Freitag, 13. August 2010

Vier Irrtümer über das Mittelalter

Von Stefan Sasse

Das Mittelalter hat keinen besonders guten Ruf. Oftmals wird es sogar mit dem Prädikat "finster" versehen; assoziiert wird es gerne mit Schmutz, Armut und Rittern. Doch woher kommt das? Wer hat es überhaupt zum "Mittel"alter erklärt, also einer Periode, die zwei andere - vermeintlich bessere - verbindet. Geprägt wurde der Begriff von denen, die sich an Abgrenzung zu dieser Epoche in der so genannten "Neuzeit" wiederzufinden glaubten, also die Antike-Begeisterten Humanisten der Renaissance. In ihrer Verklärung ihrer eigenen Zeit, in deren aufstrebenden Handelsrepubliken sie vorher nicht gekannten Freiheitsduft zu atmen meinten, wollten sie sich von der als geistig eng empfundenen vorhergehenden Epoche des "Mittelalters" abheben. Dies ist ihnen gelungen; bis heute sehen wir eine lichte Neuzeit anbrechen, wenn wir an die Renaissance denken, die die Zeit enger Burgen und düsterer Klöster ablöst, in denen Bauern ausgebeutet im Schweiße ihres Angesichts auf den Äckern schufteten und Hexen auf Marktplätzen verbrannt werden.

Im Folgenden sollen vier große Irrtümer über diese Epoche, die der Einfachheit halber weiter als "Mittelalter" bezeichnet werden soll, ausgeräumt werden. Der erste betrifft das schmutzige Mittelalter ungewaschener Menschen, die in ihrem eigenen Dreck dahinvegetieren und abergläubisch den resultierenden Krankheiten entgegensehen, während sie gleichzeitig in religiöser Furcht ein keusches Leben führen und Sexualität kaum ausüben. Der zweite betrifft die Annahme, dass das Leben als mittelalterlicher Bauer in praktisch ununterbrochener Arbeit für den Grundherrn bestanden und quasi keine Freuden gekannt habe. Der dritte Irrtum befasst sich mit der Idee, dass im Mittelalter Hexen verbrannt worden wären. Der vierte Irrtum schließlich besteht darin zu glauben, die Kirche sei ein Hinderer des Fortschritts gewesen, die das Geistesleben des Mittelalters trübe gemacht habe.


Weite Teile des Mittelalters waren eine sehr saubere Zeit. Die Menschen badeten oft und gerne. Schon von Karl dem Großen (um 800) wird überliefert, dass er seine Ratssitzungen teilweise mit dem kompletten Rat in einem riesigen Badezuber abgehalten habe. Mit dem Aufblühen der Städte im Hochmittelalter beginnt auch ein Boom der professionellen Badehäuser, der sich vor den römischen Thermen kaum zu verstecken braucht: jede Stadt, die etwas auf sich hielt, verfügte über mindestens ein Badehaus, in das wohlhabende Bürger manchmal sogar zweimal am Tag einkehrten. Man darf sich diese Badehäuser allerdings nicht vorstellen wie moderne Hallenbäder oder römische Thermen: Schwimmbecken wird man in diesen Einrichtungen vergebens suchen.

Im Badehaus
Stattdessen gab es große Bottiche für zwei bis vier (manchmal auch mehr) Badende, denn der mittelalterliche Badegast schätzte die Geselligkeit. Bedienstete nahmen Bestellungen auf: Badesalze, Kräuter für das Wasser, Parfüms oder Öle konnten dem eigenen Geldbeutel entsprechend bestellt werden. Auch gastronomisch waren die Badehäuser ausgerüstet: auf die Bottiche konnte zwischen die Badenden eine kleine Tischplatte gelegt werden, auf der nicht nur der Weinkrug, sondern ganze Speisen abgestellt und konsumiert werden konnten. Auch Schwitzbäder und Dampfkuren waren verbreitet. Die meisten Badehäuser verfügten außerdem über abgetrennte Separées für private Stunden, falls man sich beim Baden näher gekommen war oder die klingende Münze für eine Stunde mit der Bademagd investieren wollte. Die zwangsläufige Nacktheit, die den Badehäusern inhärent war, führt die Vorstellung eines prüden Mittelalters ad absurdum. Die Badehäuser waren natürlich eine Erscheinung der Städte und benötigten wenn nicht viel, doch zumindest vorhandene Barschaft. Doch auch der Rest der Bevölkerung gab sich gerne den Badefreuden hin. Man badete in Flüssen und Seen, wenn sich die Gelegenheit bot.

Auch sexuell war das Mittelalter eine deutlich aktivere Zeit, als man angesichts seiner religiösen Prägung manchmal verwundern mag. Dieses scheinbare Paradox löst sich allerdings auf wenn man sich vor Augen hält, dass die Prüderie der christlichen Religion erst mit der Einführung des Zölibats langsam in klerikalen Kreisen aufkam und generell ein Phänomen einer weit späteren Epoche ist. Um 1000 herum wurde in der Kirche offiziell das Zölibat eingeführt. Damit wurde auf einen Federstreich das Problem beseitigt, dass die mächtigen Bischöfe - quasi klerikale Beamte und direkt dem Kaiser verpflichtet - Nachkommen hatten, die am Ende noch erben wollten, wurden die Bistümer doch nach dem Tod des Bischofs neu vergeben, eine beliebte Macht- und Geldquelle von Kaiser und Papst gleichermaßen. Die Beschränkung der Sexualität der Frau (die des Mannes unterlag ohnehin nie besonderen Beschränkungen) war nur dort wichtig, wo Erbfragen im Vordergrund standen, also besonders beim Adel. War die Frau sexuell außerhalb der Ehe aktiv, gefährdete dies die Stellung des Hauses, da potentielle Erben entstanden, deren Verbindungen überhaupt nicht mehr kontrollierbar waren. Der Großteil der Bevölkerung aber konnte vergleichsweise freizügig den sexuellen Freuden fröhnen. Beispielhaft sei hier die Geschichte eines Wanderers genannt, den das Verlangen überkam und der eine Bäuerin entlang des Weges bat, ihm Abhilfe zu bereiten und die dies aus reiner Gefälligkeit übernahm.

Prüderie ist ein Kennzeichen nicht einmal des Humanismus' und der Neuzeit, sondern der entstehenden bürgerlichen Revolution. Es waren die Bürgerlichen, die im 18. Jahrhundert neue Sexualkodizes einzuführen begannen um sich vom "dekadenten" Adel abzuheben. Hier hat die Sprachlosigkeit des Sexuellen, die noch bis heute ihre Schatten wirft, ihren Ursprung. Die Loveparade hätte im Mittelalter niemanden geschockt, sieht man einmal von der verbotenen Homo- und Bisexualität ab, der dort auch gefröhnt wird. Im Lauf der Zeit aber wurde die eigene prüde Sexualmoral auf das Mittelalter projiziert; vermutlich stark aggregiert im Zusammenhang mit der sexuellen Revolution der 1960er Jahre, die von der Kirche ja noch heute erbittert bekämpft wird. Dies aber sind Frontstellungen moderner gesellschaftlicher Deutungskämpfe, die mit der Lebenswirklichkeit des Mittelalters nichts zu tun haben.

Das Leben eines mittelalterlichen Bauern erscheint in der gewöhnlichen Rezeption als eines voller Mühsal und Entbehrungen. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang steht der Bauer auf dem Feld im Schweiße seines Angesichts und muss doch den Hauptteil seines Erwerbs beim Grundherrn abgeben. An diesem Bild ist einiges Wahres, aber eben doch nicht alles. Das Schicksal eines Arbeiters in der Hochzeit der Industrialisierung war sicherlich um einiges härter als das des mittelalterlichen Bauern. Denn tatsächlich war die Arbeit des Bauern hart. In den Hochphasen der Arbeit, das heißt bei Aussaat und Ernte, arbeitete die Familie tatsächlich von Sonnenaufgang bis -untergang. Während die Aussaat reifte und keine andere zu pflanzen war, gab es auch sonst genug zu tun - Ausbesserungen, Heimarbeit, etc. Jedoch kannte der mittelalterliche Kalender eine geradezu unglaubliche Zahl kirchlicher Feiertage. In Hochzeiten war fast jeder dritte Tag im Schnitt ein Feiertag, an dem aus religiösen Gründen nicht oder nur wenig gearbeitet wurde. Da die kirchlichen Feierlichkeiten große Ereignisse waren, war entsprechend viel "Unterhaltungsprogramm" mit diesen Feiertagen verbunden. Zwar war das Leben als mittelalterlicher Leibeigener zweifellos hart, jedoch sehr wahrscheinlich dem eines Arbeiters im Manchester-Kapitalismus vorzuziehen, der deutlich mehr und zudem unter schlechteren Bedingungen abzuleistende Arbeit hatte.

Hexenprozess
Einer der größten und ärgerlichsten Irrtümer über das Mittelalter betrifft die Hexenverbrennungen. Hartknäckig hält sich die Ansicht, dass diese eine Erscheinung des ach so finsteren Mittelalters waren. Das aber ist falsch; im Mittelalter gab es weder Hexenverbrennungen noch Hexenprozesse. Die Kirche ging aktiv gegen die Idee vor, dass es so etwas wie Hexen überhaupt gebe. Erst 1484 veröffentlichte Papst Innozenz der VIII. die so genannte "Hexenbulle", die die Existenz von Hexerei offiziell bestätigte und die Zurechtweisung, Inhaftierung und Bestrafung von Hexen erlaubte, jedoch nicht deren Verbrennung. Innerkirchlich hatte diese Bulle jedoch nur wenig Bedeutung; die Kirche der damaligen Zeit sah in der auf emsige Lobbyarbeit Heinrich Institoris' zurück, dem Autor des 1486 erschienen Hexenhammer.

Hexenhammer
Dieser Hexenhammer, der bis ins 17. Jahrhundert hinein in diversen Auflagen erschien, war gewissermaßen der Startschuss für die beginnenden Hexenverfolgungen, die vorerst jeodch kein besonderes Ausmaß annahmen, sondern in die Verfolgung von Häretikern wie den Albigensern und später den Protestanten einfloss. Die wirkliche epidemische Hexenverfolgung begann erst deutlich später; in Deutschland erreicht sie ihren Höhepunkt im 17. und 18. Jahrhundert, also in der vielgerühmten Zeit der Aufklärung. Auch das Gerücht, dass die Kirche hinter den Hexenverfolgungen stand, lässt sich nicht halten. Hexenverbrennungen waren eine Sache der weltlichen Justiz; zwar gingen sie häufig auf kirchliche Ermittlungen zurück, jedoch waren die eigentlichen Prozesse und Hinrichtungen Sache der säkularen Gewalt. Die Hexenverfolgungen bekamen auch nur allzuschnell eine denunziatorisch-opportunistische Komponente, da man sich auf diese Art Konkurrenten vom Leib halten bzw. an ihren Besitz gelangen konnte. Auch der sexuell-voyeuristische Aspekt darf nicht unterschätzt werden, denn in den Befragungen und Prozessen wurde in einer Detailtreue auf den Koitus mit dem Teufel eingegangen, die das lüsterne Element seitens des Publikums kaum verdeckt und die in den detaillierten Geständnissen der Angeklagten befriedigt wurde, die so eine Abkürzung der painlichen Befragung erhofften. Mit dem Mittelalter hat dieser Wahn allerdings nichts zu tun; er wäre dort wohl auch auf Unverständnis gestoßen.

Zuletzt soll die Annahme entkräftet werden, dass das Mittelalter ein gewaltiger Rückschritt gegenüber der Antike sei, ohne reges Geistesleben, in dem die Kirche alles Nachdenken rigide zur Sicherung des Herrschaftsanspruchs unterdrückt hatte. Das Gegenteil ist der Fall. Der Verlust von Wissen gegenüber der Antike war den Verwerfungen der Völkerwanderungszeit und den Eruptionen geschuldet, die der Untergang eines Weltreiches wie des römischen zwangsläufig mit sich bringt. Man kann mit Fug und Recht annehmen, dass dieser Verlust ohne die Kirche noch deutlich größer ausgefallen wäre. Dazu kommt, dass der dabei oftmals gezogene Vergleich zwischen dem antiken Rom oder Athen und dem mittelalterlichen Regensburg ein äußerst kruder ist: zur Zeit der Blüte der römischen Hochkultur war Deutschland ein von germanischen Stammeskriegern dünn besiedeltes Land, dessen Bewohner in dunklen Hütten lebten und düsteren Gottheiten opferten. Das Geistesleben des Mittelalters war verglichen mit der germanischen Ära ein Leuchtturm.

Franziskaner
Es waren die Klöster, die die Kunst des Lesens und Schreibens über die Jahrhunderte zwischen dem Fall des römischen Reichs und dem Aufstieg des fränkischen Reichs retteten und zahlreiche Bücher und Schriftstücke archivierten. Ohne die Kirche hätten die Humanisten der Renaissance die Werke Aristoteles' und Platons nie lesen und deren Zeit als leuchtenden Gegenentwurf zu der des Mittelalters malen können. Es war die Kirche, die im Mittelalter aktiver Förderer von Kunst und Wissenschaft gleichermaßen war. Sie förderte Kopernikus ebenso wie Galilei und war in der Lage, deren sachliche Fehler zu erkennen und zu diskutieren. Erst als sich Galilei aktiv zu profilieren versuchte, indem er - in einer falschen Sachfrage! - aggressiv gegen den Klerus Stellung bezog, wurde die Sache politisch, und je mehr sich die Humanisten von der Kirche abzugrenzen versuchten und ihr ihr bisheriges Bildungsmonopol entrissen, desto mehr entwickelte sich die Kirche zu einem Hort der Reaktion, in dem die Wissenschaften keinen Platz mehr fanden. Aber auch das war eine Entwicklung der Neuzeit, nicht des Mittelalters.

Weiterführende Literatur:
Joachim Fernau - Und sie schämeten sich nicht

Alle Bilder Wikimedia Commons.

Kommentare:

  1. "Jedoch kannte der mittelalterliche Kalender eine geradezu unglaubliche Zahl kirchlicher Feiertage...."
    ich erinnere mich an einen englischen Autoren, der die Arbeitswelt des Mittelalters zum Gegenstand hatte und dort neben den kirchlichen Feiertagen auch weltliche Feste und selbstbestimmte Freizeiten dokumentierte ("blaue Maontage" etc.) welches sind Deine Quellen, ich suche nach Autor und Buch.
    Glückauf,
    bucca_t

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  2. sehr schön analysiert.
    Ich denke Mittelalter ist nicht gleich Mittelalter, so gesehen eine Frage der Periodisierung. Nach dem Ende Roms und dem teiweise gewaltsamen Rückzug der Zivilisation gab es erst mal Nichts, das war vielleicht die Periode des finsteren Mittelalters. Der Aufbau der neuen Zivilisation ist zwingend an die Christinisierung gekoppelt und fand zunächst an Taufsteinen/Punkten /Stellen später Kirchen statt, dann kamen glaube ich erst die Klöster als Retter des alten Wissens. Hier in meiner Nähe kann man die Geschichte der Stadt Köln von der Antike bis heute in den Museen der Stadt wunderbar nachvollziehen.
    gruss georg

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  3. Es gibt noch einige weitere Missverständnisse. Die Lebenserwartung war auch nicht so niedrig wie oft behauptet. Die Kindersterblichkeit war das Problem. Man sieht aber auch sehr schön, dass Geschichte von Siegern geschrieben wird. Wenn es Bauern besser ging als Arbeitern, wie soll man diese dann dazu bewegen in die Fabriken zu kommen. Also musste Landarbeit schlecht sein. Den Vergleich konnte man ja nur mit der Landarbeit der Manchaster Kapitalismus Zeit machen. Dort funktionierte er wahrscheinlich und wurde in die Vergangenheit extrapoliert.

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  4. Sehr schöner Artikel :)
    Kleine Anmerkung zu den Hexenverfolgungen: sie werden ja gerne mit der Inquisition in einen Topf geworfen und letztere gilt oft auch als eine Ikone der kirchlich-dogmatischen Unterdrückung im Mittellalter :
    Konrad von Marburg wurde vom Papst in völliger Unwissenheit desselben über die geographischen und politischen Umstände jenseits der Alpen zum erster Großinquisitor für das gesamte Heilige Römische Reich ernannt und durfte damit ziemlich willkürlich alle im HRR lebenden Menschen der Ketzerei anklagen. Da Konrad außerhalb der weltlichen Gerichtsbarkeit und auch der weltl. Machtstrukturen stand, noch dazu nicht mal adlig war, machte er sich ziemlich viele Feinde und wurde auch prompt 1233 auf dem Weg nach Marburg von Unbekannten erschlagen. Die Moral von der Geschicht: Die Menschen ließen sich nicht alles von der Kirche gefallen. ;-)

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  5. Die Inquisition ist ohnehin eine Einrichtung, die Standards auf dem Weg zum Rechtsstaat setzte - auch das weiß fast niemand bzw. macht es sich bewusst.

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  6. Das Klischee des schmuzigen Mittelalters müsste sich ja sogar eher auf die Renaissane beziehen, mit so lustigen Theorien, wie, dass Wasser Krankheiten in den Körper schwämme, und man sich daher eher parfümiert statt gewaschen hat.

    Auch ein beliebtes Vorurteil: v.a. rothaarige Frauen wurden als Hexen verfolgt.

    @ Stefan:
    Ja, immerhin hat sie Praktiken wie das Gottesurteil abgelöst.

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  7. @Markus:
    Die Ablösung des Gottesurteils oder anderer noch aus dem germanischen Heidentum übernommener Rechtspraktiken setzte aber schon im Hochmittelalter (12. Jh.) ein durch die Rezeption des römischen Rechts.
    Kleine Angekdote: Mit dem römischen Recht kehrte auch wieder die Folter in den Rechtsprozess zurück, im Frühmittelalter war die Folter verboten.

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  8. Ich dachte, die Inquisitionspraktiken (und damit einhergehend auch die Folter zum Erpressen von Geständnissen) hätten die Gottesurteile abgelöst. Oder beruhte die Inquisition auf römischem Recht?

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  9. Das weiß ich leider nicht. Aber da die kirchlichen Prozesse im Hochmittelalter auf römischem Recht beruhten, gehe ich davon aus, dass die Inquisitionsprozesse letztlich auch darauf basierten.

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  10. Als Einstieg in das das Thema kann ich die Taschenbücher aus dem Verlag C.H. Beck empfehlen,
    insbesondere ISBN 3-406-42081-8 und 3-406-45969-2.

    Da wird auch mit einigen Vorurteilen aufgeräumt und es liest sich sehr kurzweilig.

    Übriges ein interessantes Blog!

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  11. Richtig; die Inquisition führte Folter ein, aber auch Zeugenaussagen und Nachforschungen. Damit entschied nicht mehr ein Landesherr nach Gusto oder wurde ein Gottesurteil durchgebracht. Von unserem Rechtsverständnis ist das meilenweit entfernt, aber besser als vorher auf jeden Fall, denn man hatte ja tatsächlich die Chance, seine Unschuld zu beweisen. Es ist nur eine Legende, dass die Inquisition immer gleich gefoltert hätte - tatsächlich war das eher selten und wurde dann nur in den großen Verfolgungswellen gegen Ketzer wie die Albigenser virulent, weil man die ja zum Abschwören bringen musste. In den meisten Fällen war die Folter gar nicht notwendig; in den Hexenprozessen dagegen gehörte sie später mit zu dem sexuell aufgeladenen Prozedere.

    Die Reihe von C.H. Beck ist tatsächlich überwiegend sehr gut. Dünne, gut geschriebene Bücher, die schnell einen sehr aktuellen Einblick ins Geschehen geben. Ebenfalls zu empfehlen ist die Reihe über das 20. Jahrhundert von be.bra oder die Geschichtsdarstellungen von WBG.

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  12. Ja, ok, das war auch mein Wissensstand

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  13. "Ohne die Kirche hätten die Humanisten der Renaissance die Werke Aristoteles' und Platons nie lesen [..] können."

    Und die Kirche hätte diese Schriften niemals erhalten können, wäre nicht der rege Austausch zwischen Muslimen und Christen in Spanien gewesen. Die antiken Schriften wurden durch die Perser und Araber konserviert, bis die Christen darauf stoßen als sie Spanien zurückeroberten.
    ;)

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    1. Und woher hatten die Muslime die antiken (nur griechischen) Schriften??? Von den christlichen Byzantinern! Und außerdem wurden die römischen Schriften wie die Naturalis Historia oder Seneca allein von den Christen bewahrt und erreichten nie die Islamische Welt!

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  14. ...ach und meines Wissenstandes nach kam die Inquisition daher, dass man eine "Behörde" gegründet hat, die in den von den Mauren zurückeroberten Teilen Spaniens untersuchen wollte, ob die "Konvertiten" wirklich dem christl. Glauben nachgingen, oder ob sie das nur vortäuschten, um nicht behelligt zu werden.

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  15. Vielen Dank, Stefan, schöner Text. Gruß, Tom

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  16. "...dessen Bewohner in dunklen Hütten lebten und düsteren Gottheiten opferten..."

    Das ist ja nun etwas seeehr polemisch. Auch die vorschriftliche Kultur der Germanen war kein stumpfes Barbarentum.
    Ansonsten aber ein ganz erhellender Beitrag.

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  17. Zusatz: Auch wenn man hier natürlich auf archäologische, nicht schriftliche Quellen angewiesen ist, was von Historikern ja ungern gelten gelassen wird. ;)

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  18. Da hast du Recht; ich habe mir die Freiheit genommen, hier einen überzeichneten Kontrast zu produzieren, um meinen Punkt klar zu machen.

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  19. Sehr schön einiges mal auf den Punkt gebracht. Mal schauen, wo ich das im Unterricht verwenden kann.

    Es wäre schön, wenn auf der Seite noch irgendwo etwas mehr zum Autor und Absicht der Seite stehen würde und auch vielleicht mehr Quellenangaben unter den Texten. Zumindest trietze ich meine Schülers, immer zu schauen: wer hat da aus welcher Absicht mit welchen Quellen was geschrieben? Wenn das unklar ist, sollen sie erst recht skeptisch sein.

    Die Texte sind nämlich sehr gut geschrieben. So knappe und zugleich das Geschichtsbewusstsein reflektierende Darstellungen von Ereignissen gibt es wenige. Weiter so.

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  20. Ja, sollte ich wirklich mal tun. Wo ich meine Quellen halbwegs klar benennen kann gebe ich die auch gerne an; im Fall dieses Artikels war es aber eine Zusammenfassung meines Wissens aus so vielen Büchern, die ich über die vielen Jahre gelesen habe, dass es kaum möglich war.

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  21. "Einstein" schreibt:
    Also, die Inquisition als Wegbereiter des Rechtsstaates anzuführen, ist denn wohl doch weit hergeholt. - Warum gab es so viele "Geständnisse" bei den Hexenprozessen? Weil die Tadeskandidaten die Sache möglichst schnell hinter sich bringen wollten! Und wenn die Scheiterhaufen erst nach dem Mittelalter virulent waren, mindert das doch wohl nicht die menschenverachtende Grausamkeit, wenn die Opfer anfangs ersäuft oder gerädert wurden.
    Außerdem galt bei den "Verhören", dass nur das augenommen wurde, was den Herren Richtern angenehm war; alles Übrige wurde als "vom Teufel eingegeben" zurückgewiesen!
    Und die Bäder:Die reiche Oberschicht hatte da Zugang,der Adel amüsierte sich intern, und der "Rest" vegetierte in Dreck und Speck.
    Und das Alter der Menschen? Schaut euch die Radierungen von Dürer an: uralt aussehende Bauern, zwischen 28 und 32 Jahre alt.

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  22. Ich sag nicht dass diese Methoden irgendwie rechtsstaatlichen Prinzipien genügen würden. Aber: Zeugenaussagen und Geständnisse sind ein wichtiger Schritt voran gegenüber Gottesurteilen und Willkür der Herrscher. Auf der Grundlage ging es dann prinzipiell weiter.

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  23. Einstein:
    Ob kirchliche oder feudale Willkür, ist für die Opfer letztlich egal gewesen. Erste echte Ansätze für eine moderne Rechtspflege - vom Volk ausgehend - brachte m.E. erst 1789, wenn auch Robespierre erstmal den Anfängen voll ins Gesicht schlug.
    Auch den Alten fritz könnte man mit ein bisschen Wohlwollen als Vorreiter in dieser Hinsicht nennen, auch wenn eine gewisse juristische Neutralität nie seine Herrschaft in Zweifel ziehen durfte.
    Aber - die Inquisition als Zwischenstation in dieser Entwicklungslinie??? Da ging es ja bei den alten Germanen im Thing bereits gerechter zu.

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  24. Das ist nicht richtig. Die Inquisition ließ Zeugenaussagen zu, Plädoyers, Argumente. All das zählte in der Zeit zuvor kaum. Das Bild der Inquisition ist von den blutigen Verfolgungen von Häretikern und Hexen geprägt, da brauchen wir gar nicht drüber diskutieren - wo der Glaube und irgendwelcher Aberglaube zu Anklagepunkten werden, könnte selbst das BVerfG kein vernünftiges Verfahren mehr garantieren. Viel wichtiger ist, dass du nicht mehr einfach irgendwelche Anklagen machen kannst. Du musstest einem Häretiker nämlich beweisen, dass er einer war - und das gelang bei weitem nicht immer, denn auch der Inquisition war klar, dass es ein Denunzationsunwesen gab.
    Noch einmal: von irgendwelchen rechtsstaatlichen Maßstäben sind wir weit entfernt. Aber es war ein Fortschritt gegenüber früher.

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  25. da gibt es ein interessantes paper von einem oekonomen der sich mit gottesurteilen beschaeftigt hat: http://www.peterleeson.com/Ordeals.pdf

    fazit: in einer welt mit unterentwickelten spurensicherungstechniken und anderen forensischen methoden kann diese praxis durchaus sinnvoll sein. wenn die angeklagten daran glauben, werden schuldige aus angst gestehen. fuer unschuldige geben die anleitungen fuer die ausfuehrenden genug spielraum dass man den test im wesentlichen unverletzt bestehen kann.

    noch zwei andere anmerkungen:

    ich meine auch schon gelesen zu haben dass die pest und andere seuchen die badehausfreuden deutlich und nachhaltig einschraenkten.

    die geschichte mit dem wanderer und baeuerin halte ich fuer nicht sehr tragfaehig, aber es ist sicher dass bereits 1620 ein ganzes schiff voller puritaner nach amerika segelte. das die pruederie erst im 18. jhd erfunden wurde, kann man also so nicht sagen.

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  26. andererseits muss man sich klarmachen dass der grossteil der menschen zu zehnt in einer huette wohnte. mit privatsphaere war also nicht viel ...

    sehr interessantes blog uebrigens!

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  27. Das Baden wurde wohl erst nach dem Mittelalter, vor allem durch das Parfüm, sehr unbeliebt.

    Gutes Beispiel ist ja Ludwig der XIV, der angeblich nur dreimal in seinem Leben gebadet hat.

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