Mittwoch, 13. Oktober 2010

Die französische Revolution Teil 1/2

Von Stefan Sasse

"Die Freiheit führt das Volk"
Bis heute feiern die Franzosen an jedem 14. Juli mit einem gewaltigen Fest den Jahrestag des Sturms auf die Bastille in Paris im Jahre 1789, der als Zeichen des Volksaufstands gegen den König gewertet wird. Trotz des späteren Terrors (terreur) gilt die Revolution noch heute wenn nicht als Geburtsstunde, so doch als Wiedergeburtsstunde der grande nation, und sie beschäftigt die Vorstellungskraft bis heute. Welche Geschehnisse aber führten zur Revolution? Was ist dran an den Geschichten, Marie Antoinette hätte dem hungrigen Volk schnippisch entgegnet, wenn es kein Brot habe solle es Kuchen essen? Warum führte Frankreich bald Krieg gegen alle seine Nachbarstaaten, wie konnte es ihn gewinnen? Und wie konnte die Revolution in den Terror übergleiten? Diesen Fragen wollen wir uns im Folgenden widmen. 

Die französische Monarchie des späten 18. Jahrhunderts ist dem Anspruch nach noch immer eine absolute. Der König ist von Gottes Gnaden der alleinige Souverän und entscheidet über die Geschicke des Landes. Dabei stehen ihm die drei Stände bei: der Erste Stand des Klerus' sorgt für das Seelenheil der Bevölkerung und die Versorgung der Armen, zwei Aufgaben, mit denen er seine extensiven Besitztümer legitimiert. Der Zweite Stand des Adels beschützt die Menschen und verwaltet die Provinzen, in die Frankreich traditionell und noch immer höchst unregelmäßig aufgeteilt ist. Außerdem berät er den König. Der Adel steht qua Geburt über dem einfachen Volk und genießt zahllose Privilegien (von der Kaninchenhaltung bis zur Steuerfreiheit). Zusammen machen der Erste und Zweite Stand etwa 4% der Bevölkerung aus. Der Dritte Stand dagegen umfasst den gesamten Rest, vom Tagelöhner bis zum reichen Kaufmann. Politische Mitspracherechte besitzt er nicht, rechtlich ist er dem ersten und zweiten Stand deutlich schlechter gestellt. Zuletzt hatte der Dritte Stand 1614 bei der Einberufung der damaligen Generalsstände ein Mitspracherecht gehabt. Seither wurden diese nie wieder einberufen.

Der 3. Stand trägt den 1. und 2., Karikatur
Doch der Anspruch der Monarchie besteht in den 1780er Jahren längst nur noch auf dem Papier. Die parlaments, die in deutschen Geschichtsdarstellungen oftmals irreführend als Parlamente bezeichnet werden, sind die Gerichtshöfe des Adels (vor allem des Amtsadels, der seine Priviliegien beinahe erbitterter verteidigte als der alteingesessene Schwertadel), die sich hauptsächlich in den Provinzen finden. Hier spricht der zweite Stand Recht, und einige der mächtigsten parlaments besitzen das Recht, die Entscheidungen des Königs für nichtig zu erklären. Die Adeligen können somit jede Entscheidung des scheinbar absoluten Königs wenn nicht vollständig verhindern so doch zumindest derart ausdauernd hintertreiben, dass das Vorhaben nicht umgesetzt werden kann. Geschickt bringen einige der Adeligen dabei ihre Rolle in Stellung und gerieren sich als Gegenpol zu einem König, dessen Beliebtheit mehr und mehr schwindet. Reformen, die den Ersten und Zweiten Stand belasten, sind in diesem System unmöglich, und der Dritte Stand ist bereits mit zahllosen Steuern und Abgaben belegt und nicht mehr viel leistungsfähiger. Besonders die Situation der einfachen Bürger, deren Verdienst vollständig für die Grundbefürnisse des Lebens aufgezehrt wird, ist leidensvoll. 

Denn die Wirtschaftspolitik Frankreichs ist längst in eine veritable Krise geschlittert. Immer wieder kommt es zu rasanten Ausschlägen des Brotpreises nach oben, so dass die Einkünfte eines einfachen Bauern oder Arbeiters zu mehr als 50% für Brot ausgegeben werden müssen. Dadurch steht kein Einkommen mehr etwa für den Kauf von Kleidung zur Verfügung, was zu einer anhaltenden und bald systemisch wirkenden Absatzkrise etwa der Textilindustrie führt, die zudem international nicht so konkurrenzfähig ist, dass dieser Einbruch mit Exporten auszugleichen wäre; von der damals noch nicht ausgeprägten Infrastruktur einmal zu schweigen, die ein solches Unterfangen auch zumindest ambitioniert gestalten würde. Es kommt also immer wieder zu Hungerunruhen, und die Nachfrage nach einem "gerechten Brotpreis" wird die Revolution maßgeblich mitprägen. In der populären Vorstellung ist es an dem König, für diesen gerechten Preis zu sorgen. Dass er dazu überhaupt nicht die Mittel hat, verstehen die Bürger nicht - und wie sollten sie auch, wo das Königtum sich doch stets als absolut geriert? 

Bettelndes Soldatenweib nach dem Krieg
Dieser innere Widerspruch ist den Königen Frankreichs natürlich nicht verborgen geblieben. Louis XV. unternimmt einige Reformanstrengungen, versucht etwa, die parlaments abzuschaffen und auch den Zweiten Stand an den Abgaben zu beteiligen, indem er ihm einige der Privilegien nimmt, die zu einer effektiven Steuerfreiheit des Adels und des Klerus' führen. Der Staat hat eine gewaltige Schuldenlast, denn die Kriege, die Frankreich geführt hat und führt - besonders der 1763 geendete Siebenjährige Krieg war für Frankreich ein totales Desaster, das zum Verlust vieler Kolonien führte und massiv Geld kostete - haben die Staatskasse bis auf das Äußerste verausgabt. Die Monarchie treibt langsam, aber unaufhaltsam, auf einen Bankrott zu, denn die Einnahmen sind einfach nicht hoch genug, als dass sie die Ausgaben decken könnten. 

Dies freilich liegt nicht nur an der Abgabefreiheit von Adel und Klerus. Das Steuersystem Frankreichs ist auch furchtbar veraltet; das Eintreiben der Steuern liegt oftmals in den Händen privater Eintreiber, (sog. tax farmers) die Quoten für Gebiete festgesetzt bekommen und alles darüber hinausgehende in die eigene Tasche wirtschaften. Oft erlegen sie dem Volk direkt Sondersteuern auf, um ihr Einkommen weiter aufzubessern. Eine effektive Steuerreform könnte die Abgabenlast sogar senken, würde man sie nur vernünftig eintreiben. Doch das bedeutete eine Schwächung des Adels zugunsten bürgerlicher Beamter und Kaufleute. Das allerdings glaubt man verhindern zu müssen, und so bleibt auch diese Reform in den Anfängen stecken. 

Louis XVI.
Die Lage verschlimmert sich durch den frühen Tod Louis XV. Sein Sohn, Louis XVI., ist ein schwächerer Mensch als sein Vater. Er besitzt zwar ein ausgeprägtes Pflichtbewusstsein und einen guten Realitätssinn. Gleichzeitig aber fehlt ihm jedes Talent zum Regieren, während er genau dies aber als seine ihm auferlegte Pflicht sieht. In bester Tradition absoluter Herrscher nimmt er also das ihm von Gott zugeteilte Los auf sich und erwartet, dass der Rest des Volkes ebenso verfahre - eine in der Krise, in der sich das Ancièn Regime befindetet, fatale Haltung. Der König ist notorisch unentschlossen und neigt dazu, auf den Rat des Mannes zu hören, der als letztes sein Ohr hatte. Oftmals zieht er es vor, nichts zu tun und abzuwarten. Eine seiner ersten Amtshandlungen ist die Rückgängigmachung der Reformen seines Vaters. Die Krise frisst sich also tiefer in die Struktur des monarchischen Frankreich. 

Jacques Necker
1788 kommt es bereits zu Unruhen. Die Ernte war wieder einmal schlecht, der Brotpreis ist gewaltig. Die Regierung ist durch die vielen Schulden nahezu handlungsunfähig und treibt auf den Bankrott zu. Eine der populärsten Figuren jener Tage ist der Schweizer Jacques Necker, der bis 1781 als Finanzminister gedient hatte, einen von Geburt her nicht hervorstechenden Mann, der aber besonders beim Bürgertum hohes Ansehen genießt und dem allein man die Lösung der Finanzkrise zutraut (und ihn dabei wohl heillos überschätzt). Necker wird bald, besonders durch das Betreiben des Literaturzirkels seiner Frau, zum Kristallationspunkt aller Reformhoffnungen. Vor allem seine Offenlegung des königlichen Budgets 1781, das wegen der darin aufgelisteten riesigen Hofhaltungskosten für landesweite Entrüstung (und seine Entlassung) sorgte, haben seinen Ruf begründet. Im Herbst 1788 beruft der König ihn erneut als Finanzminister und kommt somit der allgemeinen Stimmung entgegen. 

Necker sah die einzige Chance zur Rettung der Monarchie in der Erschließung neuer Einnahmequellen. Die Verweigerungshaltung der parlaments aber ließ dafür praktisch nur noch einen Ausweg: die Einberufung der Generalsstände. Dem König behagte die Vorstellung, als von Gottes Gnaden regierender Herrscher einer Volksversammlung, und seien der Erste und Zweite Stand noch so überrepräsentiert, seine Finanzen darlegen und um zusätzliches Geld bitten zu müssen, überhaupt nicht. Er sah schließlich aber selbst keinen anderen Ausweg mehr, als sich neue Steuern von den Generalsständen bewilligen zu lassen. 1614 waren sie mit jeweils 300 Abgeordneten angetreten und hatten nach Stand abgestimmt (was wenig überraschend auf ein 2:1 Votum gegen den Dritten Stand hinauslief). Ein Hauptanliegen der Abgeordneten des Dritten Standes war es dementsprechend, nicht nur eine Verdopplung ihrer Abgeordnetenzahl gegenüber dem ersten und zweiten Stand zu erringen - was der König bewilligte - als auch eine Abstimmung nach Köpfen und nicht nach Stand zu erzwingen, was der König aber in der Schwebe ließ. 

An dieser Stelle müssen wir uns näher mit dem Dritten Stand befassen. Es ist eine Krankheit populärer Geschichtserzählungen, solche Vertretungen wie die Repräsenaten des Dritten Standes in den Generalsständen als "das Volk" zu subsumieren. Selbstverständlich aber handelte es sich bei den Abgeordneten, die alsbald nach komplizierten Verfahren für die Generalsständeversammlung gewählt wurden, nicht um Bauern und Handwerker. In ihrer überwältigenden Mehrheit waren es Juristen, reiche Intellektuelle, die mit der überwiegenden Mehrheits des Dritten Standes so wenig zu tun hatten wie der vielgeschmähte Erste und Zweite Stand auch. Ihnen war es an einem Ablegen der Fesseln gelegen, die die Wirtschaftstätigkeit des Landes lähmten - und damit auch ihren eigenen Wohlstand. Das Schicksal der Bevölkerungsmehrheit interessierte sie nur insofern, als dass es ihre eigenen ökonomischen Interessen berührte.

Abbé Sieyès
1789 fanden sich die Generalsstände also in Versailles ein. Die Stimmung war schlecht. Dem König behagte die gesamte Veranstaltung überhaupt nicht, und der Dritte Stand fühlte sich durch ein ihn  entwürdigendes Zeremoniell - so mussten alle seine Vertreter die gleiche schwarze Kleidung tragen wie sie in zeitgenössischen Theaterstücken zur Karikatur des Bürgers genutzte - herabgesetzt. Der Eingangsvortrag Neckers war ein langweiliges Auflisten von Zahlen und Fakten zum königlichen Haushalt, und schnell wurde klar, dass die Generalsstände vor allem einem Ziel dienen sollten: Einnahmen in die königliche Schatulle zu bringen. An Reformen war nicht wirklich gedacht. Dabei gab es auch im Ersten und Zweiten Stand Unterstützung für Reformen; etwa ein Drittel der versammelten Adeligen sympathisierten mit den liberalen Ideen der Vertreter des Dritten Standes, und viele Pfarrer hatten mit dem Luxusleben der Bischöfe wenig gemein. 

Die Verhandlungen schleppten sich dahin. Da der Dritte Stand sich nicht zu Abstimmungen bereit erklärte, ehe nicht eine Abstimmung nach Köpfen beschlossen worden war - die der Erste und Zweite Stand sowie der König freilich blockierten - wurde nichts erreicht. In dieser Situation fiel die Rhetorik eines Abbés Sieyès auf fruchtbaren Boden, der in seinem Pamphlet "Was ist der Dritte Stand?" die einfache Antwort "alles" gegeben und verkündet hatte, dass der Dritte Stand 96% der Bevölkerung und damit die Nation schlechthin repräsentiere. Als sich am 12. Juni bereits einige Kleriker auf Einladung dem Dritten Stand angeschlossen hatten und somit die gemeinsame Front des Ersten und Zweiten Standes bröckelte, erklärte sich der Dritte Stand am 17. Juni zur Nationalversammlung. Der Stab war zerbrochen. 

Der Ballhausschwur
Der König unternahm einen letzten, halbherzigen Versuch, die Nationalversammlung im Keim zu ersticken. Er beraumte auf den 23. Juni eine königliche Sitzung an und ließ das Versammlungshaus des Dritten Standes sperren. Für einige Stunden zogen die Abgeordneten, die sich weigerten aufzugeben, ziellos in Versailles umher, ehe sie sich entschlossen, das königliche Ballhaus - wo sonst immer Tennis gespielt wurde - für ihre Verhandlungen zu nutzen. Im berühmten Ballhausschwur schworen sie, sich nicht eher zu trennen, ehe dem Land eine Verfassung gegeben war. Die königliche Auflösungsorder verweigerten sie mit dem Argument, dass sie die Nation repräsentierten und der König der Nation nichts zu befehlen habe. Noch einmal kam die unentschlossene Natur des Königs zum Tragen: er entschied sich, nichts zu tun und die Abgeordneten an Ort und Stelle zu belassen. Nachdem seine Drohungen in der Sitzung vom 23. Juni nicht fruchteten und einige Adelige offen mit der Nationalversammlung zu sympathisieren begannen, befahl er resignierend am 27. Juni dem Ersten und Zweiten Stand die Mitwirkung. Die Abgeordneten hatten ihr Ziel mehr als erreicht. Die Ausarbeitung einer neuen Verfassung zu einer konstitutionellen Monarchie lag in ihren Händen, und mehr hatten sie sich in ihren kühnsten Träumen nicht erhofft. Während die Abgeordneten nun im ruhigen Versailles hitzig debattierten, braute sich im nahen Moloch Paris jedoch etwas ganz anderes zusammen.

Dort war der Brotpreis auf eine Rekordhöhe gestiegen. Die Entlassung Jacques Neckers durch den König am 11. Juli, der seine Probleme nicht lösen konnte und in seinen Augen die ganze Misere mit der Nationalversammlung verschuldet hatte, rief ob der Beliebtheit seiner Person bereits schwere Proteste hervor. Noch einmal zeigte sich die fundamentale Fehleinschätzung, die parlaments und die Amtsadeligen des Ancien Regime als Verbündete des Dritten Standes zu betrachten, weil sie gegen den König opponiert hatten. Dem Adel war es geschickt gelungen, die Verteidigung seiner Privilegien zur Grundsatzfrage zu stilisieren und sich auf die Seite des Volkes zu stellen. Gegen diese wirkmächtige Propaganda war kein Kraut gewachsen. Der König jedenfalls beordete Truppen nach Paris, um die Situation zu beruhigen. Damit erreichte er freilich das Gegenteil. Mit dem Segen der Nationalversammlung begann man, eine Art Miliz aufzustellen, die Nationalgarde. Die Ereignisse waren jedoch bereits im Rollen. Die Massen Paris' drängten zur Bewaffnung, um sich gegen den König zur Wehr setzen zu können und begannen Depots zu plündern. Einige Stadtbeamte retteten sich, indem sie die Massen gezielt in die richtige Richtung lenkten und sich an die Spitze des Protests zu stellen versuchten. Nachdem einige Waffenlager ausgeräumt waren, stellte man fest, dass es zwar Gewehre gab, aber kaum Pulver. Man wusste aber, dass große Mengen davon in den Kellern der Bastille lagerten. 

Sturm auf die Bastille
Die Bastille ist wie kaum ein anderes Gebäude zum Symbol hochstilisiert, eine gewaltige Gefängnisfestung im Zentrum Paris'. Dass sie inzwischen freilich ein Luxusgefängnis für kaum ein Dutzend äußerst priviligierter Gefangener war, die teilweise freiwillig länger blieben, konnte das Bild vom düsteren Trakt für politische Gefangene nicht ernsthaft ankratzen. Verteidigt wurde die Bastille indessen gerade einmal von einigen Invaliden; effektiv war sie nicht zu verteidigen. Das darin gelagerte Pulver und ihr Symbolwert machten sie zusammen mit diesem Fakt zum unwiderstehlichen Ziel für die Revolutionäre. Bald zogen die Menschen vor der Bastille auf, deren Kommandant de Launey sie verrammeln und die Zugbrücke hochfahren ließ. Man forderte nun ihre Aufgabe und das Herausrücken des Pulvers. In richtiger Einschätzung der Lage verweigerte de Launey, die Tore für den Mob zu öffnen, erklärte sich aber zu Verhandlungen bereit. Eine Delegation Bürgerlicher wurde hineingelassen, überzeugte sich dass praktisch keine Soldaten anwesend waren und begann zu verhandeln. Indes wurden die Menschen draußen unruhig. Hatte de Launey die Delegation gefangen? Das Gerücht machte schnell die Runde, und bald drängte die Menge vor. De Launey verschloss den zweiten Innenhof und begann die Menge durch gezielte Schüsse herauszutreiben. Danach feuerte man hin und her, und die Menschen hatten bald zig Tote zu beklagen. 

In diesem Moment hatte jemand eine Kanone gefunden und vor die Mauern gezogen. Als man den Beschuss der Bastille begann, musste de Launey endgültig Verhandlungen anbieten. Der Mob freilich kümmerte sich um die ausgehandelten Bedingungen wenig; de Launey und einige seiner Invaliden wurden ermordet, sein Kopf feierlich durch die Straßen getragen. Das Volk war nun bewaffnet. Der König zog daraufhin seine Truppen aus der Stadt zurück und überließ den Bürgerlichen und der Nationalgarde das Feld. Letztere wurde vom Marquis de Lafayette kommandiert, einem Helden des amerikanischen Bürgerkriegs, der sehr amerikanisch in den Prinzipien der Revolution dachte. Die Stadtverwaltung von Paris wurde von Bailly ausgeübt, der sie nach seinen Vorstellungen zu reformieren begann. Auch in den Provinzen begannen die Städte, ihre Verwaltungen nach diesem Muster zu reformieren ("munizipale Revolution"). Während Paris damit vorerst wieder einigermaßen zur Ruhe kam, begann auf dem Land am 17./18. Juli eine eigene Revolutionswelle. Die Bauern, von denen in der Revolution bisher überhaupt nicht die Rede gewesen war, begehrten plötzlich auf. Klöster und Schlösser wurden mit dem Ziel gestürmt, die Urkunden zu vernichten, die den Status der Bauern festschrieben und oftmals auch ihre nicht unbeträchtlichen Schulden. Unvermittelt hatte die Revolution eine Wendung genommen und war nun ebensosehr eine soziale Revolution wie eine politische. Der Nationalversammlung in Versailles konnte diese Entwicklung keinesfalls behagen. 

Die Verhandlungen über die Verfassung erhielten dadurch eine Wende. Rund 100 Abgeordnete entschlossen sich, die Menschenrechte, die man aufzunehmen gedachte, noch vor der Verfassung zu verkünden. Mit Unterstützung einiger liberaler Adeliger, die öffentlichkeitswirksam den Verzicht auf ihre Privilegien verkündeten, wurden sie am 4./5. August in einem Überraschungscoup durch die Versammlung gepeitscht und der Bevölkerung unter dem Schlagwort "Das Feudalregime ist zerbrochen" verkündet. Die frohe Botschaft enthielt alles andere als die ganze Wahrheit, beendete die Revolution auf dem Land aber mit einem Schlag. Vielmehr beinhalteten die Bestimmungen, dass die Feudalrechte durch Zahlungen mit 3,3% Zinsen abgelöst wurden. Die Bürgerlichen hatten damit eine rechtliche Gleichstellung ihrer Güter mit denen des Adels erreicht. Für die Bauern änderte sich die Situation nicht grundlegend. Am 26. August wurde dann die wegweisende Erklärung der Menschenrechte selbst verkündet, deren Unterschrift der König aber verzögerte. Er wollte in der Verfassung ein möglichst bedeutendes Veto-Recht für sich herausschlagen, ein Ziel, das die "linken" Abgeordneten zu verhindern gedachten ("links" heißt im Zusammenhang der Revolution republikanisch, "rechts" konstitutionell-monarchisch). 

Zug der Frauen nach Versailles
Diese Verzögerungshaltung brachte einige Linke dazu, die Revolution erneut anzufachen. Jean-Paul Marat gründete im September den "Volksfreund", eine radikale Zeitung. Auch andere stachelten die Stimmung wieder an. Da sich die Versorgungslage noch immer nicht gebessert hatte, war ihnen dies auch ein leichtes. Eine große Gruppe Frauen beschloss, nach Versailles zu marschieren und vom König eine direkte Verbesserung der Versorgungslage zu fordern. Bald schlossen sich tausende andere Bürger dem Zug an, und Lafayette setzte sich mit der Nationalgarde an die Spitze, um Schlimmeres zu verhüten. In Versailles schützte die Garde entsprechend auch den König, nicht aber ohne sich hinter das Ziel der Massen zu stellen, den König und seinen Hofstaat zum Umzug nach Paris zu bewegen, wo er besser zu kontrollieren war. Der schmähliche Umzug war ein Trauma für den König und begründete endgültig seine innere Ablehnung der Revolution. 

Vorläufig jedoch verbesserte sich die Lage: die Ernte war gut, und so ging man zuversichtlich ins Jahr 1790, das als "glückliches Jahr" bekannt werden sollte. Noch Ende 1789 wurde die Finanzverwaltung Frankreichs grundlegend reformiert, indem man den Klerus vollständig enteignete. Die so freigewordenen Kirchengüter dienten als Deckung einer neuen Papierwährung, der so genannten Assignaten. Anfang 1790 machte man mit dem rechtlichen Chaos der vielen Provinzverwaltungen Schluss und gliederte das Land neu in 83 Departements. Man schuf ein besoldetes Gerichtswesen und Art habeas-corpus-Akte. In den Verfassungsberatungen zeichnete sich ein Kompromiss ab: wahlberechtigt sollten nur Männer mit einem bestimmten Jahreseinkommen sein ("Aktivbürger"), was noch einmal die priviligierte Stellung der Vertreter des "Dritten Standes" unterstreicht. 

Jean-Jacques Rosseau
Es lohnt sich, an dieser Stelle einen kurzen Blick auf die intellektuellen Grundlagen der Revolution zu werfen. In den Jahren vor der Revolution hatte sich in der - wir müssen uns das immer vor Augen halten: schwindend geringen - Schicht des gebildeten Bürgertums eine Begeisterung für den Denker Rousseau breitgemacht, die ihresgleichen suchte. Im Gegensatz dazu waren die Lehren Montesquieus auf kein so nachhaltiges Interesse gestoßen. Das verwundert nicht, denn Montesquieu war im Gegensatz zu Rousseau eher pragmatisch orientiert. Montesquieus Lehre war die von der Gewaltenteilung, der der Staat zum Schutz vor Missbrauch zu unterwerfen war. Ein beliebtes Beispiel des Denkers war dabei England mit seinem kompromissorientierten Zwei-Kammern-System. Diese Idee verwirft Rousseau - und mit ihm die französischen Revolutionäre. Da der Mensch nur im Urzustand gut sei, ist es notwendig, seine negativen Triebe durch etwas zu unterdrücken, das er "Gesellschaftsvertrag" nannte. Dieser Gesellschaftsvertrag verpflichte die Menschen dazu, innerhalb der Gemeinschaft für die Durchsetzung des so genannten "Gemeinwillens" zu sorgen. Diesem habe sich das Individuum auch unterzuordnen. Seinen institutionellen Ausdruck findet der Gemeinwille im Gesetzgeber, der dieser abstrakten Gesellschaft als unbestechlicher Körper vorsitzt. Roussea plädierte also für ein Ein-Kammern-Parlament, das unumstößliche Entscheidungen im Sinne des Gemeinwillens fällt. Dadurch wird nicht nur der Kompromiss ausgeschaltet - es gibt auch kein Existenzrecht für eine Minderheit oder ein Ändern einmal gefasster Mehrheitsentschlüsse. Dieses Faktum wird in der späteren Phase des terreur ungeheuer bedeutsam. 

Vorläufig jedoch sorgte es dafür, dass die Revolutionäre, denen daran gelegen war, eine Legitimationsgrundlage für ein System ohne König bekamen. Dass man Rousseau vor Montesquieu den Vorzug gab, lag nicht nur an dem geschmähten Kompromisscharakter und wenig idealen Menschenbild des letzteren. Einen Gutteil in dieser ideologischen Mischung machte simpler Nationalchauvinismus aus: das ohnehin sehr ambivalente Verhältnis zu England verbot es von selbst, sich schnöde am englischen Vorbild zu interpretieren. Die Revolutionäre wollten nicht nur etwas Eigenes schaffen; sie wollten auch etwas Großartiges schaffen, etwas nie Dagewesenes, geradezu überirdisches. Und sie alle waren davon überzeugt, dass sie es könnten und tun würden. Die Realität sollte ihnen dabei nur wenig später herbe Dämpfer verpassen. 
Fest der Föderation
Indessen zeigte die Nationalversammlung emsige Betriebsamkeit. Man verabschiedete nicht nur die wegweisende Erklärung der Menschenrechte, die über das Vorbild der amerikanischen Bill of Rights noch hinausging. Man bastelte an der Verfassung, in der vor allem versucht wurde, den König irgendwie unterzubringen, und wenn auch nur als Symbolfigur - ein Anspruch, der daran scheitern sollte, dass der König dazu nicht bereit war - und betrieb die Abschaffung des Feudalismus und die Säkularisierung der Kirchengüter. Alle Priester mussten einen Eid auf die Verfassung schwören; wer dies nicht tat, konnte seines Postens enthoben werden. Ein feierlicher Höhepunkt des "glücklichen Jahres" war das Fest der Föderation am Jahrestag der Revolution auf dem Marsfeld, auf dem viele Reden gehalten und feierlich geschworen wurde. 

Doch die Kräfte der Gegenrevolution arbeiteten bereits. Der Papst verbot den Priestern bei Strafe der Exkommunikation, den geforderten Eid zu leisten, und verurteilte die Menschenrechte als "gottlos". In Folge erlitt Frankreich eine religiöse Spaltung, da die Landbevölkerung bevorzugt heimlich ihre "guten" und eidverweigernden Priester aufsuchte, die durch fremde, aufgeklärte eidesleistende Priester einer Zivilreligion ersetzt worden waren, ohne Verwurzelung in den dörflichen Gemeinden. Marie Antoinette bat in einem Brief in Österreich um militärische Interventionen, und die Familie schmiedete Fluchtpläne. Die Flucht selbst, dilettantisch geplant und durchgeführt, endete im Desaster; der König wurde nach Paris zurückgeschafft und unter Hausarrest gestellt. Daran ist auch erkennbar, wie weit die Erosion der königlichen Autorität bereits fortgeschritten war; noch vor einem Jahr hätte ein Postmeister nie gewagt, den König aufzuhalten. Die Stimmung wäre wohl noch viel radikaler gewesen, wenn die Volksversammlung nicht ein politisches Abschiedsschreiben des Königs unter Verschluss halten und die Schutzbehauptung aufgestellt hätte, der König sei entführt worden.

Freiheitsbaum mit Jakobinermütze
Trotzdem schwenkte die Stimmung um. Die radikalen Ideen des Jakobinerclubs, in dem Robespierre auch Mitglied war, und des nicht so exklusiven Clubs der Cordeliers um Marat und Danton, gewannen immer mehr Unterstützung. Ein politisches System mit dem König zu halten, schien für jeden Informierten praktisch unmöglich geworden, auch wenn die Anhänger der Monarchie es noch immer versuchten. Im September 1791 errangen sie ihren letzten Sieg, als die Verfassung einer konstitutionellen Monarchie angenommen wurde. Sie sollte kein Jahr leben, denn bald darauf begann der Krieg gegen Österreich und Preußen. Begonnen hatte ihn Frankreich selbst. In der Hochstimmung der Revolution breitete sich eine unheimliche Kriegsbegeisterung aus; man ging davon aus, dass der Krieg die Revolution stabilisieren würde. Tatsächlich brachte er Frankreich an den Rand des Untergangs. 

Die Verfassung sah vor, dass Krieg nur im Zusammenspiel des Königs mit der Legislative möglich war. Der König stimmte dem bereitwillig zu, denn er kannte den Zustand der französischen Armee. Tatsächlich leistet sie dem Feind kaum Widerstand, reihenweise liefen Soldaten und Offiziere zum Feind über. Die Revolution verfügte, so zeigte sich nun, abgesehen von der Nationalgarde und den sich rasch bewaffnenden Jakobinern über keine militärische Macht. Im Sommer 1792 kam es deswegen zum ersten Sturm auf die Tuilerien (das Stadtschloss des Königs), den dieser noch abwehren konnte, indem er sich die rote Jakobinermütze aufsetzte und so mit der Revolution gemein machte. Dieser Kühlungseffekt währte nur kurz, denn bald darauf wurde das Manifest des Grafen von Braunschweig bekannt, der die Wiedereinsetzung des Königs und die Kapitulaiton der Revolution forderte. Am 11. Juli wurde der Aufruf "Das Vaterland ist in Gefahr!" veröffentlicht, mit dem Freiwillige angeworben werden sollten. Die Ressonanz war überwältigend. Bald marschierten die Soldaten der Revolution mit der Marsaillaise auf den Lippen in Richtung Osten.
Weiterführende Literatur: 

Bildnachweis: 
Marianne - Eugène Delacroix (gemeinfrei)
Stände - unbekannt (gemeinfrei)
Soldatenweib - Daniel Chodowiecki (gemeinfrei)
Louis XVI. - Joseph-Siffrid Duplessis (gemeinfrei)
Jacques Necker - unbekannt (gemeinfrei)
Abbé Sieyès - Jacques-Louis David (gemeinfrei)
Ballhausschwur - Jacques-Louis David (gemeinfrei)
Bastille - Jean-Piere Houel (gemeinfrei) 
Frauen - unbekannt (gemeinfrei) 
Rousseau - Maurice Quentin de la Tour (gemeinfrei)  
Freiheitsbaum - Johann Wolfgang Goethe (gemeinfrei) 

Kommentare:

  1. Die (Vor-)Geschichte der Französischen Revolution liest immer wieder wie ein Krimi. Ich bin schon gespannt worauf du die Schwerpunkte beim zweiten Teil legst. Und da sag mal wer „Geschichte sei langweilig“.

    Interessant finde ich auch immer die was-wäre-wenn-Frage, wenn Louis XVI die angefangenen Reformen seines Vaters erfolgreich fortgesetzt hätte..

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  2. Ich denke, es wäre nicht zur Revolution gekommen. Stattdessen hätten wir wohl eine langsame Entwicklung zur konstitutionellen Monarchie, wenn nicht die Könige sich dagegen gewehrt hätten.

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  3. Der hohe Brotpreis, der die Revolution so überhaupt erst ins Rollen brachte, war aber eigentlich überhaupt nicht auf politisches Verschulden zurück zu führen,. sondern auf die schlechten Witterungsverhältnisse. Daran hätter weder der König, noch sonst wer etwas ändern können.

    Und was den Verweis auf die Vorrechte der Bürgerlichen angeht, muss man feststellen, dass die Ständeversammlung nicht der demokratischen Legitimation der Regierung oder ihrer Maßnahmen diente (sowas wäre damals ein Anachronismus in die Zukunft), sondern denjenigen, die auch die Steuern zahlten, ein Mitsprecherecht geben sollte.

    Die Menschenrechtserklärung Frankreichs geht weiter als die "Bill of Rights"? In denen (wenn hier die ersten 10 Verfassungszusätze gemeint sind) kommen auch kaum Bürgerrechte vor. Wäre auch nicht sehr logisch gewesen. Damals war der Bund in den USA nicht für sehr viele Dinge zuständig (praktisch nur für Aussenpolitik und Handel und Migration zwischen den Staaten und nach Aussen). Gab es damals nicht sogar ein Urteil von SCOTUS, in dem die Verfassung nur für den Bund als Verbindlich betrachtet wurde (Stichwort Entschädigung für Enteignung)?
    Allerdings: Die Virginia Bill of Rights kommen der Erklärung der Menschenrecht schon sehr nahe!
    Siehe hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Virginia_Declaration_of_Rights

    Was Rosseau angeht, so könnte man die franzöische Revolution auch als Geburtsstunde des Totalitarismus zählen.

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  4. Der König hätte selbstverständlich etwas ändern können, wenn man auf die Idee gekommen würde, Subventionen oder Importe zu nutzen. Nur tat man das nicht.

    Kein Zweifel.

    Die "Bill of Rights" sind tatsächlich die ersten zehn Ammendments. Und gerade das erste davon enthält eine ganze Reihe von Grundrechten, für deren Einhaltung der Bund damit sehr wohl zuständig wurde - im Zweifel auch mit der Bundesarmee gegen die Einzelstaaten, wie es ja dann unter Eisenhower auch geschah (Little Rock!).

    Und ja, kann man mit einem bisschen stretch wohl.

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  5. Das finde Ich klasse dass jemand über die Revolution etwas macht :)

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  6. Hier ist ein kleiner Artikel über den Zeitgenossen, der den Sturm auf die Bastille berühmt gemacht hat: http://feisar.de/blog/souvenirs-von-der-bastille/

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