Dienstag, 14. September 2010

Fundstücke VII

Von Stefan Sasse

Auf wimp.com findet sich ein kurzes Video, das 1908 aus einer Straßenbahn in Barcelona heraus aufgenommen wurde. Man sieht darin die Fahrt dieser Straßenbahn durch die Stadt und die Reaktionen der Menschen, die alle versuchen auf den Film zu kommen oder einfach nur erstaunt gaffen. Das ganze fühlt sich an wie eine Zeitreise.

Die rechtlichen Grundlagen des Prinzipats, Teil 1/2

Von Stefan Sasse

Augustus als ewig Jugendlicher
Das Prinzipat des Augustus beendete eine mehrhundertjährige Epoche der römischen Republik. Ihm vorangegangen war fast ein Jahrhundert der römischen Krise, in dem die Republik von Bürgerkriegen, politischen Unruhen und Usurpatoren erschüttert wurde. Der Wandel der politischen Institutionen in dieser Zeit ließ den Senat, das Zentrum der politischen Macht und des gesellschaftlichen Lebens einer kleinen Oberschicht, immer wieder vor schweren Herausforderungen stehen, und auch das immer wachsende römische Imperium brachte für die traditionell kurzen „Legislaturperioden“ der römischen Ämter immer größere Herausforderungen mit sich.

Bereits die Militärreformen des Marius und die folgende Diktatur Sullas hatten die Republik tiefgreifend verändert, doch genauso wie nach den gescheiterten Reformen der Gracchen war man danach zu einem immer stärker erschütterten status quo ante zurückgekehrt. Die letzte Herausforderung, der sich die alteingesessenen Senatoren stellen mussten, war der Aufstieg Cäsars. Es sollte auch gleichzeitig die größte Bedrohung werden und eine, von der der Senat sich nicht mehr erholen sollte. Der Scheinsieg nach der Ermordung Cäsars führte direkt in den nächsten Bürgerkrieg, aus dem Octavius nach nur drei Jahren siegreich über die letzten Verteidiger der Republik triumphierte und später auch seinen Kampfgenossen Antonius niederwarf.

Das Beispiel des ermordeten Cäsar vor Augen, war sich der junge Octavius allerdings vollständig darüber im Klaren, dass er eine andere Methode der Herrschaftssicherung anstreben musste als sein gescheiterter Großonkel. Seine Methode, die Erschaffung des Prinzipats, sollte sich dabei als erfolgreicher und langlebiger erweisen, als es die kurzfristigen Regime bisheriger Herrscher getan hatten und den Tod des Octavius deutlich überdauern.

Freitag, 10. September 2010

Fundstücke VI

Von Stefan Sasse

Auf Youtube findet sich ein Video "The whole history of the Soviet Union arranged to the melody of Tetris". Darin singt ein russischer Arbeiter (auf englisch) zur Tetris-Melodie, wie er die Blöcke anordnet. Diese Blöcke sind Tetrissteine, und über diese Arbeit und ihren Wandel im Lauf der Zeit erzählt er die Geschichte der Russischen Revolution, des stalinistischen Terrors, des späteren Kalten Krieges und dann des Zusammenbruchs der Sowjetunion und dem Aufstieg der Kapitalisten. Visuell ist das Video dabei sehr gut gelungen und fängt die Stimmung der jeweiligen Zeit ein; wer die Referenzen an Tetris wertschätzen kann wird ohnehin Spaß haben und wer die Grundzüge der russischen Geschichte kennt versteht auch die zentralen Aussagen des Videos ("Stalin loves you…!"). Da es allerdings vorrangig Anspielungen sind, sollte man sich nicht der Illusion hingeben tatsächlich informiert zu werden; ohne Vorkenntnisse ist das Video eher langweilig. 

Donnerstag, 9. September 2010

Der Blick in den Abgrund

Von Stefan Sasse

Abzug der sowj. Raketen von Kuba 1962
Die Staatsmänner beider Großmächte standen immer noch unter dem Eindruck der aufregenden letzten Tage. Praktisch unaufhörlich waren die Meldungen zwischen den Außenministerien hin- und hergegangen, und auch die Staatsoberhäupter selbst hatten zuletzt in einem intensiven, fast fiebrigen Kontakt gestanden, um das scheinbar Unabwendbare doch noch zu verhindern. Die Militärs hatten bis zuletzt auf Krieg gedrängt. Schnell zuschlagen, hieß es, solange der Gegner noch im Nachteil und nicht voll vergeltungsfähig war! Es ging um Stunden. Bereits im Verlauf des Tages konnte der Feind die Bereitschaft erlangen, die alle Vorteile zunichtemachen und den Krieg von einer schnellen, entschlossenen Operation in einen nie dagewesenen Weltenbrand verwandeln konnte. Doch die Zivilisten zögerten. Es musste einen Weg geben, doch eine Verhandlungslösung zu erreichen, die es allen Seiten erlaubte, das Gesicht zu wahren. Und sie vollbrachten, was schon niemand mehr für möglich gehalten hatte. Die Militärs mit ihrer unerbittlichen Denkmustern der Mobilmachung und militärischen Effizienz wurden im Zaum gehalten, die kalte Logik der Waffensysteme wurde durch das Primat der Politik bezwungen. Die Welt hatte in den Abgrund geschaut, und sie war erschaudernd zurückgeschreckt. Feierlich erklärte man, künftige Zwischenfälle dieser Art durch direktere Absprachen und Rüstungsbegrenzungen zu vermeiden. Mit diesen Ereignissen endete der August 1914.

Fundstücke V

Von Stefan Sasse

Erika Steinbach, die Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, hat (wieder einmal) für einen Eklat gesorgt, als sie erklärte, dass am Vorabend des Zweiten Weltkriegs alle Großmächte "große Bereitschaft zum Krieg" gezeigt hätten und besonders Polen sich dabei "sehr kriegerisch" gegeben hätte. Die Behauptung von der polnischen Aggression, die den Polen eine gewisse Mitschuld am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zuschiebt, hört man aus revisionistischen Kreisen häufig, ebenso wie der Vorwurf an Frankreich und England, sie hätten den Krieg zumindest billigend in Kauf genommen. Was aber ist dran?

Münchner Sicherheitskonferenz 1938
Der Charme dieser Behauptung liegt darin, dass sie einen gehörigen Kern Wahrheit beinhalten. Das Problem ist nur, dass die Ursachen ausgeblendet und sehr krude Schlüsse daraus gezogen werden. Selbstverständlich zeigte sich Polen im Sommer 1939 so kriegerisch wie möglich, angesichts der unverholenen Kriegsdrohungen des mächtigen Nachbarn, der nicht nur das Sudetenland und Österreich annektiert, sondern auch noch entgegen dem Münchner Vertrag die Tschecheslowakei besetzt und zerschlagen hatte. Im Sommer 1939 war selbst dem letzten Appeaser klar geworden, dass mit Hitler nicht zu verhandeln war. Entsprechend stellten sich nun auch, endlich, England und Frankreich gegen Hitler. Besonders England hatte lange der Illusion unterlegen, man könne Hitler durch Verhandlungen ruhigstellen; nun war klar, dass dies nicht mehr länger möglich war. Man musste sich auf Polens Seite stellen, wenn man den deutschen Aggressionen nicht tatenlos zusehen wollte.

Von einer Mitschuld dieser Länder kann also keinesfalls gesprochen werden. Was sie sich vorwerfen lassen müssen ist eher, diese kriegerische Bereitschaft zum Kampf nicht bereits zwei Jahre vorher gezeigt zu haben, als es noch möglich war, Hitler zum Kuschen zu bringen, und nicht, diese letztendlich doch noch gefunden haben. Es war die harte Entschlossenheit zum Kampf eines Churchills, nicht die Verhandlungsbereitschaft eines Chamberlain, die Hitler schließlich in die Knie zwang. Steinbachs Revisionismus ist deswegen entschieden zu begegnen. Die Schuld am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs trägt Deutschland, und Deutschland allein.

Bild Wikimedia Commons. 

Dienstag, 7. September 2010

Fundstücke IV

Von Stefan Sasse

In der SZ ist ein Artikel über eine neue Ausstellung im KZ Buchenwald erschienen, die sich der Lagerprostitution widmet. Bevor jetzt jeder "Aha" schreit und ein weiteres Mal die Herrenmenschenideologie der Nazis ad absurdum geführt sieht: das waren Bordelle für die Häftlinge. Sie gehörten zu dem Belohnungssystem, mit dem die Häftlinge zur "Loyalität" angehalten wurden; die Prostituierten hatte man oft mit falschen Versprechen geködert. 
Wie so oft bei diesen Geschichten kommt er wahre Ekel aber erst nach dem Krieg: die Prostituierten, die das Ganze überlebt haben, bekamen keine Opferanerkennung. Oftmals waren sie von den Nazis als "Asoziale" (einer der gängigsten Gründe abseits der Rasse, ins KZ zu kommen) abgestempelt worden, eine Einschätzung, die sich in die Bundesrepublik hinüberrettete (wie so manches andere braune Unrecht). Aus Scham schwiegen die Opfer noch zusätzlich, und auch die Täter hatten nur wenig Interesse daran das Ganze aufzudecken. 
Es ist eines der nachhaltigsten Verdienste des Feminismus, solchen Ansichten - irgendwie schon selbst schuld, perverse Lust empfunden, durch vorheriges Lotterleben gekennzeichnet - den Garaus gemacht zu haben. Dass den Opfern postum der Opferstatus durch diese Ausstellung zugesprochen wird ist richtig, und in diesen Breiten dürfte das Problem auch für aktuelle Opfer definitiv Geschichte sein.

Montag, 6. September 2010

Der Erste Punische Krieg - Roms Aufstieg zur Weltmacht

Von Stefan Sasse

Darstellung eines röm. Legionärs Ende 3. Jhd. v. Chr. 
In den 70er Jahren des 3. Jahrhunderts vor Christus hatte Rom die Dominanz auf der italienischen Halbinsel erreicht. Vom Po bis zur Stielspitze gehörten alle Städte und Völker als Bundesgenossen (sociis) zum römischen Reich. Die Republik stand stabil, mächtig und aufstrebend. Auf der gegenüberliegenden Seite des Mittelmeers hatte Karthago, nicht viel älter als Rom selbst, eine Machstellung als See- und Handelsmacht. Zahlreiche Kolonien Karthagos zogen sich entlang der Mittelmeerküsten von Sizilien, Spanien, Nordafrika und Sardinien. Seine Flotten beherrschten das westliche Mittelmeer unangefochten. Karthago zeigte sich mit seiner Ausdehnung zufrieden; im Gegensatz zu Rom verfolgte es keine großen expansiven Tendenzen, sondern wollte seine bisherige Stellung sichern und ausbauen. Auf Sizilien indessen hatte Hiero die Macht über die große Stadt Syrakus an sich gerissen und trachtete danach, die Macht der Stadt zu stärken und zu einem regionalen Faktor auszubauen. Es sollten die Ambitionen dieses Hiero sein, die Rom und Karthago in den längsten zusammenhängenden Krieg der Antike rissen.