Freitag, 19. November 2021

Oral History: Medienzugriff

 

Einer der faszinierenden (und ehrlich gesagt auch milde erschreckenden) Bestandteile des Älterwerdens ist die Feststellung, dass der eigene Referenzrahmen von einer jüngeren Generation nicht mehr geteilt wird und diese bei zunehmend mehr Aspekten nicht mehr weiß, wovon man eigentlich spricht. Meine Elterngeneration (spätestens) dürfte ein Leben ohne Elektrizität und fließend Wasser nicht nachvollzogen haben können, während ich selbst mir nicht vorstellen konnte, dass es einmal Familien ohne Farbfernseher gab. Ich habe mich deswegen entschlossen, diese unregelmäßige Artikelserie zu beginnen und über Dinge zu schreiben, die sich in den letzten etwa zehn Jahren radikal geändert haben. Das ist notwendig subjektiv und wird sicher ein bisschen den Tonfall "Opa erzählt vom Krieg" annehmen, aber ich hoffe, dass es trotzdem interessant ist. Als Referenz: ich bin Jahrgang 1984, und meine prägenden Jahre sind die 1990er und frühen 2000er. Was das bedeutet, werden wir in dieser Serie erkunden. In dieser Folge soll es um den Zugriff auf mediale Erzeugnisse gehen, von Musik über Filme zu TV-Serien zu Videospielen.

Wenn ich dieser Tage ein Videospiel spielen möchte, ist die größte Frage, ob es auf Steam verfügbar ist oder ob ich die Krücke einer Plattform wie Origins oder UPlay benutzen muss. Suche ich nach einer Serie, browse ich durch die Archive von Netflix, Amazon Prime, Hulu und Apple+. Möchte ich einen Film sehen, kann ich weitgehend dieselben Formate nutzen oder auf einen der kuratierenden Medienservices wie Mubi zurückgreifen. Musik kann ich auf AppleMusic, AmazonMusic, Spotify und diversen anderen Streamingdiensten bekommen. Habe ich ein System wie Alexa oder Siri eingerichtet, kann ich das sogar per Sprachsteuerung tun.

Wenn ich in den 1990er Jahren ein Videospiel haben wollte, musste ich entweder einen spezialisierten Laden in der Nähe haben (die es heutzutage praktisch kaum mehr gibt und die auch damals nicht unbedingt häufig waren, vor allem außerhalb der Städte) oder in einen Elektronikgroßmarkt wie Media Markt oder Saturn. Ob die das entsprechende Spiel dann führten, war Glückssache. Vielleicht konnten sie es ordern. In vielen Fällen allerdings war wegen des durch einen geradezu hysterischen Jugendschutz abgeriegelten deutschen Marktes (der einen eigenen Artikel wert ist) schwierig, diese Spiele zu bekommen, für Jugendliche sowieso. Die Märkte verkauften Spiele mit dem roten "Ab 18"-USK-Label oft nicht, weil es Kassengift war, und indizierte Spiele waren im Handel praktisch nicht zu bekommen, für Jugendliche ohnehin nicht.

Wesentlich schlimmer aber war es bei Filmen und TV-Serien. Filme konnte man hauptsächlich sehen, wenn sie entweder im Kino oder im Fernsehen liefen. Außerdem waren sie in Videotheken ausleihbar. Im Kino wurden die Altersgrenzen der FSK ziemlich streng durchgesetzt, was viele Werke dem Anschauen entzog. Ich konnte zum Beispiel trotzdem dass meine Eltern dabeigewesen wären Jurassic Park nicht im Kino sehen, weil ich - begeisterter Dinosaurier-Fan, der ich war - neun Jahre alt war, als der Film 1993 um Kino lief, und die FSK-Freigabe ab 12 war. Nachdem ein Film aus dem Kino war erschien er rund ein Jahr später auf VHS-Kassette (fragt nicht) und war im Handel für rund 30 Mark erwerbbar, was real wesentlich mehr als die heutigen Kosten für einen neuen Film betrug und größtenteils unbezahlbar war. Nach drei Jahren lief er dann zum ersten Mal im Fernsehen.

Das war der wichtige Moment, denn hier konnte man mittels einer leeren VHS-Kassette und einem Aufnahmegerät den Film aufnehmen. Wir hatten eine riesige Sammlung aufgenommener Filme; massenhaft handbeschriebene VHS-Kassetten in einer großen Schublade, die immer wieder neu bespielt wurden. Manche Schätze wurden lange behalten, andere schnell wieder überspielt, wobei sich die Einschätzung meiner Eltern, was behalten werden musste, und meine eigene nicht immer deckten. Dabei nahm man auch die häufigen Werbeunterbrechungen mit auf (20 Minuten pro Stunde!), über die man dann immer spulte, wenn man sich die aufgenommenen Filme ansah. Dazu kamen Filme in festgelegten Zeitslots, die für Kinder praktisch ausschließend waren: 20.15 Uhr für Filme mit FSK-12-Freigabe, 22.15 Uhr für Filme mit FSK-16-Freigabe.

Hatte man einen Film nicht aufgenommen oder im Kino gesehen und wollte die VHS nicht kaufen, blieb nur die wesentlich günstigere Ausleihe in einer Videothek. Dabei handelte es sich um räumlich ausladende, wenngleich nicht sonderlich ästhetische Läden, in denen Filme (und gelegentlich auch CDs und Videospiele) gegen eine täglich anfallende Gebühr ausgeliehen werden konnten. Der Zugang der Videotheken war meist erst ab 18 Jahren erlaubt, weil mindestens die Hälfte der Ladenfläche dem ausladenden Porno-Angebot gewidmet war, mit dem diese Läden ihr Hauptgeschäft machten (ja, früher haben Leute für Pornos bezahlt). Erst in den späten 1990er Jahren wurde es Standard, dass Videotheken einen abgetrennten "ab 18"-Bereich für solche Dinge hatten und der Rest frei zugänglich war. Ich erinnere mich noch, dass der gemeinsame Besuch einer Videothek am frühen Samstag abend eine Art Ritual war, an dem wir als Familie den schwierigen Konsens finden mussten, einen gemeinsamen Film zu wählen, und den dann abends ansahen.

Musik konnte auf zwei Arten konsumiert werden: im Radio oder auf gekauften Tonträgern. Letztere waren zu meiner Zeit bereits CDs. Schallplatten besaß mein Vater zwar noch, aber sie waren bereits aus der Mode. CDs waren ebenfalls ziemlich teuer (üblicherweise auch um die 30 Mark) und so kaum erschwinglich. Auf einer CD befanden üblicherweise rund 15 Musiktitel des/der jeweiligen Interpret*in; bei Singles zwischen zwei und vier Titel. Diese Singles kosteten 10 bis 15 Mark. Ansonsten hatte man die Möglichkeit, das Radioprogramm passiv zu konsumieren (mit tonnenweise Werbeunterbrechungen und stündlichen Nachrichten) oder gar auf eine Kassette aufzunehmen.

Letzteres war auch eine Möglichkeit, die Musik auf CDs, die man von anderen lieh, für sich selbst nutzbar zu machen. Eine CD konnte gut auf eine Kassette überspielt werden, aber anders als CDs erlaubten Kassetten nicht, einzelne Titel anzuspielen - man musste spulen, vor und zurück, was auf Dauer die ohnehin nicht hohe Qualität ruinierte. Kasetten gab es auch noch zu kaufen, aber sie waren auf dem absteigenden Ast - dafür aber mit um die zehn Mark auch recht günstig, zumindest im Vergleich zu CDs.

Am schlimmsten aber war es, theoretisch, für TV-Serien. Diese liefen im deutschen Fernsehen wenn überhaupt in schrecklich verstümmelter Version. Die TV-Sender machten sich oft nicht einmal die Mühe, die Folgen in der richtigen Reihenfolge zu senden, oder alle davon. Sie kamen einmal in der Woche, zu unmöglichen Zeiten, und alle Folgen zu sehen war praktisch unmöglich. Das war allerdings nicht so schlimm, weil Serien, wie wir sie heute kennen, ohnehin weitgehend unbekannt waren. Die meisten waren Comedyserien, in denen jede Folge ohnehin Standalone war, oder Kinderserien, für die im Wesentlichen dasselbe galt.

Mit dem Aufstieg des Internets begann sich das radikal zu ändern. Der illegale Download ist mit Sicherheit einen eigenen Artikel wert, weswegen an dieser Stelle nur darauf verwiesen sei, dass wir in den 2000er Jahren mit der Verbreitung von CD-Brennern (und später DVD-Brennern), die das direkte Kopieren der CDs und DVDs erlaubten, genauso wie mit dem "Rippen" (der Konvertierung von DVDs in ein auf Computern abspielbares Format) einen wesentlich verbesserten Zugriff auf Filme und Musik hatten. So verbessert, dass die Musik- und Filmindustrie damals in eine tiefe Krise gerieten, weil die Masse illegal verbreiteten Materials in einem gigantischen Ausmaß zunahm. Aber erneut, das ist einen eigenen Artikel wert; diese Zeit anarchischer Freiheit dauerte nicht allzu lange.

Zusammenfassend: der Besitz von Medien und der Zugriff darauf waren in den 1990er Jahren und auch in den 2000er Jahren wesentlich beschränkter, als es das heute ist. Für meine Kinder ist die Vorstellung, ein bestimmtes Medium nur konsumieren zu können, wenn es zu einer willkürlichen Zeit im Fernsehen oder Radio läuft, völlig fremd. Wenn sie etwas ansehen wollen, dann können sie das machen. Dasselbe gilt für Musik. Wenn meine Kinder ein Musikstück hören wollen, sagen sie das Alexa, und es läuft über die Lautsprecher, die im ganzen Haus verteilt sind. Kein Versammeln vor der sündteuren Stereoanlage im Wohnzimmer, deren Zugang sich die Familie teilen muss. Spiele können sie problemlos über den jeweiligen Onlinestore erwerben und quasi direkt spielen, ohne auch nur das Haus verlassen zu müssen. Würde ich diesen Stand meinem rund zehnjährigen Selbst erzählen, es wäre ein blankes Utopia.

Und zweifellos wird dasselbe einmal für meine Enkel gelten, wenn sie den Geschichten meiner Kinder aus diesem "Utopia" zuhören.

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