Donnerstag, 9. September 2010

Der Blick in den Abgrund

Von Stefan Sasse

Abzug der sowj. Raketen von Kuba 1962
Die Staatsmänner beider Großmächte standen immer noch unter dem Eindruck der aufregenden letzten Tage. Praktisch unaufhörlich waren die Meldungen zwischen den Außenministerien hin- und hergegangen, und auch die Staatsoberhäupter selbst hatten zuletzt in einem intensiven, fast fiebrigen Kontakt gestanden, um das scheinbar Unabwendbare doch noch zu verhindern. Die Militärs hatten bis zuletzt auf Krieg gedrängt. Schnell zuschlagen, hieß es, solange der Gegner noch im Nachteil und nicht voll vergeltungsfähig war! Es ging um Stunden. Bereits im Verlauf des Tages konnte der Feind die Bereitschaft erlangen, die alle Vorteile zunichtemachen und den Krieg von einer schnellen, entschlossenen Operation in einen nie dagewesenen Weltenbrand verwandeln konnte. Doch die Zivilisten zögerten. Es musste einen Weg geben, doch eine Verhandlungslösung zu erreichen, die es allen Seiten erlaubte, das Gesicht zu wahren. Und sie vollbrachten, was schon niemand mehr für möglich gehalten hatte. Die Militärs mit ihrer unerbittlichen Denkmustern der Mobilmachung und militärischen Effizienz wurden im Zaum gehalten, die kalte Logik der Waffensysteme wurde durch das Primat der Politik bezwungen. Die Welt hatte in den Abgrund geschaut, und sie war erschaudernd zurückgeschreckt. Feierlich erklärte man, künftige Zwischenfälle dieser Art durch direktere Absprachen und Rüstungsbegrenzungen zu vermeiden. Mit diesen Ereignissen endete der August 1914.

Das Szenario klingt nach den dreizehn Tagen der Kubakrise 1962, nicht wahr? Aber weit gefehlt. Es ist ein kontrafaktisches Szenario zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs, der in diesem Fall nicht stattfindet. Er fällt gewissermaßen aus. Auf den ersten Blick mag dieses Szenario absurd erscheinen, jedoch ist es, bei näherem Hinsehen, gar nicht so absurd wie das zuerst den Anschein hat. Jahrzehntelang war die Geschichte der Julikrise 1914 stets mit Blick auf den folgenden Weltkrieg, diese "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts", geschrieben worden. Ob deutsche Revisionisten die "Einkreisung" Deutschlands propagierten, ob Lloyd George verkündete, alle seien so "in den Krieg hineingeschlittert", Fritz Fischer die Alleinschuld des Reiches am Kriege verkündete oder Hans-Ulrich Wehler den "deutschen Sonderweg" erfand - stets endete die Entwicklung im Krieg. Geforscht wurde zwar, wie es so weit kommen konnte und wer die Schuld daran trüge (was bereits Sebastian Haffner in den 1970er Jahren eine merkwürdige Fragestellung dünkte, wo der Krieg damals doch noch anerkanntes Mittel der Politik war). Die Frage, ob es überhaupt zum Krieg kommen müsse, wurde dabei eigentlich nie ernsthaft gestellt.

Wappen Deutsch-Südwestafrika
Und warum auch? Zu erdrückend schienen die Ereignisse von 1871 an auf diesen Konflikt zuzulaufen. Die europäischen Großmächte, deren jahrzehntelanges Gleichgewicht nun durch die Entstehung des starken, jedoch konservativ-autokratischen Nationalstaats gestört war, begaben sich in ein festes System von Allianzen. Die Blöcke rüsteten sich gegenseitig hoch. Millionenarmeen standen praktisch jederzeit verfügbar, und Präventkriegspläne wurden geschmiedet. Deutschland fürchtete sich vor der "Einkreisung", Frankreich wollte das Elsass zurück, Deutschland drängelte sich protzend und plump in den Kolonialwettstreit in Afrika und Südostasien und plante mit dem Bau der Bagdadbahn einen zusammenhängenden Wirtschaftsraum von der Etsch bis an Eufrat und Tigris. Irgendwie lag der Krieg über Jahre in der Luft, teils ängstlich erwartet, teils herbeigesehnt. Als er 1914 da war, wirkte er für manche Zeitgenossen wie ein "reinigendes Gewitter".

Auf diese Art wurde die Geschichte des Krieges und seines Ausbruchs lange geschrieben. Sie scheint ein kohärentes Bild abzugeben. Doch dieses Bild täuscht. Es basiert auf der eigentlich etwas fixen Idee, dass Deutschland ein ganz besonderer Staat sei, einer, der gewissermaßen die Verantwortung für Krieg und Frieden auf seinen Schultern trage. Tatsächlich brachte die Gründung des deutschen Nationalstaats das Gleichgewicht gehörig durcheinander, aber müssen sich die anderen Großmächte durchaus den Vorwurf gefallen lassen, viele der Geburtsfehler des Deutschen Reiches wie die überstarke Rolle des konservativen preußischen Landadels und des Militärs selbst mitgetragen zu haben, indem sie eine Idee wie die des Nationalstaats, die so lange in der Luft hing und oft Bahn zu brechen suchte künstlich eindämmten. Ein parlamentarisches, 1848 gegründetes Reich hätte wahrscheinlich nicht die gleichen Probleme verursacht wie das wilhelminische Reich später. Die Existenz dieses fünften Großreichs per se musste noch nicht zum Krieg führen.

Überlebende Herero
Auch der Militarismus, der übrigens kein rein deutsches Phänomen war - rein deutsch und hausgemacht war vielmehr das Problem, dass die Politik nicht in der Lage war, das Primat über das Militär zu behalten - implizierte nicht von sich aus Krieg. Friedrich Wilhelm rüstete Preußens Armee in einem Maße hoch, das für die Größe des Landes geradezu absurd gewesen war und nahm ein fast krankhaftes Interesse an seinen Soldaten, ohne die Armee jemals in einen Krieg zu führen. Zwischen 1871 und 1914 führte das Deutsche Reich keinen einzigen Krieg, sofern man dem damaligen usus entsprechend den Hereroaufstand 1904 und den Boxeraufstand 1900 nicht mitzählt. Die Furcht der Nachbarn war jedoch keineswegs unbegründet. Der Verlauf des Ersten Weltkriegs zeigt, dass die Möglichkeit eines deutschen Sieges selbst in einem Zwei-Front-Krieg gegen Frankreich und Russland durchaus gegeben war, ganz besonders bei einem Fernbleiben Englands. Was also war geschehen, das diese scheinbare Unvermeidlichkeit erzeugte und nicht zu einem Ergebnis führte, wie es im einführenden Absatz dargestellt ist? Im Folgenden sollen die Bereiche Kolonialpolitik, Flottenwettlauf, Militarismus und Geheimdiplomatie untersucht werden, bevor noch einmal auf die merkwürdigen Gemeinsamkeiten von Kaltem Krieg und der Situation in Europa vor Sommer 1914 hingewiesen werden soll. Am Ende steht eine Überlegung, wie es von der fiktiven Darstellung oben hätte weitergehen können.

Deutsche Kolonien und Schutzgebiete
In der vielzitierten Forderung "Wir wollen auch einen Platz an der Sonne", die Reichskanzler Bülow verkündete, steckt selbstverständlich eine Herausforderung an die damals führenden Kolonialmächte Frankreich und England. Diese waren seit etwa 1890 dabei, die noch nicht verteilten Gebiete der Welt - durchaus beträchtliche Landmassen - unter einander aufzuteilen. Es war absehbar, dass dabei nicht viel unverteilt gelassen wurde, auch wenn angesichts der geographischen und klimatischen Verhältnisse die meisten dieser Verteilungen sich auf das Anmalen von Landkarten beschränken würden. Wenn man also ebenfalls Kolonien wollte, so musste man sich schnell darum bemühen. Aus damaliger Sicht erschien dieser Gedankengang völlig rational und berechtigt, während wir uns heute kopfschüttelnd fragen, wie man wegen eines Palmenstrands so sehr in Wallung geraten konnte. Paradox ist auch, dass Deutschland in der wilhelminischen Phase (1890-1914) kaum Kolonialgebiete hinzugewann. Die größten Gebiete (Deutsch-Südwest- und Deutsch-Ostafrika sowie Togo) hatte man bereits in der Bismarck-Zeit erworben. Gerade die auftrumpfende deutsche "Weltmacht"-Politik der wilhelminischen Ära gewann gerade Kiautschou, das Bismarck-Archipel und einige unbedeutende Streifen Land von französischen Kolonien hinzu. Dabei sorgte der Wunsch nach Kolonien nie für wirklich viel Ärger. Zwar hätten England und Frankreich Afrika sicher gerne alleine unter sich aufgeteilt, aber auch andere Mächte hatten Anteile daran, etwa das Osmanische Reich (Ägypten), Italien (Libyen) oder Portugal (Zentralafrika) und Belgien (Kongo). Kolonialpolitik wurde im Bewusstsein der damaligen Zeit als Ausweis einer Großmacht verstanden, und eine solche war das Deutsche Reich zweifellos. In Gefahr einer kriegerischen Auseinandersetzung um die Kolonien war man nie, während England und Frankreich mehr als einmal beinahe aufeinander geschossen hätte, als sie ihre Grenzen entlang afrikanischer Flüsse und Gebirge zogen.

SMS Von der Tann, erster deutscher Schlachtkreuzer
Eng mit der Kolonialpolitik verwoben ist die deutsche Flottenpolitik, oftmals als die Grundlage für den deutsch-englischen Gegensatz und das schließliche Anschließen Englands an Frankreich und Russland gesehen. Ohne eine Flotte war Deutschland nicht in der Lage, seine Kolonien im Kriegsfall zu verteidigen, soviel stand fest. Auch Großmachtpolitik war für das Reich ohne eine eigene Flotte kaum denkbar, war doch die einzige Großmacht ohne nennenswerte Flotte, Österreich-Ungarn, die schwächste von allen. Der Schluss, dass es für das Überleben als Großmacht einer Flotte bedurfte, lag also nahe. Tatsächlich ist weltweites Engagement nicht ohne eine solche denkbar. Wir wollen uns dabei gar nicht so sehr in moralische Bewertungen verrennen, ob eine solche Weltmachtpolitik in irgendeinem Maße erstrebenswert war. Den meisten Zeitgenossen war sie es, wie es späteren Generationen als Notwendigkeit erscheinen würde, Atomwaffen zu besitzen. Im Kontext der Epoche schien eine Flotte eine Notwendigkeit zu sein. Sieht man sich Deutschlands geographische Lage an, so konnte eine Flotte nur gegen ein Land gerichtet sein: England. Gegen Frankreich hatte man die Armee, genauso wie gegen Russland, und bedurfte einer Flotte nicht. Bezeichnenderweise war die treibende Kraft hinter der Flottenrüstung, die das Reich große Summen kostete und innenpolitisch schwere Streits provozierte, Admiral Tirpitz, der Überzeugung, dass gerade die Flottenrüstung England zu einem Freund des Reiches machen könnte. Tirpitz glaubte, dass England nur einen Partner mit starker Flotte würde als gleichwertig akzeptieren können, dass es auf ein Land ohne Flotte stets herablassend niederblicken würde. Für das Herz eines damaligen deutschen Patrioten, und als solche verstand sich die Bevölkerungsmehrheit zweifelsohne, war das nicht zu ertragen.

Baustelle Bagdadbahn 1913
Aus der Retrospektive scheint es, als ob Tirpitz falsch gelegen wäre und als ob die deutsche Flottenrüstung den Konflikt mit England automatisch heraufbeschworen hätte. Man muss sich aber fragen lassen, ob dem wirklich so war. Frankreich hatte ebenfalls eine starke Flotte und hatte eine deutlich kürzere Distanz zum englischen Mutterland zu überwinden als Deutschland. Russland hatte ebenfalls in der Vergangenheit eine starke Flottenrüstung betrieben. Beide waren lange die Top-Rivalen Englands in der Aufteilung der Welt gewesen, gegen beide hatte England schon mehrfach Krieg geführt - gegen Deutschland bisher nicht. Niall Ferguson formulierte in "Der falsche Krieg" (s. Literaturhinweise unten) die These, dass England nicht wegen der Gefährdung seiner Vormachtstellung durch die deutsche Flottenrüstung und Kolonialpolitik ein Bündnis mit Frankreich und Russland einging, sondern gerade deswegen, weil diese nicht bestand. Das klingt auf den ersten Blick absurd, ist es aber nicht. Denn mit Deutschland konnte sich England in den wenigen Streitpunkten, die man tatsächlich hatte, stets schnell und "überraschend freundlich" (Haffner) einigen. Mit Frankreich und Russland hatte es deutlich größere Streitpunkte. So schossen englische und französische Kolonialtruppen beinahe aufeinander, weil man sich in Faschoda (Sudan) nicht um die Grenzen einigen konnte. Die französische Expansion in Marokko wurde nicht nur von Deutschland argwöhnisch beobachtet. Russland dagegen versuchte stets, die Kontrolle über die Meerengen und damit einen Eingang ins Mittelmeer zu bekommen, ein Unterfangen, das England seit Jahrzehnten zu verhindern suchte. Auch eine russische Expansion Richtung Afghanistan mit indischer Stoßrichtung bereitete den Engländern unendlich viel mehr Kopfzerbrechen als die Bagdadbahn. Deutschland war eben keine Bedrohung für England, denn seine Flottenrüstung stieß bereits im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts an deutliche Grenzen. Es war selbst für die weltstärkste Industriemacht nicht möglich, gleichzeitig die größte Armee der Welt und die zweitgrößte Flotte zu unterhalten. Deutschland hatte England kaum etwas anzubieten, über das man sich hätte einig werden müssen, während die Insel andererseits mit Frankreich und Russland (für die deutsche Außenpolitik gleichwohl überraschend) zu gütlichen Einigungen kam. Warum England sich mit seinem jahrzehntelangen Rivalen Frankreich über große Streitfragen einig werden konnte, dagegen aber ein Projekt wie die Bagdadbahn unwiderrufliche Gräben aufreißen sollte ist nicht wirklich nachvollziehbar.

Begeisterte Zivilisten 1914 bei Verabschiedung von Soldaten
Der deutsche Militarismus war ebenfalls keine auf das Reich begrenzte Erscheinung. Andere Länder rüsteten ebenfalls und hatten tiefe Verbindungen zwischen Zivilgesellschaft und Militär, etwa das republikanische Frankreich. Spezifisch deutsch allerdings waren zwei Dinge. Das erste davon ist die Person des Kaisers Wilhelm II., der sich beständig in prahlerisch-martialischer Pose in den verschiedensten Uniformen ablichten ließ und gerne mit der Faust auf den Tisch schlug, um mit irgendeinem Trinkspruch fantastische Eroberungsziele auszugeben. Die resultierende Militärbegeisterung, der Fetisch für Uniformen und Aufmärsche, war Deutschland allein zu eigen. Er war aber eine äußere Erscheinung: wie bereits erwähnt hatte es ein ähnliches Phänomen im preußischen "Soldatenkönig" schon einmal gegeben, unter dem Preußen ein Hort des Friedens in einem kriegerischen Europa war. Ähnlich verhielt es sich auch mit dem Reich. Wilhelm II. wollte keinen echten Krieg (gegen das Schießen auf Herero und Chinesen hatte allerdings nichts einzuwenden). Große Manöver, Salutsalven, Uniformtausch - das war es, was sein Herz begeisterte. 100 Jahre eher wäre er damit nicht aufgefallen, 1900 wirkte es wie ein furchtbarer Anachronismus. Das Zweite war die fehlende Kontrolle der Politik über das Militär. Kaiser, Kanzler und Reichstag ließen es zu, dass das Militär die Kontrolle über Krieg und Frieden ebenso gewann wie über die Frage, wen es anzugreifen galt. Es ist ein Versagen riesigen Ausmaßes der gesamten Reichspolitik, dass das Diktat der Schlieffenlogik Deutschland durch Belgien marschieren ließ, was sicherlich eine Reaktion Englands hervorrufen musste. Das aber ist ein Problem, das zum einen mit dem Militarismus selbst nur indirekt zu tun hatte - die Loskopplung des Militärs von der Politik plagte auch die alles andere als militaristische Weimarer Republik. Der deutsche Militarismus war so nur eingeschränkt bedrohlich für das Ausland, schaffte aber eine fatale Außenwirkung.

Diese wurde durch die deutsche Diplomatie noch verstärkt. Immer wieder mischte sich Wilhelm II. unvorteilhaft ein und prunkte herum, etwa in der Daily-Telegraph-Affäre oder in den Marokkokrisen. Dieses Auftrumpfen, die Gier nach diplomatischen "Siegen", konterkarierte die außenpolitische Kontinuität seit Bismarck, den Frieden in Europa zu erhalten und Konflikte auf die Peripherie abzuleiten. Insgesamt war die Diplomatie damit zwar erfolgreich, manövrtierte allerdings fast zwangsläufig in bestimmte Sackgassen. So versuchte man die Annexionsbestrebungen Österreich-Ungarns auf dem Balkan zu kanalisieren, indem man sich als Schiedsrichter anbot. Das führte aber zu einer Entfremdung Russlands. Die Tatsache, dass große Teile dieser Diplomatie - man denke nur an den Rückversicherungsvertrag mit Russland - geheim waren, trug zum gegenseitigen Misstrauen nicht unerheblich bei und half bei der Schaffung der Atmosphäre, in der Präventivkriegspläne gediehen.

Schlieffenplan
Der bekannteste davon ist der Schlieffenplan, der, mit Modifikation, schließlich für den deutschen Angriff auf Frankreich genutzt wurde. Es existierten aber entsprechende Pläne auch auf Seiten der anderen Mächte, etwa der französische Plan XVII, der einen Angriff auf Elsass-Lothringen und danach Süddeutschland vorsah, oder die russischen Aufmarschpläne, für die man in den Jahren zuvor massiv in strategische Eisenbahnen investiert hatte. Gerade diese russischen Investitionen in strategische Ost-West-Eisenbahnen in Polen, die keinem anderen Zweck als einen Aufmarsch gegen Deutschland dienen konnten (von den Warenströmen waren sie zu weit entfernt, zudem endeten sie in Grenznähe und verliefen zwischen Garnisonen) schürten die geradezu panische Furcht besonders des deutschen Militärs vor der baldigen Unterlegenheit des Reiches in Rüstungsfragen. Der Automatismus dieser Pläne war es schließlich, der die Regierungen in den Krieg zog, obwohl sie sich dagegen stemmten.

Extrablatt 1. August 1914
Es gab aber keinen Automatismus dafür, dass dies so kommen musste. Es ist interessant, dass gerade die Tatsache, dass es zwischen 1871 und 1914 nicht zum Kriege gekommen war oft als Begründung genutzt wird, dass es "endlich" krachen müsste. Warum? Warum hätte nicht auch diese Krise ebenso wie die Krieg-in-Sicht-Krise 1875 oder die Marokko-Krisen ohne einen militärischen Schlagabtausch von sich gehen können sollen? Der Erste Weltkrieg war nicht das wahrscheinlichste Ergebnis, sondern vielmehr ein sehr unwahrscheinliches. Man erkennt dies auch an der plötzlichen Panik und Überraschung der Zeitgenossen. So viele mögliche Ereignisse hätten den Ausbruch verhindert. Hätte Österreich nicht vier Wochen bis zum Ultimatum verstreichen lassen, sondern sofort Maßnahmen gegen Serbien ergriffen - Russland hätte wohl nicht mobilgemacht. Hätte Österreich die Losung "Halt in Belgrad" ausgegeben, wie man dies noch vorgeschlagen hätte - die anderen Mächte hätten wohl nicht Krieg geführt. Hätte Russland nur teilmobilgemacht - Deutschland hätte den Schlieffenplan nicht ausführen können. Hätte Deutschland den Blankoscheck an Österreich nicht gegeben - es wäre nie so aggressiv gegen Serbien vorgegangen. Nur eine dieser Bedingungen, und der Ausbruch des Ersten Weltkriegs wäre wohl nicht passiert. Zwingend vorgegeben waren sie nicht, nachvollziehbar aus der Atmosphäre und den Bedingungen jener Tage dagegen schon.

Es ist verblüffend, welche Ähnlichkeit die Situation 1914 mit dem Kalten Krieg hatte. Zwei hochgerüstete Bündnissysteme, die jederzeit den Krieg erwarten. Militär, das versucht die eigene Logik zur ultima ratio der Politik zu machen. Erwartung des Krieges bei vielen. Das Bewusstsein, dass dieser Krieg die Welt, wie man sie kannte, beenden würde. All diese Faktoren sind in beiden Fällen vorhanden, doch wurde der Kalte Krieg in 40 Jahren nicht zum Heißen, und genausolange war auch in Europa Friede. In beiden Fällen war es nicht zwingend, dass Krieg auch das ultimative Resultat sein würde.

Weiterführende Literatur: 


Alle Bilder Wikimedia Commons. 

Kommentare:

  1. Vielen Dank! Das war ein sehr aufschlussreicher Artikel mit vielen neuen Perspektiven. Sehr gut!

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  2. "... dass England ... Bündniss mit Frankreich und England einging...".

    Sollte wohl Russland heißen?

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  3. Der Grund für die Briten, auf den Krieg hinzuarbeiten, lag in der wirtschaftlichen Leistungskraft des Kaiserreiches. Deutschland und nicht Frankreich oder Russland war zum schärfsten Konkurrenten der Briten auf dem Weltmarkt geworden.

    In den führenden Kreisen des britischen Empire war der Krieg gegen Deutschland zur Ausschaltung der deutschen Wirtschaft schon lange eine beschlossene Sache. Die USA warteten nur auf die Chance, in diesem Krieg das große Geld mit Waffenlieferungen verdienen zu können.

    Aber eigentlich ist das alles längst bekannt, nur nicht den Schullehrern und Uni-Professoren und nicht den Verlagen und Medien, die noch die britische Kriegspropaganda gegen Deutschland in ihrem Lehrplan und Programm haben.

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  4. Sorry, die These empfinde ich als nicht haltbar. Wirtschaftliche Konkurrenz gab es zu allen Zeiten, ohne dass es Krieg gegeben hätte. Warum plötzlich 1914?

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  5. Wie kommst Du auf die Idee, dass es zu allen Zeiten eine friedliche wirtschaftliche Konkurrenz gegeben habe? Was glaubst Du, was Kolonialismus war? Der britische Drogenkrieg gegen China, die Ausplünderung des Kongo, die britischen Beutezüge gegen die spanischen Schatzflotten.

    Hat man Dir in der Schule erzählt, der Erste Weltkrieg sei durch die Schuld der kriegslüsternen Deutschen entstanden, wegen dem säbelrasselnden Kaiser?

    Dann musst Du Dir die Sache mal näher ansehen. Geh an die Quellen, studiere die Hintergründe der britischen Politik. Fang mit Carroll Quigley über die Gruppe um Milner und Rhodes an. Aber glaube kein Wort, was heute die Professoren an deutschen Unis erzählen.

    http://www.amazon.com/Anglo-American-Establishment-Quigley-Carroll/dp/0945001010

    Du bist sicher ein ehrlicher Bursche, aber Du glaubst wohl noch alles, was sie Dir erzählt haben.

    Du kannst natürlich auch mit meinem Buch über den preußischen Agenten Karl Marx anfangen, um erst mal grundsätzlich den Unterschied zwischen der historischen Wahrheit und den von Schullehrern und Professoren erzählten Geschichten zu begreifen. Oder vielleicht interessieren Dich die Wirtschaftskrisen?

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  6. auch wenn ich ausländer bin (niederländer), nichtdestotrotz interessiert mich die geschichte ab etwa 1850-1950 sehr.

    in einem thread in politik.de habe ich schon die rolle frankreichs und englands ziemlich ausgebreitet analysiert. mit rußland bin ich erst halbwegs. es gibt so ungeheuer viel zu lesen. daneben ist es sehr schwer aus der verdrehungen die wahrheit zu destillieren.

    jedenfalls ist meine meinung, daß zweifelsohne frankreich die größte schuld hat. da hat eine kleine gruppe, die leider die führung innehatte, ab etwa 1880 auf revanche gezielt.

    lese mal hier: http://www.politik.de/forum/geschichte/220587-wk.html

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  7. Wolfgang Waldner hat es schon sehr gut auf den Punkt gebracht!
    Dazu zwei Aussagen von Bismarck:
    1. Gute Beziehungen mit Russland sind die Grundlage für unsere Freiheit (Eine freie Interpretation meinerseits, aber jeder der sich mit Bismarck beschäftigt hat, wisse dieses)
    2. "Ich bin doch kein polnischer Fürst, der einen Zobel trägt, aber kein Unterhemd darunter"
    Dies war Bismarcks Antwort auf das Ansinnen der Kaufmannschaft, Kolonien zu erwerben. Bismarck war stets dagegen.
    Aber immerhin, später, als Wilhelm Zwo darauf Einging, sagte er zu den ersten Soldaten, die in die deutschen Schutzgebiete entsandt wurden: ...und denkt daran, auch die Neger haben eine Seele.

    Vor Ausbruch des ersten Weltkrieges war Albert Ballin in London und wollte diesen verhindern.
    Aber er war in seinen Gesprächen erfolglos und
    kehrte total enttäuscht/deprimiert wieder nach Hamburg zurück.
    Albert Ballin hatte die "Hapag Lloyd" zum grössten Logistik-Unternehmen aller Zeiten entwickelt. Damals gab es sogar eine regelmäßige Route auf dem Nil zum Victoria See.
    Albert Ballin nahm sich 1918 das Leben.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Albert_Ballin

    Wenngleich keine fremden Truppen auf deutschem Boden standen, war D. der Verlierer...soviel zu den Friedensverhandlungen in Versailles.

    ...Geschichtsschreibung unterliegt leider auch der Mode (Und wenn sie noch so idiotisch erscheint - Sie wird gekauft.)


    M.f.G. Ox

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