungen. Diese waren von einem allumfassenden Gefühl der Ohnmacht befallen, hatten bis zuletzt versucht, den Krieg doch noch aufzuhalten, der sich mit der Präzision eines Uhrwerks vor ihnen entfaltete. Sie bezahlten dabei den Preis dafür, die Macht in die Hände des Militärs gelegt und sich den Primat der Politik nicht gesichert zu haben. Der englische Außenminister Edward Grey erklärte prophetisch, dass in ganz Europa die Lichter ausgingen und dass man sie in ihrer Lebenszeit wohl nicht wieder werde angehen sehen. Monarchen wie Wilhelm II. von Deutschland oder Nikolaus II. von Russland erlitten Nervenzusammenbrüche, und in Frankreich zerbrach wie in England beinahe die Regierung. Die Militärs aller Seiten jedoch konnten jenseits ihrer schneidigen Bekundungen kaum reale Alternativen für einen Sieg anbieten: ihre Pläne sahen samt und sonders die schnelle Mobilisierung, den raschen Vormarsch und die baldige Entscheidungsschlacht vor, und dies bei keiner Seite so wagemutig wie bei der Deutschen. Für den Fall, dass die komplizierten Pläne scheiterten existierten genausowenig Pläne wie man die Veränderungen der Kriegstechnik durch Maschinengewehre und stärkere Artillerie in die strategischen und taktischen Konzepte einbezogen hatte. 

Der Krieg begann demnach auch mit strategischen Debakeln für alle Seiten. Der französische Plan XVII, der eine Invasion der Hauptstreitmacht durch Elsass-Lothringen hindurch nach Süddeutschland vorsah, blieb im Feuer der deutschen Artillerie und Maschinengewehre blutig stecken, obwohl die Franzosen darauf gebaut haben, ihre massive personelle Überlegenheit in diesem Abschnitt schnell zum Durchbruch verwenden zu können. Innerhalb weniger als drei Wochen starben fast 300.000 französische Soldaten - ein Blutzoll, der das Land im September 1914 an den Rand des Untergangs brachte. Der deutsche Vormarsch, einer halsbrecherisch modifizierten Version des ohnehin wagemutigen Schlieffenplans gemäß, erreichte zur gleichen Zeit die Ile de France. Erst an der Marne erlitten die Deutschen in einer mehrtägigen, an Blutzoll alles Bekannte übersteigenden Schlacht eine taktische Niederlage. Daran beteiligt waren auch englische Truppen, die wegen des Vormarsches der deutschen Armee durch Belgien am Krieg beteiligt war - eine unverantwortliche Schaffung des casus belli durch das deutsche Oberkommando, das die politischen Komplikationen seiner Handlungen zugunsten der militärischen Bequemlichkeit vollkommen vernachlässigt hatte. Erschöpft gruben sich die Armeen im Herbst 1914 ein, wo sie standen und erwarteten den Beginn des Jahres 1915. Die Illusion, den Krieg schnell beenden zu können, musste man bereits aufgeben. 

Russische Soldaten 1
Im Osten indessen wurden die Fehler der deutschen Armeeführung noch viel offenkundiger. Sie hatte die Zeit, die Russland zur Mobilisierung seiner Kräfte benötigen würde, vollkommen falsch eingeschätzt. Hastig musste deswegen die ohnehin überspannte Marne-Front noch weiter ausgedünnt werden, um den unerwartet nach Ostpreußen vorstoßenden russischen Armeen etwas entgegensetzen zu können. Kaum 30.000 Mann verteidigten die Provinz gegen über 300.000 vorrückende Russen. Nur schier unglaublichen Fehlleistungen der russischen Kommandeure und dem katastrophalen Moral- und Ausrüstungsstand der russischen Truppen war es zu verdanken, dass in der Schlacht an den Masurischen Seen (die als Schlacht von Tannenberg in den deutschen Mythos eingehen sollte) die angreifenden russischen Armeen vernichtet werden konnten. Selbst dieser unerwartete Sieg allerdings konnte schwere Gebietsverluste der gleichfalls schlecht organisierten, ausgerüsteten und moralisch gefestigten k.u.k.-Armee nicht verhindern, die Deutschland nur mit massivem Einsatz ausgleichen konnte. In großsprecherischer Hybris hatten die Österreicher zudem den Aufwand zur Niederwerfung Serbiens vollkommen unterschätzt, das den Vorstoß der Truppen der Doppelmonarchie aufhalten konnte. Einzig in Afrika und im Pazifik verliefen wenigstens die Operationen der Alliierten planmäßig, die nach oft nur symbolischem Widerstand die deutschen Kolonien übernahmen (mit der berühmten Ausnahme Lettow-Vorbecks, der einen vierjährigen Guerilla-Krieg in Ostafrika mit furchtbaren Todesopfern unter der indigenen Bevölkerung führte).

Das Kriegsjahr 1914 hatte damit das fast völlige Versagen der Militärführungen und aller Prognosen über Natur und Verlauf des Krieges offengelegt. Die Illusionen über den "frischen, fröhlichen Krieg" waren weggeblasen. Noch immer waren die Militärs von der Idee besessen, einen Durchbruch zu erzielen und dann wieder zu dem von ihnen gewohnten Bewegungskrieg übergehen zu können. Aufgrund der Entwicklungen an der russischen Front war die deutsche Seite im Westen überwiegend passiv, während die Entente gerade diese Entwicklungen für den ersehnten Durchbruch auszunutzen hoffte. Die Probleme der neuen Graben-Kriegführung zeigten sich bei den alliierten Angriffen dabei außerordentlich schnell: eine britisch-kanadische Offensive konnte nach heftiger Artillerievorbereitung im März 1915 bei Neuve Chapelle schnelle Gebietsgewinne erzielen, diese aber nicht sichern, weil Nachschub und Verstärkungen durch das vorher zerbombte Gebiet nicht nachkamen, während die Deutschen ihren eigenen Nachschub schnell heranbrachten und so den Angriff zurückschlugen. Lange würde dieses Problem unlösbar bleiben und den Durchbruch verhindern. Der deutsche Versuch, bei Ypern mit Gas einen Durchbruch zu erzielen gelang zwar zuerst; man konnte jedoch gleichfalls nicht rechtzeitig in die entstehende Lücke vorstoßen und den Durchbruch nutzen. Im Westen verging das Jahr 1915 so mit blutigem Experimentieren mit den neuen Gegebenheiten. 

Russische Soldaten 2
Im Osten begann im Mai 1915 die große deutsch-österreichische Galizienoffensive. Unter vereintem Oberkommando drängten die Angreifer die Russen schnell zurück und zwangen die Russen zu einem strategischen Rückzug von mehreren hundert Kilometern, der praktisch ganz Russisch-Polen in die Hand der Mittelmächte brachte. Erneut war das Problem der russischen Armee hauptsächlich der Nachschub; es fehlte vor allem an Munition und Artillerie. Erst im Spätherbst stabilisierten die Russen sich und hielten den Vormarsch der Mittelmächte auf; die Front zog sich von den zukünftigen baltischen Staaten über die spätere Ukraine und Weißrussland hinunter an die Nordostgrenze der Doppelmonarchie. 

Die Briten indessen hatten eine neue Strategie entworfen, die eine Beseitigung der schwächsten Mittelmacht, des Osmanischen Reiches, vorsah. Durch eine Landung auf der Halbinsel Galilpoli im April 1915 sollte ein Brückenkopf geschaffen und die entscheidende Meerenge der Dardanellen eingenommen werden; subversive Tätigkeiten stachelten gleichzeitig die Araber zum Aufstand gegen die Türken auf (hier war der berühmte "Lawrence von Arabien" aktiv). Die Invasion auf Gallipoli wurde ein kolossaler Fehlschlag, bei der tausende von britischen und australischen Soldaten im Kreuzfeuer der befestigten türkischen Kanonen fielen. Die Schlacht dauerte mitsamt Evakuierung der Entente-Truppen bis Januar 1916. Gleichzeitig mussten die Briten im Verlauf des Jahres 1915 erkennen, dass ihre Seekriegsstrategie nicht tragfähig war. Ihre Blockade Deutschlands schloss dieses zwar (völkerrechtswidrig) von den meisten Importen ab, konnte es jedoch zu keiner Zeit entscheidend schwächen (obwohl sich die unausrottbare Legende von hunderttausenden von Hungertoten in Deutschland hält, die nicht belegbar ist). Die deutsche Flotte fühlte sich zu schwach, um gegen die Blockade auszurücken und blieb im Hafen liegen; lediglich die U-Boote unternahmen die überraschend erfolgreiche (völkerrechtswidrige) Blockade der britischen Inseln, mit der Deutschland jedoch durch Versenkung neutraler Schiffe die Weltöffentlichkeit, besonders die USA, gegen sich aufzubringen begann.

Nachschub im Alpenkrieg
Im April 1915 begann sich jedoch auch von anderer Seite Ungemach für die Mittelmächte zu regen: Italien, ursprünglich mit Deutschland und Österreich-Ungarn verbündet, erklärte in diesem Monat seine Bündnisverpflichtungen für nichtig und erklärte Österreich-Ungarn (nicht Deutschland) im Mai 1915 den Krieg, den es mit einer Reihe von Überraschungsangriffen entlang der Tiroler Grenze und des Isonzo-Flusses einläutete. Diese Angriffe brachten jedoch nicht auch nur ansatzweise den gewünschten Erfolg, und bald durchzogen auch Schützengräben die italienische Front - teils in mehreren tausend Metern Höhe in den Alpen.

Bis dato zog sich der Krieg nun eineinhalb Jahre, ohne dass es einer Seite gelungen wäre, auch nur ansatzweise in die Nähe großer operativer Erfolge zu gelangen. Obwohl sich der Kreis der kriegführenden Mächte kontinuierlich erweitert hatte (so waren 1915 Italien und Bulgarien den beiden Bündnissen beigetreten) konnte keine Verbesserung der strategischen Situation erreicht werden. Gebietsgewinne im Osten verlängerten nur die zu haltende Front, während im Westen und Süden selbst Gebietsgewinne von mehr als einigen hundert Metern bald illusorisch wurden, weil sie schlicht logistisch nicht mehr zu bewerkstelligen waren - die Verteidigungsstellungen und exzessiven Artilleriebeschüsse gestatteten es dem Angreifer nicht, Nachschub und Verstärkungen in der benötigten Menge heranzubringen, während die Verteidiger das leicht leisten konnten. Der Mensch trat angesichts dieser Entwicklungen mehr und mehr in den Hintergrund; bestimmende Größen der Kriegführung wurden die Logistik und die Technik. In den Stäben der Armeen traten die großen Planer wie Moltke oder French in den Hintergrund und wurden durch Planer ersetzt, jenen Typus des Militärs, für den Menschen nur noch als Faktoren relevant waren und die ihren Teil zur Entmenschlichung des Krieges beitrugen. Die Konsequenzen wurden 1916 spürbar. 

Traumatisierter dt. Soldat an der Westfront 1916
Der oberste Befehlshaber der deutschen Armee, Erich von Falkenhayn, beschloss angesichts der Unmöglichkeit eines Durchbruchs, die französische Armee schlicht "auszubluten". Zu diesem Zweck sollte eine gut verteidigbare Stelle genommen werden, die Frankreich aus Gründen nationalen Stolzes und seiner strategischen Bedeutung wegen nicht würde verloren geben können - Verdun. Diese Stellung sollte dann gehalten werden, wobei dank der Bevorteilung des Verteidigers im neuen Grabenkrieg die französischen Verluste die deutschen bei weitem übersteigen würden. Die Offensive begann im Februar 1916 und war zuerst erfolgreich; das Fort Douaumont wurde eingenommen, die die Franzosen ersetzten den vorsichtigen General Pétain durch den aggressiven Neville, der nach Plan zahlreiche vergebliche, aber blutige Offensiven startete. Gleichzeitig erlitten die Russen im Osten ebenfalls hohe Verluste. Die britische Armeeführung beschloss deswegen eine Entlastungsoffensive entlang der Somme, um deutsche Verstärkungen von Verdun abzuziehen. Nach massiven Artilleriebombardements griffen die Briten eine mutmaßlich zerstörte deutsche Verteidigungslinie an; doch die deutschen Stellungen hatten das Bombardement relativ gut überstanden. Die Konsequenzen des Irrtums waren furchtbar: die britische Armee erlitt die höchsten Verluste eines einzelnen Tages ihrer gesamten Militärgeschichte, 57.000 Mann. Über 600.000 alliierten Verlusten standen wohl weniger als 450.000 deutsche gegenüber, obgleich die Zahl umstritten ist. In Verdun indessen glichen sich die Verhältnisse mehr und mehr aus, da die Franzosen eine neue Taktik ("Feuerwalze") zur Einnahme von Positionen verwendeten und die Deutschen nun selbst aus falsch verstandenem Stolz an ihren Stellungen auf Gedeih und Verderb festhielten. Im August 1916 wurde Falkenhayn konsequenterweise abgelöst. An seine Stelle traten Hindenburg und Ludendorff, die die Schlacht um Verdun abbliesen und die deutsche Armee auf eine befestigte Stellung, die "Hindenburg-Linie", zurückzogen um das Jahr 1917 defensiv zu überstehen und stattdessen in Süden, Osten und Südosten die Entscheidung zu suchen. 

In der Seekriegsführung sah das Jahr 1916 die einzige wirklich große Seeschlacht des Ersten Weltkriegs: die Schlacht von Skagerrag (englisch: Battle of Jutland). Die deutsche Flotte, jahrelang teuer hochgepäppelt und Stein des Anstoßes zwischen England und Deutschland im Vorfeld des Krieges, war bisher äußerst unerfolgreich geblieben. Sie wollte, um die numerische Unterlegenheit zu England auszugleichen, einen Teil der englischen Flotte in die Falle locken und getrennt vernichten um so wieder operative Fähigkeiten zu erhalten und der deutschen Handelsschifffahrt Raum zu geben. Die Schlacht verlief jedoch unentschieden; der britische Kommandeur Jellicoe zog die Flotte am Abend des Schlachttags 31. Mai zurück, wodurch zwar die deutsche Flotte erhalten blieb und nicht zerstört wurde, die deutsche Strategie aber auch keine Aussicht auf Erfolg mehr haben konnte: die Briten behielten die Kontrolle über die Nordsee, und die Hochseeflotte lag weitere zwei Jahre untätig in den deutschen Häfen. 

Türkische Befestigungen am Schwarzen Meer
An der osmanischen Front war 1916 deutlich ruhiger als das durch die blutige Gallipoli-Offensive gekennzeichnete 1915. Die Osmanen kämpften mit dem arabischen Aufstand und gegen die russischen Streitkräfte, hatten jedoch größtenteils Ruhe vor den Briten. Österreich-Ungarn gelang es endlich, Serbien zu besiegen, dessen geschlagenen Verbände nach Albanien entwichen und dessen Besatzung wertvolle Truppen band. Rumänien trat in den Krieg ein und attackierte die Ostflanke der Doppelmonarchie in Hoffnung auf schnelle Gewinne, wurde jedoch nach Anfangserfolgen schnell besiegt, weil Russland keinen Entsatz schicken konnte. Italien und Österreich griffen sich an ihrer Front in einer ganzen Reihe von Offensiven besonders entlang des Isonzo an, die die beiden Armeen an den Rand der totalen Erschöpfung brachten, ohne mehr als kurze taktische Erfolge erringen zu können - Ende September 1916 wurde bereits die neunte große Isonzo-Schlacht geführt. 

Im Osten bauten beide Seiten im Verlauf der ersten Jahreshälfte 1916 ihre Truppen auf. Im Juni begannen die Russen dann ihre große Offensive ("Brusilov-Offensive) gegen den österreich-ungarischen Flügel im Raum der heutigen Ukraine. Zehntausende von Soldaten zerschlugen die Front der Doppelmonarchie praktisch vollständig; mehrere hunderttausend Gefangene wurden gemacht und zwischen 50 und 70km Gelände eingenommen. Die österreich-ungarische Armee wurde im Verlauf der Offensive praktisch völlig zerschlagen und erlitt die größte Niederlage ihrer jüngeren Geschichte. Die Offensive markiert gleichzeitig auch den größten Erfolg sowohl der russischen als auch der alliierten Kriegsbemühungen insgesamt und konnte erst durch massives Hinzuziehen deutscher Entsatztruppen gestoppt werden.

Schiffe der deutschen Hochseeflotte
1916 erreichte so im blutigen Schlachten des Ersten Weltkriegs einen Höhepunkt. In der populären Erinnerung an den Ersten Weltkrieg sind besonders die Schlachten von Verdun (Frankreich und Deutschland) sowie der Somme (Großbritannien) ins kollektive Gedächtnis eingegangen und wirken symbolhaft für die Grausamkeit und gigantischen Sterbeziffern des Grabenkrieges. Die Seeschlacht von Skagerrak bewies nur einmal mehr, dass die deutsche Hochseeflotte der englischen nicht gleichwertig und eine kolossale Fehlinvestition gewesen war - entweder zu groß oder zu klein. Russland hatte seine logistischen Schwierigkeiten in den Griff bekommen und konnte die überdehnten Linien der Mittelmächte mit einem spektakulären Erfolg durchbrechen, der jedoch seine eigenen Kräfte letztendlich überbeanspruchte, wie das Jahr 1917 bald zeigen sollte. Eine Strategie, die den Krieg beenden konnte, hatten beide Seiten weiterhin nicht gefunden - die Großschlachten von Verdun und Somme hatten aber bewiesen, dass es dringend eine Verlagerung von Kompanien (120 Mann) zu kleinen, taktischen Einheiten (Stoßtrupps) von rund 10 Mann bedurfte, eine Entwicklung, die im Lauf des Jahres 1917 vollendet wurde. Die Schlachten von Verdun und an der Somme hatten außerdem erstmals gezeigt, wie wichtig die Luftüberlegenheit und entsprechende Luftaufklärung für die Operationen waren: der deutsche Vormarsch auf Verdun war mit absoluter Luftüberlegenheit geführt worden, und die britischen Operationen an der Somme waren einer massiven alliierten Luftoffensive vorausgegangen, die die Tage des Einzelkampfes der "Ritter der Lüfte", falls diese je existiert hatten, endgültig beendete: ab sofort dominierten taktische Geschwader.

Der deutsche Rückzug auf die Hindenburg-Linie hatte die französischen Offensivpläne für 1917 redundant werden lassen, die eine Frontausbuchtung anvisiert hatten. Trotzdem planete der französische Oberbefehlshaber Neville, der bereits in Verdun zahlreiche blutige wie sinnlose Offensiven hatte durchführen lassen, eine riesige Offensive um den Krieg mit einem entscheidenden Schlag zu gewinnen; 1,2 Millionen Mann sollten beteiligt sind. Die skeptischen Soldaten beruhigte man mit dem Versprechen, die Angriffe einzustellen, falls kein Durchbruch erzielt werden könne. Die Offensive begann im April und fraß sich trotz wochenlanger Artillerievorbereitung und Einsatz von Panzern schnell fest. Nach einer Woche waren rund 100.000 französische Soldaten tot, ohne dass Erfolge hätten erzielt werden können. Entgegen seinem Versprechen befahl Neville die Fortsetzung der Offensive im Mai. In dieser Situation begannen die ersten französischen Soldaten, Veteranen von Verdun zudem, zu meutern. Schnell breitete sich die Meuterei auf 54 Divisionen aus, und bald waren 20.000 Mann desertiert. Die Franzosen lösten daraufhin Neville durch Pétain ab, der durch eine Kombination aus Zuckerbrot und Peitsche die Moral wiederherstellte (Rädelsführern wurde der Prozess gemacht, die breite Masse erhielt verbesserte Rationen und die nächsten Monate agierte die Armee defensiv). Gleichzeitig starteten weiter im Norden an der belgischen Front die britischen Truppen eine neue Offensive bei Ypern. Trotz erster Erfolge dank massiver Sprengungen monatelang vorbereiteter Tunnel fraß sich auch dieser Angriff unter unglaublichen Verlusten beider Seiten fest. Im November unternahmen die Briten einen erneuten Versuch mit ihrer neuen Waffe: Panzern. Über 300 "tanks" erzielten bei Cambrai einen Durchbruch unter sagenhaft niedrigen Verlusten; der Durchbruch konnte von den Briten jedoch nicht gesichert werden. Die entstehende Frontausbuchtung wurde von den Deutschen seitlich penetriert, vor allem mit ihrer neuen Einheit, den "Stoßtruppen". Dabei handelte es sich um kleine Infanteriegruppen, die im Niemandsland der Gräben Stellungen angriffen, Gräben überfielen und ähnliche halsbrecherische Aktionen hauptsächlich in Eigenregie durchführten.

Italienische Truppen am Isonzo
Im Süden versuchte auch Italien in diesem Frühsommer, endlich die Entscheidung zu erzwingen. In der zehnten Isonzo-Schlacht konnten sie zwar taktische Erfolge gegen die Österreicher erringen, wie so oft im Ersten Weltkrieg aber den Nachschub nicht sicherstellen, so dass die Erfolge bedeutungslos blieben. Die Österreicher waren nun an der Südfront auf das Äußerste überspannt und benötigten dringend Hilfe, die die Deutschen ihnen dank eines Abwehrerfolgs an der Ostfront zukommen lassen konnten. Neben den frischen Truppen brachten sie auch die neue Taktik der Stoßtruppen mit, mit denen sie in der elften Isonzo-Schlacht die italienischen Truppen umgingen und von hinten angriffen. Das Resultat war vernichtend, die italienische Linie brach vollkommen und am ersten Tag allein zogen sich die italienischen Truppen fast 20km zurück und würden erst - erneut wegen Nachschubschwierigkeiten der Angreifer - bei Venedig eine stabile Linie errichten können. Auch in der italienischen Armee gab es daraufhin Meutereien. In der Zwischenzeit hatte das Osmanische Reich allerdings schwere Niederlagen im Nahen Osten hinnehmen müssen; Bagdgad und Jerusalem waren von den Briten eingenommen und die Kontrolle über das Gebiet verloren gegangen. Rumänien hielt sich selbst kaum noch gegen die Attacken der Mittelmächte, band aber wertvolle Truppen. In Serbien hatten die Österreicher derweil mit einem riesigen Aufstand zu kämpfen, der ebenfalls Truppen band. Gleiches gilt für die in der Zwischenzeit entstandene mazedonische Front - kriegsentscheidend waren die Geschehnisse auf dem Balkan nicht, aber sie lenkten die Mittelmächte ab.

Die folgenschweste Entscheidung des Krieges aber fällte die deutsche Reichsleitung im Frühjahr 1917, als sie den Widerstand gegen den von den Militärs geforderten uneingeschränkten U-Boot-Krieg aufgab, eine erneute und letzte Preisgabe des Primats der Politik gegenüber dem Militär. Dieses war zuversichtlich, mit einem uneingeschränkten U-Boot-Krieg England innerhalb weniger Monate vollständig aushungern zu können und den Krieg so zu entscheiden, bevor die USA überhaupt in der Lage wären Truppen zu schicken - denn dieser Schritt würde Amerika mit Sicherheit auf Seiten der Entente in den Krieg bringen. Tatsächlich spielten die USA, die im April als Reaktion den Krieg erklärten, 1917 noch keine Rolle. Ihre Landarmee war kleiner als die Portugals und für einen Einsatz kaum geeignet, und ihre Flotte spielte aufgrund mangelnder Kriegserfahrung ebenso keine Rolle. Die versprochenen Erfolge der U-Boote dagegen stellten sich nicht ein, schon allein, weil die Briten mit Einführung des Konvoi-Systems eine schnelle und effiziente Gegenantwort fanden.

Lenin 1917
Der größte Erfolg 1917 kam für die Deutschen an der Ostfront. Die Effizienzsteigerungen der russischen Industrie, die zu dem großen Erfolg der Brusilov-Offensive 1916 geführt hatten, überlasteten die russische Wirtschaft, die ihre großen Städte nicht mehr mit Nahrung versorgen konnte. Unruhen waren die Folge; im Februar dankte der Zar zugunsten einer bürgerlichen Regierung ab, die eine Landreform für nach dem Krieg versprach und gedachte, defensiv so lange auszuhalten, bis der Krieg von den Westalliierten gewonnen war. Die Deutschen trafen deswegen eine folgenschwere Entscheidung: sie überführten den Berufsrevolutionär Lenin aus dem schweizerischen Exil über eigenes Territorium nach Russland, wo er die Regierung übernehmen oder doch zumindest destabilisieren und so den Deutschen helfen sollte, die wohl nicht ernsthaft mit seinem Erfolg rechneten. Gleiches galt auch für die bürgerliche Regierung, die im Sommer eine letzte russische Offensive startete, die kläglich einging. Nun kam es auch im russischen Heer zu Meutereien und Aufständen, die jedoch im Gegensatz zu den französischen und italienischen Meutereien nicht eingedämmt werden konnten. Im Herbst befand sich die russische Armee in vollständiger Auflösung, und im November putschte Lenin an die Macht - der russische Bürgerkrieg begann.

1917 war das Jahr, in dem die Deutschen den Sieg in wohl greifbarster Nähe hatten. Die Offensivfähigkeit der Alliierten war an praktisch allen Fronten (mit Ausnahme des nicht entscheidenden Kriegsschauplatzes im Nahen Osten) erschöpft, die Moral schlecht. In Italien war ein Durchbruch erzielt, Russland brach zusammen und so konnte es eigentlich nur eine Frage der Zeit sein, bis der Sieg erzielt war sofern es gelang, die Amerikaner von einem ernsthaften Eingreifen abzuhalten. Genau dies schafften die U-Boote aber trotz vorheriger vollmundiger Versprechen nicht. Bis weit ins Frühjahr 1918 hinein würden amerikanische Truppen keine Rolle spielen, würde Deutschland noch operative Vorteile besitzen. Ab diesem Zeitpunkt jedoch begann die Waagschale unweigerlich gegen das Reich zu kippen. Dieses Ungleichgewicht war mutwillig herbeigeführt, ein Luftschloss der militärischen Führung: der Erfolg der U-Boot-Strategie war von Anfang an äußerst fraglich gewesen. Die Neigung deutscher Militärs, alles auf eine Karte zu setzen, legte den entscheidenden Grundstein für den Untergang des Reiches.

Deutsche Offiziere in Riga, Postkarte von 1918
Die Unterzeichnung des Vertrags von Brest-Litowsk erlaubte es Deutschland, 33 Divisionen aus dem Osten abzuziehen. Diese Zahl war deutlich kleiner als die insgesamt im Osten stehenden Truppen; diese waren vollauf damit beschäftigt, die massive Beute zu sichern, die der Vertrag ihr zugestand - eine Beute, die den gierigen Händen der Militärführung, die hier die Errichtung eines eigenen Staates im Staate nach militär-feudalen Träumen verfolgte, zusehends durch die Finger rann. Die neue bolschewistische Regierung hatte mit Unterzeichnung des brutalen Friedensvertrags lange gezögert, so dass die Deutschen eine erneute Offensive erneut der Eisenbahnlinien unternommen und tausende von Quadratkilometern Land eingenommen hatten, dass es nun zu besetzen galt. Erneut mangelte es an einem Kopf, der militärische und politische Notwendigkeiten hätte vereinigen können. Niemand war bereit, Abstriche im Osten zu machen, um mehr Truppen loseisen zu können. Die unnachgiebige Haltung der Deutschen, so viel Beute wie möglich zu machen, kostete sie den Sieg im Westen.

Das Jahr 1918 sah den Zusammenbruch der meisten deutschen Alliierten. Das osmanische Reich konnte sich zwar, auch wegen des Friedensvertrags mit Russland, notdürftig halten, die britischen Truppen marschierten jedoch von Süden her vor. Nachdem die Deutschen und Österreicher gezwungen waren, im Spätsommer ihre Truppen aus der Balkanregion abzuziehen, wurde Bulgarien im September besiegt. Die entscheidenste Niederlage im Süden jedoch erlitten die Österreicher bei Vittorio Veneto Oktober 1918 in Italien, einer Schlacht, deren Ausgang nur mit der Brusilov-Offensive 1916 vergleichbar war: die Italiener durchbrachen die österreichische Front, die sich nicht mehr stabilisieren konnte. Die Armee der Doppelmonarchie hörte effektiv zu existieren auf. Über 300.000 Soldaten kapitulierten, und viele Teilethnien erklärten daraufhin ihre Unabhängigkeit von Wien. Deutschland war nicht in der Lage, noch irgendwelchen Nachschub zu schicken. Ab Oktober stand es allein.

Stoßtruppen im Angriff, 1918
Diesen Ereignissen ging allerdings die Entscheidung im Westen voraus. Durch den Abzug der russischen Divisionen konnten die Deutschen im Frühjahr 1918 ihre kampferfahrenen Truppen von der Front abziehen und zu Stoßtruppen umfunktionieren. Das erste Mal im Krieg besaßen sie nun eine numerische Überlegenheit vor den Alliierten, die noch nicht über amerikanische Truppen verfügten, die wohl im Verlauf des Sommers eintreffen würden. Es war also notwendig, im Frühjahr zu siegen. Noch einmal setzte die Oberste Heeresleitung alles auf eine Karte. Sollte die Michaelsoffensive (Mai - Juli) erfolgreich sein, würde man den Krieg doch noch gewinnen. Die deutsche Armee besaß mehrere Vorteile neben der numerischen Überlegenheit. Ihre Bewaffnung und Ausbildung war besser, sie verfügte über mehr Reserven und die britischen und französischen Gegner waren ausgelaugt und operierten immer noch unter getrennten Oberkommandos, die es schwierig machten, Operationen zu koordinieren. Die Michaelsoffensive erreichte gewaltige Gebietsgewinne, rund 65km, und erreichte beinahe das strategische Ziel, die französischen und britischen Streitkräfte zu teilen. Die gewaltigen Erfolge waren jedoch wie sich bald zeigen sollte bedeutungslos: die vorher durch den Rückzug auf die Hindenburglinie begradigte Front war durch zahlreiche Ausbuchtungen deutlich verlängert und angreifbar geworden, und die Alliierten waren nicht zusammengebrochen, sondern hatten den deutschen Vormarsch schlussendlich stoppen können. Die deutsche Armee war ausgelaugt und am Rande ihrer Kräfte. Im Juli unternahmen die Alliierten, nun unter vereintem Oberkommando und mit mehreren hunderttausend Mann amerikanischer Verstärkungen, überragend erfolgreiche Gegenangriffe, die die deutschen Gebietsgewinne zunichte machten und bei Amiens mit massivem Einsatz von Panzern und Flugzeugen einen entscheidenden Erfolg erzielte. Obwohl es der deutschen Armee gelang, erneut eine Verteidigungslinie aufzubauen, war der Krieg zu diesem Zeitpunkt verloren. Ende 1918 würden 2,1 Millionen Amerikaner stationiert sein, jeden Monat kamen 300.000 neue hinzu. Deutsche Verstärkungen gab es nicht mehr. Die Moral des Heeres brach zusammen, die Zahl gefangener deutscher Soldaten explodierte von einigen hundert monatlich auf mehrere zehntausend jeden Sommermonat. Die Militärführung fürchtete ein Auseinanderbrechen und eine Revolution in Deutschland ähnlich der in Russland und drängte die Regierung auf Waffenstillstand.

Der Erste Weltkrieg endete mit dem Waffenstillstand am 11.11.1918. Die deutschen Truppen marschierten nach Hause zurück, "im Felde unbesiegt", wie es bald hieß, um die heimische Revolution niederzuschlagen (zur Revolution siehe hier). Über zehn Millionen Menschen waren gestorben, weite Teile Nordfrankreichs waren in eine Wüste verwandelt worden. Die europäischen Mächte waren ausgelaugt und am Boden zerstört. Wie aber muss der Krieg eingeordnet werden? Welche Folgen hatte er?

Britische Sopwith F-1 "Camel"
Militärisch hatte sich die Kriegstechnik deutlich weiterentwickelt. Die Bedeutung von Flugzeugen, Artillerie, Panzern und U-Booten war aufgeweckten Militärs klar geworden, die die neuen Taktiken weiterentwickeln wollten (auf deutscher Seite etwa Guderian, Dönitz und Rommel). Besonders die Alliierten aber zogen die falschen Konsequenzen aus dem Krieg, wie sich im Zweiten Weltkrieg schmerzhaft zeigen würde, als die Verteidigungssysteme der Franzosen (Maginot-Linie) den schnellen deutschen Panzern kein Hindernis war. Auch die Flugtechnik gewann deutlich durch die Kriegsentwicklungen hinzu. Hierzu gehörten nicht nur Verbesserungen der 1914 noch experimentellen Flugzeuge, sondern auch Bombenangriffe auf feindliche Städte, von denen man sich große Terrorwirkung versprach.

Politisch entstanden in Europa zahlreiche neue Nationalstaaten auf dem Gebiet der zerbrochenen Großreiche Russland, Österreich-Ungarn und Osmanischem Reich. Stabil waren die meisten von ihnen nicht, Gegenstände des Neids und Hasses ihrer einst mächtigen Nachbarn und bald von internen Streits und ethnischen Auseinandersetzungen zerrissen, denen das Selbstbestimmungsrecht der Völker die politische Legitimation in die Hand spielte. Es gelang den Alliierten nicht, eine tragfähige Nachkriegsordnung zu entwickeln: der Vertrag von Versailles konnte diese Rolle nicht erfüllen. Deutschland wurde geschwächt und beleidigt, war aber weder geschwächt genug um keine Gefahr mehr darzustellen noch in ein kollektives System einbezogen, das es in Bahnen halten konnte. Stattdessen machte man die potentiell stärkste Wirtschafts- und Militärmacht Europas zum Pariah unter den Staaten, der kaum eine andere Wahl hatte, als nach Revision zu streben - eine große Belastung von Anfang an für die erste deutsche Republik. Durch den Rückzug der USA in den Isolationismus und die Wirren der russischen Revolution ruhte die Durchsetzung des Friedensvertrags von Beginn an einzig und allein auf England und Frankreich, die gegen alle Widerstände angehen mussten - eine unnatürliche und kaum zu haltende Position, besonders als England sich von dem Vertrag zu distanzieren begann.

Banknoten als Tapete, 1923
Wirtschaftlich hatte der Krieg verheerende Folgen. Nicht nur war das vorherige Zeitalter der wirtschaftlichen Prosperität der sich verflechtenden Volkswirtschaften mit einem Schlag beendet worden. Die europäischen Nationen hatten auch riesige Schuldenberge angehäuft, teils bei den USA (Frankreich und Großbritannien), teils bei der eigenen Bevölkerung. Dem Krieg folgte die lange Wirtschaftskrise, die besonders Deutschland hart traf und die 1923 in der völligen Zerrüttung der Währung enden sollte. Protektionismus wurde der Vorzug vor Freiem Handel gegeben, und die Volkswirtschaften erholten sich nur extrem langsam. Auch dies war eine Hypothek des Krieges, die der Weimarer Republik von Anfang an mitgegeben war.

Der Krieg hatte jedoch auch gesellschaftlich tiefe Narben hinterlassen. In den Schützengräben war die alte Gesellschaft mit ihren Autoritäten gestorben, hatte Platz gemacht für neue, egalitäre Modelle. Die viel gerühmte "Kameradschaft" hatte sich besonders unter den freiwilligen "Stoßtruppen" breitgemacht, die im Kampf grenzenloses Vertrauen in ihren jeweiligen "Führer" gebraucht hatten - eine Vorstellung, die sie nun ins zivile Leben zurückbrachten. Freiwillige Zusammenschlüsse von Frontkämpfern - "Freikorps" - bekämpften mit Gehorsam gegenüber ihrem jeweiligem Führer die Revolutionen in Russland und zuhause und trachteten danach, die alte Gesellschaft zu überwerfen und ihr Modell auf die gesamte Gesellschaft zu übertragen. Die Stoßtruppen und Freikorps waren der Kern der mächtigen Bewegung, die Hitler später unter seiner Person vereinen würde. Doch das ist eine andere Geschichte.

Literaturhinweise:
Niall Ferguson - Der falsche Krieg
Janusz Piekalkiewiz - Der Erste Weltkrieg
Sonke Netzel - Weltkrieg und Revolution
Gerhard Hirschfeld - Enzyklopädie Erster Weltkrieg
H.P. Wilcott - Der Erste Weltkrieg
John Keegan - Der Erste Weltkrieg. Eine europäische Tragödie


Bildnachweise: 
Soldaten 1914 - Unbekannt (gemeinfrei)
Mobilmachung - Unbekannt (gemeinfrei
Russische Soldaten 1 - George H. Mewes (gemeinfrei)
Russische Soldaten 2 - Unbekannt (gemeinfrei)
Nachschub - Unbekannt (CC-BY-SA 3.0)
Traumatisierter Soldat - Unbekannt (CC-BY-SA 3.0)
Befestigungen - American Colony Jerusalem (gemeinfrei)
Hochseeflotte - Unbekannt (gemeinfrei)
Italiener - Unbekannt (gemeinfrei) 
Lenin - Unbekannt (gemeinfrei)
Riga - Unbekannt (gemeinfrei)
Stoßtruppen - Unbekannt (gemeinfrei)
Sopwith - USAF (gemeinfrei)
Banknoten - Unbekannt (CC-BY-SA 3.0)

Kommentare:

  1. Ein schöner Überblick, vielen Dank dafür.

    Eine Anmerkung noch, der Beginn des 1. WK ist, denke ich, nicht zu verstehen ohne die vorherigen Kriege zu betrachten. In den dreißig Jahren vor dem ersten Weltkrieg gab es keinen Krieg zwischen ähnlich starken Armeen und deshalb konnte sich eine gewisse Kriegsbegeisterung ausbreiten. Und es gab deshalb auch keine Erfahrungen wie Maschinengewehre und Artillerie sich taktisch auswirken.

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  2. Ja, aber die Kriegsbegeisterung halte ich für einen überbewerteten Faktor.

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    1. Die gesamte deutsche Gesellschafts-Führungselite war militaristisch-nationalistisch schon vom 1870-71er Krieg gegen Frankreich geprägt. Da war 1914 eine unglaublich breite und starke Kriegsbegeisterung vorhanden. Machen Sie sich mal mit den damaligen gesellschaftlichen Verhältnissen bekannt, Herr Sasse!

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  3. Danke für den tollen Artikel. Eine gute Zusammenfassung...irgendwie wurde der erste Weltkrieg bei uns im Unterricht nie wirklich besprochen, ging direkt in die Weimarer Republik. Vielleicht erinner ich mich aber einfach auch nicht mehr so richtig dran, meine mich aber entsinnen zu können, dass wir das wirklich nur sehr kurz hatten.
    Allgemein wurden die beiden Weltkriege nicht so ausführlich besprochen fällt mir auf...nur die Nazis (natürlich...)Für sowas scheint ein LK notwendig zu sein. Ehm ja, auf jeden Fall vielen Dank für diese tolle Übersicht. :)

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  4. Vermutlich wurde er tatsächlich nicht besprochen; zumindest nicht ausführlich. Ein Versäumnis, das ich später zu korrigieren gedenke.

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  5. Auch von mir vielen Dank für den Artikel!

    Wie genau waren eigentlich die Auswirkungen der Nachschubprobleme? Musste sich die Armee von sich aus wieder zurückziehen oder wurden die Stellungen nur von der gegnerischen Armee leicht wieder eingenommen?

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  6. Das Hauptproblem war Reserven ranzuschaffen. Truppen, die einen solchen Durchbruch erzielt haben, sind zu Tode erschöpft, haben im Normalfall einen Gutteil von Munition und Proviant aufgebraucht. Und es ist sehr schwierig, geordnet Nachschub durch das zerbombte Niemandsland zu schaffen(das war schon ein Dauerproblem in den eigenen Stellungen), so dass die Widerstandskraft gegen einen Gegenangriff äußerst schlecht war. Der Verteidiger konnte schließlich auf das gut ausgebaute Hinterland zurückgreifen, um den Gegenangriff durchzuführen.

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  7. Vielen Dank, nun kann ich mir das besser vorstellen.

    Ich hab auch nochmal über Krieg(sverläufe) im Unterricht nachgedacht und bei uns (Abi 2004 in S-H, nur Grundkurs) fiel das eigentlich immer unter den Tisch. Napoleon hatte auch urplötzlich ganz Europa erobert, der 1. WK war eher "alle rennen los, sitzen vier Jahre hauptsächlich in Verdun in ihren Gräben und dann war der Krieg plötzlich verloren" und der 2. WK war absolutes Randthema.
    Hauptsache, man wusste, wer gewonnen hatte, aber warum und wieso wurde gar nicht thematisiert. Eigentlich eine merkwürdige Sache.

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  8. Nicht so merkwürdig. Im Geschichtsunterricht ist einfach nur beschränkt Zeit, und bestimmte Themen sind einfach vorgegeben. Kriegsverläufe sind zwar total interessant, aber im Gegensatz zu diversen anderen Themen nicht unbedingt notwendig, um die Geschehnisse erfassen zu können (da reicht wer gegen wen und wer hat gewonnen). Im ZWeiten Weltkrieg sind die Kriegskonferenzen für das spätere Verständnis des Kalten Krieges ja auch deutlich wichtiger als der Kriegsverlauf selbst. Solche Details, wie ich sie auch in dem Artikel dargestellt habe - Stichwort Stoßtruppen - sind zwar durchaus erhellend, nützen aber erst etwas, wenn man das grobe Bild schon im Kopf hat. Und für mehr als das grobe Bild reichts im Geschichtsunterricht leider selten.

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  9. Die Erkenntnis der Wissenschaft, dass WK1 von deutscher Seite kein Angriffs- sondern ein Präventivkireg war, fehlt völlig.

    Quelle: DRadio/Andruck.

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  10. Könnte deswegen sein, weil diese Erkenntnis der Wissenschaft völlig fehlt.

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  11. Nein. Nur Dir. - Scheinlinken wie Dir verdanken die Rechtsradikalen ihren Aufwind.

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  12. Ist echt lustig, wie man ständig behauptet, ich würde mich als links sehen und dann zu dekonstruieren, wie unlinks ich doch bin.
    Davon abgesehen scheint mir die These, dass Deutschland einen Präventivkrieg führte, eher zum rechten Spektrum zu gehören.

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  13. anonym: ist dir schon mal aufgefallen das du echt ein ar... bist gehst du eigentlich nur ins netz um andere mit deinem gegoogeltem scheinwissen dum zu machen weil du keine freunde hast die deine langeweile vertreiben??? hat dir deine mutti denn keine manieren beigebracht?? das fällt nähmlich auf, weist du also such dir nen job, freunde oder ein hobby un geh uns nicht auf den geist...

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  14. Danke für die Aufklärung :)
    Momentan schlage ich mich durch das Thema weil ich gefehlt habe im Unterricht :(
    Mir würde es gefallen wenn eine Karte von einem Plan wie die Fronten aufgestellt waren, mit genauem Weg angabe...

    Mike dir gebe ich vollkommen recht...

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  15. Anonym: Du solltest außerdem betrachten, dass Deutschland Frankreich nur angegriffen hat, weil Deutschland sich von Frankreich, England und Russland bedroht gefühlt hat.Deshalb wollten sie schnell Frankreich schlagen und dann Russland, um nicht umzingelt zu werden! Der Krieg ging auch nicht von Deutschland aus, sondern, von Serbien. Diese haben durch den Anschlag eigentlich alles, unter anderem die Provokationen, von seiten Östereich-Ungarns, ausgelöst.
    Noch mal Danke an Stefan Sasse!!!

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  16. @Ingo: Ähem...Ich glaube ich habe die Motive und Ereignisse doch etwas komplexer dargestellt als "dass Deutschland Frankreich nur angegriffen hat, weil Deutschland sich von Frankreich, England und Russland bedroht gefühlt hat". Das ist eher eine revisionistische Legende.

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  17. Auch i. möchte dem Kollegen Sasse ein Kompliment aussprechen zu seinem Artikel. Natürlich können in diesem Rahmen, nicht alle Facetten von so einem komplexen Weltereignissen, wie dem WK1, beleuchtet werden u. es gibt auch unter Historikern durchaus unterschiedliche Meinungen. England als unangefochtene einzige Supermacht der damaligen Zeit, war nicht gewillt tatenlos zuzusehen, wie es von Deutschland wirtschaftlich in die zweite Reihe zurückdrängt wird. Deutschland wiederum war nicht gewillt seine Produktivität zu drosseln. Im Gegenteil es begann auch mit Vehemenz eine Kriegsflotte zu bauen um seine eigene Handelsschifffahrt vom britischen Seemonopol zu befreien. Und Deutschland hatte, durch das Bündnis mit dem Osmanischen Reich, Zugang zu einer der drei bekannten großen Erdölquellen der damaligen Zeit. Mosul im heutigen Irak ! ( Die zwei anderen Ölquellen waren: Texas / USA – Baku / Russland, das auch mit Hilfe v. Rockefellers Ölimperium gefördert wurde)

    Das alles war für London die ultimative Kampfansage. Und England begann mit genialem diplomatischen Geschick seine ehemaligen politischen „Todfeinde“,Frankreich u. Russland,in eine Allianz gegen Deutschland zu bringen. Wobei die restlos versagende deutsche, wie österreichische Diplomatie sie kräftig dabei unterstützte. Das Attentat in Sarajewo mag zwar der Auslöser vom WK I gewesen sein, aber sicher nicht die eigentl. Ursache. Wobei die treibende Kraft bei diesem „Säbelrasseln“ das Österr. Militär war, das die „Serbische Frage“ endlich gelöst haben wollte. Deutschland wollte Bündnistreue Österreich gegenüber beweisen u. gab entsprechende Zusicherungen nach Wien. Und so sind sie gemeinsam in den Untergang marschiert. Für Interessierte empfehle ich zwei Bücher. Wenn man die gelesen hat versteht man nicht nur die damalige Zeit, sondern auch die derzeitigen politischen Verhältnisse erst so richtig.In diesem pessimistischen Sinne, spannendes Lesen. H.M. / Österreich

    F.W. Engdahl – Mit der Ölwaffe zur Weltmacht;
    F.E. Griffin – Die Kreatur von Jekyll Island
    über die US-Notenbank Federal Reserve, dem schrecklichsten Ungeheuer das die internationale Hochfinanz je schuf; Zitat v. Autor

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  18. Vielen Dank für diesen Abriss des Ersten Weltkrieges, der mich erhellt hat.

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  19. Mein Vater wurde 17-jährig für den Krieg eingezogen, angeblich um das Vaterland zu retten. Eigentlich um die 'iridentinischen' Gebiete zurückzugewinnen, zumal Italien lange genug von der K.u.k.-Monarchie besetzz, ausgeplündert, 'ausgesaugtt' wurde. Mein Vater hat das ganze Elend des Krieges am eigenen Leibe schmerzlich erlebt, denn er sah seine Kameraden an seiner Seite fallen, aber er sah auch getötete deutsch-österreichische Soldaten. Als er Jahre danach zur feierlichen Siegesparade der Kriegsveteranen eingeladen wurde, lehnte er das ab, und er meinte: die Anderen waren auch Menschen. 'Sie sahen uns doch auch ähnlich', meinte er.

    Das war ein Bruderkrieg und eine europäische Katastrophe.

    Armando

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