Sonntag, 10. Oktober 2010

Der Erste Kreuzzug

Von Stefan Sasse

Statue Urban II. in Clermont
Clermont, Frankreich, im Jahre des Herrn 1095. Papst Urban II. hat ein Konzil in die Stadt einberufen. Dies ist beileibe nichts Ungewöhnliches. Es gibt viel zu besprechen, denn die Kirche befindet sich in einer Krise. Vor etwa 40 Jahren haben sich die Ostkirche mit ihrem Sitz in Byzanz und die Westkirche mit Sitz in Rom in einem Schisma endgültig gespalten. Der Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation weigert sich offen, die Position Urban II. und dessen Oberhoheit über den Kaiser anzuerkennen und unterstützt einen Gegenpapst. Doch auf dem Konzil wird dann eine öffentliche Rede des Papstes zu einem nicht näher definierten Thema angekündigt, die nicht nur Klerikern, sondern allen offenstehen soll. Wegen des Andrangs wird sie schließlich auf das freie Feld vor der Stadt verlegt. Dort spricht Urban II. von den muslimischen Horden, die aus dem Osten in Byzanz einfallen und die heiligen Stätten der Christenheit - Jerusalem, Bethlehem, Nazareth - besetzt halten und dort auf das düsterste schänden. Er ruft dazu auf, das Kreuz zu nehmen und in das Heilige Land zu ziehen, um es von den Ungläubigen zu befreien. Die Ressonanz ist überwältigend. Öffentlichkeitswirksam (und wohl abgesprochen) bittet der mächtige Bischof Le Puy darum, sich dem Zug als erster anschließen zu dürfen, und kaum einen Tag später steht Graf Raimund von Toulouse vor den Toren und verkündet, ebenfalls das Kreuz nehmen zu wollen. In der ganzen westlich-mittelalterlichen Welt - das Reich selbst ist wegen der Unterstützung des Gegenpapstes von dem Enthusiasmus kaum betroffen - stößt der Aufruf auf ungeheure Ressonanz, und bald schon sind zehntausende auf dem Weg in das ferne, unbekannte Heilige Land, in dem nach populären Versprechungen Milch und Honig fließen und das Paradies schon fast verwirklicht ist. 

Mittelalterliche Karte der Levante
Seit dem 7. Jahrhundert hatte die neue Religion des Islam von Osten her kommend gewaltige Erfolge gefeiert. Persien und das Zweistromland waren bald von Kalifen regiert, die ihre Abstammung teilweise direkt auf Mohammed und seine Kalifen zurückverfolgten. Das mächtige Ostrom, Byzanz, erlitt zahllose Niederlagen. Syrien und Ägypten, wichtige Stützpfeiler seiner Macht, fielen an die Muslime, die mit einer klugen Toleranz- und Niedrigsteuerpolitik die Loyalität ihrer neuen Untertanen sicherten, denen es im prosperienden Reich des Islam oftmals besser erging als unter der Knute der byzanztinischen Bürokratie. Im 8. Jahrhundert fiel Spanien an den Islam, und der Vormarsch konnte erst in Frankreich gestoppt werden. Im 10. und 11. Jahrhundert war die Stoßkraft des Islam, der sich in zwei einander befeindende Glaubensrichtungen gespalten hatte - Sunniten und Schiiten - zwar bereits erlahmt. Für das schwerfällige Byzanz allerdings war daraus kein Kapital zu schlagen, im Gegenteil. Mitte des 11. Jahrhunderts verlor Byzanz fast ganz Anatolien, eine wichtige Basis für Truppenrekrutierungen sowie Steuereinnahmen für Ostrom. Die daraus resultierende Finanzkrise bekam das Reich zwar in den Griff, doch ein bedenklicher Mangel an Rekruten blieb. Der Blick des byzantischen Kaisers fiel deswegen auf Westeuropa.

Dort befand sich die mittelalterliche Gesellschaft nicht nur in einer Glaubenskrise. Die Erbteilungen hatten die landwirtschaftliche Leistungskraft bedenklich geschmälert, und das Land konnte seine Bewohner kaum mehr ernähren. Die daraufhin in weiten Teilen eingerichtete Primogenitur - es erbt nur noch der älteste Sohn - und eine rigide Bevölkerungskontrolle durch scharfe Heiratsbeschränkungen machten besonders dem Adel schwer zu schaffen. Alle hatten sich den Zwängen der Großfamilie zu unterwerfen, in der oft genug nur der Älteste heiraten konnte, dafür aber den Rest zu versorgen hatte, sofern dieser nicht im Kloster oder im Krieg ein Auskommen fand. Aber auch in der normalen Bevölkerung blieb die Versorgung der Nächstgeborenen ein ernsthaftes Problem. Dazu kam die immer weiter voranschreitende Befriedigung des Landes. Der Gottesfrieden (treuga dei), von der Kirche massiv propagiert und allmählich durchgesetzt, schützte den Besitz der Kirche und erlegte den fehdefreudigen Feudalherren strenge Regeln auf, die das grassierende und für die Bevölkerung verheerende Fehdewesen immer mehr eindämmten, damit aber dem kriegerischen Adel immer mehr Beschäftigung nahmen. Für Byzanz schien der Westen also ein ergiebiges Rervoir an Soldaten darzustellen, das man mit der richtigen Strategie abschöpfen konnte.

Zu diesem Zweck wandte man sich an den Papst Urban II. und bat ihn, Freiwillige für eine Rückeroberung der verlorenen Gebiete in Anatolien anzuwerben. Dies wertete Urban II. in dem Kirchenschisma natürlich dramatisch auf, hatte er doch den Kaiser gegen sich. Die Bitte Byzanz' gab ihm einen eigenen Kaiser, der hinter ihm stand. Zudem konnte er so vielleicht seinen Anspruch, über den weltlichen Herrschern zu stehen, besser durchsetzen. Aber selbst Urban II. hätte wohl nicht mit der gewaltigen Ressonanz seines Aufrufs gerechnet, die wohl auch auf der durch den Erfolg der treuga dei beruhenden Christianisierung der vorher so wilden und kriegerischen Ritterschaft beruhte.

Dabei stand das Christentum vor einem ernsthaften theologischen Problem, das es bereits seit dem 3. Jahrhundert plagte: in den Zehn Geboten ist das Tötungsverbot recht ausdrücklich festgeschrieben, und auch an den Worten Jesus' Bergpredigt gibt es eigentlich wenig umzuinterpretieren, wenn es um die Frage der Rechtmäßigkeit tödlicher Gewalt geht. Doch seit dem 4. Jahrhundert hatte sich ein Gedankengebäude geformt, das in den Kreuzzügen seinen Höhepunkt fand: Augustinus' Idee vom "gerechten Krieg", dem bellum iustum. Laut Augustinus sei es einem Christen nämlich erlaubt, in einer gerechten Sache zu den Waffen zu greifen, also etwa zur Verteidigung seiner selbst oder derer, die sich nicht wehren konnten. Bis zu den Kreuzzügen hatte man die Idee noch weiter entwickelt: wie viel gerechter musste es denn sein, für die Sache Gottes in den Krieg zu ziehen? In der Reconquista, in der man versuchte, Spanien wieder dem Einfluss der Muslime zu entziehen (ein Prozess, der erst 1492 abgeschlossen sein sollte), hatte sich zusätzlich die Idee geformt, dass Heiden zu töten immer gerecht sein musste. Dieser ideologische Mix führte zu der gährenden Mischung, auf deren Boden die Kreuzzugsidee spross.

Peter der Eremit
Die Begeisterung umfasste jedoch nicht nur den Adel und die Ritterschaft. Von Urban II. unvorhergesehen machten sich zahlreiche arme Wanderprediger des einfachen Volkes daran, den Kreuzzugsgedanken zu predigen und Volksmassen zu sammeln. In Köln warteten sie bald zu zehntausenden auf das Zeichen ihrer Anführer Peter des Eremiten und Walter ohne Habe. Beide zogen mit ihren Anhängern bald auf dem Landweg durch Ungarn nach Byzanz, um von dort aus ins Heilige Land vorzustoßen. Dabei plünderten und brandschatzten sie auf dem Weg, so dass große Teile des so genannten "Volksreuzzugs" ihr unrühmliches Ende in den Schwertern der ungarischen Soldaten fanden. Diejenigen, die es nach Byzanz schafften, setzten ihr unrühmliches Treiben auch dort fort, wurden teilweise an Ort und Stelle getötet oder mit Lebensmitteln versorgt möglichst schnell in Marsch gesetzt. Diejenigen, die Byzanz in Richtung des Heiligen Landes verließen, wurden von den Muslimen bald aufgerieben. Der Volksreuzzug jedoch hatte die Wirkung, den Ruf der "Franken" bereits zu ruinieren, bevor diese wirklich aufgebrochen waren. In Byzanz jedenfalls war die Begeisterung bereits deutlich abgekühlt. 

Besser organisiert und mit größerer Disziplin als der Volkskreuzzug machten sich denn die Adeligen und Ritter ins Heilige Land auf. Sie wählten die gleiche Route, achteten jedoch auf Disziplin, so dass es bis Byzanz keine großen Probleme gab. Allein die logistische Leistung ist bemerkenswert, verbrauchte der Zug doch pro Tag allein für die Reittiere 150 Tonnen Futter. In Byzanz kam es jedoch zwischen dem Kaiser, der von den Kreuzfahrern einen Eid verlangte, und Raimund von Toulouse fast zum Krieg, da dieser den Eid nicht leisten wollte. Erst nach einigen Scharmützeln leisteten die Kreuzfahrer ihn schließlich, wobei bis heute umstritten ist, worin er genau bestand. Manche sagen, es habe sich um einen typischen Lehenseid gehandelt, was bedeuten würde, dass die Kreuzfahrer sich und ihre Eroberungen dem Kaiser unterstellten. Andere argumentieren; sicher ist dagegen, dass die Kreuzfahrer schworen, die verlorengegangenen Gebiete an Byzanz zurückzugeben. Dies war ein Schwur, den keiner von ihnen besonders genau nehmen würde.

Der Erste Kreuzzug
Noch im Einvernehmen mit Kaiser Alexios von Byzanz belagerten die Kreuzfahrer die Hafenstadt Nikaia; die Seeseite wurde von der byzantischen Flotte blockiert. Der Kommandant der Stadt kapitulierte jedoch vor den Byzantinern, die daraufhin aus Furcht vor Ausschreitungen die Stadt für die Kreuzfahrer sperrten und sie zwar gut entlohnten. Die Kreuzfahrer jedoch hatten auf reiche Plünderbeute gehofft und fühlten sich geprellt. Den ohnehin angespannten Beziehungen tat das nicht übermäßig gut. Doch auch die Kreuzfahrer selbst waren sich nicht immer grün. Auf dem Marsch nach Antioch und im Kampf gegen Edessa zeigten sich bereits ernsthafte Meinungsverschiedenheiten, die man noch aus Europa mitgebracht hatte, so dass sich das Heer spaltete. Beinahe wäre es bereits in Anatolien von einem Heer der Seldschuken, eines muslimischen Großstammes, vernichtet worden, doch die Muslime waren sich noch nicht im Klaren über die Natur ihrer Feinde und ihre spezifischen Stärken und Schwächen. Die Kreuzfahrer konnten die Disziplin in ihren Reihen halten und eine Entsatzarmee in den Rücken des Feindes bringen. Dies war der erste einer Reihe von Siegen, die ihren Zug nach Jerusalem begleiten sollen und generell ihrem Glück, ihrer Disziplin und der Unfähigkeit der muslimischen Feldherren und weniger ihrer waffentechnischen Überlegenheit geschuldet waren. Spätere Kämpfe sollten zeigen, dass die Muslime unter guter Führung ihren Gegnern mehr als ebenbürtig waren. 

Bereits nach der erfolgreichen Belagerung und Einnahme der Stadt Edessas zeigte sich der Widerspruch zwischen den hehren Motiven der Kreuzfahrer und der Realität. Balduin gründete die Grafschaft Edessa, anstatt das Land wie versprochen an Byzanz abzutreten, und schied aus dem Kreuzzug aus. Vermutlich reifte ihn Raimund bereits hier der Entschluss, sich selbst ebenfalls einen Teil des Landes zu nehmen, ein Anspruch, den er später in Tripolis verwirklichen sollte. Vorerst jedoch gelang es der Kreuzfahrerarmee, bis vor Jerusalem vorzustoßen, der heiligen Stadt der drei großen monotheistischen Religionen. Auf dem Weg dorthin war ihnen die örtliche Bevölkerung bereits deutlich abweisend erschienen. Dies lag nicht daran, dass es sich bei der Armee um Christen handelte; einheimische Christen gab es genug. Es war vielmehr die Brutalität und Grausamkeit, mit der die Kreuzfahrer vorgingen, ihre kulturelle Arroganz und die Härte ihrer Herrschaft. Sie wurden wahrgenommen als das, was sie waren: Eroberer aus einem fremden Land. 

Belagerung Jerusalems
Der Stadtkommandant von Jerusalem hatte sich vorbereitet. Die Brunnen der Umgebung waren unbrauchbar gemacht und es gab fast kein Holz. Die Vorräte waren in die Stadt geschaffen worden. Schlechte Voraussetzungen also für eine Belagerung, und so versuchten es die Christen mit einem Sturmangriff auf die Stadt. Dieser schlug aus Mangel an Belagerungsmaterial wie Leitern erwartungsgemöß fehl, und so machten die Kreuzfahrer sich an eine entbehrungsreiche, fünfwöchige Belagerung. Es kam ihnen zugute, dass sie die Hafenstadt Jaffa hatten einnehmen können, von der aus sie wertvolle Unterstützung erhielten und schließlich Belagerungsgerät bauen konnten. Endlich begann der Sturm, der nach harten Kämpfen den Durchbruch der Belagerer brachte. Was folgt, war eines der schrecklichsten Blutbäder des gesamten Mittelalters, ein Ereignis, das sich tief in die kollektive Erinnerung der Bevölkerung eingraben würde und noch bis heute eine Rolle spielt. 

Die Kreuzfahrer stürmten durch die Gassen der Stadt und töteten jeden Muslim (oder was sie dafür hielten), der ihren Weg kreuzte. Auch die Juden wurden von ihnen bewusst und unterschiedslos ermordet. Die Gier nach Blut und Gold ließ sie Gefangene töten, Frauen aufschneiden (hatte man doch das Gerücht vernommen, die Einwohner hätten ihr Gold verschluckt, um es vor den Invasoren zu verbergen) und Kinder gegen Wände schlagen. Eine Synagoge voller Juden wurde einfach niedergebrannt, eine Gruppe Muslime, die kapituliert und von dem Feldherren Tankred zu ihrem Schutz dessen Banner erhalten hatte, wurde in der Morgendämmerung ermordet. Nach Berichten zeitgenössischer Chronisten, deren Aussagen freilich in der Forschung nicht ganz unumstritten sind, wateten die Eroberer knöcheltief im Blut. Nach dem Exzess dankten sie Gott und hielten Feiern ab, während die überlebenden Muslime die Leichen vor die Stadt brachten und verbrannten, um Seuchen zu verhindern. Weite Teile Jerusalems hatten sich in eine Geisterstadt verwandelt. 

Kreuzfahrerstaaten 1135
Damit war der Erste Kreuzzug fast schon zu seinem Ende gekommen. Nach der Einnahme Jerusalems eroberten einige Kreuzfahrer sich persönliche Herrschaften, andere kehrten nach Hause. Akkon, Tripolis und Antiochia wurden in der nächsten Zeit zusammen mit Edessa zu den wichtigsten Stützen der Kreuzfahrerstaaten. Das Königreich Jerusalem, als das es sich bald konstituieren sollte, breitete sich bis nach Jordanien hinein aus. Trotzdem waren die Kreuzfahrerstaaten ein dünner, lang gezogener Streifen inmitten einer feindlichen, arabisch-muslimischen Welt. Dass sie sich halten konnten lag vor allem an der inneren Zerstrittenheit der muslimischen Herrscher, die nicht nur über die Frage der Religion gespalten waren, sondern auch von schweren Machtkämpfen zerrissen wurden, die sich im Zeichen des Niedergangs der ägyptischen Fatamiden-Dynastie vollzogen. Würde jedoch ein Mann kommen, dem es gelang, die Muslime zu einigen, so musste das exponierte Heilige Land dem Untergang geweiht sein. Es fast 100 Jahre dauern, ehe dieser Mann eine riesige Armee gesammelt hatte und das Rückgrat der Eroberer bei Hattin brach. Sein Name war Saladin.

Weiterführende Literatur: 

Bildnachweise: 
Urban II - Musklprozz (GNU)
Peter der Eremit - Unbekannt (gemeinfrei)
Erster Kreuzzug - Wikimedia Commons (GNU)
Belagerung Jerusalems - Unknown (gemeinfrei)
Kreuzfahrerstaaten - Wikimedia Commons (GNU)

Kommentare:

  1. Interessanter Artikel, insbesondere im Hinblick auf die Filmbesprechung. Ich muss mir die lange Version auch umbedingt nochmal anschauen!

    Die Kirchenteilung (wie auch die Teilung des Römischen Reichs) sind auch Themen die ich immer fazinierend fand. Leider habe ich mich nie ausführlicher damit beschäftigt.

    Was mich bei den Kreuzfahrerstaaten interessieren würde: inwiefern konnten sie sich später in der Bevölkerung verankern? Durch die Greultaten haben sie besonders zu Anfang sicher einen schweren Stand gehabt.

    In jedem Fall ist das ein Thema das ich bestimmt nochmal im Podcast aufgreifen werde. mal schauen, vielleicht finde ich ja wen Interessantes in Semesterticketreichweite.

    Hoffendlich gibt es noch zu den späteren Kreuzzügen Artikel, ich bin gespannt. Danke erstmal soweit :-)

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  2. Danke für das Lob! Die Kreuzfahrerstaaten haben sich bei der Bevölkerung letztlich wie jeder feudale Staat etabliert - wo lag schon die Alternative? Nach den Kämpfen war die Herrschaft der Kreuzfahrer ja gegenüber den orientalischen Christen zwar stets leicht herablassend, aber nicht besonders drückend. Die Muslime wurden zwar mit Sondersteuern belegt, aber nicht verfolgt. Alles in allem kein Grund, auf dem Rebellionen sprießen.
    Und ja, Artikel zum Zweiten und Dritten Kreuzzug kommen noch. Alles weitere wird sich finden. Kirchenschisma dagegen kenne ich mich praktisch gar nicht aus...

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