Mittwoch, 6. Mai 2026

Rezension: Vladimir Zubok - A Failed Empire: The Soviet Union in the Cold War from Stalin to Gorbachev

 

Vladimir Zubok - A Failed Empire: The Soviet Union in the Cold War from Stalin to Gorbachev (Hörbuch)

Die Geschichte der Sowjetunion nach 1945 ist keine so blutige Geschichte wie die ihrer Zeit vorher. Nur die Kommunisten Asiens und Adolf Hitler können wohl auf einen ähnlichen Blutzoll verweisen wie Stalin, der Millionen seiner eigenen Untertanten direkt oder indirekt zu Tode brachte. Es ist in der erbitterten Auseinandersetzung mit den Nationalsozialisten und der Unterstützung der Westalliierten, dass die Sowjetunion zu einem Imperium wurde - und es ist im Gefolge der Reformversuche eines sklerotischen Systems durch Gorbatschow, dass eben dieses Imperium untergehen untergehen würde. Die Geschichte des sozialistischen Riesenreichs zwischen Stalin und Gorbatschow ist dementsprechend der Gegenstand des Buchs von Vladislav Zubok.

Bereits in Kapitel 1, "The Soviet People and Stalin between War and Peace, 1945", wird schnell deutlich, dass Zubok kein Freund der Sowjetunion ist. Die Nation war nach dem Zweiten Weltkrieg mehr als ausgelaugt, der Lebensstandard noch niedriger als der ohnehin niedrige Standard vor dem Krieg, die Verluste gigantisch und traumatisch. Stalin kümmerte das alles wenig; ihm ging es vor allem um den Ausbau der Macht des Staates, was vor allem bedeutete, das neue sowjetische Imperium zu konsolidieren. Einerseits galt es, den Gürtel osteuropäischer Satellitenstaaten im Sinne Moskaus zu festigen, andererseits, möglichst große Gewinne an anderer Stelle zu machen. Diese Vorgaben bedeuteten, dass das Riesenreich militärisch immer noch auf einem hohen Mobilisationsstand blieb, was eine Steigerung des Lebensstandards unmöglich machte. Die Früchte des Sieges kamen in der Bevölkerung nicht an; Stalin bereitete stattdessen den nächsten Krieg vor, sowohl konventionell als auch mit massivem Ressourceneinsatz in der Nuklearrüstung. Vor allem aber sicherte er seine eigene Macht ab. Die Hoffnung, der Sieg könnte eine befreiende Wirkung haben und dem geschundenen Volk Mitbestimmungsrechte einräumen, erwies sich schnell als Illusion. Stalin zog die Kontrolle eher an; Wellen von Säuberungen (besonders berühmt gegen die Ärzte) zogen über das Land, zu guten Teilen auch rassistisch und antisemitisch motiviert. Besonders die steigende Diskriminierung der Juden unter Stalin nimmt eine zentrale Rolle in Zuboks Darstellung ein, ebenso die Fokussierung auf Rüstungsgütern gegenüber Konsumgütern und den damit einhergehend niedrigen Lebensstandard der Menschen und den Terror durch die Geheimpolizei. Es war eine wirklich grauenhafte Zeit.

In Kapitel 2, "Stalin's Road to the Cold War, 1945-1948", untersucht Zubok die außenpolitischen Dimensionen des beginnenden Kalten Krieges. So versuchte Stalin, einen Anteil an Japan zu erhalten. Hier verkalkulierte er sich: die schnelle Beendigung des Krieges führte dazu, dass eine eigene Besatzungszone in Japan außer Frage stand. Dass dies Stalins Ziel war und er so viel Einfluss wie möglich auf die Nachkriegsgestaltung der Region zu nehmen versuchte, steht für Zubok außer Frage, und er zeichnet diese Versuche nach. Angesichts des Kriegsverlaufs hatte Stalin hier eher schlechte Karten, bis Mao die Lage deutlich veränderte. Auch die Genehmigung des Koreakriegs folgte nüchternem Kalkül: es würde China in einen Stellvertreterkrieg mit den USA zwingen und die UdSSR nichts kosten; in dieser Überlegung sieht Zubok den Grund für die Politik des leeren Stuhls in der UNO: es würde die USA nach Südkorea "locken". Fehlschläge mussten Stalins Ambitionen auch im Iran hinnehmen, wo sich Stalin deutlich verkalkulierte; das Land blieb neutral und die UdSSR verlor sogar die Vorteile, die sie Ende des Krieges besessen hatte. Die nationalistischen Unruhen, die die UdSSR ausgelöst hatte, wurden von Teheran niedergeschlagen, die Verbündeten kaltherzig geopfert.

Anders sah die Situation in Europa aus. Ob in Rumänien oder der Tschechoslowakei, die Realitäten der Nachkriegssituation gaben der Sowjetunion die Möglichkeit, massiv in die Innenpolitik und Nachkriegsordnung der Staaten einzugreifen und auch unabhängige kommunistische Bestrebungen zu unterdrücken. Diese taktischen Siege Stalins sieht Zubok jedoch als insgesamte strategische Schwächung, da sie die Aufrechterhaltung einer Kooperation mit den USA erschwerten, die mit jedem solchen Sieg eine härtere Linie fuhren. Zwar hatte die Trumanregierung bereits eine deutlich härtere Haltung eingenommen als Roosevelt; nichts desto trotz war die amerikanische Linie 1945-1948 noch fluider, als Stalin es in Zuboks Erzählung mit seiner Politik verunmöglichte.

Kapitel 3, "Stalemate in Germany, 1948-1953", zeigt ein weiteres Feld auf, auf dem Stalin einerseits Konflikte verschlimmerte und andererseits seine Ziele nicht erreichen konnte. Der Status Deutschlands war Ende der 1940er Jahre wesentlich fluider als man das in der teleologischen Rückschau gerne sieht. Stalin sah die Ostzone nicht zwingend als Asset, sondern auch als Verhandlungsmasse. Sein Ziel war die Neutralisierung dieses Gegners, seine Ausbeutung und zu verhindern, dass die Westzonen sich in den Westen integrierten. In diesen Zielen scheiterte er. In diesen Kontext gehören die zahlreichen Versuche, die Alliierten aus Westdeutschland und vor allem Westberlin zu vertreiben und höhere Reparationsleistungen zu erhalten. Es gelang den Sowjets jedoch nicht, den grundsätzlichen deutschlandpolitischen Patt zu lösen: jede Lösung der deutschen Frage erforderte einen Konsens der vier Siegermächte, und ein solcher Konsens war nicht zu bekommen, weswegen sich die Zonengrenzen zunehmend verfestigten und ein Kurs auf die doppelte Staatsgründung genommen wurde. Der letzte große deutschlandpolitische Versuch der Auflösung dieses Patts war die Stalinnote. In der Diskussion darum, wie ernstgemeint das war, schlägt sich Zubok klar auf die Seite derer, die sie für nicht sonderlich erfolgversprechend hielten. Diese Einschätzung teile ich ebenfalls.

In Kapitel 4, "Kremlin Politics and "Peaceful Coexistence", 1953-1957", wird die Zeit nach Stalins Tod bis zu Chruschtschows Machtkonsolodierung betrachtet. Das Ende des schnauzbärtigen Diktators führte zu einer großen Unsicherheit darüber, wer nun eigentlich die Macht im Staate innehatte. Offiziell regierten diverse Parteigrößen kollegial, aber nachdem Beria ermordet wurde (good riddance), setzte sich Chruschtschow einigermaßen überraschend als neuer starker Mann durch, der aber bis 1957 die Fiktion des Kollegialitätsprinzips aufrechterhielt. Zubok zeichnet diese Machtkonflikte und ihre Auswirkungen auf die sowjetische Politik nach. Insbesondere bleibt bis heute weitgehend unklar, welche strategischen Überlegungen (if any) hinter der Deutschlandpolitik dieser Jahre standen, weil die Verantwortlichkeiten obskur und die Erinnerungen der Beteiligten interessengeleitet getrübt sind. Die Tauwetterperiode mit der Kritik am Stalinismus endete nach kurzer Zeit recht abrupt mit der Niederschlagung des Ungarnaufstands, der der Welt deutlich vor Augen führte, welcher Natur das Sowjetregime war, falls daran Zweifel hätten bestehen sollen. Der entscheidende Umbruch jener Jahre war ohnehin die Erklärung der friedlichen Koexistenz als Leitmotiv und ein Ende der Stalin'schen Dauermobilisierung. Stattdessen sollte die sowjetische Wirtschaft modernisiert und der Lebensstandard der Bevölkerung gehoben werden (dazu mehr in Kapitel 6).

Kapitel 5, "The Nuclear Education of Khrushchev, 1953-1963", befasst sich zuerst einmal mit dem Sektor, auf dem die Mobilisierung erst richtig begann: der Nuklearrüstung. Enorme Ressourcen flossen in diesen Bereich, aber Zubok legt Wert darauf, dass die Sowjets nicht wirklich in der Lage waren, die USA aktiv zu bedrohen (Sputnik hin oder her), weil die Raketentechnologie noch nicht so weit war. Gleichzeitig betrachtete Chruschtschow die Atomwaffen als ein enorm wichtiges Asset, mit dem er die USA einzuschüchtern und zu Zugeständnissen zu bewegen gedachte. Damit lief er massiv an die Wand: weder in den Deutschlandkrisen der 1950er Jahre noch in der Berlin- oder Kubakrise war er in der Lage, die Atomwaffen entsprechend zu nutzen. Seine von Hybris geprägte Überzeugung, er könne mit den Atomwaffen bluffen und genau abschätzen, wie die Lage sich entwickelte, platzte in der Kubakrise in einem abrupten Richtungswechsel, der Chruschtschows Position nachhaltig schwächte und ein echtes diplomatisches Desaster darstellte. Zubok gesteht den Sowjets zwar zu, dass ihre strategischen Absichten auf Kuba durchaus einer gewissen Logik folgten, dass aber die Durchführung von wesentlich zu optimistischen Annahmen und einem grundlegenden Missverständnis der US-Mentalität geprägt war.

Das sechste Kapitel, "The Soviet Home Front", befasst sich dann mit der Entwicklung der sowjetischen Bevölkerung. Zwar stellt es für Zubok natürlich eine große Enttäuschung dar, dass das Tauwetter nicht zu einer nachhaltigen Liberalisierung der sowjetischen Gesellschaft geführt hatte; gegenüber der grauen, gulagerzwungenen Uniformität der Stalinära allerdings kann sie sich kaum nicht positiv davon abheben. Nichtsdestotrotz verweist Zubok darauf, dass diese Liberalisierung ein Elitenphänomen weniger Städte, vor allem Moskaus und Leningrads sowie der "geheimen Städte" war. Letztere spielten für die Herausbildung eines kritischen Bewusstseins (such as it was) innerhalb der UdSSR eine hervorgehobene Rolle, weil die dortige Funktionselite von der Gesellschaft weitgehend abgeschottet große Privilegien genoss (die freilich hinter dem allgemeinen Lebensstandard des Westens trotzdem hinterher hingen). Ein faszinierendes Kuriosum ist das große Gewicht, das die KPdSU auf die kulturelle Bildung der Massen legte; sie führte zu gewaltigen Subventionen für Flaggschiffeinrichtung wie nationale Museen oder Ballett. Die Bevölkerung indes hatte dieselben Präferenzen wie der Klassenfeind: westliche Musik und Filme waren Kassenschlager, wo sie zu bekommen waren (und das war überraschend oft).

Kapitel 7, "Brezhnev and the Road to Détente, 1965-1972", befasst sich mit dem Kurswechsel nach Chruschtschows Fall. Chruschtschows Antistalinismus wird von Zubok als klarer Pluspunkt beschrieben, ebenso seine zaghaften Liberalisierungsversuche. Sein impulsives Wesen und seine Obsession, eine Kapazität für einen Sieg in einem Nuklearkrieg aufzubauen und sein Glaube an "nuclear brinksmanship" als siegreiche Strategie führten zu seiner Ablösung durch Leonid Breschnew. Dieser läutete eine neue Eiszeit in der Sowjetunion und ihren Satellitenstaaten ein. Zubok beschreibt ihn als intellektuell herausgeforderten Bürokraten ohne Fantasie, der allerdings einen großen Glaubenssatz besaß: dass es unmöglich sei, einen Atomkrieg zu gewinnen, und sich dementsprechend als Friedensmacher sah. Gleichwohl dachte er immer noch in stalinistischen Kategorien: Friede war nur durch Macht und Respekt zu haben, und dieser sollte durch die Atomwaffen erreicht werden, die diese Anerkennung von den USA erzwangen. Gleichzeitig hielt sich Breschnew außenpolitisch einigermaßen zurück, um ja die Détente nicht zu gefährden, und gab keine große Unterstützung an Vietnam - und selbst die, die es gab, betrachtet Zubok angesichts der Unkontrollierbarkeit Vietnams als Fehler.

Das achte Kapitel, "Détente's Decline and Soviet Overreach, 1973-1979", zeichnet das Auseinanderbrechen der Détente nach. Zubok sieht die Saat des Zerfalls der Sowjetunion hier gelegt: die Sowjetunion weitete ihr Engagement deutlich aus und begann, "postkoloniale" Regime in Afrika zu unterstützen und erhob den Anspruch, weltweit Macht projizieren zu können. Dies überschritt die Ressourcen bei weitem. Zubok betont hierbei die Rolle neuer imperialer Eliten: die Posten im Ausland waren die bestbezahlten in der UdSSR und schufen daher eine Elitenschicht, die ein Interesse an ihrer Fortsetzung jenseits politischer oder ideologischer Gründe besaß. Überhaupt, die Ideologie: zwar gaben die sowjetischen Eliten noch Lippenbekenntnisse zum Marxismus ab, aber der wurde zunehmend zu einer leeren Hülle, die nur noch ein repressives Regime verbarg, weil sie selbst kein großes Interesse mehr an ideologischen Fragen besaßen.

Die sowjetische Außenpolitik mit ihrem von Minderwertigkeitskomplexen getriebenen Machtstreben (immer mehr Raketen, Engagement in der 3. Welt) gefährdete zudem zunehmend die Détente. Diese allerdings litt auch unter einem Machtwechsel in den USA: der zynische Machtpolitiker Nixon wurde zuerst von Ford - der das Projekt noch weiter fortführte und auch über seinen Höhepunkt in Helsinki residierte - und dann von Carter abgelöst, dessen ideologisches Projekt die Durchsetzung der Menschenrechte war, was ihn in permanenten Konflikt zur Führung der UdSSR brachte, die jedoch bereits in einem Abhängigkeitsverhältnis vom Westen gefangen war, dass es ihr unmöglich machte, darüber einen Bruch zu vollziehen. Helsinki erwies sich, genauso wie Carters Menschenrechtsfokus, als langsam wirkendes Gift für die UdSSR, das permanent ihre legitimatorische Basis erodierte. Auch der Exodus der Juden nach Israel gehörte dazu, auf den die Sowjetführung sehr widersprüchliche und widerlich antisemitische Antworten gab. Ebenso widersprüchlich war der Angriff auf Afghanistan, der ein absehbares Desaster darstellte und der Détente den Todesstoß versetzte.

Kapitel 9, "The Old Guard's Exit, 1980-1987", behandelt den Abgang Breschnjews, der zunehmend ein körperliches und mentales Wrack wurde. Seine Medikamentenabhängigkeit hatte den Prozess noch beschleunigt. Die Sowjetunion war teilweise halb handlungsunfähig, weil Breschnjew im Koma lag. Als er endlich starb, erlebte die UdSSR ihren ersten planmäßigen Übergang (nach dem Chaos von Stalins Tod und Chruschtschows erzwungenem Rücktritt), als der ehemalige KGB-Chef Andropov übernahm. Andropov hatte vorher mit zwei weiteren mächtigen Personen quasi als Troika die UdSSR geführt und ein Interesse daran gehabt, Breschnjew im Amt zu lassen, um hinter den Kulissen keine Konkurrenz zu besitzen. Nun war er selbst am Ruder, aber bereits todkrank. Andropov war ein Mann der alten Schule, der zwar die Notwendigkeit von Reformen erkannte, diese aber eher in einer klassisch stalinistischen Mobilisierung umzusetzen gedachte, für die die Voraussetzungen nicht mehr gegeben waren, gerade weil die ideologische Aushöhlung der UdSSR so weit fortgeschritten war. Er kam aber auch nicht mehr dazu, darin groß zu scheitern, weil er schnell verstarb. Ähnlich erging es seinem noch unbedeutenderen Nachfolger Tschernjenkow. Das Politbüro beförderte deswegen einen scheinbar sicheren Kandidaten an die Spitze. Gorbatschow war jung und linientreu, ein überzeugter Kommunist, der sich durch die Partei hochgearbeitet hatte; ein Vertrauter Andropovs mit großem Reformwillen. Es war die wohl größte personelle Fehlentscheidung des Politbüros.

In Kapitel 10, "Gorbachev and the End of Soviet Power, 1988-1991", sehen wir den Untergang der Sowjetunion. Zubok gesteht Gorbatschow echten Reformwillen zu, aber seine Analyse ist erbarmungslos. Gorbatschow hatte wenig Sachkenntnisse über Außen- oder Wirtschaftspolitik und war ein glühender Leninist, dessen Verständnis des Klassikers aber eher unflexibel und oberflächlich war. Gorbatschows Überzeugung war, dass es eine geistig-moralische Wende in der Sowjetunion bräuchte (man verzeihe die Anleihe), und seine Versuche, dies zu erreichen, endeten desaströs: so versuchte er, den Alkoholkonsum zu reduzieren, trieb ihn jedoch nur in den Schwarzmarkt und beraubte seine ohnehin marode Staatskasse einer wichtigen Einkommensquelle. Seine Glasnost und Perestroika waren ohne Plan und schufen eine Öffentlichkeit, die sich vor allem negativ entlud und keinerlei positive Energien weckte. Die desaströse Entscheidung Breschnjews, in Afghanistan einzumarschieren, wurde von ihm auch nicht entschlossen abgewickelt. Die weitreichendsten Entscheidungen aber betrafen die Außenpolitik, wo Gorbatschow beschloss, die Satellitenstaaten ihrem Schicksal zu überlassen. Zubok erklärt den Selbstmord der Sowjetunion unter Gorbatschow mit dessen ideologischem Eifer; er schreibt ihm eine Überzeugung zu, in ein freundschaftliches Verhältnis mit den USA und Europa eintreten zu können. Am Ende zerfiel der Staat und gab seine Macht weitgehend blutlos ab - ein traumhaftes Ergebnis für Europa, aber für die Sowjetunion ein absolutes Desaster. Gorbatschow ist in Zuboks Erzählung ein einziges Desaster - wenngleich eines, das ein Glücksfall für uns war.

Der "Epilogue" schließlich bindet die Erzählung noch einmal mit einem Blick auf diese Lesart ab: Russland als revanchistische Macht und eine wertvolle Lektion für alle anderen Diktaturen, wie man es nicht macht.

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Zubok hat, milde ausgedrückt, keine große Sympathie für die Sowjetunion oder ihr Spitzenpersonal. Möglicherweise leistet das einen Beitrag zu seiner eher teleologischen Schilderung: das "failed empire" musste von Anfang an scheitern. Zuboks Darstellung der Gründe dieses Scheiterns ist grundsätzlich überzeugend allein, der Fokus seiner Arbeit blendet andere Bereiche völlig aus.

So nutzt er einen stark personalen Blickwinkel, in dem vor allem die Generalsekretäre (Stalin, Chruschtschow, Breschnjew und Gorbatschow) und ihre Charaktere die Hauptrolle spielen. Freundlich ist Zubok gegenüber keinem von ihnen. Stalin war ein paranoider Massenmörder, Chruschtschow ein ungebildeter Bauer, Breschnew eine intellektuelle, graue Niete, Gorbatschow ein unrealistischer Idealist. Sicherlich ist diese Darstellung insgesamt nicht falsch, aber die Dynamiken des bürokratischen Apparats, institutioneller Zwänge und auch der Ideologie kommen dabei etwas zu kurz, die Personen werden sehr stark gedeutet.

Dabei hat Zubok ein unabsichtlich wirkendes Leitmotiv: das gegenseitige Missverstehen der USA und der Sowjetunion. Es ist bemerkenswert, in welchem Ausmaß die Sowjets nicht in der Lage waren, das amerikanische politische System zu durchdringen oder realistische Intentionseinschätzungen abzugeben (so waren sie bis in die 1970er Jahre von einem drohenden US-Erstschlag überzeugt). Dasselbe gilt aber auch für die andere Seite; den Amerikanern etwa blieb die grundsätzlich defensiv-konservative Haltung der Sowjets bis zuletzt verschlossen. Beide nahmen jeweils an, sich nur gegen die Aggression des anderen zu verteidigen, und in beiden Fällen mangelte es an Verständnis und Expertise.

Leider neigt Zubok zu einem Ausklammern der USA und anderer Akteure in dieser Geschichte, so dass nur die Fehlentscheidungen der Sowjets diskutiert werden. Dass der Kalte Krieg auch ein System kommunizierender Röhren darstellt und andere Akteure ebenso Entscheidungsfreiheit und Handlungsfähigkeit besitzen, geht darüber gerne manchmal unter.

Das mindert allerdings nicht die grundsätzlich zutreffenden Analysen und wertvollen Perspektiven aus der Quellenarbeit in den sowjetischen Archiven, die Zubok durchgeführt hat. Der Wert des Buchs erschließt sich voll nur denjenigen, die es als Puzzlestein für ihr Kaleidoskop an Gesamtkenntnissen zum Kalten Krieg nutzen können. Für diese allerdings bietet es wertvolle Erkenntnisse und Perspektiven.

 

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