Montag, 6. April 2026

Rezension: Adam Tooze - Wages of Destruction (Teil 9)

 

Adam Tooze - Wages of Destruction (Hörbuch) (Ökonomie der Zerstörung)

Als Reaktion darauf verschworen sich Backe und seine Mitstreiter im Frühjahr 1942 dazu, die Grundsätze des Hungerplans in größerem Maßstab in den besetzten Gebieten Deutschlands umzusetzen. Von nun an sollten sämtliche Lebensmittellieferungen aus dem Reich an die Wehrmacht im Feld eingestellt werden; Deutschlands Armeen sollten sich „aus den von ihnen besetzten Gebieten selbst ernähren, ohne Rücksicht auf die Folgen für die einheimische Bevölkerung“. Wie Joseph Goebbels in sein Tagebuch schrieb, verlangte dieses neue Regime, dass, bevor Deutschland hungere, „eine Reihe anderer Völker an die Reihe kommen“ werde.

Alles in allem lässt sich daraus schließen, dass stets ein Zusammenhang zwischen Nahrung und Völkermord bestand – ein Zusammenhang, der hilft, die Programme der Nationalsozialisten zur Entvölkerung ganzer Regionen zu erklären, selbst in einer Situation, in der das Regime dringend Arbeitskräfte zur Aufrechterhaltung der Kriegswirtschaft benötigte. Am deutlichsten trat diese „Verknüpfung von Ernährungspolitik und Genozid“ jedoch im Generalgouvernement hervor. Wegen seines landwirtschaftlichen Defizits war das Generalgouvernement lange Zeit auf Lebensmittellieferungen aus dem Reich angewiesen gewesen – wenngleich nie in ausreichendem Maß, um eine „Epidemie von Mangelernährung und offenem Verhungern“ zu verhindern. Angesichts der erneuten deutschen Ernährungskrise von 1942 entschied Backe nun, den Strom tatsächlich umzukehren – ein Schritt, der nur möglich war, wenn der Nahrungsverbrauch des Generalgouvernements drastisch gesenkt werden konnte.

Tatsächlich knüpfte Backe in seinen Verhandlungen mit den Behörden des Generalgouvernements über die Umsetzung dieser Politik – unterstützt von Heinrich Himmler – seine Forderungen ausdrücklich an die „Ausschaltung der polnischen Juden aus der Nahrungskette“. Als die örtlichen Behörden am 23. Juni protestierten, es sei unmöglich, die verlangten Lieferungen aufzubringen, antwortete Backe: „Im Generalgouvernement befinden sich derzeit noch 3,5 Millionen Juden. Polen soll innerhalb des kommenden Jahres gesäubert werden.“ Auch Himmler stellte diesen Zusammenhang während seiner Reise durch das Generalgouvernement im Sommer 1942 implizit her: Nach seinem Besuch in Auschwitz, wo er es zum Vernichtungszentrum für die Juden Westeuropas bestimmte, ordnete Himmler zugleich an, alle „nicht unbedingt notwendigen“ Juden bis zum Jahresende zu töten, und eine drakonische Erntepolitik umzusetzen, nach der sämtliche Bauern, die ihre Ablieferungsquoten nicht erfüllten, sofort erschossen werden sollten. Überlegungen zur Ernährung waren also von Himmlers Vorstellungen der „Endlösung“ nie weit entfernt.

Gewiss standen ideologische Erwägungen im Zentrum der nationalsozialistischen Bemühungen, das europäische Judentum auszulöschen. Diese Ausführungen zur Ernährungsfrage beantworten daher nicht vollständig, warum die Nationalsozialisten dieses entsetzliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit begingen. Aber sie zeigen doch in gewissem Maß, wie eng der Holocaust mit anderen Faktoren der Kriegsführung verbunden war – insbesondere mit Nahrung und Arbeit. Die Nationalsozialisten wurden also zumindest teilweise durch ökonomische Zwänge in ihre dunkelsten Abgründe getrieben. Diese Schlussfolgerungen relativieren weder den Holocaust noch entheben sie die Nazis ihrer Verantwortung. Sie helfen, die Genese der Form des Völkermords zu verstehen - das Ziel als solches stand ohnehin nie in Frage.

Wer allerdings dieses Ziel aktiv verfolgte, ist einer der umstrittensten Punkte in der deutschen Geschichte. Kapitel 17, "Albert Speer: "miracle man"", nähert sich einer zentralen Figur der Wirtschaftsgeschichte jener Zeit. Speer gelang es nicht nur, in Nürnberg seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, sondern sich später auch als brillanter Technokrat ohne ideologische Bindung an den NS und geläuterten Menschen zu präsentieren. Seine "Erinnerungen" mögen in den 1970er Jahren noch eine wertvolle Quelle gewesen sein, aber seit den 1990er Jahren ist eigentlich hinreichend bekannt, wie falsch die früheren Speer-Bilder waren (was Oliver Hirschbiegel nicht davon abhielt, 2004 in "Der Untergang" für eine weitere Generation das Bild des "guten Nazis" zu zeichnen).

Tooze zeichnet nach, dass Speers Nachkriegsruhm vor allem auf der Idee aufbaute, dass er ein "Rüstungswunder" geschaffen habe, eine Behauptung, die Speer in Kriegszeiten aufstellte und propagandistisch massiv untermauerte. Der Speer-Mythos positioniert Speer und seine Mitarbeiter als technokratische Wirtschaftsexperten gegen Parteibürokraten. Sein Schlagwort war "Selbstverantwortung", die die spezifisch deutsche Art der Kriegswirtschaft charakterisieren sollte: die NS-Führung gab die Ziele vor, aber wie diese erreicht wurden, lag in der Verantwortung der privaten Unternehmen. Auf diese Weise blieb das private Unternehmertum in Deutschland intakt. Der ideologische Hauptgegner war das Beschaffungsamt der Wehrmacht, dem Speer geschickt die Verantwortung für alle Fehlschläge zuschrieb, während er seine Erfolge sich selbst zuschrieb - eine schon allein aus der Chronologie her unplausible Vorgehensweise, wie Tooze akribisch nachweist. Die größten Rationalisierungsgewinne fielen demnach in den Maßnahmenzeitraum der Wehrmachtbürokratie, nicht in Speers angebliche Rationalisierungswelle. Die Grundlagen für das deutsche "Rüstungswunder" wurden 1940 gelegt, nicht 1941/42.

Um die deutschen Unternehmen zur Rationalisierung zu zwingen - was eine Produktion nach amerikanischem Vorbild in Serienproduktion ermöglichen, dadurch Kosten senken und gleichzeitig Arbeitskräfte freisetzen sollte - legte der Staat die Preise für die Rüstungsgüter fest; alles, was darunter fiel, konnten die Unternehmen als Rationalisierungsprofite einstreichen. Diese Profite wurden so astronomisch hoch, dass die NS-Institutionen mehrfach nachsteuern mussten. Große Erfolge Speers drückten sich vor allem in Vorzeigeprojekten wie dem Panzerbau aus: hier wurden unter großem propagandistischen Begleitaufwand die Produktionszahlen deutlich gesteigert. Allein, das geschah weniger durch eine Verbesserung der Produktion als durch eine favorisierte Zuteilung knapper Ressourcen. Der Panzerbau machte zudem nur 7% der Gesamtausgaben für Rüstung aus und war so natürlich leichter zu steigern als andere Bereiche.

Vor allem aber zeigte sich hier die Schwäche des neuen Systems: im Bestreben, so schnell wie möglich in Serienproduktion zu gehen, um Kosten zu sparen, wurden unzureichend getestete Modelle übereilt in Produktion gegeben, mit dem erwartbaren Problem, dass sie dann nicht richtig funktionierten. So underperformte der Panzer V (Panther) in der Schlacht von Kursk deutlich und wurde erst durch mehrere Runden der Überarbeitung und Verbesserung zu dem Instrument, an dem praktisch alle späteren Panzermodelle ausgerichtet sein sollten. Dasselbe Problem zeigte sich im wesentlich bedeutsameren Flugzeugbau, wo technologisch obsolete Maschinen in Serie produziert wurden (vor allem die Messerschmidt Bf 109) oder neue Modelle wie die Me 210 mit revolutionären Ideen wie dem Düsenantrieb lange vor der Serienreife in hoher Stückzahl gebaut wurden, um dann nicht richtig zu funktionieren. Speer war allerdings immer sehr gut darin, die Schuld dafür an andere Stellen abzuschieben.

Tooze räumt auch mit der Idee auf, dass Speer irgendwie unideologisch gewesen sei. Er weist minutiös seine große persönliche Nähe zu Hitler und seine ideologische Bindung an die Ideen des Regimes und den "Endsieg" nach. Auch hatte Speer nicht das geringste Problem mit der massiven Zwangsarbeit oder den Massenmorden, von denen er sehr wohl wusste, auch wenn er es nach dem Krieg vermochte, sich weitgehend der Verantwortung zu entziehen.

Ein anderer Mythos, gegen den Tooze zu Felde zieht, ist der einer angeblichen Untermobilisierung der deutschen Kriegswirtschaft. Bereits in vorherigen Kapiteln hatte er sich immer wieder gegen die Idee gestellt, es habe eine Art von Gefälligkeitsdiktatur geherrscht, die hinter den Mobilisierungsgrad der britischen oder gar sowjetischen Wirtschaft zurückgefallen sei. Dieses Argument hängt vor allem an der Mobilisierung von Frauen und der geringeren Steuerlast.

Zwar ist es korrekt, dass die britische Volkswirtschaft mehr Frauen mobilisierte als die deutsche, aber sie tat das von einem niedrigeren Ausgangsniveau aus; das Gesamtniveau der weiblichen Erwerbstätigkeit war effektiv am Maximum: entsprechende Studien in Deutschland ergaben ein Maximum von 700.000 rekrutierbaren Frauen, und das nur unter maximalem Druck. Das konnte die Millionen Männer, die in die Wehrmacht rekrutiert wurden - ab 1941 auch zunehmend die älteren Facharbeiter - niemals ersetzen, weswegen Zwangsarbeit ja auch eine immer prominentere Stellung einnahm.

Ebenfalls ist korrekt, dass in den 1940er Jahren wiederholt Vorstöße abgelehnt wurden, die Steuern zu erhöhen, um die Wirtschaft zu finanzieren. Das allerdings als eine Untermobilisierung zu lesen, lehnt Tooze entschieden ab: der NS-Staat zog die überschüssige Kaufkraft der Deutschen auf andere Art aus dem System, etwa durch forcierte Anleihen. Vor allem aber bezahlte die deutsche Bevölkerung den Krieg über eine deutliche Senkung ihres Lebensstandards, weil die Konsumgüterindustrie wesentlich stärker heruntergefahren wurde als etwa in Großbritannien. Die Kosten des totalen Kriegs wurden also sehr wohl von der Bevölkerung getragen - nur nicht über Steuern.

All das wird in Kapitel 18, "No room for doubt", noch wesentlich deutlicher. Je schlechter der Krieg lief - und ab Kursk 1943 konnte auch für den Letzten halbwegs informierten Menschen kein Zweifel mehr daran bestehen, dass der Krieg verlorengehen würde - radikalisierte sich die Kriegswirtschaft zunehmend. Speer versuchte, vor allem auf zwei Gebieten weiter Propagandaerfolge zu erzielen. Einerseits bei der Produktion von Panzern, die wesentlich gesteigert werden sollte, und andererseits bei der Produktion von Flugzeugen, die für die Verteidigung der Wirtschaft gegen das alliierte Bombardement entscheidend war. In beiden Fällen gelang es Speer, überraschende Produktionssteigerungen zu erzielen. Allein, diese basierten auf einem System favorisierter Zuteilungen: Speer hatte einen Teil der Rohstoffproduktion zurückgehalten, um diesen flexibel zuteilen zu können. Da die verfügbaren Rohstoffe eine harte Grenze für die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft waren (noch vor Produktionskapazitäten), konnte er auf diese Art in einzelnen Sektoren große Steigerungen erzielen. Diese gingen jedoch auf Kosten anderer Bereiche.

Das bedeutet nicht, dass Speer keinerlei Produktionssteigerungen erreicht hätte. Die Rationalisierungen fanden durchaus statt (wenngleich mit großen Folgeproblemen, vor allem was die Qualität anbelangte), und die Massenproduktion ermöglichte Kostensenkungen. Insgesamt steigerte die deutsche Kriegswirtschaft ihren Output bis 1943 kontinuierlich, als die alliierten Bombenangriffe auf das Ruhrgebiet die Entwicklung kappten. Tooze sieht in dem strategischen Bombenkrieg einen definitiven Entscheidungsfaktor. Die Angriffe waren ab 1943 so massiv, dass sie die Expansion der deutschen Wirtschaft weitgehend stoppten (auch wenn sie das propagierte Ziel, sie komplett zu zerschlagen, nicht erreichen konnten). Dieser Erfolg hätte in Toozes Analyse noch größer sein könnten, hätten die Alliierten das Ruhrgebiet als Zielregion beibehalten, statt sich in der zweiten Hälfte 1943 auf Berlin zu konzentrieren; die Re-Konzentration auf die Ruhr 1944 zeigte neben der massiven Zunahme der Angriffe auch entsprechend drastische Effekte.

Umso wichtiger wurde für Deutschland die Luftverteidigung. Die Luftwaffe hatte durch den ganzen Krieg hindurch riesige Ressourcen gebunden; fast 40% der deutschen Rüstung entfielen auf sie. Zahllose Geschütze mussten für die Luftabwehr verwendet werden, statt etwa an der Ostfront eingesetzt zu werden, wo sie dringend benötigt wurden. Dasselbe galt für Flugzeuge. Zwar bezahlten die Alliierten einen horrenden Preis an abgeschossenen Bombern, aber die Effekte für die deutsche Kriegswirtschaft waren signifikant.

Weiter geht es in Teil 10.

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