Donnerstag, 19. August 2010

Die Entstehung der Vereinigten Staaten von Amerika

Von Stefan Sasse

Minute-Man (Miliz der Kolonien)
Nachdem wir uns in einem vorhergehenden Artikel bereits mit der Entstehung der amerikanischen Revolution beschäftigt haben, soll dieses Mal die Entstehung der Vereinigten Staaten von Amerika das Thema sein. Bekanntlich folgte auf die Schüsse von Lexington und Concord der Beginn des Krieges, von dem Großbritannien hoffte, dass er innerhalb kurzer Zeit durch die Überlegenheit ihrer Waffen und Erfahrung gewonnen sein würde (man denke an die Ressentiments, die die britischen Soldaten gegenüber den "Amateuren" von der amerikanischen Miliz seit dem French and Indian War 1763 hegten, ohne zu bedenken, wie gut diese Amateure das riesige und unwegsame Kampfgebiet kannten). Die Einzelstaaten hatten sich zum zweiten Kontinentalkongress versammelt und berieten darüber, was nun zu tun sei. Denn tatsächlich war diese Frage keineswegs klar.


Man befand sich offensichtlich in einem Zustand des Kampfes mit Großbritannien, dem eigenen Mutterland. Briten schossen auf Briten. Die einen verteidigten ihrer Meinung nach die ihnen zustehenden Rechte, die anderen glaubten eine unrechtmäßige Rebellion undankbarer Kolonisten niederschlagen zu müssen. Welches Ziel sollten die Kolonien also verfolgen? Noch einmal: die 13 Kolonien waren keinesfalls ein einiger politischer Körper. Ihre Gesellschaften, Mentalitäten und Wirtschaftsstrukturen und damit ihre Ziele waren alles andere als deckungsgleich. Die Pflanzeraristokratie des Südens verband nur wenig mit den Handelsfahrern Massachusetts, und diese wiederum fühlten sich von den religiösen Fanatikern, wie sie etwa in Concord, Rhode Island, zu genüge zu finden waren.

Es war deshalb ein zähes Ringen, sich zu dem radikalen Schritt der Unabhängigkeit zu entschließen. Wurde dieser erst einmal ergriffen, würde es kein Zurück mehr geben. Es gab deswegen nicht zu verachtende Stimmen, die lediglich eine Art Bestätigung ihrer Privilegien und eine Rücknahme der Steuer- und Zollgesetze als Kriegsziel ausgeben wollten, den Verbleib der 13 Kolonien innerhalb des britischen Empire also nicht in Frage stellten. Auch die Frage wie mit Kanada zu verfahren sei war kontrovers. Schließlich aber setzten sich die Befürworter der Unabhängigkeit durch. Eine Rolle wird dabei sicher auch der fortschreitende Krieg und die damit einhergehende Rücksichtslosigkeit der Briten gespielt haben, ebenso wie die Tatsache, dass sich Befürworter der Unabhängigkeit wie Thomas Paine bereits stark exponiert und deswegen weniger zu verlieren hatten. Außerdem gewannen die Unabhängigkeitsbefürworter den publizistischen Kampf um die Meinungshoheit, ein Muster, das sich bei der Annahme der Verfassung 1787 wiederholen würde.

Thomas Jefferson
Ein Komitee wurde beauftragt, eine Unabhängigkeitserklärung zu verfassen, deren Vorsitz Thomas Jefferson innehatte. In Rekordzeit entwarfen dieser eine Unabhängigkeitserklärung, die auch vergleichsweise ungerupft dem Kongress vorgelegt wurde; lediglich ein Passus, der die Sklaverei indirekt verdammte (bezeichnenderweise, indem er dem englischen König die Schuld dafür gab) wurde mit Rücksicht auf die Pflanzer des Südens gestrichen, die das nicht akzeptieren konnten. Noch heute übt die Unabhängigkeitserklärung eine tiefe Faszination auf den Leser aus:
"We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness. That to secure these rights, Governments are instituted among Men, deriving their just powers from the consent of the governed, That whenever any Form of Government becomes destructive of these ends, it is the Right of the People to alter or to abolish it, and to institute new Government, laying its foundation on such principles and organizing its powers in such form, as to them shall seem most likely to effect their Safety and Happiness. Prudence, indeed, will dictate that Governments long established should not be changed for light and transient causes; and accordingly all experience hath shewn, that mankind are more disposed to suffer, while evils are sufferable, than to right themselves by abolishing the forms to which they are accustomed. But when a long train of abuses and usurpations, pursuing invariably the same Object evinces a design to reduce them under absolute Despotism, it is their right, it is their duty, to throw off such Government, and to provide new Guards for their future security."
Unabhängigkeitserklärung
Diese Präambel, die voll den Geist der Aufklärung und die Ideen John Lockes atmet, ist einer Erklärung vorangestellt, in der zahlreiche Anklagen gegen den englischen König erhoben werden. Diese Anklagen sind häufig überzeichnet, manchmal an den Haaren herbeigezogen und dienen der Legitimation der Abspaltung. Am Ende finden sich dann bereits die Worte:
"We, therefore, the Representatives of the united States of America, in General Congress, Assembled, appealing to the Supreme Judge of the world for the rectitude of our intentions, do, in the Name, and by Authority of the good People of these Colonies, solemnly publish and declare, That these United Colonies are, and of Right ought to be Free and Independent States; that they are Absolved from all Allegiance to the British Crown, and that all political connection between them and the State of Great Britain, is and ought to be totally dissolved; and that as Free and Independent States, they have full Power to levy War, conclude Peace, contract Alliances, establish Commerce, and to do all other Acts and Things which Independent States may of right do. And for the support of this Declaration, with a firm reliance on the protection of divine Providence, we mutually pledge to each other our Lives, our Fortunes and our sacred Honor."
Mit dieser Erklärung war der Einsatz beider Seiten gesetzt. Großbritannien musste die neuen Vereinigten Staaten zerstören und als Kolonien wiederherstellen, die wahrscheinlich permanent besetzt werden mussten. Sein Ruf als Großmacht, im 18. Jahrhundert in vielen Kriegen erworben, stand auf dem Spiel. Zahlreiche Mächte von Frankreich über Spanien zu Russland wollten die Briten gedemütigt sehen. Trotzdem hätte kaum jemand Geld auf die amerikanischen Kolonien gesetzt. Diese verfügten über keine Armee, wenig Ausrüstung, keine Finanzmittel, kaum Flotte und keine Verbündeten. Dazu kam, dass die neu entstandenen USA sich eine eigene Verfassung geben mussten - mitten in einem Krieg um ihre eigene Existenz.

Washington überquert den Delaware
Zwischen Juni 1776 und November 1777 wurde diese Verfassung von einem gewählten Ausschuss erstellt und dann den Einzelstaaten zur Ratifikation zugesandt. In der Zwischenzeit waren die Briten massiv gelandet und führten einen Krieg, der, wie sich schnell herausstellen sollte, auf völlig falschen strategischen Annahmen beruhte. Es stellte sich heraus, dass die pure Größe des Landes eine Eroberung unmöglich machte. Zudem unterschätzten die Briten die Bedeutung der Royalisten, gab es doch genügend Kolonisten, die im britischen Empire verbleiben und die Unabhängigkeit nicht mitmachen wollten und einen Miliz- und Guerillakrieg gegen die Continental Army führten. Jedoch schrumpfte diese Bewegung mangels britischer Unterstützung - die britischen Generäle machten den Urfehler des Militärs, ihren Einsatz nach rein militärischen Gesichtspunkten zu führen und die politische Implikation außen vor zu lassen, weswegen ihnen die Sicherheit ihrer eigenen Soldaten deutlich wichtiger war als das Schicksal der Loyalisten - recht schnell zusammen und floss der Continental Army zu. Diese machte in klarer Kenntnis der Kräfteverhältnisse nicht den Fehler, sich den Briten zur Schlacht zu stellen, die Letztere sicher gewonnen hätten.

Britische Kapitulation bei Yorktown
George Washington, ihrem Oberbefehlshaber, war bewusst, dass er auf Zeit spielen musste. Wenn die Briten nicht siegten, würde der Krieg für sie verloren gehen, während die Amerikaner ihn lediglich nicht zu verlieren brauchte. Zur Hebung der Moral führte er immer wieder kleine Schlachten gegen entlegene Versorgungsposten und Forts, jedoch wurde der Fehler einer Invasion Quebecs oder einer offenen Schlacht wie Bunker Hill nicht wiederholt. Lediglich die Schlacht um das Fort Saratoga bei den Großen Seen erwies sich für die Amerikaner als emminent wichtig, weil seine Annahme die Franzosen vom Aussichtsreichtum ihrer Sachte überzeugte und 1787 in ein offizielles Militärbündnis brachte. Mit Frankreich (und dem als Trittbrettfahrter aufspringenden Spanien) an seiner Seite konnte Amerika den Krieg für die Briten zu einer ungeheur kostspieligen Affäre machen. Als klar wurde, dass die Kosten selbst die Vorteile eines vollständigen Sieges aufzehren würden, zog das britische Parlement gegen den Willen des Königs einen Schlussstrich und erkannte die Unabhängigkeit der Amerikaner an.

Articles of Confederation
Die "Articles of Confederation", deren Ratifikationsprozess im Jahr des amerikanischen Sieges 1781 abgeschlossen war, waren die erste Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika. Sie waren eine Art Minimalkonsens der beteiligten Staaten und sahen ein Ein-Kammern-Parlament ohne festen Sitz vor, in das jeder Staat eine beliebige Menge Repräsentanten entsenden konnte, jedoch unabhängig von deren Anzahl nur eine Stimme hatte. Gewählt wurden diese Repräsentanten von der jeweiligen Legislative der Einzelstaaten; übermäßig vieler demokratischer Elemente war sie nicht eben verdächtig. Das war so durchaus auch gewünscht. Die Verfassungsväter, die auch die Revolution gemacht hatten, waren im Herzen konservativ. Die Richtung, in die das britische Empire mit seinen Reformen nach 1763 gegangen war, hatte ihnen nicht behagt, die Sicherung ihrer Rechte lag ihnen sehr am Herzen. Dazu hätte es nur schlecht gepasst, einem unberechenbaren demokratischen Mob die Kontrolle über die Legislative zu geben. Als humanistisch gebildeten Menschen stand ihnen das Negativbeispiel einiger antiker Radikaldemokratien wie etwa Athens allzu deutlich vor Augen.

Ganz im Geiste John Lockes und der Aufklärung war die Macht dieses neuen Parlaments, das aus den Articles hervorging, deutlich beschränkt. Es besaß kein eigenes Budget, sondern wurde von den Einzelstaaten alimentiert, die es zuvor um Geldleistungen bitten musste. Eine Verpflichtung, diesen nachzukommen, gab es nicht. Dem Parlament fehlte - im Geist der Revolution, aus der es entstanden war - auch die Kompetenz zum Erheben von Steuern oder Zöllen, ja zu einer Handelspolitik insgesamt. Alle Kompetenzen, die dem Kongress nicht von den Articles ausdrücklich zugesprochen wurden, lagen bei den Einzelstaaten. So etwas wie eine oberste Gerichtsbarkeit, einen Surpreme Court, oder überhaupt eine von den Einzelstaaten unabhängige Judikative, die einem kohärenten "federal law" gehorchen würde, gab es nicht.

Dies war die politische Situation in dem neuen Kongress, den sich die amerikanischen Einzelstaaten gegeben hatten. Das Wahlrecht, aktiv wie passiv, war durch die Einzelstaaten bestimmt und noch immer mehrheitlich an Landbesitz gebunden. Die USA schleppten jedoch aus der Revolutions- und Kriegszeit auch noch eine große wirtschaftliche Altlast mit sich herum: einer der Gründe, der überhaupt erst zur Revolution geführt hatte, war das Verbot der Ausgabe einer kolonialen Währung gewesen. Im Krieg druckten die USA inflationär Papiergeld, die "greenbacks", die jedoch praktisch nicht gedeckt war. Man hatte also mit Friedensschluss eine veritable Inflation an der Hand. Man hatte den Krieg zu einem Gutteil über Kriegsanleihen finanziert, die zwar einerseits die Bevölkerung an das neue Staatsgebilde gebunden hatten, aber andererseits ja auch wieder abbezahlt werden mussten. Für den Abschluss eines Friedensvertrags hatte England außerdem darauf bestanden, dass die Vorkriegsschulden anerkannt würden, was Entschädigungsforderungen der enteigneten Loyalisten ebenso ermöglichte wie Schuldforderungen Englands an den neuen Staat. Das größte Problem war jedoch die Handlungsunfähigkeit des Kongresses in Fragen der Handelspolitik.

Denn England hatte die Probleme gut erkannt. Da man unmittelbar vor Ausbruch des Krieges die Importe blockiert hatte, stapelten sich in den westindischen Lagerhäusern nun die Waren. Unfähig, eine gemeinsame Handelspolitik zu entwerfen, gab es keine wirksamen Schutzzölle für die schwache einheimische Wirtschaft. Die Briten warfen ihre gesammelten Importe zu Schleuderpreisen auf den amerikanischen Markt und ruinierten die heimische Nachfrage. Sie müssen eine diebische Freude dabei empfunden haben, die US-Einzelstaaten gegeneinander auszuspielen, denn manche profitierten von diesem Handeln und blockierten den auf Konsens aller Einzelstaaten basierenden Kongress.

Das Nordwest-Territorium
Eine einzige große, auf die Jahrzehnte abstrahlende Leistung jedoch erreichte der Kongress, fraglos ohne dass den Zeitgenossen klar war, was sie eigentlich wirklich geschaffen hatten: in der Northwest Ordinance wurde der Streit darüber beigelegt, was mit dem neuen Gebiet geschehen sollte, das an die USA gefallen war - jene gewaltigen Gebiete zwischen dem Mississippi und den Appalachen, im Tal des Ohio bis hinauf zu den großen Seen. In der Northwest Ordinance wurde nicht nur klipp und klar festgelegt, dass dieses Land Bundesgebiet war - vorher hatte etwa Virginia noch Ansprüche darauf geltend gemacht -, sondern auch, auf welche Weise es dem Bundesgebiet zugehörig werden konnte. Sobald ein "territory" 5.000 männliche Einwohner hatte, konnten diese sich ein Parlament geben. Erreichte die Bevölkerung 60.000, so konnte das "territory" formal um die Aufnahme als Bundesstaat in die USA ersuchen. Die USA entschieden sich also bewusst gegen eine Politik der Kolonisierung, sondern für eine der stetigen Erweiterung. Er erlaubte es ihnen, sich im 19. Jahrhundert immer weiter nach Westen auszubreiten und dabei eine Dynamik zu entfalten, die ihresgleichen suchte. Vorerst jedoch lagen solche Geschehnisse noch hinter dem Horizont; 1803 wurde als erster neuer Staat Ohio in die Union aufgenommen.

Die einzige Möglichkeit für den Kongress, überhaupt eigenes Geld zu erwirtschaften (etwa für die Unterhaltung einer kleinen Armee und Flotte) war der Verkauf des Landes westlich der ursprünglichen Appalachengrenze und im Ohiotal, das durch den Friedensvertrag mit England an die USA gefallen war. Zum Preis von einem Dollar je acre wurde dieses Land in der Basic Land Ordinance zum Verkauf angeboten. Für einen durchschnittlichen Bauern war es jedoch praktisch unerschwinglich, die zig Hektar Land, die allein für die Subsistenzwirtschaft notwendig waren, käuflich zu erwerben. Von der Basic Land Ordinance profitierten also hauptsächlich die Großgrundbesitzer, also die Macher der Revolution. Zusammen mit der wirtschaftlich ohnehin angespannten Lage und der Inflation kreirte dies einen Mix des Volkszorns, der sich in einer gewohnheitsmäßig bewaffneten und in Miliz- und Guerillakampf erfahrenen Bevölkerung fast zwangsläufig gewaltsam entladen musste.

Daniel Schays (links)
In den 1780er Jahren, der so genannten "Critical Period", kam es deswegen immer wieder zu Aufständen, besonders im Revolutionsunruheherd Massachusetts. Die größte dieser Rebellionen gegen die neue Ordnung, "Shays' Rebellion" (nach ihrem Anführer Shays) überzeugte die Eliten des Landes endgültig, dass sie handeln mussten. Die Articles of Confederation hatten sich als untauglich erwiesen und mussten überarbeitet werden. Als Repräsentanten nach der gescheiterten Konferenz von Annapolis beschlossen, sich 1787 erneut in Philadelphia zu treffen, um die Articles zu revidieren, ahnte noch niemand, dass am Ende dieses Prozesses eine komplett neue Verfassung für die Vereinigten Staaten von Amerika stehen würde - und das Gründungsdokument des Aufstiegs zur Weltmacht.

Weiterführende Literatur:
Gordon S. Wood - The American Revolution - A History

Robert Middlekauff - The glorious cause
Charlotte A. Lerg - Die amerikanische Revolution
Udo Sautter - Die Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika

Alle Bilder Wikimedia Commons.  

Kommentare:

  1. Stefan, du verwöhnst mich! Kaum entdecke ich das Thema für mich (neu) bist du da mit deinen Artikeln. Ich finde das was du schreibst hebt sich erfrischend von dem ab, was man sonst zu dem Thema (und anderen) liest. Das liegt ja vielleicht auch in deiner Absicht.

    AntwortenLöschen
  2. Nachtrag:
    "Die Pflanzeraristokratie des Südens verband nur wenig mit den Handelsfahrern Massachusetts, und diese wiederum fühlten sich von den religiösen Fanatikern, wie sie etwa in Concord, Rhode Island, zu genüge zu finden waren."

    Da scheint etwas zu fehlen. Siehst du es dir bitte noch einmal an?

    AntwortenLöschen
  3. Richtig cool aber nah malbwas anderes

    AntwortenLöschen