Die Schlacht von Midway hat für den Pazifikkrieg in etwa dieselbe Rolle, die Stalingrad für die Ostfront hat: eine Art Wendepunkt im Kriegsgeschehen, der Moment, in dem sich das Kriegsglück für die Achsenmächte wendete. Die Schlacht im Juni 1942 endete für Japan mit dem Verlust von vier Flugzeugträgern und dem Ende ihres Offensivpotenzials. Entsprechend fasziniert ist sie für Militärhistoriker*innen seither. Man kann die Menge an Veröffentlichungen zu dieser Schlacht in Festmetern messen. Die Frage, wozu es ein neues, mehrere hundert Seiten starkes Wort über eine Schlacht braucht, die im Endeffekt in einigen Stunden entschieden war, beantworten die Autoren mit starken Fehlinterpretationen, die es auszuräumen gelte. Sie beruhten darauf, dass im westlichen (sprich: amerikanischen) Diskurs viele japanische Quellen und der Stand der japanischen Forschung nicht bekannt seien, die einige Fehlannahmen über die japanische Seite ausgeräumt habe. Vor allem werfen die Autoren ihren Kolleg*innen vor, sich nicht genug mit japanischer Doktrin und der Funktionsweise japanischer Flugzeugträger auszukennen und deswegen einerseits frühe japanische Quellen unkritisch zu übernehmen und andererseits unzulässig von amerikanischer Doktrin und Technik zu extrapolieren.
Die Autoren streben dabei keine komplette Revision an. Sie erklären etwa, keine neuen Erkenntnisse zur Rolle des Code-Brechens beisteuern zu können, das mehr als hinreichend erforscht sei. Dasselbe gilt für die amerikanische Seite der Schlacht. Sie konzentrieren sich ausschließlich auf Japan, dessen Perspektive sie in dem Buch auch einnehmen, und nehmen für sich in Anspruch, hier neue Erkenntnisse vorlegen zu können. Dabei stellen sie auch über die Schlacht hinausgehende Fragen zu Strategie und Logistik der Imperialen Marine (IJN), die für mich auch das Hauptinteresse an dem Buch bildeten. Ich werde mich in meiner Rezension deswegen vor allem auf die Anfangs- und Endkapitel beziehen; die Schilderung der eigentlichen Schlacht war für mich nicht so interessant, auch wenn sie den Löwenanteil des Buches einnimmt (ich habe im Hörbuch, das fast 30 Stunden geht, großzügig die rund 20 Stunden der Schilderung des Schlachtverlaufs übersprungen). Diese Kapitel sind vor allem für eingefleischte Militärhistoriker*innen interessant, die sich dafür interessieren, welche Fliegerstaffel wann mit welcher Bewaffnung wo eingesetzt wurde, und richten sich auch eher an ein Fachpublikum, das bereits mit anderen Schilderungen Midways vertraut ist. Für mich waren aber die grundlegenderen Fragen entscheidender, und mit denen möchte ich mich in der Rezension auch beschäftigen.
Die Schilderung beginnt in Kapitel 1, "Departure", mit dem Aufbruch der japanischen Flotte im Morgengrauen. Die Autoren setzen die Szene als eine, in der ein erfahrener Verband recht siegesgewiss aufbricht. Das vorangegangene halbe Jahr war einer der leichten Siege gewesen, erst gegen Pearl Harbor, dann gegen die Alliierten im Indischen Ozean. Nun galt es, der amerikanischen Flotte den Todesstoß zu versetzen und die japanischen Kriegsziele zu erreichen.
Wie das funktionieren sollte, erklärt Kapitel 2, "Genesis of a Battle". Die Grundsatzüberlegung der IJN war, die US-Flotte durch einen vernichtenden Schlag für eine Weile außer Gefecht zu setzen, damit ein Verteidigungsgürtel geschaffen werden konnte, der nur unter so großen Verlusten einnehmbar war, dass die USA die politischen und wirtschaftlichen Kosten nicht zu zahlen bereit gewesen und die Japaner in ihrer "Prosperitätssphäre" gewähren hätten lassen. Wie die Autoren darstellen, war dieser Plan von Anfang an zum Scheitern verurteilt, weil er auf einem fatalen Missverständnis der USA basierte: diese waren keine dekadenten Weicheier, die nach einem harten Schlag weinend in die Ecke gehen und aufgeben würden. Die Annahme der Schwäche der Demokratien, die autoritäre Systeme immer wieder machen (siehe: Putin, Vladimir), ist schlicht nicht zutreffend. Zudem unterschätzten die Japaner auch die Kapazitäten der USA massiv; eine Vernichtung der US-Flugzeugträger hätte den Krieg zwar sicher verzögert, aber das strukturelle Problem nicht geändert.
Anstatt die wegen der Kräfteverhältnisse (sechs japanische Flugzeugträger gegen vier amerikanische und einen zu diesem Zeitpunkt noch bestehenden leichten qualitativen Vorteil der japanischen Flieger) bestehenden Vorteile auszunutzen und die Amerikaner massiv an einem konzentrierten Punkt anzugreifen, zogen die Japaner aus den leichten Siegen Anfang 1942 den falschen Schluss, dass sie "einfach nur auftauchen" müssten, um die Schlacht für sich zu entscheiden, weil die "Yamato-Rasse" einfach so überlegen und die japanische Kultur und ihr Ethos allein den Ausschlag geben würden. Die Idee, dass moralische Überlegenheit den Sieg bringen würde und nicht materielle Überlegenheit in einem Abnutzungskampf, war ein schwerwiegender Irrtum.
Schlimmer aber war, dass die in Kapitel 3, "Plans", resultierenden Pläne diese strukturelle Schwäche noch schlimmer machten. Die Japaner widersprachen ihren eigenen Annahmen: statt einen Befestigungsgürtel zu errichten (der, wie sich zeigen würde, ohnehin sein Versprechen nicht halten würde, aber das konnten sie 1942 noch nicht sicher wissen), verschoben sie in Hybris die Ziellinie und gaben die Eroberung peripher Orte, die sie nicht halten konnten, aus: einmal die Insel Midway und einmal die Aleuten. Letztere spielten in der Schlacht eine nachgeordnete Rolle, doch da die rigide Kommandostruktur Yamamoto nicht erlaubte, die Konzentration durchzuführen und die IJN deswegen ALLE Ziele gleichzeitig verfolgen sollte - ein weiteres Rezept für Desaster.
Aber auch die Eroberung von Midway war kein sinnvolles strategisches Ziel: Selbst wenn die Eroberung gelang (was äußerst dubios war, weil die Amerikaner die japanischen Absichten früh kannten und sich eingruben), so konnten die USA die Insel später einfach isolieren und leicht zurückerobern, weil die Japaner sie nicht zu versorgen in der Lage gewesen wären. Der Plan sah vor, die Insel überraschend anzugreifen und im Handstreich zu nehmen und dadurch die dortigen Flugfelder für einen Showdown mit den US-Trägern zu gewinnen, die man durch komplizierte Manöver in die Falle zu lenken hoffte. Bereits die Annahme, man könnte die Anlagen auf Midway nach einer Invasion einfach direkt verwenden, war, höflich ausgedrückt, etwas überoptimistisch (und erinnert mich an die deutschen Pläne in der Ardennenoffensive). Aber die Pläne sahen auch gar nicht vor, dass die USA nicht überrascht und eventuell vor Ort sein könnten.
Die Probleme wetterleuchteten am Horizont. In Kapitel 4, "Ill Omens", zeigen die Autoren, dass die Zeichen bereits vor der Schlacht schlecht standen. So lag das Kommando bei Yamamoto auf seinem Flaggschiff "Yamato", das an der Schlacht gar nicht teilnehmen würde. In Kriegsspielen hatten die Pläne hinten und vorne nicht funktioniert, aber die Schiedsrichter hatten immer wieder eingegriffen und die Ergebnisse so verändert, dass sie zu den Plänen passten. Zudem hatte die "Battle of the Coral Sea" gezeigt, dass die amerikanische Navy bei weitem kein solcher Papiertiger war, wie die IJN arrogant annahm, und für herbe Verluste gesorgt. Die Japaner hatten zudem keine Ahnung, wo die amerikanischen Träger waren, und anstatt sich auf den Worst Case vorzubereiten nahmen sie optimistisch an, dass sie nicht in Midway sein würden.
In Kapitel 5, "Transit", und Kapitel 6, "Fog and final preparations", begleiten wir die Flotte auf ihrem Weg nach Midway. Die Autoren geben hier auch einige technische Details über die Funktion japanischer Flugzeugträger, die für die folgende Schilderung der Schlacht nötig sind. So machten die Japaner die Flugzeugträger selbst zu den Flaggschiffen der Admiräle, doch die Aufbauten für die Kommunikation waren dort suboptimal und beeinflussten die Reichweite der Funkgeräte negativ. Zudem wurden die Flugzeuge in den geschlossenen Hangars betankt und bewaffnet und dann nach oben gebracht, was recht fehleranfällig war, und besonders die Bomber benötigten Idealbedingungen, um vernünftig starten zu können. Der margin of error war insgesamt sehr klein und sollte immer wieder zu Problemen führen.
Tatsächlich gelang des den Japanern in der Anfahrt auf Midway auch nicht, die amerikanischen Schiffe zu finden. Sie erfuhren daher viel zu spät, dass sie sich tatsächlich den vier Trägern gegenübersehen würden, und waren nicht in der Lage, ihre Pläne anzupassen. Warum dies der Fall war, diskutieren die Autoren in den Kapiteln des Fazits. Aber der Schlachtplan fiel bereits auseinander, bevor die japanischen Trägergruppen das Atoll erreichten.
Kapitel 7-21 behandeln dann die Schlacht, teilweise in Abschnitten von 30 bis 40 Minuten. Ich habe diese wie beschrieben weitgehend übersprungen, weil mich diese Details nicht sonderlich interessiert haben und die Kenntnisse fehlen, das wertschätzen und einordnen zu können, aber militärhistorisch einschlägig Interessierte werden hier mit Sicherheit auf ihre Kosten kommen.
Für mich wesentlich interessanter war dann wieder Kapitel 22, "Why did Japan lose?". Die Autoren erklären dies hier auf der taktischen Ebene. Dabei konzentrieren sie sich vor allem auf strukturelle Faktoren. Dass der Kommandeur der Flottille seine Pläne nicht anpasste, war zwar ein riesiger Fehler, wäre aber jedem anderen japanischen Kommandeur auch passiert, weil die IJN eine soziale Struktur hatte, die Kritik und Improvisation verunmöglichte. Dass ein Pilot die amerikanischen Schiffe nicht sah, war zwar ein riesiger Nachteil, aber darin begründet, dass die Japaner zu wenig Aufklärung betrieben - und das wiederum in der zu geringen Menge an Flugzeugen, die sie einsetzten. Die Autoren verwerfen auch die Erklärung, dass die Japaner einfach nur zu siegessicher gewesen seien; vielmehr seien die Planungsfehler Auswuchs einer grundsätzlich fehlerhaften Strategie und strategischen Kultur gewesen.
Diese strategischen Faktoren finden dann auch in Kapitel 23, "Assessing the Battle's Importance", ihren Niederschlag. Die Autoren widersprechen vehement der Einordnung Midways als "decisive battle". Eine solche würde bedeuten, dass sich der Kriegsverlauf hier entschieden habe, und dafür sehen sie keine Anzeichen. Die japanische Niederlage habe die IJN rund ein Viertel ihrer Flieger gekostet, aber nicht davon abgehalten, im weiteren Kriegsverlauf noch tausende weiterer Piloten auszubilden und später sogar als Kamikazeflieger einzusetzen. Umgekehrt hätte eine Versenkung der US-Flugzeugträger das Unvermeidliche nur verzögert. Die Autoren sind emphatisch darin, dass Japan keine Chance hatte, den Pazifikkrieg zu gewinnen (während sie für Deutschland und Europa anderer Meinung sind, was ich massiv bestreiten würde). Die Schlacht war daher zwar spektakulär, bedeutete aber keine Entscheidung - sie beschleunigte nur das Unvermeidliche und rettete auf diese Art Menschenleben.
In Kapitel 24, "The Myths and Mythmakers of Midway", erklären die Autoren, warum sich die Mythen, die sie zu widerlegen versuchen, so hartnäckig halten. Dabei verweisen sie vor allem auf die Quellenlage: die Befragung japanischer Offiziere nach dem Krieg und deren eigene Berichte seien letztlich die einzigen Quellen gewesen, und diese waren massiv verfälscht: die meisten Offiziere waren im Krieg gefallen, so dass es kaum möglich war, konkurrierende Narrative gegeneinander zu prüfen, und der überlebende Kommandant, Fuchido Mitsuo, schrieb einen sehr parteiischen Bericht, in dem er sich und die IJN von der Verantwortung freisprach und effektiv Pech verantwortlich machte, etwa die Attacke der USN, als die Bewaffnung der Flugzeuge geändert wurde, oder die ausbleibende Sichtung der US-Schiffe. Die Autoren machen deutlich, dass das nicht das Problem war, sondern vielmehr die strukturellen Ursachen in der IJN.
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Wie bereits angedeutet bin ich ein großer Anhänger der These, dass die Ursachen für die Niederlage der Achsenmächte grundsätzlich struktureller Natur sind und nicht taktischer oder operationeller. Die Grundannahmen sowohl Japans als auch Nazi-Deutschlands waren grundsätzlich falsch. Ja, manche Schlachten hätten gewonnen werden können - aber nicht der Krieg. Was ich hier über Midway lese, bestätigt dies. Die Zahlen der Produktion von Schiffen und Flugzeugen alleine, die die Autoren nennen, machen es völlig unmöglich, dass ein anderes Ergebnis erzielt wird. Japan produzierte seinen ersten neuen Flugzeugträger 1944 - in diesem Jahr produzierten die USA einen Träger der Essex-Klasse pro Monat. Die USA hatten um mehrere Faktoren mehr Flugzeuge und Material - und auch das notwendige Fachpersonal, wo Japan von Beginn an wegen der Untermotorisierung des Landes essenzielle Nachteile erlitt.
Dazu kommt die Versorgungslage. Japan begann seinen Eroberungsfeldzug überhaupt erst, um die für seine Expansion nötigen Rohmaterialien zu gewinnen, aber es musste diese mit Konvois nach Japan bringen, weil die ehemaligen europäischen Kolonien (es waren schließlich Kolonien!) keinerlei Produktionsanlagen besaßen. Das Imperium, das Japan sich zusammenerobert hatte, erforderte also massive Infrastruktur, die es weder besaß noch, wenn es sie besessen hätte, hätte verteidigen können. Strategisch war der Krieg von Anfang an nicht zu gewinnen, und genauso, wie es die Deutschen auch immer tun sollten, belogen sich die Japaner selbst mit großartigen Visionen taktischer Erfolge, die aber das strategische Bild nicht grundlegend geändert hätten. Was hätte etwa ein deutscher Sieg vor Stalingrad bedeutet? Oder in Kursk? Hätte El Alamain das Bild maßgeblich verschoben? Längere Kriegsdauer und mehr Leid, sicherlich. Und wenn all diese Schlachten tatsächlich völlig überlegen ausgegangen wären, sicher, dann hätte der Gegner vielleicht irgendwann die Lust verloren. Aber wie wahrscheinlich ist das?
Vielmehr muss man, wie Adam Tooze das auch in "Wages of Destruction" (hier rezensiert) getan hat, postulieren, dass die andere Seite der Gleichung viel zu wenig betrachtet wird. Das ist verständlich; die Autoren dieses Buchs verwehren sich explizit gegen jede Spielart der virtuellen Geschichte. Allein, man muss nicht nur die Frage stellen, was geschehen wäre, wenn die Siegesserie der Mittelmächte sich fortgesetzt hätte, sondern auch, was geschehen wäre, wäre sie vorher abgebrochen. Was, wenn Pearl Harbor nicht so gut läuft, wie es das tut? Was, wenn die Verluste in der Coral Sea noch höher sind? Was, wenn die Royal Navy im Indischen Ozean mehr Glück hat? Für den deutschen Kriegsverlauf habe ich diese Überlegungen in einen eigenen, ausführlichen Post gebracht (und auch diesen).
Es ist hier, wo die Darstellung der strategischen und logistischen Situation entscheidend ist und die eigentlich relevanten Einblicke erlaubt, die gerne verlorengeht, wenn man sich in technischen und taktischen Details verliert.
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