Montag, 10. März 2014

Der Wahn vom Wiederholen der Geschichte - Deutschlands Nationalisten 1919-1945

Von Stefan Sasse

Waffenstillstandsuntersuchung in Compiègne 1918
Der Erste Weltkrieg war ein einschneidendes Ereignis. Das alte Kaiserreich, das sich als eine klare Klassengesellschaft empfand, würde an seinem Ende einer zunehmenden Auflösung entgegensehen. Diese Auflösung bereitete den Raum für die Modernisierungswelle der 1920er Jahre, als deren Gegner sich viele Rechtsextreme - vor allem, aber bei weitem nicht nur die NSDAP - definierten. Die spätere Gegnerschaft vieler Konservativer zu der deutschen Republik speiste sich aus dem diffusen Wunsch heraus, in die "gute alte Zeit" zurückzukehren und das, was man als Fehler wahrnahm, zu korrigieren. Dazu gehörte auch das Ergebnis des Ersten Weltkriegs, das man als Unfall wahrnahm, als etwas, das nicht hätte passieren dürfen. Diese Einstellung teilten die Konservativen mit ihren linken und liberalen Opponenten, obgleich diese den Konflikt als solchen als Fehler betrachteten. Die Konservativen dagegen dachten den Krieg von seinem Ende her. 

Die anfängliche Begeisterung der SPD für den Konflikt, die sich aus der Gegnerschaft zum autokratischen, zaristischen Russland gespeist hatte, machte schnell der Ernüchterung Platz. Die  Partei gehörte zu den vorderen Akteuren eines Friedensversuchs, besonders, wenn man die sich 1917 abspaltende USPD weiter hinzuzählen möchte - eines Friedens ohne Sieger und ohne Besiegte. Die Linke betrachtete den kompletten Krieg als eine unbedingt zu stoppende Katastrophe für alle Beteiligten. Ganz anders sahen es die Konservativen. Für ihre Sicht der Dinge kann Kuno Graf von Westarp von der Deutsch-Konservativen Partei in seiner Reichstagsrede vom 19.07.1917 als exemplarisch gelten:  
Den heldenhaften Taten unserer Truppen zu Lande und Wasser wird der volle Sieg beschieden sein. Gebiete von der Größe des Deutschen Reiches sind mit dem Blut unserer Brüder und Söhne gewonnen. An den ehernen Mauern weit in Feindesland wird wie bisher jeder Anprall einer Welt von Feinden zerschellen. Dem bevorstehenden feindlichen Ansturm, in dem Flandern das Losungswort heißt, werden wir standhalten. Unsere U-Boote fügen England, das die ganze Welt gegen uns ins Geld führt, Monat für Monat, unüberwindlich und unabwendbar, einen Schaden zu, den es auf Dauer nicht ertragen wird. Auf das Urteil unserer Heerführer gestützt, erwarten wir mit der unerschütterlichen Zuversicht den vollen Sieg unserer Waffen. Ihm allein werden wir den Frieden verdanken. Bis er eintritt, muss, will und kann unser Volk aller Entbehrungen, aller Schwierigkeiten unserer wirtschaftlichen Lage Herr werden.
Zu Friedensverhandlungen wird Deutschland bereit sein, sobald die Feinde unter uneingeschränktem Verzicht auf ihre Forderungen zwangsweiser Gebietserwerbungen und Entschädigungen sie anbieten. Dann wird es die Aufgabe sein, den Frieden so zu gestalten, dass er Deutschland und seinen Verbündeten Dasein, Zukunft und Entwicklungsfreiheit wirksam sichert. Unsere Grenzmarken müssen für alle Zeiten besser geschützt sein; Ostpreußen darf nicht wieder den Gräueln eines Russeneinfalls ausgesetzt werden. An unseren stets vertretenen Auffassungen über das, was der Friede dem deutschen Vaterlande bringen soll, halten wir auch heute unbeirrt fest.
Durch Verständigung, die allein auf dem guten Willen der Feinde beruht, lassen sich diese Ziele nicht erreichen. Von entscheidender Bedeutung für die Gestaltung des Friedens wird die militärische Lage sein, wie sie sich zur Stunde der Verhandlungen gestaltet haben wird.
Waffenstillstandsunterzeichnung in Compiègne, 1940
Für die Konservativen war klar, dass die bisherigen Opfer es beinahe zwangsläufig erforderten, dass eine Art von Ertrag gegenübersteht, andernfalls könne es keinen Frieden geben. Sie blendeten dabei bewusst aus, dass die Gegenseite ebenfalls Opfer zu beklagen hatte und vermutlich ebenso wenig ohne Ergebnis wegkommen wollte; die einzige Friedensinitiative, die überhaupt eine Chance haben konnte, war die eines Status-quo-Friedens. Den allerdings lehnte man entschieden ab. Dies führte zu der Dynamik, dass ein Land immer dann Friedensofferten machte, wenn - in den Worten Westarps - sich "die militärische Lage entsprechend gestaltet" hatte, das heißt wenn man sich auf der Gewinnerseite fühlte. Natürlich lehnte die jeweils andere Seite dann in der Erwartung einer baldigen Wendung des Kampfgeschehens ab. Die Stunde für Friedensverhandlungen kam daher erst spät: 
In dürren Worten wurde [… ] der Reichsregierung mitgeteilt, dass die OHL, nachdem die Ereignisse in der Heimat dem Heer die Rückensicherung genommen haben, nicht mehr über die Möglichkeit verfüge, die Waffenstillstandsforderungen abzulehnen oder mit der Waffe eine Verbesserung der Lage zu erzwingen. Die Regierung zog die Folgerungen  und nahm die Bedingungen an.
Die Heeresleitung stellte sich bewusst auf den Standpunkt, die Verantwortung für den Waffenstillstand und alle späteren Schritte von sich zu weisen. Sie tat dies, streng juristisch gesehen, nur mit bedingtem Recht, aber es kam mir und meinen Mitarbeitern darauf an, die Waffe blank und den Generalstab für die Zukunft unbelastet zu erhalten. Ich bin aber auch heute noch der Überzeugung, dass wir ohne Revolution im Inneren an den Grenzen hätten Widerstand leisten können; ob die Nerven der Heimat noch durchgehalten hätten, erscheint mit sehr zweifelhaft; militärisch war sie denkbar. Zum letzten Kampf braucht man eine Heimat, die hinter dem Heer steht; unter diesen Voraussetzungen konnten wir versuchen, bessere Bedingungen zu erzwingen.
So wie sich aber in Wirklichkeit die Dinge im November gestaltet hatten, war eine Änderung der Lage durch das Heer nicht mehr herbeizuführen. Wenn nach dem Kriege Stimmen laut wurden, die meinten, das Heer hätte sich noch Monate, sei es in der – nicht ausgebauten – Antwerpen-Maas-Stellung, sei es weiter rückwärts, halten können, so muss ich das als Wunschtraum bezeichnen. Es blieb uns keine Wahl: Am 11. Wurde in Compiègne unterzeichnet, mittags 11,55 trat Waffenruhe ein.
Wilhelm Groener 1928
Diese Einschätzung Wilhelm Groeners anlässlich des Hochverratsprozesses gegen Friedrich Ebert zeigt deutlich die Befürchtungen des Militärs auf: eine Revolution im Inneren, gespeist durch die Unzufriedenheit an der Heimatfront. In einer völligen Verklärung der Tatsachen entstand unter den Rechten schnell der Mythos, dass die Armee selbst noch hätte weiterkämpfen können (Groeners obige Aussage tat da wenig), wenn die Heimat nur mitgemacht hätte, und dass ein Sieg erreichbar gewesen wäre. Aus dem Gefühl des Verratenwerdens speiste sich denn die Dolchstoßlegende, nach der es die Sozialdemokraten (und andere demokratische Elemente) gewesen seien, die einem eigentlich siegreichen Heer den "Dolchstoß in den Rücken" verpasst hätten. 

Die Lehre für die Linken aus diesem Debakel war relativ klar: der Krieg hätte nie gekämpft werden dürfen, und man müsse in Zukunft solche Kriege verhindern, am besten durch internationale Systeme. Diese Position war von Anfang an dadurch kompromittiert, dass Ebert selbst in seiner Rede an die heimkehrenden Soldaten ("niemand hat euch bezwungen") den rechten Mythos gestärkt hatte und dass die Linken den Versailler Vertrag ebenfalls als Ungerechtigkeit empfanden und ihn revidieren wollten; ein Ziel, das die Rechte naturgemäß authentischer und nachdrücklicher vertreten konnte, was die Linke in dieser Frage permanent in die Defensive drängte und auch Enthüllungen wie die über die geheime und illegale Aufrüstung der Reichswehr ohne großes Echo ließ. 

Die Rechten dagegen zogen eine völlig andere Lehre aus dem Debakel. Für sie spielte der Anfang des Krieges bald nur noch aus Legitimationsgründen eine Rolle: Man wollte unbedingt den Kriegsschuldparagraphen des Versailler Vertrags widerlegen, der dessen Kern und Achse darstellte. Viel wichtiger aber erschien es, die Ergebnisse des Krieges zu revidieren und ihn dann noch einmal, dieses Mal aber "richtig", auszufechten. Es ging schlichtweg darum, das Ergebnis des Ersten Weltkriegs dadurch ungeschehen zu machen, dass man einen weiteren Konflikt siegreich beendete. 

Kuno von Westarp
Um dies tun zu können, sah man diverse Dinge als notwendig an. Diese konstitutierten gewissermaßen den Kern der gesamten Rechten, über den sie sich einig war (in den Alternativen waren die Unterschiede deutlich drastischer). Dazu gehörten:

1) Ablehnung der pluralistischen Gesellschaft. Eine Gesellschaft mit dem, was man heute als Menschen- und Bürgerrechte ansieht (freie Meinungsäußerung, politische Mitbestimmung, etc.) wurde als einer der Kerngründe für den Verfall der Moral an der Heimatfront ausgemacht. Stattdessen strebten die Rechten Formen autoritärer Regierungen an, ob dies nun eine Rückkehr zu einer ständisch gegliederten Gesellschaft war (Konservative) oder die Errichtung einer Diktatur und einer radikal egalitären, aber ihrer Rechte beraubten "Volksgemeinschaft" (NSDAP) - die Demokratie galt allen als Wurzel des Übels. 

2) Notwendigkeit von Propaganda. Die Propaganda des Kaiserreichs im Ersten Weltkrieg war in den Augen der Rechten nicht in der Lage gewesen, die notwendige Mobilisierung zu gewährleisten. Dem liegt ein wahrer Kern zugrunde; die kaiserliche Propagandamaschinerie war ihren alliierten Gegenstücken tatsächlich kreativ deutlich unterlegen gewesen. Die Rechte sah es als von Anfang an, auch in Friedenszeiten, notwendig, die öffentliche Meinung kontrollierter Propaganda zu unterwerfen und so den Pazifismus auszutreiben.  

3) Totale Mobilisierung. Anstatt den Staat als ein im Kern ziviles Instrumentarium beizubehalten, sollten sämtliche Organe dem Kriegseinsatz unterworfen werden. Dies war die Vorstufe dessen, was die Nationalsozialisten später als "Totaler Krieg" bezeichnen (aber gleichwohl nicht vollständig umsetzen) würden. 

4) Bruch des Völkerrechts. Das Völkerrecht wurde als ernsthaftes Hindernis betrachtet. Dies schloss sowohl Vorstellungen wie "Neutralität" von Ländern mit ein, deren Ressourcen oder strategischer Lage man sich bemächtigen wollte als auch die Einhaltung von Genfer Konvention und Hager Landkriegsordnung. Für die Rechten war klar, dass ein zukünftiger Krieg ohne diese "Zivilisationskrankheiten" auskommen müsste. 

5) Vermeidung eines Zweifrontkriegs. Der gleichzeitige Kampf gegen Frankreich/England und Russland wurde als eine Hauptursache der schlussendlichen Niederlage betrachtet. Es schien daher notwendig, Frankreich/England als "härteste Nuss" in einem zukünftigen Konflikt außen vor zu halten, während man aus Brest-Litowsk die Schlussfolgerung zog, Russland leicht bezwingen zu können. Der spätere Verlauf des Zweiten Weltkriegs zeigte, wie irrig die Annahme war, dass sich die strategische Situation Russlands und Frankreichs seit 1914 effektiv nicht verändert habe. 

Verhandlungen in München, 1938
Diese Gedanken lagen dem Kern der Weltkriegsrezeption zugrunde. In ihrer Gesamtheit lesen die Konservativen und Rechtsextremen aus diesen Punkten eine Handlungsanweisung heraus. Anstatt ihre Energie ähnlich den Linken in die Vermeidung eines künftigen Krieges zu investieren, ist ihre Absicht, die Kriegsziele, wie sie sich im Ersten Weltkrieg (und, im Falle der Alldeutschen, schon deutlich zuvor) herausgebildet hatten, durch einen erneuten Konflikt durchzusetzen, welcher dieses Mal unter Vermeidung der Fehler des Ersten Weltkriegs durchgeführt werden sollte. 

Es ist wohl Konsens zu sagen, dass sich in der Weimarer Republik zwar weder das linke noch das rechte Narrativ vollständig durchsetzen konnten; gleichwohl war die Vorstellung einer Revision des Versailler Vertrags wesentlich zu attraktiv für viele Deutsche, war ihre Verachtung für alles Östliche zu groß, als dass sie eine große Widerstandskraft gegen diese Vorstellungen hätten aufbringen können oder wollen. Während also keinesfalls große Begeisterung über den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs folgte, weil man eine Wiederholung des Ersten befürchtete, so stellte sich diese Begeisterung - und mit ihr eine nachträgliche Legitimierung des rechten Narrativs - nach den "Blitzsiegen" der Jahre 1939 und 1940 ein, die sämtliche Befürchtungen als falsche und überängstliche Panikmache zu denunzieren schienen. 

Straße in Berlin, 1945
Erst als der Zweite Weltkrieg sich für die Deutschen selbst zu einer immer größeren und deutlicheren Horrorvorstellung entwickelte, fand endlich, mit über 30 Jahren Verspätung, der moralische Bankrott jener Eliten statt, die ihre falschen Schlüsse bereits aus dem Ersten Weltkrieg gezogen hatten. Krieg als Mittel der Politik und eine Verachtung für parteipolitischen Parlamentarismus wichen einer tief verinnerlichten Aversion gegen das militärische Interventionen und autoritären Regierungsstilen. Hätten  die Deutschen und ihre Eliten diese Schlüsse bereits 1918/19 gezogen, so wäre den Deutschen wie der Welt viel Leid erspart geblieben. 


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