Montag, 11. Oktober 2010

Der Hundertjährige Krieg Teil 1/2

Von Stefan Sasse

Phasen des Hundertjährigen Krieges
Von 1337 bis 1453 wütete in Frankreich, Flandern, Spanien und Südengland ein Konflikt, den Historiker im 19. Jahrhundert als "guerre de cinct ans", als Hundertjährigen Krieg, bezeichnen würden. Mit wechselnden Allianzen und ebenso wechselndem Kriegsglück bekämpften sich die englischen und französischen Könige. Der Preis war nichts weniger als die französische Krone, auf die das Haus Valois ebenso Anspruch erhob wie das englische Königshaus. Dabei hatten Frankreich und England bereits die vielen Jahrzehnte zuvor miteinander gefochten, und sie kämpften auch noch viele Jahrzehnte danach gegeneinander - tatsächlich bis zu den napoleonischen Kriegen ins 19. Jahrhundert hinein. Und noch heute schmerzt manchem Engländer die Seele wenn er erkennen muss, dass die französische Flotte über größere Flugzeugträger verfügt als die englische Royal Navy. Doch was macht diesen Zeitabschnitt 1337 bis 1453 zu so etwas besonderem, dass man ihm den Namen "Hundertjärhiger Krieg" gab und bis heute im Gedächtnis hält? 


Der Hundertjährige Krieg impliziert eine Zusammengehörigkeit dieser Epoche von 116 Jahren. Doch was unterscheidet diese Zeit von den Kriegen, die Englands und Frankreichs Herrscher davor oder danach geführt haben? Warum stimmen Historiker darin überein, diese Einteilung gelten zu lassen? Es sei vorweggenommen, dass das bestimmende Element dieser Zeit der Anspruch der englischen Könige auf den französischen Thron ist, den sie durchzusetzen versuchten - zumindest offiziell, der Thronstreit nimmt also in jedem Falle eine legitimatorische Rolle ein. Bevor wir uns dem Konflikt widmen, noch eine Vorbemerkung: Nationalstaaten existierten in dieser Zeit noch nicht. Der Hundertjährige Krieg war ein typischer Feudalkonflikt, in dem Lehensherren mit ihren Vasallen Krieg gegen andere Lehensherren und deren Vasallen führten, ein Krieg um Ansprüche und Titel, keiner um Boden und Eroberung. Wenn also im Folgenden die Rede von "England" und "Frankreich" ist, dann sind damit die jeweiligen Könige gemeint und nicht die Länder grob in ihren heutigen Grenzen. Solange Burguns dem König von Frankreich ergeben ist, wird es unter "Frankreich" subsumiert; zur Zeit seiner England-Allianz wird es unter "England" gefasst. Diese Vereinfachung geschieht im Sinne einer besseren Lesbarkeit.

Verwandtschaftsbeziehungen Englands und Frankreichs
Die Ausgangssituation des Krieges war die folgende: die Linie der französischen Könige, das Haus der Kapetinger, war ausgestorben. Die Nachfolgeregelungen waren, wie so oft in dynastischen Systemen, nicht vollständig klar, so dass zwei Häuser Anspruch auf die Nachfolge erhoben, da sie beide lose verwandt waren: zum einen das französische Haus Valois und zum anderen das englisch-französische Königshaus der Plantagenet. Der französische Anspruch leitete sich daraus ab, dass Philipp VI. von Valois der Vetter des letzten Kapetinger-Königs Karl IV. gewesen war. Der englische Anspruch leitete sich aus dem Fakt ab, dass seine Mutter Isabella die Tochter des französischen Königs Philipp IV. gewesen war.

Doch diese hier vereinfacht dargestellten Erbstreitigkeiten stellten lediglich die äußere, legitimatorisch vorgeschobene Konfliktlinie dar. Es gab auch noch andere Gründe für die beiden Häuser, gegeneinander anzutreten. Plantagenet hatte dank seiner normannisch-französischen Abstammung große Festlandsgebiete gehalten, die jedoch im Lauf des 12. Jahrhunderts größtenteils verlorengegangen waren. Geblieben war nur die Guyenne. Die Engländer nährten die Hoffnung, dass sie diese Gebiete wieder gewinnen können und erweitern würden. Für die englische Wirtschaft war die Guyenne wegen der Woll- und Weinexporte von gesteigerter Bedeutung. Mit das größte Problem für England allerdings war, dass die Guyenne technisch dem König von Frankreich als Lehen unterstand. Nicht nur musste also jeder englische König dem französischen die Aufwartung machen und den Lehenseid ablegen; die Untertanen in der Guyenne hatten auch das Recht, sich an den französischen Hof um letztinstanzliche Entscheidungen zu wenden. Effektives Regieren wurde so natürlich unmöglich.

Das vordringliche Interesse des englischen Königs war es also, seine Souveränität in den Festlansbesitzungen zu sichern. Vordringlichstes Interesse des französischen Königs war, dies zu verhindern, denn er betrachtete alle Untertanen als direkte Untertanen seiner Majestät; der Vasall durfte diese gewissermaßen nur zeitweise verwalten. Diese Ansicht war mit dem Stolz der englischen Könige natürlich überhaupt nicht vereinbar. Der offizielle Ausbruch des Krieges 1337 geschah dann, als der französische König ultimativ erklärte, England sei seinen Verpflichtungen nicht nachgekommen und der König habe sich vor Gericht einzufinden. Das war natürlich die faktische Kriegserklärung, und als solche fasste England sie auch auf. Er antwortete damit, dass er seinen Anspruch auf den französischen Thron verkündete und den Krieg erklärte.

Schlacht von Sluy
In den ersten beiden Jahren sah es gut aus für Edward III., König von England: er ging ein Bündnis mit mehreren flandrischen Adeligen ein und führte Kampagnen in der für den Wollexport wichtigen Region. Doch nachdem nichts erreicht wurde und die Feldzüge im Sande verliefen, brach die Allianz auseinander. Frankreich hatte in der Zwischenzeit mithilfe genuesischer Schiffe die Seeherrschaft im Kanal errungen und plünderte südenglische Küstenstädte. Der Handel Englands wurde massiv gestört, das Land rutschte in einen Bankrott und die Gefahr einer Invasion wuchs täglich. Die Bedrohung konnte allerdings in der Seeschlacht von Sluy, wo die Engländer die Franzosen vernichtend schlugen, ausgeräumt
werden. Für den Rest des Krieges besaß England die Seeherrschaft im Kanal.

Im Jahr 1341 bot sich für England eine neue Möglichkeit: in der ohnehin stets unruhigen Bretagne brach offener Bürgerkrieg aus, und England verbündete sich mit Johann von Montfort, während Frankreich Karl von Blois stützte. Der Krieg wogte für Jahre unentschieden hin, in denen die Stadt Vannes mehrfach den Besitzer wechselte und Teile des Landes verheert wurden. 1346 landete Edward III. persönlich mit einer großen Armee auf der Halbinsel von Cherbourg in der Normandie und zog von dort aus in Richtung Flandern, ohne das Gebiet, das er durchquerte einzunehmen und es stattdessen vollständig verheerend. Philipp zog ihm mit einer eigenen Armee entgegen, und bei Crécy kam es zur Schlacht. Deren Verlauf ist schnell erzählt: obwohl die Engländer eine deutlich bessere Position besetzt hielten, drängten die französischen Ritter den König zum Angriff, der mit Rücksicht auf sein Image dem Drängen nachgab. Die Schlacht wurde zum Desaster für die französischen Ritter, die den englischen Langbögen nicht gewachsen waren. Die Verluste waren grauenhaft, und der Schlag für das eigene Selbstverständnis, von den "barfüßigen Lumpen" besiegt worden zu sein, ebenso.

Darstellung der Pestfolgen in Europa aus dem 15. Jhdt.
1348 begann die Pest, die in Europa wütete, England zu erreichen. Als das Land 1356 ihre Auswirkungen überstanden hätte, rüstete der Prince of Wales, ebenfalls ein Edward und zur Unterscheidung von seinem königlichen Vater und wegen seiner Rüstung "Der schwarze Prinz" genannt, eine Armee und marschierte von Gascogne aus in Frankreich ein. Bei Poitiers wiederholte er die Taktik von Crécy und gewann einen neuerlichen Sieg gegen Frankreich, bei dem zu allem Überfluss der König Johann II. in die Hände der Engländer fiel. Die sich hinziehenden Verhandlungen um ein Lösegeld führten in der Folge zu einem effektiven Kollaps des gesamten französischen Verwaltungsapparats. Im Zweiten Londonvertrag wurde Johann schließlich gegen Lösegeld und die Abtretung der Aquitaine befreit. Ab 1358 jedoch fiel das Land noch weiter ins Chaos: nicht nur wanderten unbeschäftigte Soldateska durch das Land und verheerten es, die Bauern führten außerdem einen Aufstand - die so genannte Jacquerie - an, die sich gegen den korrupten und inkompetenten Landadel richtete. Der König wurde ausdrücklich ausgenommen, eine Stärkung seiner Position gewünscht. Das Motiv, dass der König nur von schlechten Beratern umgeben und eigentlich gut sei, wird sich noch bei der französischen Revolution 1789 wiederfinden. 

Zum dritten und letzten Mal fiel Edward III. daraufhin in Frankreich ein, und obwohl wegen des Chaos' innerhalb des Landes keine Armee gegen ihn stand gelang es ihm weder Paris noch Reims einzunehmen. Karl V., der Dauphin (Thronfolger) hielt Paris gegen Edward, so dass dieser schließlich 1360 Frieden schloss. Dieser Friede beendete die erste Phase des Hundertjährigen Krieges und wird nach dem Ort der Unterzeichnung Friede von Brétigny genannt. In ihm bestätigte England nicht nur den Besitz der Guyenne und Aquitaniens, sondern auch noch der Hälfte der Bretagne, den Point du Calais und die Stadt Ponthieu. Außerdem befanden sich rund die Hälfte der französischen Vasallen in einem Bündnis mit England. Im Gegenzug aber gab Edward III. den Anspruch auf den französischen Thron auf. Der Friede freilich war, wie wir wissen, nicht von allzulanger Dauer. Weder gab Edward III. offiziell den Anspruch auf, noch hielten Johann II. und Karl V. ihre Seite des Handels ein. Als Karl sich stark genug fühlte, erklärte er 1369 unter dem Vorwand der Nicht-Einhaltung des Vertrags erneut Krieg gegen England.

Krieg in Spanien
England gelang es zwar indessen, den Krieg in der Bretagne für sich zu entscheiden. Edward III. war jedoch zu alt, um weiterzukämpfen, und 1371 wurde der schwarze Prinz krank und starb 1376. Einige andere Generäle fielen ebenfalls aus, so dass die Franzosen gute Gewinne machen konnten. An dieser Stelle jedoch müssen wir den Blick von Frankreich abwenden, um das größere Bild im Auge zu behalten. Der Hundertjährige Krieg involvierte über die zahllosen Bündnisse der beiden Hauptkriegsteilnehmer England und Frankreich auch noch eine Reihe weiterer Gebilde. Kastilien war von starkem englischen Interesse, unter anderem wegen seiner Flotte, die die Seeherrschaft im Kanal gefährden konnte, so dass der Krieg immer wieder auch auf die iberische Halbinsel übergriff. Flandern und die anderen "tiefen Länder" waren oft genug in den Krieg involviert, sei es wegen der Bedeutung ihres Handels, sei es, weil sie über Bündnisse direkt eingriffen. Frankreich verfolgte Interessen in Italien und eroberte Avignon, als es sich in das Papst-Schisma einmischte, und das Heilige Römische Reich Deutscher Nation unterstützte immer wieder die englischen Aspirationen finanziell, um Frankreich zu schwächen.

Der wichtigste Nebenkriegsschauplatz aber, der einem breiten Publikum seit 1995 durch den Film "Braveheart" bekannt sein dürfte, ist Schottland. Die Schotten waren ein notorischer Unruheherd an der englischen Nordgrenze und damit ein natürlicher Verbündeter Frankreichs. Ihr Aktionsradius ragte bis weit nach Nordengland hinein, selbst eine befestigte Stadt wie York war vor ihnen nicht sicher. Obwohl es England gelang, das schottische Königstum auszuschalten, konnten sie die Region nicht befrieden. Die Schotten wandten eine Art Guerillataktik an und zogen sich immer wieder in die unzugänglichen Highlands zurück. Schottische Söldner dienten außerdem fast den gesamten Krieg hindurch in Frankreich gegen England. Der Hundertjährige Krieg ragte also weit über die Grenzen Englands und Frankreichs hinaus.

Johann der Furchtlose
Die Misserfolge Englands führten zu einer schweren Krise innerhalb des Landes mit Bauernaufständen, Bankrotten und Wirtschaftszusammenbrüchen. Zum Glück für England war die Lage in Frankreich keinesfalls besser, und um die Erosion ihrer Herrschaft zu verhindern mussten die beiden einen Frieden schließen, der denn auch der am längsten haltende in der gesamten Kriegsperiode war. Dieser Friede von Leulingham wurde 1389 nahe Calais geschlossen und enthielt letztlich eine Bestätigung des status quo. Obwohl keine Seite zufrieden war und besonders Henry IV. von England plante, möglichst bald wieder in Frankreich Krieg zu führen, wurde er mehrfach verlängert und hielt schließlich bis 1415. Diese Zeit war jedoch alles andere als friedlich. England hatte es mit Aufständen in Irland, Wales und Schottland sowie starker Piraterie zu tun, die seine Kapazitäten stark beanspruchten, während der französische König Karl VI. im Irrsinn seiner Geisteskrankheit versank und dadurch ein offener Bürgerkrieg zwischen seinen Cousins Johann dem Furchtlosen von Burgund und Louis von Orléans ausbrach. Beide Seiten wetteiferten um englische Waffenhilfe.


Den Konsequenzen dieses Bürgerkriegs widmen wir uns im zweiten Teil dieser Darstellung. Es bleibt die Frage, worum es denn bisher eigentlich ging. War es ein Krieg um den Thron Frankreichs, wie die offiziellen Kriegsziele Glauben machen mögen? Genauso hätte man glauben können, im Ersten Weltkrieg wäre es um die Kontrolle von Metz gegangen. Die Leichtigkeit, mit der Edward III. seinen ohnehin unrealistischen Anspruch auf den Thron im Frieden von Brétigny 1360 aufgab lassen ebenso wie die Tatsache, dass er nie zuvor ein Thema gewesen war vermuten, dass es sich um einen taktischen Vorstoß gehandelt hatte. Der wichtigste Kriegsgrund, der auch in Brétigny nicht dauerhaft beigelegt werden konnte, war die Frage nach der Huldigung des französischen durch den englischen König, also die Machtfrage im englischen Territorialbesitz. Der Anspruch auf den Thron Frankreichs dürfte in diesem Bild als Verhandlungsmasse, als bargaining chip, angesehen werden. Das Ziel der englischen Könige scheint weniger gewesen zu sein, Frankreich tatsächlich zu beherrschen, als vielmehr, es zu spalten und damit als Konkurrent zu erledigen, während man gleichzeitig von seinem Untergang profitiert. Wenn dies das Ziel Englands war, so war es ihm 1415 bereits sehr nahe gekommen.

Weiterführende Literatur:

Joachim Ehlers - Der Hundertjährige Krieg
Anne Curry - The Hundred Years War
Kenneth Fowler - The Hundred Years War
Bildnachweis: 
Karte - Andrej Nacu (gemeinfrei)

Stammbaum - Wizardist (CC-BY-SA 3.0)
Sluy - Jean Froissart (gemeinfrei)
Pest - Pieter Bruegel der Ältere (gemeinfrei)
Spanien - Jean Froissart (gemeinfrei)
Johann - Cyberprout (gemeinfrei)

Kommentare:

  1. So ein Zufall :-)
    Ich sitze gerade im Zuge meiner Magisterarbeit an einer Zusammenfassung des 100jährigen Krieges bis 1377 (stellt bei mir aber nur ereignisgeschichtliches Einleitungsgeplänkel dar).
    Nochmal zum Anspruch Edwards an den frz. Thron: Ich denke, das war auch eine ziemlich gelungene PR-Aktion. Rein dynastisch gesehen, war sein Anspruch durchaus solide - nur eben politisch äußerst unrealistisch. Es ist daher nicht verwunderlich, dass er nach dem Tode Charles IV. in der Erbfolge übergangen wurde: Edward war damals (1328) erst 15 Jahre alt, eindeutig Engländer und kein Franzose, und hatte innenpolitische Schwierigkeiten (in erster Linie Nachwehen der Absetzung Edwards II. und Ärger mit den Schotten), zudem erhob er meines Wissens zu dieser Zeit auch nicht nachdrücklich den Thronanspruch.
    Dass er 1337 es dann doch tat, war ja auch ein legalistischer Winkelzug, durch den er endlich in seinen kontinentalen Gebieten frei regieren konnte und es ermöglichte ihn Verbündete zu finden (die ihm dann nichts brachten). Zudem konnte er Vasallen dem franz. König abspenstig machen, wie z.B. in der Bretagne und in der Normandie.
    Kleine Anekdote: Edward verschuldete sich in den ersten drei Jahren des Krieges dermaßen hoch, sodass er nicht nur seinen Kronjuwelen verpfänden musste, sondern auch mehrere königliche Grafschaften. Und was ich ganz amüsant finde, war er für den Bankrott einiger italienischer Bankiers verwantwortlich, die ihm 200.000 Pfund geliehen hatten und die er nicht zurückzahlen konnte. Damals gab es keinen Rettungsschirm ;)

    Nur ein paar cents von jemanden, der gerade zu tief in der Materie drinsteckt und das Wissen irgendwie los werden möchte ;)

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  2. Der Anspruch wurde IMHO erst 1340 verkündet. Aber sonst hast du Recht, ist ein anspruch ohne ihn durchsetzen zu wollen, einfach um den einsatz hochzutreiben.

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