Montag, 23. März 2026

Rezension: Adam Tooze - Wages of Destruction (Teil 3)

 

Der entscheidende Punkt ist, dass diese potenziellen Gegner bereits im Frühjahr 1938 selbst umfangreiche Aufrüstungsprogramme durchführten. Diese wurden sowohl durch die Aggression Deutschlands als auch durch Italiens Angriff auf Äthiopien 1935/36 und Japans Invasion Chinas 1937 ausgelöst. Sobald diese Programme einmal angelaufen waren, hatte Deutschland kaum eine Chance, mitzuhalten. Im maritimen Bereich zeigen zeitgenössische Quellen, dass die britische Royal Navy seit 1933 etwa 30 Prozent mehr ausgegeben hatte als die deutsche Kriegsmarine. Großbritannien baute damit seinen ohnehin überwältigenden Vorsprung an Kriegsschiffen weiter aus. Noch bedrohlicher waren die Vereinigten Staaten: Am 17. Mai 1938 unterzeichnete Präsident Roosevelt ein Gesetz über ein Flottenausbauprogramm im Wert von 1,15 Milliarden Dollar, das „sicherstellte, dass die Vereinigten Staaten jeden ihrer Rivalen im weltweiten Flottenrüstungswettlauf übertreffen würden“.

Freitag, 20. März 2026

Rezension: Adam Tooze - Wages of Destruction (Teil 2)

 

Adam Tooze - Wages of Destruction (Hörbuch) (Ökonomie der Zerstörung)

Wie wenig am NationalSOZIALISMUS neben wohlklingender Phrase an Substanz zu finden war zeigt Kapitel 5, "Volksgemeinschaft on a budget". Von der KdF zu den großen Feierlichkeiten des Regimes über sein Winterhilfswerk wurden viele Initiativen rhetorisch zu gewaltigen Kraftanstrengungen aufgeblasen, die insgesamt ziemlich wenig Substanz hatten. Das ist auch kein Wunder, denn das Regime besaß für mehr überhaupt nicht die Mittel. Die angebliche Volksgemeinschaft musste ohne eine Unterfütterung durch einen funktionierenden Sozialstaat auskommen.

Donnerstag, 19. März 2026

Rezension: Jonathan Parshall/Anthony Tully - The Shattered Sword. The untold story of Midway

 

Jonathan Parshall/Anthony Tully - The Shattered Sword. The untold story of Midway (Hörbuch)

Die Schlacht von Midway hat für den Pazifikkrieg in etwa dieselbe Rolle, die Stalingrad für die Ostfront hat: eine Art Wendepunkt im Kriegsgeschehen, der Moment, in dem sich das Kriegsglück für die Achsenmächte wendete. Die Schlacht im Juni 1942 endete für Japan mit dem Verlust von vier Flugzeugträgern und dem Ende ihres Offensivpotenzials. Entsprechend fasziniert ist sie für Militärhistoriker*innen seither. Man kann die Menge an Veröffentlichungen zu dieser Schlacht in Festmetern messen. Die Frage, wozu es ein neues, mehrere hundert Seiten starkes Wort über eine Schlacht braucht, die im Endeffekt in einigen Stunden entschieden war, beantworten die Autoren mit starken Fehlinterpretationen, die es auszuräumen gelte. Sie beruhten darauf, dass im westlichen (sprich: amerikanischen) Diskurs viele japanische Quellen und der Stand der japanischen Forschung nicht bekannt seien, die einige Fehlannahmen über die japanische Seite ausgeräumt habe. Vor allem werfen die Autoren ihren Kolleg*innen vor, sich nicht genug mit japanischer Doktrin und der Funktionsweise japanischer Flugzeugträger auszukennen und deswegen einerseits frühe japanische Quellen unkritisch zu übernehmen und andererseits unzulässig von amerikanischer Doktrin und Technik zu extrapolieren.

Mittwoch, 18. März 2026

Rezension: Adam Tooze - Wages of Destruction (Teil 1)

 

Adam Tooze - Wages of Destruction (Hörbuch) (Ökonomie der Zerstörung)

Im Jahr 2006 wurde der Historiker Adam Tooze einer breiteren Öffentlichkeit mit seinem Magnum Opus "The Wages of Destruction" bekannt. Zum damaligen Zeitpunkt (und auch bis heute nicht) existierte keine Gesamtwirtschaftsgeschichte des Nationalsozialismus, so dass sein Werk mit einem gehörigen Maß an Anspruch daherkam. Zusätzlich beanspruchte es nicht nur, deskriptiv die Wirtschaft des Dritten Reiches darzulegen, sondern auch, einen neuen interpretatorischen Rahmen zu bieten, den Tooze selbst gleich ausfüllte und zahlreiche bis dahin geltende Paradigmen in Frage stellte. Dass ihm dies weitgehend gelang - selbst die sonst so kritische HSozKult findet nur Details zu kritisieren - zeigt den anhaltenden Wert dieses Werkes, das ich selbst schon mehrfach gelesen habe und das bei jeder Lektüre neue Sichtweisen für mich hervorbringt, schon alleine, weil es so viele Informationen, Analysen und Deutungen enthält, die gleichzeitig notwendig kompliziert sind; Wirtschaftsgeschichte erfordert schließlich einen ganz anderen Referenzrahmen, den ich als eher mathe- und damit auch wirtschaftswissenschaftsaverser Mensch nicht mitbringe. Ich möchte auch noch die kleine Vorwarnung mitgeben, dass manche Teile des Buches viel ausführlicher rezipiert werden als andere; das hat mit der Qualität meiner Notizen und den jeweiligen Leseumständen zu tun. Das Buch ist wahnsinnig dicht und komplex und kann grundsätzlich nur unvollständig wiedergegeben werden; es lohnt in jedem Fall die eigene Lektüre. Doch damit genug der Vorrede.

Mittwoch, 4. März 2026

Rezension: John Dolan - They should have been hanged

 

John Dolan - They should have been hanged

John Dolan, bekannter unter seinem Alias "Gary Brecher, the War Nerd", hat schon mehrere Essaysammlungen veröffentlicht, genauso wie eine brillante Ilias-Übertragung (beide hier besprochen). Nun liegt neu eine Essaysammlung zum Thema "Amerikanischer Bürgerkrieg" vor, die der selbst erklärte "Hardcore Unionist" unter den provokativen Titel "They should have been hanged" stellt. Dolan alias Brecher alias War Nerd ist für seine politische Lager überschneidende, scharfe Rhetorik bekannt. Entsprechend kann man auch hier mit sehr klaren Meinungen rechnen, wenngleich in sehr unterhaltsamer Rhetorik und einem eigenen, sehr lesenswerten Stil, der sich natürlich auch an andere Nerds richtet. Wer nicht weiß, wer George McClellan oder was Shermans "March to the Sea" war, wird vermutlich das eine oder andere Mal kopfkratzend zurückbleiben.