Von Stefan Sasse
| Nach dem Anschlag |
Am Ende des Krieges hätte sich nur wenig geändert. Die Alliierten hatten bereits 1943 in Teheran beschlossen, dass der Krieg nur mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands enden könne. Ein neues Regime hätte diese vielleicht herbeigeführt, bevor sich Amerikaner und Russen bei Torgau an der Elbe die Hand reichten. Vielleicht. Für dieses Gedankenspiel wollen wir davon ausgehen, dass die Militärregierung der Verschwörer vom 20. Juli Erfolg gehabt hätte.
| Bendler-Block, Innenhof |
Und dieses Szenario zieht die Nachkriegszeit noch gar nicht in Betracht. Schon zwischen 1945 und 1955 erwies sich das braune Gedankengut als deutlich zählebiger, als man angenommen hatte; der konservative Sieg sorgte dafür, dass ein Großteil des NSDAP-Personals quasi pauschal bis in höchste Staatsämter übernommen, die sich an Zwangsarbeit bereicherten Wirtschaftsbosse allenfalls milde Strafen erdulden mussten. Unter einem konservativ-reaktionären Militärregime, wie es bei Erfolg des Anschlags vom 20. Juli unzweifelhaft errichtet worden wäre, wäre diese Tendenz um einiges schärfer ausgefallen.
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| Stauffenberg |
Aus dem Abgrund der Hitler-Diktatur heraus wäre ein solches Szenario noch immer ein Lichtblick gewesen, jedoch ist die Vorstellung eines reaktionären, immer noch stark rechtsgerichteten Nachkriegsdeutschlands, das ohne die Bindung an westliche Demokratien und deren Freundschaft einen harten Nachkriegsalltag fristen muss, vielleicht sogar zerrissen vom politischen Wahnsinn des Morgenthau-Plans und auf Rache sinnend, zutiefst erschreckend. So sehr es auch zu begrüßen wäre, hätten all die Menschen nicht sterben müssen, die zwischen August 1944 und August 1945 ihr Leben verloren – und in diesem einen Jahr starben mehr Menschen als in den fünf Jahren zuvor! -, so sehr muss man sich der furchtbaren Realität stellen, dass ohne den totalen, den vollkommen Zusammenbruch Deutschlands wie Japans die Welt und besonders unsere Heimat heute vollständig anders aussehen würden. Es war die brutale Offenbarung der völligen Niederlage, die sich nicht wegdiskutieren ließ, die es den Deutschen neben der natürlich eine wichtige Rolle spielenden westlichen (besonders amerikanischen) Freundschaftspolitik erlaubte, ihren Frieden mit dem Frieden zu machen und nicht wie nach 1919 auf Rache zu sinnen.
Die Vergeltungswaffen, Wunderwaffen, hatten sich als wirkungslos erwiesen, hatten den Verlauf des Krieges nicht aufhalten können. Die „dekadenten“ Amerikaner waren nicht nur in Frankreich gelandet, sondern hatten das Land befreit, den Rhein überquert, die deutsche Wehrmacht im Hunsrück und in den Ardennen geschlagen und war schließlich von einem Meer weißer Fahnen begrüßt worden. Die Russen trieben die Deutschen durch Polen, die Seelower Höhen, eroberten Festungsstadt um Festungsstadt, überquerten die Oder und eroberten Berlin. Die Deutschen kämpften bis zur letzten Patrone, führten jeden Führerbefehl aus, soweit er sich irgend durchführen ließ bis alles in Scherben fiel. So war das Ausmaß der Niederlage für jedermann deutlich; der musste nur aus dem Fenster sehen, auf die Schuttberge, die einmal deutsche Städte gewesen waren – sofern er überhaupt noch ein Haus hatte. Die totale Niederlage legte den Grundstein für das Gelingen der deutschen Demokratie und vertrieb das Gespenst der extremen Rechten derart gründlich, dass die Ziele des Nationalsozialismus noch heute eine zutiefst verspürte, reflexartige Abwehr hervorrufen, über die man nur glücklich sein kann.
Alle Bilder Wikimedia Commons.
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..sicher, Stauffenberg war ja alles anderes als demokratisch gesinnt. Seine Intention war es, den Krieg zu beenden, denn, obwohl er ja zunächst der nationalsozialitischen Bewegung doch recht zugetan war, passte die Art und Weise der Kriegsführung nicht zu der Einstellung eines adeligen Offiziers. Ja, aus heutiger Sicht war es wohl doch die richtige Fügung, dass das Attentat nicht gelang, auch wenn Stauffenberg als großer Held gefeiert wird. Nein, er war ein sehr mutiger Mann, der für seine Überzeugung starb, aber er wäre nicht der Retter der Nation gewesen.
AntwortenLöschenTolle Idee, ein Geschichtsblog, ich bin der erste regelmäßige Leser...weiter so..
Interessantes Gedankenspiel. Ein wesentlicher Punkt blieb aber leider unberücksichtigt: Wäre das deutsche Vernichtungsprogramm weiter geführt worden?
AntwortenLöschenNein, dafür gibt es keinen Grund.
AntwortenLöschenSie haben völlig recht, Stefan Sasse, das nach einem erfolgreichen Hitler-Attentat sich dann formierende Deutschland wäre zumindest ein anfangs halbfaschistisches und im weiteren Verlauf dann sicher wieder ganz faschistisches geworden, denn die vagen Vorstellungen der Hauptverschwörer hätten sich in dieser Situation nicht durchsetzen können und eine neue Dolchstoßlegende wäre geboren worden. Aus dieser Sicht darf man ganz zufrieden sein, dass das Attentat fehlging und den Deutschen klargemacht wurde, dass sie endgültig ausgespielt hatten.
AntwortenLöschenNun, inzwischen ist die Enkel-Generation an den Schalthebeln der Macht, und es sieht ganz so aus, als habe sie eifrig die Memoiren ihrer Großväter studiert, die nichts aus ihrer Niederlage gelernt haben. Womit ich nicht behaupten will, dass die gegenwärtige BRD eine faschistische sei, aber faschistische Tendenzen, da werden Sie mir nicht widersprechen, beginnen sich mehr und mehr in entscheidenden Kreisen breitzumachen. Warum sonst würden die Festlegungen des Potsdamer Abkommens von den bundesdeutschen Regierungen negiert worden sein? Warum sonst würden die NPD, DVU und Reps und andere faschistische Organisationen nicht nur zugelassen sein, sondern sogar als völlig "normale" Parteien und Organisationen behandelt werden?
Hallo Egon,
AntwortenLöschenich gehe nicht davon aus, dass ein 20.-Juli-Deutschland wieder faschistisch geworden wäre. Der Faschismus ist dafür bereits damals auf zu unsicheren Füßen gestanden und hat in der deutschen Bevölkerung keinen so großen Rückhalt. Das System, das viel besser zu den Deutschen passt, ist ein reaktionär-konservatives, und das wäre auch das System des 20.-Juli-Deutschland gewesen: gewissermaßen ein verschärftes wilhelminisches Reich. Es hätte wohl Pressezensur in einem gewissen Rahmen gegeben, Verfolgungen politischer Gegner und eine starke politische Rolle des Adels, aber ich denke nicht, dass man zum Führerkult zurückgekehrt wäre. Vielleicht hätte man Willys Erben zurückgeholt und als Kaiser einzusetzen versucht - aber da die Niederlage auch nach dem 20. Juli total gewesen wäre (die Alliierten verlangten bereits damals die totale Kapitulation) ist der Gestaltungsrahmen der Verschwörer stark durch die Alliierten begrenzt, und es ist schwer vorherzusagen, wie diese es erlaubt hätte.
Dementsprechend sehe ich auch in der BRD keine faschistischen Tendenzen. "Faschismus" in diesem Sinne ist ohnehin ein stark von der DDR-Propaganda geprägter Gummibegriff, etwa in der gleichen Weise, in der ein Westerwelle "Sozialismus" benutzt, und ist kaum geeignet um Analyse zu betreiben. Die Rechten Parteien bestehen deswegen weiter, weil die BRD Grundrechte für alle garantiert, sofern diesen nicht nachgewiesen werden kann, dass sie aktiv an ihrer Beseitigung arbeiten. Und das ist bisher nicht geschehen. Die SRP wurde seinerzeit genauso wie die KPD verboten; das System ist also nicht völlig blind auf diesem Auge.
Nochmal zum Holocaust:
AntwortenLöschenEinen rationalen Grund für die Massenvernichtung gab es auch vorher nicht, was die Nazi-Deutschen nicht davon abhielt, ihn zu organisieren und durchzuführen.
Insofern: Warum sollten diejenigen, die jahrelang zumindest nichts am Massenmorden auszusetzen hatten (jedenfalls nicht in dem Maße, dass sie deswegen Widerstand geleistet hätten), plötzlich damit aufhören? Ihre ideologischen Grundüberzeugungen, deren Ergebnis u.A. auch der Holocaust war, hatten sie ja nicht aufgegeben.
Selbstverständlich hab es einen "rationalen" Grund: es wurde von oben befohlen. Mit Hitler und seinen Spinnern weg gibt es niemanden mehr, der das Ding am Laufen halten sollte.
AntwortenLöschenNur, dass einige Verschwörer selbst welche dieser "Spinner" waren! Dem gegenüber standen freilich Leute, die auch am Umgang mit den "Untermenschen" Kritik übten - das war aber meines Wissens weder Konsens, noch ging es beim Attentat primär darum. Deswegen halte ich diese Frage für nicht so leicht zu beantworten.
AntwortenLöschenEinem erfolgreichen 20. Juli wäre ebenfalls die Besetzung Deutschlands und, vor allem, der Ostgebiete gefolgt, in denen die Vernichtungslager standen. Selbst wenn die Verschwörer den Holocaust hätten weitertreiben wollen, die faktische Möglichkeit hatten sie nicht. Ich gehe aber auch nicht davon aus, dass sie wollten - die ganze Operation war Wahn von Anfang an und band furchtbar viele Ressourcen.
AntwortenLöschen..der Vernichtungskrieg im Osten war ja u.a. auch ein Grund, warum die Verschwörer den Krieg beenden wollten. Einen latenten Antisemitismus hat es immer gegeben, auch, oder gerade in den adeligen Kreisen, aber von keinem der Beteiligten ist bekannt, dass er den Holocaust befürwortet hat.
AntwortenLöschenStimmt, die ganze Operation war von Angang an Wahnsinn, denn alle waren Soldaten, die wußten, wie man Krieg führt, aber keiner war Politiker, außer Gördeler vielleicht, aber auch nur auf kommunaler Ebene.
Anonym: Interessante Thesen der Generalität gibt es ebenfalls in Sönke Neitzels "Abgehört". Dort wird z.B. von der Öffnung der Westfront fabuluiert (Wehrmachts Truppen gen Osten um die Sowjets zu stoppen). Dies hätte natürlich ganz konkrete Auswirkungen auf den Holocaust haben können, da die Befreiung der Vernichtungslager durch die Rote Armee natürlich so erschwert worden wäre.
AntwortenLöschenZur ganzen Debatte: Sehr interessant, aber kontrafaktische Theorien bleiben eben nur solche..
50% weniger Opfer? Die Frage ist doch, ob der ZWK und der Holocaust solch eine Singularität gewesen wäre. Ich teile obige Analyse nicht. Die Frage ist an sich mühsig und für Träumer. Die Dynamik, die aus solch einem Ereignis ist nicht absehbar.
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